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Eine Erinnerung an Ernst Jandl

Ernst Jandl, österreichischer Schriftsteller und Gymnasiallehrer, am 1.8.1925 in Wien geboren, wohl der bedeutendste Sprachkünstler des 20. Jahrhunderts ist dieser Tage, am Abend des 9. Juni 2000 gestorben.

Wir erinnern uns, "seine Arbeitsweise, die nicht durch Vorurteile - Vorstellungen, wie ein Gedicht sein müsse - eingeschränkt" war. Alles war in seinen Gedichten möglich: jedes Material verwendbar, sofern es mit Sprache zu tun hatte; jedes Thema willkommen, gleichgültig, wie es ins Gedicht gelangt; jede Form akzeptierbar - ob sie sich bei der Erschließung des Materials erst ergibt oder ob sie schon da war, brauchbar für manches", (1) dabei war er nicht beliebig und vor allem nicht unpolitisch. In 'für alle' (1974) sind seine politisch engagiertesten Texte enthalten: wie die frühen Gedichte 'im schlaf' und 'der offiziersbewerber', das 'deutsche gedicht'; seine poetische Abrechnung mit Nationalsozialismus und Antisemitismus 699 Zeilen, sein längstes Gedicht überhaupt: 'zertretener mann blues', ein Konzentrat der sogenannten Endlösung; oder die Prosatexte 'betten' und vier 'bestrafungen', wütender Kommentar zum Zweiten Weltkrieg wie zum Krieg überhaupt. (2)

Ludwig Harig, ein Kollege des Verstorbenen, ein Sprachexperimentierer wie er selbst es war, charakterisierte ihn aus seiner Erinnerung als den rebellischsten Melacholiker und zwar den radikalsten unter den Dichtern: "Er stellte stets sich selbst als Mensch und Dichter in Frage, der Clown, dem das eigene Lachen im Hals steckengeblieben ist, der geniale Sprachkomiker, der seine Zweifel an den arrangierten Schicksalsspielen dieser Welt in Schmährufen ausdrückt." Und zu den Zeitströmungen, auf die reagiert werden mußte beschrieb es Jandl's Reaktion: "als es an der Zeit war, die Marotten und Anmaßungen großer Tiere zu verhöhnen, verhöhnte er sie; als es an der Zeit war, die Launen und Verluste der Gesellschaft bloßzustellen, stellte er sie bloß. Immer tat er es auf seine unnachahmliche Weise: Ich erinnere mich an Auftritte, bei denen er, wie ein wortgewordenes Maschinengewehr, sein Schützengrabengedicht hämmerte, bei denen er, gehaucht und staccato den langen Assoziationsketten folgend, den mythischen Zusammenhang von Vieh, von Sophie und Philosophie wie in einem neuen Merseburger Zauberspruch beschwor."(3)

Ich und vor allem meine Kinder lernten Ernst Jandl kennen, und lieben noch heute seinen Gedichtband:
'Der künstliche Baum'
Zum Einstieg lasen wir das Gedicht: 'Ottos Mops', das sprachspielmäßig die Kinder und Erwachsenen erfreut, - wenn der vermißte 'mops' dann endlich doch noch kommt und 'kotzt'. Dann kann man wirklich in otto's Seufzer 'ogottogott' einstimmen. Und wenn man dann weiterblättert kommt man aus dem Staunen nicht heraus.

ein Trost bleibt uns - wir haben seine Bücher !!!!

(1) nach: Umschlagtext: Der künstliche Baum. Sammlung Luchterhand, Bd.9. Luchterhand Verlag Neuwied 1970
(2) Umschlagtext: für alle. Sammlung Luchterhand, Bd.566. Luchterhand Verlag, Darmstadt u. Neuwied 1984
(3) Ludwig Harig: Der Ernst des Spiels. in: Der Tagesspiegel, 11.6.2000, S. 27
Zusammengestellt von stielzchen at Jadu-Berlin, Juni 2000

 

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