Waldemar Bonsels
Himmelsvolk
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Der Maikäfer
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Quelle: Waldemar Bonsels, 1915 Schuster & Löffler, von rado Jadu 2001 |

Der Maikäfer
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Der Elf flog auf den grünen Wipfel der Linde, der sich im warmen Wind des schönen Tages sanft schaukelte, und seine Augen durchschweiften das weite Land bis an die Hügel hinüber, die den Horizont säumten. Unter ihm sangen die Vögel, und die Krone der Linde erbrauste von den Völkern der Bienen, ein erklingender grüner Lebensdom, in warmer Freiheit. Er schloß seine Augen, von Sommerseligkeit überwunden, und breitete im Wiegen seine Arme aus, als ließe die schimmernde Welt sich umarmen. "Was soll ich tun," flüsterte er, "was soll ich tun? Ach, ich bin sicher des Glücks nicht wert, das mir geschieht, in meiner Seele ist nicht Raum für die Fülle der Wohltaten, die mir zufallen." Ach, das Lächeln des Elfen möchte ich schildern können! Es war kaum zu sehen, ihr Lieben, wie sollen die freie Kinderherrlichkeit der Freude und die heimatlose Wehmut irdischen Geschicks in ein armes Wort gebracht werden? Wenn man sein helles Angesicht in diesem Leuchten sah, so mußte man unbedingt glauben, daß Gott es mit seinen Geschöpfen unendlich gut meint, es ging nicht anders. Als das himmlische Kind nach einer Weile seine Augen aufs neue aufschlug, da war ihm, als sei die Erde mit ihren fernen Hügeln in der Runde ein grüner Kelch und der strahlende Himmel eine große, blaue Blume. Dieses Bild voll Glanz und Stille verwandelte sein Herz auf wunderbare Art, und ihm war zumut, als wäre er einst in seiner tiefsten Jugend so hell gebettet und so wohl geborgen gewesen wie nun. Es ist das Glück, das Glück, dachte er erzitternd, überall schafft es die Heimat. Und er erhob seine Stimme, in der strahlenden Erdenblume seines Traums, wandte sich an die himmlische Sonne und sang:
Kaum war
das Lied im grünen Glänzen verklungen, da rief jemand dicht
neben dem Elfen: "Ausgezeichnet, famos! Sie haben eine Stimme,
die sich hören lassen kann, mein Lieber! Sind Sie ein Engel?" "Nein, ich meine
überhaupt. Blühen nicht schon die Linden? Um diese Zeit ist
ein anständiger Maikäfer längst in der Erde, legt Eier
oder ruht sich aus, je nachdem. Aber ich habe meinen guten Grund, noch
zu zögern. Wollen Sie wissen, warum ich trotz der Hitze noch da
bin?" "Das fragt sich
noch," meinte der Maikäfer, "ich muß erst sehen.
Von den Elfen wird so viel erzählt, daß man kaum recht weiß,
wo einem der Kopf steht. Ich bin für gesicherte Anschauungen und
möchte Klarheit haben. Das wunderbarste an diesen Geschöpfen
ist, daß sie sich mit aller Kreatur unterhalten können, mit
Blumen, Insekten, vierfüßigen Tieren und sogar mit dem Menschen.
Sie wissen doch, daß wir Maikäfer mit dem Menschen viel verkehren?"
Der Elf
mußte wieder lachen. Was gibt es für Gesellen, dachte er,
und sein Herz war froh. Er war freundlich gegen den Käfer und hörte
ihn an. Vielleicht kann ich etwas für ihn tun, dachte er, das wäre
mir heute morgen besonders recht, wo doch alles umher in fröhlicher
Fülle steht. Man kann nachher sehen, wie man seine Flügel wieder in Ordnung bekommt, die vier. Ich habe nämlich vier Flügel, Sie wissen doch, nicht wahr? Sie haben, scheint mir, nur zwei, dafür sind sie aber weiß. Schöne Flügel übrigens, und sehr apart im Format. Nun, ich sprach vom Menschen. Er ist im Grunde gutmütig, ich werde nicht dulden, daß falsche Gerüchte über ihn verbreitet werden, es fehlt ihm nur an jeglichem Zartgefühl; merkwürdig ist bei ihm seine Vorliebe für unser Volk. Kommt der Mai, so verläßt er seine Behausung, um uns zu finden, er schüttelt die Bäume und schaut am Boden nach, ob wir heruntergefallen sind. Rührend ist sein Bemühen, später etwas mit uns anzufangen, es ist ihm aber noch nie gelungen. Er läßt uns in seiner Behausung fliegen und fängt uns wieder ein. Wozu wohl, glauben Sie, fängt er uns wieder ein? Bei Gott, nur um uns wieder auffliegen zu lassen! Er hört zu, wie sie summen, lacht uns fängt uns wieder. Zuweilen läßt er uns auf einen anderen Menschen los, seltsam. Dieser andere Mensch weiß es nicht, er steht und spricht arglos von irgendeiner Sache, weiß Gott wovon, die Menschen haben ja ungemein viele Interessen. Wir laufen an dem Menschen in die Höhe, was bleibt uns übrig? Es wird Ihnen bekannt sein, daß man von erhöhten Punkten am besten abfliegen kann, und das will man doch, wozu sollte man auf einem fremden Menschen sitzenbleiben? Nun kommt eine Stelle am Menschen, weiß der Kukuck, was mit dieser Stelle los ist, aber kaum hat man sie im Klettern berührt, da brüllt der Mensch auch schon auf und schlägt um sich. Einige springen sogar. Wenn unsereins diese Stelle wüßte, mein Lieber, er würde sie natürlich vermeiden, aber woher soll man wissen, wo diese Stelle ist." Der Elf
