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Prinz Heinrich in Kiautschau

Reisen zu Wasser und zu Lande des Prinz-Admiral in Indien, China, Japan (1898-1900)

Elfter Abschnitt

Begrüßung der Missionare. Die Hinrichtung in Tsimo. Der Cantor. Zweihundertjährige Eier. Der Mörder des Matrosen Schulz.

Die Tage von Liuting begannen Borlitz langweilig zu werden und so manches Mal sehnte er sich auf seine "Deutschland", auf die wogende See zurück. Die Chinesenhorden an der Grenze zerstreuten sich wieder, als sie die deutschen Gewehrläufe erblickten.

Die Feldwache machten ihn kein rechtes Vergnügen, denn es war keine Kleinigkeit, des Nachts, oft bei bitterer Kälte, hoch oben im Gebirge zu stehen und aufzupassen auf die herumschleichenden, verdächtigen Chinesen, auf die in der Nacht ohne Umstände gefeuert wurde.

Nur einmal gab es eine fröhliche Jagd auf eine chinesische Räuberbande, die sich eingeschlichen hatte, um in Dunkel der Nacht zu rauben und zu Plündern. Einige von den schlitzäugigen Banditen wurden erschossen, die andern verschwanden und verloren wohl für alle Zeiten die Lust, die deutsche Provinz in China wieder heimzusuchen.

Am fünfteg Tage kamen chinesische Christen unter Führung eines deutschen Missionars durch Liutung. Sie wollten nach dem deutschen Lager, um dort den Prinzen zu begrüßen. Die guten Leute waren sehr betrübt, als sie erfuhren, daß der Prinz-Admiral immer noch nicht eingetroffen war. Es wurde nun ein recht ergreifender Gottesdienst abgehalten, für den deutschen Kaiser und den Prinzen Heinrich gebetet und dann zogen die Chinesenchristen nach Tsingtau weiter, weil sie glaubten, daß der Prinz-Admiral inzwischen dort eingetroffen sein würde.

Borlitz suchte so viel wie möglich Land und Leute kennen zu lernen und beklagte sehr den Verlust seines photographischen Apparates. Er lag mit dem Leutnant Cramer in einem ganz hübschen Chinesenhaus, dessen Bewohner über die Grenze geflüchtet waren.

Eines Tages sagte der Offizier zu Borlitz: "Ich werde Sie nach der Chinesenstadt Tsimo schicken und gebe Ihnen den Unteroffizier Spieß, den Gefreiten Blum und zwei Mann mit."
Erstaunt horchte Borlitz auf.
"Darf ich fragen, was ich dort tun soll, Herr Leutnant?"
"Es findet dort die Hinrichtung eines Mörders statt und zwar die jenes feigen Schuftes, der unsern armen Matrose Schulz, als dieser auf Posten stand, heimtückisch ermordet hat. Herr Hauptmann Mauve hat befohlen, daß von jedem Truppenteil eine Deputation bei der Hinrichtung anwesend sein soll."
"Sie machen mir mit diesem Befehl eine große Freude, Herr Leutnant. Wann soll ich abrücken?"

"Sofort, drei Maultiere stehen bereit. Hier haben Sie eine von mir selbst angefertigte Karte, die Ihnen sicher den Weg zeigt, den Sie mit Ihrer Abteilung einzuschlagen haben. Vor Tsimo treffen Sie, wenn Sie die Route scharf einhalten, mit den Soldaten des Hauptmanns Mauve zusammen und melden sich bei ihm."
"Zu Befehl," antwortete Borlitz mit freudigem Gesicht.
"Ich setze indessen voraus," fuhr der Offizier fort, "daß Sie keinen Schrecken bekommen, wenn Sie den bezopften Chinesenkopf fallen sehen . Die deutsche Behörde hätte nicht so streng auf diese schwere Strafe bestanden, wenn nicht ein ernstes Exempel statuiert werden müßte. Freilich muß man sich darauf gefaßt machen, daß ein heißer Tanz in der Chinesenstadt gegen die Deutschen losbricht, denn weder den Chinesen, noch ihrem Tautoi, so eine Art von Bezirksvorsteher, oder sagen wir Mandarin, ist recht zu trauen."
"Wir werden die gelbe Gesellschaft schon im Zügel zu halten wissen!"

Kurze Zeit später ritt der Seekadett von Borlitz auf seinem Maulesel, begleitet von Spieß, Blum und zwei Blaujacken, von Liuting ab. Leutnant Cramer hatte dem Kadett Borlitz einige Papiere für Hauptmann Mauve ausgehändigt und Borlitz gebeten, ihm genau über den Verlauf der Hinrichtung zu berichten.

