Waldemar Bonsels
Himmelsvolk
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Die Elfennacht
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Quelle: Waldemar Bonsels, 1915 Schuster & Löffler, von rado Jadu 2001 |

Die Elfennacht
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Eines Tages, als die große Sonne schon rot und feierlich am Abendhimmel stand und die Schleier der Heide mit ihrem goldenen Glanz entzündete, kam aus dem Walddunkel ein seltsames Tier dahergeflogen, machte halt auf der Wiese und fragte nach dem Elfen. Das war zum mindesten ein Ereignis, denn die Tiere der Waldwiese mußten sich nach dieser Frage sagen, daß es ferne und fremde Gegenden gab, in welchen man vom Elfen etwas wußte, wahrscheinlich, ohne daß er sie jemals aufgesucht hatte. Es kam hinzu, daß der geflügelte Bote Bewunderung erregte, es war niemals zuvor ein ähnliches Tier auf der Wiese gesehen worden. Auf den ersten Blick hätte man glauben können, es sei eine Libelle, denn die Fremde hatte wie diese schönen glitzernden Tiere durchsichtige Flügel und einen langen schmalen Leib, auch waren es vier Flügel an der Zahl und ähnlich geformt wie die der Libellen, aber auf jedem von ihnen befand sich ein großer dunkler Fleck von tiefem Blau. Von gleichen schimmernden Blau war der schmale Körper, und die klugen großen Augen schauten ernst, beinahe schwermütig aus dem Gesicht. Es war, als käme dieses seltsame Geschöpf nicht aus Bereichen der Tagesklarheit, sondern als sei es ein wunderbarer Nachtvogel der kühlen Stunden, in denen am Himmel der Mond herrscht. Zwei Schmetterlinge, ein Pfauenauge und ein Schwalbenschwanz, entdeckten den fremden Boten zuerst, und rasch verbreitete sich die Nachricht unter den Tieren der Waldwiese, daß die Botschaft des Ankömmlings den Elfen anging. Die Bienen machten sich auf den Weg, ihn zu suchen, denn in der nähe war er nirgends zu sehen. "Wie ist es denn?"
fragte das Pfauenauge,"können Sie uns nicht erzählen,
was Sie dem Elfen zu sagen haben? Wir werden es schon ausrichten." "Sagen Sie uns,
was geschehen wird," bat ein Grashüpfer, aber die Fremde schüttelte
den Kopf, besorgt sah sie sich um. "Werden die Bienen den Elfen
finden?" fragte sie. Eine Grasmücke
kam herzugeflattert, und die geflügelten Tiere stoben auseinander,
aber die Fremde blieb ruhig sitzen. "Ich reise im Elfenfrieden",
sagte sie ruhig, und die Grasmücke ließ sich neben ihr nieder,
ohne ihr ein Leid zu tun, ja ohne ihr zu nahe zu kommen. Die Waldelfen
sind ein mächtiges Volk, selbst die größten Tiere gehorchen
ihrem Willen, denn es gibt vielerlei geheimnisvolle Künste und
manchen Zauberbann, den die Elfenkönigin verhängen kann. Ach,
viele Wunder walten im tiefen Wald, aber eines der größten
werde ich nun erzählen. Der Ausdruck
des Elfengesichts wurde nachdenklich und immer trauriger, er sah vor
sich nieder und sann, es schien, als ob die Botschaft des blaugeflügelten
Waldboten ihm tief ins Herz sank. Zum Schluß nickte er langsam,
grüßte die Fremde freundlich zum Abschied und sah ihr nach,
als sie schnurgerade und windesschnell mit leisem Schwirren davonflog,
um bald zwischen den Stämmen der Kiefern in der Dämmerung
zu verschwinden. Die Eule
machte ein betroffenes Gesicht und sah schräg vor sich nieder,
man erkannte deutlich, daß diese Nachricht sie nicht erfreute,
und es schien, als wüßte sie, was sich mit dieser nächtlichen
Begegnung verbinden könnte. Endlich sah sie auf und dem Elfen gerade
ins Gesicht, der sich neben sie auf den Lindenast gesetzt hatte: "Willst du uns verlassen?"
