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Prinz Heinrich in Kiautschau

Reisen zu Wasser und zu Lande des Prinz-Admiral in Indien, China, Japan (1898-1900)

Dreizehnter Abschnitt

Unsicherheit im Lande. Entschlüsse des Prinz-Admirals. Chinesische Christen vor Prinz Heinrich. Der Tautoi und Prinz Heinrich.

Der Besuch des Prinzen Heinrich in Kiautschau als Stellvertreter des deutschen Kaisers war für die neuerworbene Provinz von großer, auch politischer Bedeutung. Die Verhältnisse mit dem großen Chinareiche wollten sich nicht freundlicher gestalten, auch dann nicht, als der Prinz bereits im Lande weilte.

Die Zustände an der Grenze wurden immer bedenklicher. Verdächtige Rotten, die bis an die Zähne bewaffnet waren, tauchten da und dort auf; Räuberbanden, aus führerlosen gewordenen chinesischen Soldaten zusammengesetzt, zeigten sich im Lande, ja zuletzt zog sich eine große Armee jenseits der Grenze zusammen und man mußte in Kiautschau täglich darauf gefaßt sein, daß eine Horde solcher streitlustiger Chinesen ins Land brach und die deutsche Besatzung erdrückte.

Zwar erklärte die schlauen chinesischen Großen und Machthaber, daß sie diesem Treiben der Aufständigen und das sie die Schuldigen einfangen und als Rebellen bestrafen wollten, aber die Flauheit, mir der sie nur scheinbar ihren Versprechungen nachkamen, eine Flauheit, die nur zu oft den Eindruck von Spott und Hohn machte, bestimmten den Prinzen Heinrich endlich, einen energischen Schritt zu tun und sich bei dem Beherrscher des himmlischen Reiches selbst einmal sehen zu lassen. Die schlauen Chinesen in Peking sollten einen deutschen Kaisersohn kennen und seine Macht achten lernen, damit sie seine Freunde würden. Es war auf einem Ritt von Tsimo nach der Stadt Kiautschau, als der Prinz-Admiral zuerst diesen kühnen Entschluß seinem Gefolge mitteilte.

"Ich muß einmal den Kaiser von China in seiner Hauptstadt aufsuchen," sagte er, "nur dann wird hier ein anderer Wind wehen. Mit den Versicherungen von Ergebenheit und Freundschaft, die mir da die Mandarinen immer wieder erteilen, und heimlich um so mehr die Unsicherheit an der Grenze zu fördern, bin ich nicht mehr zufrieden. Ich gehe jetzt nach Peking und will den Chinesenkaiser sprechen." Die Umgebung des Prinzen war sprachlos vor Erstaunen. Man hielt es für ganz unmöglich, daß ein Europäer, und wenn es ein König oder Kaiser war, den Beherrscher des himmlichen Reiches so nahe kam, daß er mit ihm selbst verhandeln könnte. Noch nie wurde bis zu dieser Stunde von einem fremden Fürsten ein solcher Versuch gemacht und darum schüttelten die Herren des Gefolges die Köpfe und Kapitän Müller meinte:
"Königliche Hoheit, ein solcher Entschluß könnte leicht die Veranlassung zu einem offenen Konflikt zwischen Deutschland und dem chinesischen Reich werden. Der Kaiser von China, der seinem Volke mehr ein Gott als ein Herrscher ist, in dessen Angesicht kaum ein lebender Mensch zu blicken wagt, wird sich eher hinter Berge von Mandarinen und gRoße des Reiches verschanzen, oder gar seinen Palast verlassen, als meinen Prinz-Admiral empfangen."

"Reden Sie mir meinem Entschluß nicht aus," entgegnete Prinz Heinrich, "ich kenne alle Bedenken, die meinem Vorhaben im Wege stehen und habe längst mit diesen gerechnet. Schon in Nanking habe ich meine Absicht einem englischen Herrn gegenüber geäußert und habe gesehen, daß der Herr fast auf den Rücken fiel, aber das hält mich nicht ab, zu tun, was ich für die Interessen Deutschlands nützlich finde. Es bleibt also dabei, ich gehe zum Kaiser von China nach Peking."

