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Prinz Heinrich in Kiautschau

Reisen zu Wasser und zu Lande des Prinz-Admiral in Indien, China, Japan (1898-1900)

Erster Abschnitt

Die Abreise des Prinzen Heinrich. Abschied vom Kaiser. Das Flaggschiff. Deutschland, Deutschland über alles!

Unter dem Donner der Geschütze und dem brausenden Hurraruf der in Parade aufgestellten Mannschaften des1. Geschwaders dampfte das Flaggschiff "Deutschland" mit der Kaiserstandarte an Bord stolz aus dem Kieler Hafen hinaus auf die Föhrde und lenkte bei Holtenau in den Kaiser-Wilhelm Kanal ein.
Der schlanke Kreuzer 3. Klasse "Gefion", zur Verstärkung des zweiten Geschwaders in China betimmt, war bereits vor länger als einer Stunde der "Deutschland" voran durch den Kanal gedampft. Hinter dem Flaggschiff folgten die Hilfsdampfer, welche die Aufgabe haben, zur Hand zu sein, falls der der "Deutschland" bei der Durchfahrt des Kanals Schwierigkeiten entstehen sollten. Fast lautlos folgten sie dem majestätischen Schiff, dessen Maschinen nur mit halber Kraft arbeiteten; schwarze Rauchmassen wirbelten aus den Schloten auf.
Drüben auf dem Leinpfad des Kanals zog sich eine endlose Kette spalierbildender Soldaten hin. Auf der Kommandobrücke der "Deutschland" stand ernst und entschlossen Prinz Heinrich von Preußen und wandte den Blick nicht von einer herrschaftlichen Kutsche ab, die am Soldatenspalier entlang auf dem Leinpfad da hin fuhr.
Das war der Wagen der Prinzessin Heinrich, die den hohen Gemahl as Geleit gab. Auf Jahre hinaus wird sie von dem geliebten Gatten getrennt sein, und die Thränen in ihren Augen, die die hohe Frau dann und wann heimlich hinweg wischt, schienen den Himmel fragen zu wollen, ob und wann sie den Gemahl wiedersehen wird?
Neben dem Prinzen Heinrich stand Se. Majestät der Kaiser, umgeben von dem Kronprinzen, dem Prinzen Fritz Eitel und dem Prinzen Adalbert. Auch ihre Aufmerksamkeit war dem Ufer zugewendet, von wo von Zeit zu Zeit die Prinzessin Heinrich mit dem Taschentuch herüber winkte.
Wir befinden uns im September 1897. Ein scharfer, etwas feuchter Wind wehte über den Kanal. In den moorigen Niederungen lagen Wolkenbänke, die sich selbst von dem steifen Wind nicht verdrängen lassen wollten. Nebelkrähen zogen in der Ferne unter dem winterlichen Himmel dahin.
Nachdem der Geschützdonner im Kieler Hafen verhallt und das kräftige Hurra der Schiffsmannschaften verklungen, lag eine feierliche Ruhe rings umher auf Wald und Flur. Weihnachtsstimmung machte sich bemerkbar, bald wird Eis und Schnee die Erde bedecken, und der Christbaum glänzen und leuchten in Hütte und Palast.
Still folgten die Hilfsdampfer, wie die Trabanten dem Planeten, der "Deutschland" nach. Kaum erhob sich dann und wann eine Stimme an Bord. Nur das Stampfen der Maschinen und das Arbeiten der Schrauben unterbrach die weihevolle Morgenstimmung. Doie Spalier bildenden Soldaten waren längst nach ihrer Garnison Kiel zurückgekehrt. Langsam und vorsichtig dampfte die "Deutschland" weiter, denn die Fahrrinne des Kaiser-Wilhelm Kanals hat ihre Tücke.
Erst um vier Uhr nachmittags erreichte das Flaggschiff die imposante Drehbrücke von Rensburg. Eine ungeheure Menschenmenge hatte sich hier an beiden Ufern angesammelt. Schon seit der ersten Morgendämmerung standen sie da und harrten unverdrossen auf das Erscheinen der "Deutschland". Und als die Massen jetzt den schmucken Kreuzer mit der Kaiserstandarte erblickten, brach ein endloser Jubelruf aus, der sich wie das Branden und Toben des Meeres in die Ferne verlor.
Bei dem Anblick der begeisterten Menge, aus der Tausende von weißen Taschentücher nach dem majestätischen Schiffe hinüber winkten, so daß das Ganze fast den Anblick eines andlosen, durch die Luft wehenden Schleiers gewann, drückte Se. Majestät der Kaiser seinen lieben Bruder, dem Prinzen Heinrich, die Hand und sagte:
"Mein lieber Heinrich - das deutsche Herz folgt Dir in die Ferne, - Du hörst seinen Schlag und siehst den Jubel des Volkes. Eine andere Zeit ist gekommen, eine Zeit in welcher der Deutsche draußen in der Fremde nicht mehr ohne Schutz und Schirm dasteht! - Trage unsern Namen zu den fremden Völkern, denen wir bisher kaum mehr waren, als ein geographischer Begriff. Zeige ihnen unsre Macht und suche ihre Freundschaft, sei ein Schutzherr für deutschen Handel und Wandel.- Soll es aber sein, Heinrich, daß Du irgendwo eingreifen mußt, dann zeige eine eiserne Faust und greife tüchtig zu!-"
Fest seinem kaiserlichen Bruder ins Auge blickend, entgegnete der Prinz:
"Wer uns da draußen nicht lieben will, der soll es schon erfahren, daß der Haß gegen Deutschland keinen Segen bringt!"