fragte nun auch Uku. Ihr war wie allen Tieren umher plötzlich bang
ums Herz, alle erinnerten sich dessen, daß der Elf aus fernen
Regionen einer geheimnisvollen Welt zu ihnen gekommen, und daß
er im Grunde nicht ihresgleichen war. Sie hatten es längst vergessen,
so lieb war er ihnen geworden, und hatte er nicht immer alles mit ihnen
geteilt, was sie beschäftigte, freute oder bekümmerte? Nun
erschreckte sie der Gedanke, daß er fortfliegen möchte, zurück
in sein Elfenreich und sie zurücklassen. Da kam eine
seltsame Ruhlosigkeit über den Elfen, seine Augen schimmerten in
einem kühlen, fremden Licht, er verließ seinen Platz neben
Uku und flog zum Bach nieder. Dort nahm er das glitzernde Wasser in
seine Hand, hob es auf und sagte:
Und während das Wasser aus seinen zarten Fingern niederrann, geschah das Wunder, daß ein klarer Silberschimmer in seiner Hand zurückblieb, und er legte ihn über seine hellen Flügel. In diesem Glänzen trat er nun zu den winzigen Wasserperlen, die von einer Bachwelle an einem Schilfhalm zurückgeblieben waren, hob seine Hand und sagte zu ihnen:
Und wieder geschah, was er befahl, und als er diesen reinen Schmuck um seinen Hals legte, war seine Pracht überirdisch zu schauen, die Verwunderung der Waldwiesenleute nahm kein Ende, aber sie fürchteten sich, denn er wurde ihnen immer fremder. Sie erlebten, daß er Wunder über Wunder tat und sich für den Gang zu seiner Königin immer herrlicher schmückte, aber zugleich sahen sie, daß sein Angesicht immer trauriger wurde. Als er sich umwandte, um ihnen einen letzten Gruß zuzuwinken, war die Sonne herabgesunken, nur ein schmales goldenes Halbrund ihrer Scheibe war noch zu sehen. Da hob der elf zum letztenmal seine Hand, wie gebannt durch das feurige Himmelsgold, wandte sich an die Sonne im Abend und rief:
Aber er blieb nach seinen Worten totenstill umher, und nichts geschah. Lautlos sank fern die Sonne völlig unter den Horizont, und nun vernahm man umher das leise Seufzen, in welchem alle Geschöpfe sich der hereinbrechenden Nacht ergaben. Ein sanftes Rauschen erhob sich und pflanzte sich fort, und in diesem Wehen stand bestürzt das Elfenkind in seinem Silberglanz, und eine Träne nach der anderen rann über sein blasses Gesicht und tropfte ins Moos. "Oh, die Sonne," schluchzte es, "sie ist meinem Ruf nicht gefolgt, ihr Gold ist nicht für mich!" Keines der Tiere umher wagte sich zu rühren. Nach den Beweisen seiner Macht, nach allen Wundern, die eben noch der Elf getan hatte, erschütterte alle seine Ohnmacht und sein Schmerz darüber, daß die Sonne ihn nicht hörte, aber wie erschraken sie, als er nun plötzlich den herrlichen Perlenschmuck von seinem Halse nahm und rasch und mit Eifer das schimmernde Bachsilber von den Flügeln streifte. Allen Schmuck, den durch wunderbaren Zauber die Natur ihm gehorsam verliehen, und der er sich angetan hatte, streifte er ab; und nun, als er ihnen wie einst, nur in seinem schlichten Kleid, mit den hellen Flügeln und dem Goldhaar erschien, sahen sie, daß er sich auf seine Knie sinken ließ, und indem er flehentlich seine Hände zum Abendhimmel hob, rief er:
Kaum
waren die Worte im Abendwind verklungen, als hoch aus dem Gipfel der
Linde ein feines Klingen erscholl, das von einem Glänzen begleitet
wurde, und von Zweig zu Zweig rieselte es golden durch die Blätter
nieder und legte sich dem knienden Elfenkind um Stirn und Schläfen
und über sein helles Haar. Alle erkannten, daß er das letzte
Gold der Abendsonne aus dem Wipfel der Linde war, und das Glück
und das Entzücken der Waldwiesenleute kannte keine Grenzen. Es
brach ein Jubel aus, der nicht enden wollte, alle Angst und Sorge wich
aus den Herzen, und aus den Zügen des Elfen war alle Traurigkeit
verschwunden. Nie war er den Tieren der Waldwiese schöner erschienen,
das Fremdartige und Seltsame, das noch eben alle an dem Elfenkind in
heimliche Scheu versetzt hatte, hielt sie nun nicht mehr gebannt, und