Der Prinz blieb bei seinem Entschluß und bald sollte die ganze Welt mit Erstaunen hören, wie er es verstand, das Unmögliche möglich zu machen. In seinen Wohnräumen im Regierungsgebäude angekommen, schrieb er mit eigener Hand einen Brief an den deutschen Gesandten in Peking und machte diesen mit seinem Plan bekannt.
"Nicht an den bBeherrscher des chinesischen Reiches dürfte es liegen," führte der Prinz in seinem Schreiben aus, "wenn mein Plan scheitern sollte, sondern nur an den Machinationen der eifersüchtigen europäischen Mächte. Es ist darum Ihre Aufgabe, alle Schritte in dieser Richtung derart einzuleiten, daß mein Unternehmen bis zur letzten Stunde Geheimnis bleibt."

Schon am folgenden Tage machte der Prinz seine Umgebung mit dem Gedanken vertraut, daß sich sämtliche Herren zur Abreise nach Peking bereit zu halten hätten. Borlitz, der den Prinz Admiral auf fast allen seinen Ausflügen begleitete, war auch heute wieder dienstfrei, damit er seine Bilder fertig machen, auf gutes Papier aufziehen und dem Geschwaderchef Prinz Heinrich überreichen konnte. Die Bilder sollten alsdann sofort nach Deutschland gesandt werden. Aber trotz dieser zeitraubenden Beschäftigung hatte er seinen lieben Freund Adolf Zappe in Plauen nicht vergessen. Er Empfand das Verlangen, dem guten Jungen einmal zu schreiben, was das chinesische Reich eigentlich zu bedeuten habe und entschloß sich, zur gründlichen Erörterung dieser Frage einen kleinen Aufsatz zu verfassen und diesen dem Freund nach Plauen zu senden. Bald saß er vor einem großen Bogen Papier und schrieb:
"Mein guter Freund! Meine Zuschrift aus Colombo wirst Du erhalten haben. Heute will ich Dir etwas über China schreiben. Du kannst Dir kaum denken, was China für ein großes, herrliches Reich ist und was es für sonderbare Bewohner hat. Ich habe auf meinen ganzen Reisen zur See noch kein Land gesehen, das so dicht bevölkert wäre und so vorzüglich angebaut ist. Die schlechtesten Länderstrecken haben diese gelbe Menschen, die keine Ruhe und keine Rast kennen, zu blühenden Fluren umgewandelt. Der Ackerbau ist der Lebenszweck dieses Volkes, alles andere kommt erst in zweiter Linie. Der Chinese kennt keinen Feiertag, er rastet nie. Sonntage gibt es also hier nicht und unsre Kulis in den Festungswerken wissen gar nicht, was das zu bedeuten hat, daß er es immer einen Tag in der Woche gibt, an dem sie nichts zu tun brauchen und spazieren gehen können.Gern ging ich einmal nach Peking, um mir die geheimnisvollen Paläste des Chinesenkaisers anzusehen, aber ich glaube nicht, daß ich jemals dort hinkommen werde, denn wenn hier die neuen Besatzungstruppen anlangen, geht's wieder auf die schöne See hinaus."

Bis dahin hatte Borlitz geschrieben, als die Tür zu seinem aus Brettern gezimmerten Stübchen sich öffnete und ein Adjutant des Prinzen Heinrich in die Stube trat. "Herr Graf," rief Borlitz aus und sprang empor. "Wie steht es mit den Bildern? forschte Graf Spee, "Königliche Hoheit haben soeben danach gefragt; sind sie gelungen, oder hat Ihnen das gelbe Wasser auch einen schlechten Streich gespielt und die Kopien verdorben?"