Die kleine Abteilung kam zuerst durch ein schmutziges Chinesendorf, in dem sich ein ganz respektabler Tempel befand. Wenn Borlitz nicht die wunderbaren Tempelbauten von Agra gesehen hätte, dann würde er vielleicht näher geritten sein, um sich diesen uralten Bau einmal anzusehen, so aber war sein Geschmack durch Indiens Kunstdenkmale zu sehr verwöhnt, um an dem grauschwarzen Turm mit seinen sonderbaren Bogen und Formen Geschmack zu finden.

Als sie ins Dorf hineinritten, bellte sie einige Hunde an und ein paar Chinesenfrauen , die um einen Brunnen hockten, wackelten entsetzt davon und flüchteten sich in die Lehmhütten, als sie die Soldaten sahen. Nicht ein einziger Chinese ließ sich blicken und Korporal Spieß der schon einige Erfahrungen gesammelt, behauptete, daß das verdächtig sei.
Vor dem Dorf befanden sich die Reisfelder und weiter zurück sah man die kahlen Höhen eines Gebirgszuges. Hinter diesen Höhen lag, nach der Karte des Leutnants Cramer, Tsimo. Die harte Landstraße war nur spärlich mit Bäumen besetzt, rechts von ihnen befand sich ein ödes Lehmfeld, auf dem nicht ein Grashalm gedieh, nur am untern Ende zeigte sich ein dichtes Gebüsch. Plötzlich blieb Spieß stehen.

"Ich möchte wetten, daß dort hinter den Büschen eine ganze Anzahl Chinesen stecken."
"Lassen wir Sie ruhig stecken," versetzte Borlitz lächelnd, "es ist ja ihr gutes Recht, sich zu verstecken, wenn wir kommen."

Da ertönte ein langgezogener Ruf, der sich wie: "Too too" anhörte und ehe man es sich versah, kam eine ganze Rotte Chinesen, mit langen, altmodischen Schlachtmessern, dicken Prügeln, alten Säbeln und dergleichen bewaffnet, aus dem Gebüsch hervor. Einer von ihnen trug eine Pistole und schritt mutig den andern voran. Sie kamen das Lehmfeld heraufgelaufen und stießen wilde Drohrufe aus, die die Deutschen natürlich nicht verstanden. Da plötzlich feuerte der Kerl mit der Pistole einen Schuß ab, er hatte indessen so gut gezielt, daß die Kugel dicht vo seinen Filzpantoffeln in die Erde schlug.

"Chargiert fertig," kommandierte Borlitz, "denn es ist gar kein Zweifel, daß uns die brüllende Horde dort unbequem werden wird. Ich glaube, es geht uns sogar schlecht, wenn wir in ihre Hände fallen!" Bis auf dreizig Schritt war nun die Gesellschaft an die Landstraße herangekommen und jetzt war ganz klar, daß die gelben Burschen es ernst meinten.
"Feuert über die Köpfe!" befahl Borlitz. "Wir wollen sie vorläufig nur abschrecken."

Im nächsten Augenblick krachten vier Schüsse. Die Kugeln pfiffen über die Köpfe der Angreifer hinweg und wie vom Donner gerührt, wie zu Stein erstarrt, standen allen einen Augenblick still, - dann aber drehten sie sich um und rannten wie eine Herde Schafe nach allen Windrichtungen auseinander. Einige verloren bei dieser Flucht ihre Pantoffeln, andere ihre Zöpfe. In weniogen Minuten waren sie wie vom Erdboden verschwunden.
Borlitz amüsierte sich großartig. Es wandelte ihn die Luft an, diese Heldenschar zu verfolgen; aber dazu gebrach es an Zeit. So ritten sie nun weiter und unterhielten sich darüber, was die Chinesen wohl mit ihnen angefangen hätten, wenn sie in deren Hände gefallen wären.

"Die hätten uns einen qualvollen Tod bereitet," meinte der Korporal, "denn so feige diese Gesindel auch ist, ebenso grauam wird es, wenn man ihm nicht die Zähne zeigt und Respekt inflößt. Wir wären einfach von der Welt verschwunden und kein Mensch würde jemals erfahren haben, wohin wir gekommen."