alle glaubten es, als Uku rief: * Als der Elf dahinflog, leuchtete eine Weile noch der festliche Abendhimmel durch die Stämme, erst in den Tannen wurde es dunkel, und bald darauf, wenn eine Lichtung kam, schimmerten die ersten Sterne im kühlen Blau der Höhe. Es dauerte nicht lange, und der Mond ging auf, man sah es am blassen Schimmer hoch in den Kronen der Bäume. Die Fledermäuse jagten in den Waldlichtungen, und hin und wieder erscholl der Ruf der Eulen. Es war ein weiter Weg für den Elfen, feierlich rauschte der Wald durch sein Herz, das bang und zuversichtlich zugleich pochte, von Furcht und Hoffnung gewiegt. Es war in der Natur umher ganz mondhell geworden, als er am Ort seiner Bestimmung angelangt war. Am Stamm einer uralten Eiche, dicht über den Boden im Buschwerk kreisten eine Schar von Glühkäfern in seltsamen Ornamenten durch die Luft, als zögen sie geheimnisvolle Linien oder Kreise, die ganze Umgebung wurde auf diese Art in eine schimmernde Dämmerung getaucht, in welcher die Blätter seltsam glommen, als brennte irgendwo ein verborgenes grünliches Licht. Der Elf erkannte diese Wahrzeichen, er ließ sich bis dicht vor die großen Wurzeln der eiche ins Moos nieder und rief die Glühkäfer an. Sofort löschten alle bis auf einen ihr Licht, nun sah man die Silberstreifen vom Mond durch die Zweige fallen, erwartungsvoll schien alles auf ein Ereignis zu harren. Der Glühkäfer kam nahe an den Elfen heran, aber als er sich vor ihm auf der Baumwurzel niederließ, erschrak er heftig. "Was
hast du für Licht auf den Haaren und auf deiner Stirn," rief
er, "du erschrickst mich. Lösch dein Licht!" Der
Elf nickte. Auf ein Zeichen des Käfers flammten die Lichter aller
anderen wieder auf, und es wurde unter der Wurzel der Eingang zu einer
Höhle sichtbar. Die Kleinen Wesen dienten scheu und Gehorsam jedem
Wink der Elfen. Die nächtlichen Tore taten sich auf, ein Himmel von Licht und Glanz umfing den Elfen, als ob er in ein wogendes Meer von fließendem Silber untertauchte. Geblendet hielt er inne, während sich lautlos das Tor hinter ihm schloß, das die dunkle irdische Nacht vom Elfenreich trennt. Er sah über weite Gärten hin, die von Silber und durchschimmerndem Grün flammten und so hell waren, wie die Augen die Scheibe des Vollmonds erscheint, wenn sie weit aufgeschlagen mitten hineinsehen. Es ergriff ihn eine tiefe Rührung, die er nicht zu überwinden vermochte, es war die Gewalt der Heimat, die Einzug in sein Gemüt hielt. Sie ist die mächtigste aller Erinnerungen, schon viele Wesen sind ihr immer aufs neue erlegen und haben ihr das Opfer dessen gebracht, was die weite Welt sie gelehrt hat. Ein hoher Gesang schreckte den Elfen aus seiner Traumbefangenheit empor, er hob seine Augen und sah vor sich den Thron der Elfenkönigin. Über ihrem blonden Scheitel, auf dem ein Kronenreif aus Diamanten erglänzte, so rein und durchscheinend wie das Quellwasser der Waldtiefe, wölbte sich ein strahlender Baldachin, und zur Rechten und Linken ihres Throns, der aus Silber war, standen in weißen Reihen ungezählte Scharen von Blumenelfen, und alle hatten ihre Augen auf den Ankömmling gerichtet. Von ihren Lippen erscholl der Gesang, der die grüne Silberluft umher erfüllte wie buntes Licht eine kristallene Kugel. Unwillkürlich ergriff die selige Schönheit des Gesangs den Elfen, und indem er sich tief verneigte, sang er mit den anderen das alte Elfenlied, den Gruß der Königin:
Als
das Lied verklungen war, wurde es umher so still, als wäre der
strahlende Lichtraum ein Bild, nur ein ganz leises, kaum vernehmbares
Rauschen ging von den vielen Flügeln aus, als zöge ein heimlicher
Windzug über eine Winterlandschaft, deren Bäume im Rauhreif
glitzern. Da erklang die Stimme der Elfenkönigin, und ihre Lichtaugen
ruhten auf den Zügen des Elfen wie zwei Sterne: Es
ging eine frohe Bewegung durch die Reihen der Elfen, alle schienen beglückt
zu sein, daß einer der Ihren, den der Tag der erde ihnen geraubt
