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Prinz Heinrich in Kiautschau

Reisen zu Wasser und zu Lande des Prinz-Admiral in Indien, China, Japan (1898-1900)

Zwölfter Abschnitt

Prinz Heinrich in Kiautschau. Der deutsche Kaufherr von Kiautschau. Der neue Apparat. Die Reise in der Sänfte.

Wohl kaum eine Neuerwerbung des mächtig emporstrebenden deutschen Reiches ist so populär geworden, als unsere Pachtung in China — Kiautschau. Nun haben wir als Kolonialmacht in Ostasien Fuß gefaßt und ein Wörtlein mitzureden, wenn das verrottete Riesenreich der Chinesen mit seinen achthundert Millionen Einwohnern der europäischen Kultur erschlossen werden soll. Mit echt deutschem Fleiß wurde gearbeitet und gestrebt, um die Festungswerke bei Tsingtau, einem großen Dorf, das malerisch an die herrliche Bucht hingelagert ist, in jeder Weise zu fördern. Hunderte von Chinesenarbeitern wetteiferten mit den braven deutschen Soldaten, um aus dem chinesischen Chaos heraus nicht nur Forts und Schanzwerke, sondern auch Häuser und Lagerräume, ja zuletzt eine kleine Stadt entstehen zu lassen, die berufen ist, einst eine Rolle im Welthandel zu spielen.

Was Kapitän Truppel, dann Hauptmann Mauve mit kräftiger Hand begonnen, das setzte der Anfang April dort eingetroffene neue Gouverneur Kapitän zur See Rosendahl energisch fort. Besonders wurden die Arbeiten am Regierungsgebäude — dem Jamen — gefördert, denn dort sollte der Prinz-Admiral bei seinem Eintreffen in Kiautschau eine Reihe wohlausgestatterter Gemächer vorfinden, die ihn daran errinnern konnten, daß er sich im fernen Asien, in der neuen deutschen Provinz, auf deutschen Boden befinde.

Der Prinz hatte inzwischen Futschau, Tschingkiang, Hangtschou und andere große Chinesenstädte besucht, ging dann nach Schanghai, um von diesem Hafen aus an Bord des deutschen Kriegsschiffes "Kaiser" nach der Bucht von Kiautschau zu dampfen. Der Kreuzer war bereits fällig und jeden Augenblick konnte er in Sicht kommen. Zu der Ehrenkompagnie, die den Prinz-Admiral bei dem Betreten des Festlandes mit dreifachem Hurrah zu begrüßen hatte, war auch der Kadett Borlitz kommandiert worden.

Kapitän Truppel hatte den jungen Mann dem neuen Gouverneur empfohlen und dieser versäumte es nicht, den Kadett, der sich die besondere Gewogenheit des Prinzen Heinrich erworben, auf einen Posten zu stellen, auf dem der Prinz-Admiral sofort seiner ansichtig werden mußte.

Es läßt sich begreifen, mit welcher fieberhaften Aufregung unser Borlitz dem Erscheinen des Prinzen entgegen sah. Da, eines Morgens, wurde die Ankunft des solange Erwarteten vom Flaggschiff des Geschwaders signalisiert. Sofort feuerten die Kanonen von dem neu errichteten Fort ihre Donnergrüße in die See hinaus. Alle in der Bucht liegenden Geschwaderschiffe legten Flaggenschmuck an und ihre Geschütze bewillkommneten den deutschen Kaisersohn im fernen Osten. Um neun Uhr ging der stolze Kreuzer in der Bucht von Kiautschau vor Anker und bald darauf betrat der Prinz mit seinem Gefolge den neuen deutschen Boden in China.

Ein froher Zug lag in seinem, von der indischen Sonne gebräunten Gesicht. Er reichte dem Gouverneur die Hand und warf hierauf einen Blick auf die Umgegend. Die herrliche Bucht schien ihm zu gefallen. Sein Blick heftete sich mit lebhaftem Interesse auf die neu entstehende Stadt Tsingtau, dann musterte er das Fort, von dem die deutsche Flagge stolz herüber grüßte.

"Hier steht es ja viel besser aus, als ich es dachte," erklärte er dem Kapitän Rosendahl, "ich bin überrascht über das, was hier schon getan worden ist." "Es ist nur der Anfang Königliche Hoheit, aber man darf hoffen, daß mit der Zeit vieles hier geschaffen wird, das seine guten Früchte trägt," versetzte der Gouverneur. Prinz Heinrich schritt die Ehrenkompagnie ab und entdeckte den in strammer Haltung darstehenden Kadett von Borlitz. Ein freundliches Lächeln glitt über sein gebräuntes Gesicht.