lachte hell auf, es ging ein solcher Frohsinn von seinem Lachen aus,
solch freie Heiterkeit, daß der Maikäfer mit einstimmen mußte. "Ich danke,"
sagte der Maikäfer, "ein argloses Spiel, bei dem ich unter
Umständen einen Flügel einbüßen kann, bei dem es
möglich ist, daß ich platt geschlagen werde wie eine Wanze,
oder das mich im schlimmsten Fall mein Leben lostet, sehe ich anders
an als Sie." Der Elf
lachte. "Du mußt nicht glauben, mein Lieber, daß ich
den Menschen ohne Grund in Schutz nehme, ich kenne ihn gut und liebe
ihn sehr." "Doch," sagte der Elf, "ich verstehe dich, und du hast ganz recht, aber nicht der Mensch ist schuld daran. In jenes Seufzen, das du hören glaubst, in die Angst und in den Schmerz aller Kreaturen dringt auch seine Klage, denn er ist, wie ihr alle, den irdischen Geschicken unterstellt und hat gegen Bedrängnisse, Elend und Tod nicht mehr Mittel als ihr. Er erwacht zum zeitlichen Leben, freut sich der himmlischen Sonne, Lachen und Weinen wiegen seine Seele, wie Tag und Nacht seinen Leib, und einst kehrt er zurück ins Dunkel der Erde, der Mutter, wie ihr alle." "Aber etwas muß
der Mensch doch von allen anderen Geschöpfen unterscheiden, mein
Lieber, wenn denn schon einmal wahr sein soll, daß er nicht schuld
an unserem Unglück ist. Ich will es Ihnen glauben. Daß er
sterben muß, weiß man ja, das ist bekannt, und wenn die
Hauptsache stimmt, dann wird wohl auch das andere richtig sein. Sehen
Sie, deshalb hätte ich so gern den Elfen getroffen, der vieles
wissen soll, ich würde ihn gefragt haben: Was unterscheidet den
Menschen von allen anderen Geschöpfen?" "Sie? Nein, nein,
mein Lieber," entgegnete der Käfer. "Sie als Engel sind
parteiisch. Es ist doch bekannt, daß sich die Engel der Menschen
annehmen, daß sie gut von ihnen denken und das Beste mit ihnen
im Sinn haben." "Nein, sowas!"
rief der Käfer. Er schaute den Elfen an, und seine Augen glänzten.
"Ach nein," sagte er ganz still, "so ist es mir doch
passiert, was ich wollte, wie schön ist das." Er begann sich
und atmete auf: "Hoffentlich nehmen Sie mir die Verwechslung nicht
übel;" sagte er schüchtern. Und nach einer Weile des
Schauens fuhr er fort: "Nun liegt es ja auch anders mit meiner
Frage. Wenn Sie also so freundlich sein wollen und mit antworten?" Ein paar
Bienen kamen in ihre Nähe und grüßten. "Sicher weißt
du alles Schöne," meint der Maikäfer, der ganz entzückt
war, je länger er den Elfen betrachtete, "so sprich mit mir
vom Menschen. Es ist wahr, ich habe nicht eben Gutes von ihm gesagt,
aber du wirst zugeben, er hat auch seine schlimmen Seiten, dieser Große
mit den aufrechten Schultern und dem weißen Angesicht. Wir fürchten
ihn, verstehst du das nicht? Nicht alle vernehmen ihr Geschick mit so
viel Humor wie ich." "Was ist das?"
fragte der Käfer. "Ja," sagte
der Elf einfach, "so ist es. Du kannst ja nicht ahnen, du kleines
Tier, welch ein unfaßbare Fülle von Glanz und Lebenswärme
schon aus einem guten Herzen erstrahlen kann. Seine Wirkung ist nicht
immer erkennbar, wie die Erscheinungen, welche unsere Augen treffen,
oder wie die Gegenstände, die unsere Hände berühren,
aber sie ist wahr. Sieh. Lieber, das macht die Hoheit des Menschen aus,
seine Würde, und das unterscheidet ihn von allen Lebendigen der
großen Schöpfung, daß er den freien Willen hat, das
Gute zu tun. Das macht ihn Gott ähnlich." Der Elf
sah ihn ernst und liebreich an: "Bist du nicht einst glücklich
und wohlbestellt zum Leben erwacht?" fragte er, "fandest du
nicht Tag für Tag alles, was du zu deiner Erhaltung brauchtest;
schien nicht die warme Sonne in deine frohen Stunden, und heilte die
kühle Nacht im Schlaf nicht auch deine Sorgen? Schau' den Schimmer
deiner schönen, starken Flügel an, das Geschick deiner Glieder
und den gesunden Wohlstand deiner Sinne. Ist nicht für alles liebevoll
gesorgt, dessen du bedarfst, und du fragst mich, ob Gott deiner gedacht
hat?" "Sieh nun,"
sagte der Elf, "so gedenkt Gott aller seiner Geschöpfe, auch
der verborgensten und kleinsten, es ist keines, dem er sich nicht zuneigt,
aber dadurch unterscheidet sich der Mensch von ihnen allen: er kann
sein Haupt auch zu Gott emporheben." Die Augen
des Elfen verirrten sich in heimatloser Seligkeit im Himmelsblau, und
mit einem Lächeln, das ihn weit mit sich fortzutragen schien, sagte
er:
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