hatte, wieder in ihr Zauberreich zurückkehren sollte. Aber die
feine Stirn der Königin umwölkte sich plötzlich unter
dem Licht ihrer Krone, und sie sagte: Da hob der Elf seinen Kopf, den er in unverstandener Traurigkeit gesenkt gehalten hatte, solange die Königin sprach, und begann seine Geschichte von der Biene zu erzählen, die er in der Sommernacht zu den Menschen geführt hatte. Es war unbeschreiblich still umher, während er sprach, denn die Elfen wissen nur wenig von den Menschen, es kommt nur alle hundert Jahre vor, daß ein Elf mit den Menschen in nähere Berührung tritt, deshalb sind sie sehr begierig, etwas zu erfahren. Vor der Sonne und den Menschen haben alle Elfen eine große Scheu. Der
Elf erzählte zu Beginn nur langsam und schüchtern, aber je
länger er sprach, um so fester und klarer wurde seine Stimme, und
als er zum Schluß kam, erhob sie sich zu einem Jubeln, so daß
alle mit pochenden Herzen lauschten und nicht begriffen, woher die Freude
stammte, die aus den Worten des Elfen strahlte. Der
Elf erhob seine Arme und seine Augen glänzten: Da
sprang die Königin auf und schlug vor ihrer Stirn die Hände
zusammen vor Zorn und Trauer. "Ich
weiß nicht," antwortete der Elf leise, "ich kann es..." Die
Erde nahm dich auf, um dich aufs neue zu erlösen; weißt du
das alles nicht mehr?" Da
antwortete ihr der Elf: "Das
Herz?" sagte die Königin mit blassen Lippen, Es war so still
umher, daß ihre Frage wie ein Traumruf in ruhiger Nacht erklang,
es war, als wagte niemand zu atmen. Da fuhr der Elf mit leiser Stimme
fort, die vor Ergriffenheit zitterte: Der Elf schwieg, und wie beschämt von seiner eigenen Kühnheit senkte er sei Haupt, und ein schüchternes Lächeln kam in seinen Zügen auf, ein wehmütiges Lächeln der Zuversicht. Ach dies Lächeln! Könnte ich es mit meinem Geist erfassen und über eure Herzen ausschütten, wie Gott seinen Sonnenschein über die Blühende Frühlingserde strömen läßt, für den Preis meines Lebens, ich täte es! Kaum hatte der Elf seine Worte beendet, noch ging wie eine Woge das Erstaunen aller durch den Saal, da geschah das Wunder, daß sich in seinem Haar und um seine Stirn ein sanftes Glühen erhob, das, obgleich es milde und freundlich war, doch stärker erstrahlte als alles Licht des funkelnden Saals. "Die Sonne!" schrie die Königin laut und sprang in hellem Entsetzten empor, "die Sonne!". Sie erhob ihre Hände und rief ein gewaltiges Zauberwort, unter dessen Klang der Saal erbebte, und das magische Licht ihrer alten Welt und mit ihr der unterirdischen Raum und das Heer der erschrockenen Elfen versanken in grausige Erdtiefe, abgelegener und ferner, als die Sinne ermessen können. Es wehte kühl und traurig aus der Finsternis über den Elfen hin, und er vernahm aus der Nacht, die ihn umgab, eine dumpfe Klage, wie sie zuweilen vor dem hereinbrechenden Föhn schaurig über die Eisdecke der Gebirgsseen hinhallt. Am hereinbrechenden Morgen weckte das Tageslicht der Erde den Elfen. Er fand sich unter Farren im Moos liegen, zwischen den großen Wurzeln des Baumes, der den Eingang zum Elfenreich hütete. Er richtete sich mit Taumeln auf und sah voll tiefen Erstaunens in das Morgenrot, das zwischen den Stämmen leuchtete. So war er nun dem alten Heimatreich für immer entrückt, sein Zauber hatte die Gewalt über ihn verloren, und es war ihm nach seinem Willen geschehen, nun unter den Sterblichen der Erdoberfläche ein Vergänglicher zu sein wie die andren alle. Als die Sonne ihr funkelndes Strahlengold über die heitere Landschaft ergoß, als die fernen Seen aufblitzten wie silberne Himmelreiche, im Morgenrauschen der Wälder verloren, als die ersten Stimmen der erwachenden Tiere ihn begrüßten und der Tau seine Stirn kühlte, zog ein froher Mut in sein Herz ein. Mit Singen erhob, er seine Flügel und flog durch den Morgenglanz der erfrischten Welt auf die Waldwiese zurück, zu den Pflanzen und Tieren, den Freunden seines Lebens. |
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