Wir erinnern uns, "seine Arbeitsweise, die nicht
durch Vorurteile - Vorstellungen, wie ein Gedicht sein müsse
- eingeschränkt" war. Alles war in seinen Gedichten möglich:
jedes Material verwendbar, sofern es mit Sprache zu tun hatte; jedes
Thema willkommen, gleichgültig, wie es ins Gedicht gelangt; jede
Form akzeptierbar - ob sie sich bei der Erschließung des Materials
erst ergibt oder ob sie schon da war, brauchbar für manches",
(1) dabei war er nicht beliebig und vor allem
nicht unpolitisch. In 'für alle' (1974) sind seine politisch
engagiertesten Texte enthalten: wie die frühen Gedichte 'im schlaf'
und 'der offiziersbewerber', das 'deutsche gedicht'; seine poetische
Abrechnung mit Nationalsozialismus und Antisemitismus 699 Zeilen,
sein längstes Gedicht überhaupt: 'zertretener mann blues',
ein Konzentrat der sogenannten Endlösung; oder die Prosatexte
'betten' und vier 'bestrafungen', wütender Kommentar zum Zweiten
Weltkrieg wie zum Krieg überhaupt. (2)
Ludwig Harig, ein Kollege des Verstorbenen,
ein Sprachexperimentierer wie er selbst es war, charakterisierte ihn
aus seiner Erinnerung als den rebellischsten Melacholiker und zwar
den radikalsten unter den Dichtern: "Er stellte stets sich selbst
als Mensch und Dichter in Frage, der Clown, dem das eigene Lachen
im Hals steckengeblieben ist, der geniale Sprachkomiker, der seine
Zweifel an den arrangierten Schicksalsspielen dieser Welt in Schmährufen
ausdrückt." Und zu den Zeitströmungen, auf die reagiert
werden mußte beschrieb es Jandl's Reaktion: "als es an
der Zeit war, die Marotten und Anmaßungen großer Tiere
zu verhöhnen, verhöhnte er sie; als es an der Zeit war,
die Launen und Verluste der Gesellschaft bloßzustellen, stellte
er sie bloß. Immer tat er es auf seine unnachahmliche Weise:
Ich erinnere mich an Auftritte, bei denen er, wie ein wortgewordenes
Maschinengewehr, sein Schützengrabengedicht hämmerte, bei
denen er, gehaucht und staccato den langen Assoziationsketten folgend,
den mythischen Zusammenhang von Vieh, von Sophie und Philosophie wie
in einem neuen Merseburger Zauberspruch beschwor."(3)
Ich und vor allem meine Kinder lernten Ernst Jandl
kennen, und lieben noch heute seinen Gedichtband:
'Der künstliche Baum'
Zum Einstieg lasen wir das Gedicht: 'Ottos
Mops', das sprachspielmäßig die Kinder und Erwachsenen
erfreut, - wenn der vermißte 'mops' dann endlich doch noch kommt
und 'kotzt'. Dann kann man wirklich in otto's Seufzer 'ogottogott'
einstimmen. Und wenn man dann weiterblättert kommt man aus dem
Staunen nicht heraus.
ein Trost bleibt uns - wir haben seine Bücher
!!!!