Jetzt erst wurde Borlitz ernst, denn seine Liebe Mutter stand ihm vor der Seele.
Sie setzten ihren Weg fort, gelangten nach einem tüchtigen Marsch über die kahlen Höhen, überschritten einen kleinen Fluß und erreichten die uralte Landstraße, die von Kiautschou nach Tsimo führte. Hier angekommen, trafen sie mit Hauptmann Mauve zusammen, der mit seiner Abteilung Marinesoldaten immer noch die Stadt Kiautschau besetzt hielt und den Kapitän Truppel, von Tsingtau her, erwartete. Borlitz meldete sich beim Hauptmann Mauve, übergab diesem seine Papiere und berichtete dann von dem abenteuer, das sie unterwegs zu bestehen hatten.

"Das darf man den Kerls nicht hingehen lassen," erklärte der Hauptmann, "schon morgen wollen wir sie in ihrem Dorf besuchen und ihnen die wohlverdinete Strafe zudiktieren."
Kapitän Truppel befahl den Kadett an seine Seite, sprach mit ihm über die Heimat und teilte ihm auch mit, daß die Anwesenheit der Marinesoldaten nicht mehr lange dauern werde. Die "Darmstadt" bringt eine andere Besatzung und dann gehen wir wieder auf unsere liebe See zurück."
Nach einem frischen, fröhlichen Marsch erreichte man Tsimo. Eine große Anzahl Chinesen hatten sich an dem uralten, überbauten Eingangstor der Stadt versammelt, sie wichen aber erschreckt nach allen Richtungen aus, als die Deutschen anrückten. Hinter der Stadtmauer, die einen respektablen Eindruck machte mit ihren gewaltigen Torbogen, begannen sich die endlos scheinenden Straßen hinzuziehen. Enge Gassen zweigten sich ab, die von einstöckigen, teils aus Lehm, teils aus Stein erbauten Häusern bestanden, Hinter den Deutschen sammelten sich wieder die Chinesen an und zogen lautlos mit.

Vor einem großen Gebäude, ganz in der Nähe eines Tempels machten die Soldaten halt, die deutsche Flagge im Vordergrund, vor dem Hause auf. Hier wohnte der Tautoi, der Beherrscher der Stadt, der Mann, der über Leben und Tod zu verfügen hat. Hauptmann Mauve, begleitet von zwei Offizieren, begab sich in das Regierungsgebäude, um dem Tautoi anzukündigen, daß er mit militärischer Macht vor dem Jamen (Regierungsgebäude) stehe, um die Hinrichtung zu überwachen.

Borlitz hatte die Ehre, an der Seite des Kapitän Truppel in das Haus des Tautoi einzutreten. Im Innern des Hauses standen eine große Anzahl chinesicher Polizisten, die mit altertümlichen Mordwerkzeugen bis an die Zähne bewaffnet waren. Demütig neigten sie die bezopften Köpfe vor den Offizieren.

Hauptmann Mauve trat mit seinem Gefolge in den Jamen ein und wurde von den Söhnen des Tautoi, zwei wohlgenährten jungen Chinesen empfangen und in einen großen Raum geführt, wo ihm der allmächtige Herrscher von Tsimo entgegenkam. Während der Dolmetscher die gegenseitigen Begrüßungsreden übersetzte, hatte Borlitz Zeit sich den Tautoi näher zu betrachten. Etwa 50 Jahre alt, unterschied er sich von seiner Umgebung durch besonders kostbare, seidene Untergewände und eine violette, mit Pelz gefütterte Jacke, auch trug der Tautoi einen Bart, der allerdings nicht so wohl gepflegt war, als das der eines deutschen Offiziers.

Der Mörder des Matrosen Schulz sollte sofort hingerichtet werden und um der Bevölkerung zu zeigen, daß er mit den Deutschen Freundschaft halten wollte, begab sich der Tautoi selbst in Begleitung des Hauptmann Mauve zur Richstätte. Vorher ließ er eine Schale mit vierhundertjährigen Eiern unter die Offiziere verteilen, ein Ehrengeschenk, zu dem die Deutschen sonderbare Gesichter machten. Kapitän Truppel gab seine zwei Eier, die in den Augen der Chinesen einen unermeßlichen Wert haben, Borlitz und empfahl ihm, sie seiner guten Mutter zu schicken, weil er meinte, daß diese Dame eher wie er Eier zu schätzen wüßte, die vierhundert Jahre an irgend einem trockenen Ort gelagert haben und die zu einer Zeit gelegt wurden, in der man in deutschen Landen sich wenig um China bekümmerte.

Inzwischen war die Sänfte des Tautoi, von acht bunt geschmückten Chinesen getragen, aus dem Hof herausgebracht worden, der alte Herr schlüpfte schnell hinein, ein Trupp martialischer, schreinder und heftig gestikulierender chinesischer Polizeimänner nahm den Tragsesel in ihre Mitte und fort ging es, die Straße entlang.