"Da sind Sie ja, Borlitz," redete er diesen an, "was haben Sie hier bereits photographiert? — Ich würde mich freuen, wenn Sie mich in die Lage versetzen, eine Kollektion Ansichten von Land und Leuten in die Heimat schicken zu können." "Mein Apparat ist mir auf der Überfahrt von Hongkong hier, von einer Sturzsee über Bord gespült worden, Königliche Hoheit." "Das ist wirklich schade! — Ganz recht, ich erinnere mich, die "Deutschland" hatte sehr schlechtes Wetter."

Er besann sich einen Augenblick und fuhr dann fort: "Es wird wohl kaum möglich sein, hier einen Apparat für meinen geschickten Photographen Borlitz aufzutreiben, sie werden einen neuen aus Schanghai kommen lassen müssen." Jetzt meldete Kapitän Rosendahl, daß ein Berliner Kaufmann in Kiatschau sich befinde, der dort chinesische Bettfedern und ähnliche Dinge aufkaufe und nach Deutschland schicke. Der Mann sei Amateurphotograph und von ihm würde vielleicht, wenn vorläufig auch nur leihweise, ein Apparat zu beschaffen sein."
"Man kann immerhin einen Versuch machen und mit dem Herrn unterhandeln," versetzte der Prinz. "Borlitz muß einen neuen Apparat haben, denn ich will ihn auf meinen Reisen im Lande mitnehmen, damit er alle interessanten Punkte aufnimmt. In Deutschland gibt es eine Dame und zwei junge Prinzen, die sich für die Bilder des Borlitz, wie mir der Telegraph meldet, lebhaft interessieren," erklärte der Prinz-Admiral und spielte offenbar auf die Prinzessin Heinrich und seine beide Söhne an.

Nun begab sich der Prinz mit seinem Gefolge ins Regierungsgebäude, wo er von einer Deputation empfangen wurde, die ihm ein Stück Steinkohle, als Muster des in Kiautschau gefundenen Steinkohlenlagers, außerdem Reis, Hirse und ähnliche Landesprodukte entgegenbrachte. Diese Deputation bestand aus einigen europäischen Handelsherren, höheren Verwaltungsbeamten und mehreren reichen chinesischen Kaufleuten aus der Stadt Kiautschau.

Der Kadett kehrte in sein Quartier zurück. Nach den Worten, die der Prinz so gnädig an ihn gerichtet, war er der glücklichste Seemann in ganz Kiautschau. Mehr denn je beklagte er den Verlust seines Apparates. Wie würde sich Prinz Heinrich gefreut haben, wenn er in der Lage gewesen wäre, ihm gleich eine ganze Serie Bilder vorzulegen. In Liuting, Tsimo und überhaupt auf allen Posten, auf denen er bis heute gewesen, hätte er die beste Gelegenheit gehabt, die schönsten Aufnahmen zu machen. Natürlich dachte er fortwährend an den Kaufmann in Kiautschau und alle seine Hoffnungen klammerten sich an diesen Herrn, den er indessen gar nicht kannte. Gleich nach Tisch, es gab Hühnersuppe mit Reis und verlorenen Eiern, meldete sich der Sergeant Rott bei dem Kadett und überreichte ihm einen Brief mit der Adresse des Kaufmanns Langhammer.

"Der Herr Gouverneur sendet diesen Brief," meldete der Sergeant, "Sie wollen sich damit sofort nach der Stadt Kiautschau begeben und dort das Schreiben dem Kaufmann Langhammer überreichen. Das übrige wüßten Sie. Ich selbst bin zu Ihrer Begleitung kommandiert." "Großartig," rief Borlitz aus, "ich weiß schon alles. — Aber hier auf dem Umschlag steht nicht die Adresse. Wo wollen wir nun den Berliner dort finden? Das ist doch schwer, die Stadt Kiautschau ist ja groß?" "Ich weiß, wo Herr Langhammer wohnt," entgegnete ihm der Sergeant, "habe aber dem Herr Gouverneur gemeldet, daß es ganz unmöglich ist, eine Adresse anzugeben, denn wer kennt die Namen der chinesischen Straßen und Gassen? — Auch haben die Häuser keine Nummer."

"Dann ist ja alles gut, Sergeant," jubelte Borlitz, "ich denke, wir machen uns sofort auf den Weg? Hoffentlich bekomme ich den Apüparat, denn ich soll Seine Königliche Hoheit den Prinz-Admiral ins Land begleiten." "Bin bereits informiert," erklärte Rott, lächelte und hatte seine helle Freude an dem frischen, fröhlichen Kadett.