Um halb fünf Uhr stoppte die "Deutschland" dicht vor der Brücke. Die Dämmerung hatte bereits begonnen. gewaltige Nebelmassen zogen in der Ferne hin, strebten dem Meere zu. Unter den Durchfahrten der mächtigen Straßendrehbrücke flammten Fackeln auf und warfen ihren dunkelroten Schein auf die Flut, die unruhig in ihrem engen Bette hin und her wogte. An den Masten der Hilfsdampfer gingen bereits bunte Signallichter hoch, und die unabsehbare Menge an den beiden Ufern war bald durch einen dichten grauen Flor von Nacht und Nebel verhüllt.
"Lebe wohl, lieber Heinrich", sagte der Kaiser bewegt, "ich muß dich nun verlassen. Gott schütze Dich, der alte, gute Gott, der uns immer gnädig war, und der nie einen Deutschen verlassen hat. Du weißt, was ich will und was dem Vaterlande frommt, also kein Wort mehr! - Fahre wohl!"
Der Kaiser küßte den Bruder und wandte sich rasch ab. Prinz Adalbert klammerte sich an der Hand des hohen Onkels fest und blickte mit feuchten Augen zu ihm auf. Prinz Eitel aber bat innig den Seefahrer, ihn mitzunehmen in die weiten, fremden Länder.
"Ich werde treu dienen und keine Furcht haben," versicherte er.
Aber diese Bitte konnte nicht erfüllt werden. Lächelnd nahm Kaiser Wilhelm seinen Sohn an die Hand und führte ihn und die anderen Prinzen mit sich fort.
Inzwischen leuchtete auch auf Deck der "Deutschland" das elektrische Licht auf. Die mannschaften an Bord bildeten Spalier, und durch dieses hindurch schreitend, nahm Se. Majestät seinen Weg nach dem bereit stehenden Landungsboot.
Prinz Heinrich blieb auf der Kommandobrücke zurück und sandte von hier aus dem hohen Bruder seine Grüße nach.
An Land angekommen, ging Kaiser Wilhelm mit seinen Söhnen auf die geöffnete Brücke bis zum Kopf hinauf und ließ, beleuchtet von der grellroten Glut der Fackeln, die "Deutschland" an sich vorbeipassieren.
Truppen bildeten auch hier Spalier, Musikkorps standen bereit. Jetzt ging das gewaltige Schiff glatt durch die Brücke. Ernst und würdig stand Prinz Heinrich auf seinem Posten und grüßte den kaiserlichen Bruder von hier aus zum letztenmal.
Ein endloses Hurrarufen erfüllte die Luft, die Musik fiel ein, und das Publikum stimmte begeistert an: "Deutschland, Deutschland über alles "
Nachdem das Flaggschiff die Brücke passiert, nachdem ein dreifach donnerndes Hurrah von Seiten der Spaliermannschaften verhallt, setzten die Musikkapellen zu kernigen Märschen ein, und unter diesen Klängen fuhr langsam und zielbewißt die "Deutschland" in die Nacht hinaus.
Se. Majestät der Kaiser bestieg nun seinen Wagen und fuhr zum Altreichskanzler, dem Fürsten Bismarck. Die Truppen rückten ab, das Publikum verlor sich an beiden Ufern, und bald blieben auf der Drehbrücke niemand zurück, als die Angestellten und Beamten, die nicht müde wurden, das Ereignis des Tages zu besprechen.
Am folgenden Tage erreichte die "Deutschland" Brunsbüttelhafen, den Ausgang des Kanals. Hier wartete bereits die "Gefion" auf den Divisionschef Prinz Heinrich von Preußen.
Eine freudige Überraschung wurde noch dem Seefahrer zu teil. An Bord der "Gesion" befand sich die Prinzessin Heinrich, um zum letztenmal den Gatten zu begrüßen. Nachdem die hohe Frau den Gemahl eine weite Strecke auf dem Leinpfad von Kiel aus zu Wagen begleitet, fuhr sie der "Deutschland" voraus und erreichte noch zur rechten Zeit den Ausgang des Kaiser-Wilhelm Kanals.
Nach einem herzlichen Abschied von seiner Gemahlin setzte Prinz Heinrich seine Reise um fünf Uhr fort.

Quelle: Prinz Heinrich in Kiautschau, Conr. Fischer-Sallstein, Globus Verlag, von rado Jadu 2000

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