Die Marinesoldaten folgten im festen Tritt und bald wurde ein freier Platz vor dem Stadttor erreicht, der mit gelben Sand überschüttet war. Eine ungeheure Menge Chinesen hatten sich hier angesammelt und stand im Halbkreis um einen großen Block. Als der tragsessel des Tautoi mit den Polizisten erschien, wichen alle ehrfurchtsvoll zurück. Die Deutschen marschierten etwa zehn Schritt hinter dem Holzblock auf und warteten nun der Dinge, die da kommen sollten. Für den Beherrscher der Stadt Tsimo war ein gelber, aus feinster Seide verfertigter Teppich auf den sand gelegt worden und darauf nahm er, umgeben von seinen grausig aussehenden Polizisten, Platz.

Hinter dem Halbkreis der chinesen zogen sich stallartige Gebäude hin, die kein fenster hatten, die Gefängnisse. Von dort her kam nun ein fürchterlicher Kerl mit einem riesigen, blitzenden Schwert in der Hand und näherte sich dem Block. Er überragte alle anderen Chinesen um Haupteslänge, trug ein blutrotes Kostüm und warf aus seinen Schlitzaugen wahrhaft unheimliche Blicke umher.

Das war der gefürchtete Henker von Tsimo. - Auf ein Zeichen des Tautoi hin öffnete sich der Kreis der Zuchauer und zwei Henkersknechte führten einen schmächtigen, jungen Chinesen zum Richtblock. Der Mensch trug nur noch einen Lumpen auf dem Leibe; sein Gesicht war welk und eingefallen; die Augen traten fast aus ihren Höhlen. Angstvoll, bebend vor Todesfurcht, stand er da, gebückt, wie wenn er in sich selbst zusammenbrechen wollte.

So sah der Mörder des deutschen Matrosen Schulz aus. Borlitz blickte die armselige Gestalt an und fragte sich, wie ein solcher Zwerg an einem deutschen Matrosen, der ihn mit einem Arm hochzuheben im stande war, einen so feigen Mord begehen konnte? Etwas wie Mitleid beschlich ihn bei dem Anblick der Jammergestalt, aber er durfte nicht vergessen, daß jene Hand das erste deutsche Blut in Liautschau vergossen hatte.

Der Henker stieß sein Opfer vor den Block in die Knie und drückte ihm den Kopf auf das rauhe Holz; dann trat das Ungeheuer einen Schritt zurück, wie wenn er sich an dem Todesbeben des Sünders weiden wollte und nun erst erhob er das gewichtige Schwert, ließ es durch die Luft sausen und im nächsten Moment rollte der Kopf in den Sand. Die Chinesen stießen in diesem Augenblicke, wie aus einem Munde, ein langgezogenes: Tsoo Tsoo!" aus.
Borlitz hatte sich, und viele von den Deutschen mit ihm, von dem grausigen Bilde abgewandt, die Blutarbeit des roten Kerls dort mochte er nicht sehen.

Hauptmann Mauve konstatierte nun, daß der Gerechtigkeit Genüge geschehen und ehrte mit einigen ergreifenden Worten das Andenken jenes braven deutschen Matrosen, dem dieser Chinese das Leben so heimtückisch geraubt. Am Stadttor wurde eine Bekanntmachung über den Grund der Hinrichtung, sowie eine ernste Warnung von weiteren Ausschreitungen in deutscher und chinesischer Sprache angeschlagen, dann bestieg der Tautoi wieder seinen Tragsessel und von den Polizisten erskortiert, begab er sich rasch in seinen Palast zurück, froh, das seine Stadt so gelinde für den Mord bestraft war.

Auch die Deutschen traten den Rückmarsch vom Richtplatz an. Unterwegs erzählte Kapitän Truppel dem Borlitz, daß in ganz kurzer ZeitPrinz Heinrich in Liautschau eintreffen werde. "Ich wünsche von ganzem Herzen," meinte der Kapitän, "daß der Prinz-Admiral mit unserer Tätigkeit hier zufrieden ist. Wir haben getan, was menschenmöglich war, um Ordnung in diese chinesischen Zustände zu bringen; freilich, noch viel, sehr viel bleibt zu tun übrig."

Erst spät in der Nacht erreichten die Truppen nach einem anstrengenden Marsch wieder das Barackenlager.

Quelle: Prinz Heinrich in Kiautschau, Conr. Fischer-Sallstein, Globus Verlag, von rado jadu 2000

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