Die beiden machten sich sofort auf den Weg. Die Stadt ist etwa siebzig Kilometer von den Forts entfernt und der Weg dahin war auf den schlecht erhaltenen Straßen ein recht beschwerlicher. Die beiden Seeleute mieteten sich daher Pferde und trabten dem fernen Ziel zu. Nach einem langen, scharfen Ritt kam Tsungkou in Sicht, wo Sergeant Rott bereits bekannt war und daher schnell ein annehmbares Quartier erhielt. Ganz früh am anderen Morgen machten sich die beiden Seeleute wieder auf den Weg und gelangten gegen Mittag vor das alte Chinesentor von Kiautschau, das durch die grauschwarze Stadtmauer führte. Hier standen Marinesoldaten auf Wache und wurden natürlich freundlich begrüßt. Sie erkundigten sich nach dem Prinzen Heinrich und wurden nicht müde, Fragen zu stellen, die weder Borlitz, noch der Sergeant erschöpfend beantworten konnten.

Gleich rechts vom Tores ab ging es in eine winkelige, schmutzige Gasse hinein. In jedem Hause befanden sich da chinesische Kaufläden, in denen alle denkbaren Dinge zum Verkauf standen. Oft mußte Borlitz sich die Nase zuhalten, wenn er an einem chinesischen Delikatesengeschäft vorüberkam. In diesen Kaufstellen wurden leckere faule Eier, angebrütete Eier, die bereits kleine Hühnchen enthielten und ähnliche, für die Chinesen kostbare Genüsse, auch Fische aus der Bucht von Kiautschau feilgehalten. Da der Chinese in Kiautschau es nicht in der Ordnung findet, frische Fische zu essen, so müssen diese erst mindestens vierzehn Tage in der heißen Sonne gestanden haben, ehe sie für ihn genießbar werden.

Plötzlich war die Gasse durch Ballen von Federn, mit denen der Chinese nichts anzufangen weiß, mit altem Papier und Paketen alter Seidentuchfetzen abgesperrt. Eine ganze Anzahl Chinesen, die ihre Lasten noch auf dem Rücken oder über zwei Stangen trugen, drängten dem Eingang eines schmutzigen Hauses zu, an dessen Wände in riesiger Schrift chinesische Buchstaben gemalt waren. Ein häßlicher, viereckiger Turm, Godowns genannt, ragte hinter dem Haus empor und seitlich, an einer Einbuchtung der engen und nun unpassierbar gewordenen Gasse, befand sich eine Pagode.

"Hier ist das Kaufhaus des Herrn Langhammer," sagte jetzt der Sergeant, "wir haben hier schon manche vergnügte Stunde verlebt. Lassen Sie mich mal vorangehen, ich werde schon Platz machen." Mit den Ellenbogen bahnte sich der Soldat nun einen Weg durch die Chinesen und ihre Haderballen und erreichte mit Borlitz bald den Eingang des Hauses. Sie gelangten indessen nicht in ein Zimmer, sondern in einen ringsum von alten Gebäuden umschlossenen Hof. Mitten unter haushoch aufgestapelten Ballen, auf einem Tisch, stand ein kräftiger Mann und schrie fortwährend die sich mit Waren herandrängenden Chinesen an. Ein Kommis saß am Tisch und hatte eine Mulde aus Holz vor sich, die mit chinesischem Geld bis an den Rand angefüllt war. So oft ein Chinese einen Ballen gebracht hatte, erhielt er von den Kommis eine Anzahl Münzen, Kesch genannt, und freudig lief er, nachdem er sein Geschäft gemacht, davon.

Dieser Herr auf dem Tisch, der sich schon heiser geschrien, war der Berliner Kaufmann Langhammer. Als er die beiden Soldaten sah, sprang er vom Tisch herunter und kam auf sie zu. "Herr Sergeant," rief er aus, "das freut mich, daß Sie sich auch wieder blicken lassen. Der Prinz-Admiral ist unten, an der See! — Alle Chinesen wissen das bereits. Ich habe für heute genug gekauft und bin erschöpft. Gleich werde ich schließen, warten Sie nur einen Augenblick."

Der Kaufherr ließ nun einen langgezogenen, mit Zischlauten vermischten Ruf erschallen. Die Chinesen machten verdutzte Gesichter, aber dann zog sich einer nach dem andern mit seinen nicht an den Mann gebrachten Warenballen zurück. "Wie gehen die Geschäfte, Herr Langhammer?" erkundigte sich der Sergeant. "Großartig, werde bald ein ganzes Schiff befrachten können. Für die Bettfeder zahle ich jetzt nur noch drei Kesch das Pfund, also ungefähr fünf Pfennige, und selbst zu diesem Preis schleppt man mir so viel zu, daß ich mir nicht helfen kann. Diese Federn kosten, wenn Sie gereinigt sind, in Berlin fünf Mark das Pfund, en gros etwas billiger, aber immerhin kann ich bestehen, es lebe Kiautschau.!"

Borlitz wurde vorgestellt und fand nun Gelegenheit, seinen Brief den stark beschäftigten Mann zu überreichen. Dieser las ihn sofort durch und war nicht wenig stolz darauf, daß ihn der allgemein beliebte Gouverneur von Kiautschau mit einer Zuschrift beehrte. "Den Photographierkasten können Sie Sie haben, Herr von Borlitz, ich habe doch keine Minute Zeit, mich mit dem Ding hier abzugeben. Es ist daran alles in guter Ordnung, Sie können sofort Aufnahmen machen." Inzwischen hatte auch der Kommis Schluß gemacht, nahm seine Mulde mit dem Geld unter den Arm und ging vergnügt mit seinem Chef und den Soldaten ins Haus.

Die Wohnstube, in die der Kaufmann seine Gäste führte, war reinlich und nett ausgestattet, sodaß Borlitz fragte, woher Herr Langhammer die Möbel bekommen habe? "Läßt es sich hier nicht leben bei Hühnerfleisch und Eiern, meine Herren?" fragte Herr Langhammer fröhlich, "die ganzen Möbel habe ich mit Hilfe des Herrn Kurz selbst hergestellt!" Er blickte bei diesen Worten lächelnd zu seinem Kommis, Herrn Kurz hinüber. Es gab in diesem Zimmer Stühle, einen reparierten Chinesentisch, ein Ruhebett, eine Teekanne und ähnliche Dinge. Ein chinesischer Diener, mit geschorenem Kopf und langen Zopf, brachte Wein und Bier auf den Tisch und nun lad der Kaufherr seine Gäste ein, sich gemütlich niederzulassen.

Man füllte sich die Gläser und stieß an. Das erste Glas wurde auf das Wohl Seiner Königlichen Hoheit den Prinzen-Admiral gellert, dann wurde des Kaisers Wilhelm voll Liebe und Verehrung gedacht und zuletzt auf seine wackere Marine angestoßen. Endlich konnte der Gastgeber daran denken, seinen photographischen Apparat herbeizuholen. Das Herz schlug Borlitz stürmischer, als er den Apparat erblickte. Herr Langhammer stellte vor dem Kadett den Kasten mit dem Apparat auf den Tisch und zeigte ihm, daß nichts, auch nicht das geringste fehlte.

"Ich übergebe Ihnen die ganze Herrlichkeit und mache damit der Besatzung von Kiautschau ein Geschenk," erklärte der Kaufmann, "bringen sie alle Schönheiten und Merkwürdigkeiten des neuen deutschen Landes auf die Platte, damit die in der Heimat wenigstens einen schwachen Begriff davon bekommen, welch ein schönes und nützliches Land Kiautschau ist. Es lebe unser Kaiser Wilhelm, es lebe Deutschland!"

Am liebsten würde Borlitz mit seinem Apparat auf- und davongelaufen sein, nur um so rasch wie möglich in sein Quartier zurückzukommen, aber das wäre unhöflich gewesen, durch einen allzu raschen Aufbruch würde man den freundlichen Geber beleidigt haben. Endlich kam die Stunde der Trennung. Borlitz wollte sich dankbar von dem braven Deutschen verabschieden, dieser aber sagte lächelnd:
"So ist's nicht gemeint, Herr von Borlitz, ich komme mit und begleite Sie noch ein Stück, damit Sie mir noch etwas von unserm Prinzen Heinrich und der Herreise erzählen können. Folgen Sie mir, meine Herren, ich lasse es mir nicht nehmen, Ihr Führer zu sein."

Draußen vor dem Hause stand eine riesige, altertümliche Tragsänfte. Der alte, zwischen zwei dicken Stangen hängende Kasten war groß genug, um fast eine ganze Familie aufzunehmen.
"Das ist die Sänfte eines Mandarinen, ich habe das Ding für mich gekauft. Steigen Sie ein, meine Herren, die Kulis werden uns schon tragen, Ihre Pferde soll mein Diener nachbringen." Sie stiegen vergnügt ein, acht kräftige Chinesen hoben die Sänfte auf und fort ging es, zum Stadttor von Kiautschau hinaus nach Taputau, um von dort aus mit dem Dampfer nach dem gegenüberliegenden Tsingtau zurückzukehren.

Quelle: Prinz Heinrich in Kiautschau, Conr. Fischer-Sallstein, Globus Verlag, von rado jadu 2000

 

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