Der Kadett legte dem Offizier einige fertige Bilder vor und erklärte ihm, daß die letzten Aufnahmen noch nicht fertig seien. Die Aufnahme der Prinz Heinrich Höhe, sowie das Felsensteindenkmal zum Andenken an die Besitzergreifung von Kiautschau befanden sich noch im Entwickelungsbade. der Graf betrachtete die vorgelegten Bilder mit Interesse. "Gar nicht übel," lobte er Borlitz, "ich glaube, daß Seine Königliche Hoheit damit recht zufrieden sein wird. In der Tat, Borlitz, Sie haben die schönste Aussicht, der Hofphotograph Seiner Königlichen Hoheit zu werden."

Der Kadett wurde dunkelrot im Gesicht. Er fühlte sich durch diesen Scherz verletzt und antwortete klar und trotzig: "Nein, Herr Graf, ich will einmal Admiral werden!" "Das wollen wir auch wünschen, selbstverständlich wird der Kadett von Borlitz einmal Admiral! — Nun habe ich Ihnen noch eine Eröffnung zu machen, die Ihnen Freude machen wird, Borlitz, ich hoffe doch?"

Erwartungsvoll blickte der junge Mann den Offizier an. "Wir gehen in ganz kurzer Zeit, — es kann das plötzlich kommen und hängt lediglich von dem Eintreffen einer Depeche ab — in See nach Taku und von dort über Tientsin nach der Hapt- und Residenzstadt des Kaisers von China." "Und ich darf mitkommen?" fragte der Kadett. "Selbstverständlich, der Hofphotograph des Prinz-Admirals muß mit dabei sein. Sie sind zum Gefolge befohlen worden, das unsern Prinzen nach Peking ins Herz Chinas begleitet."

Borlitz machte fast einen Luftsprung vor Freude. Sein sehnlichster Wunsch sollte in Erfüllung gehen. Mit dem dringenden Ersuchen, die Bilder so bald als möglich fertig zu machen, denn Prinz Heinrich wollte die Photographien sofort nach Deutschland schicken, verabschiedete sich Graf Spee von dem Kadett. Nun widmete sich Borlitz mit wahrem Feuereifer seiner Aufgabe. Nachdem die letzten Aufnahmen entwickelt und getrocknet waren, zog er die gut gelungenen Bilder auf kleine Kartons auf, schlug dann die einzelnen Bilder fein säuberlich in weißes Papier ein und verließ hierauf seine kleine Bretterkabine, um den hohen Gönner die Photographien abzuliefern.

Als er vor das Regierungsgebäude kam, stand dort eine große Anzahl Chinesen im Halbkreis aufgestellt und blickten erwartungsvoll nach den Gemächern des Prinzen hinauf. Von einem Soldaten erfuhr nun Borlitz, daß das chinesische Christen seien, die unter der Führung ihres Bischofs den Prinz-Admiral aufgesucht, um seinen Schutz gegen die Christenverfolger jenseits der Grenze anzurufen. Gerade während der Anwesenheit des Prinzen Heinrich in Kiautschau war in der Nähe von Tsimo und in dieser Stadt selbst eine grausame Christenverfolgung zum Ausbruch gekommen. Die Chinesen hatten den armen Leuten nicht nur die mühsam erbaute Kirche nebst dem Schulhause niedergebrannt, sondern sie ermordeten auch noch einen Missionar und eine große Anzahl chinesischer Christen.

Und das alles geschah unter den Augen des Tautoi von Tsimo, der erst jüngst dem Prinz-Admiral die Versicherung erteilt, daß ihn aufrichtige, freundschaftliche Gefühle für Deutschland beseelten.

Die Posten ließen Borlitz passieren, er stieg die nagelneue Treppe empor und gelangte in den neu hergerichteten Empfangssaal, in welchem das lebensgroße Bild Seiner Majestät des Deutschen Kaisers Aufgestellt war. In diesem Saale hatten etwa zehn Chinesen, die alle mit dem Kreuz geschmückt waren, Aufstellung genommen. Ein katholischer Priester im Ornat — von der deutschen Mission in China — stand an ihrer Spitze und unterhielt sich lebhaft mit dem Hofmarschall des Prinzen Heinrich. Der Kadett nahm im Hintergrund in einer Ecke Platz, weil er ja doch nicht hoffen konnte, jetzt schon mit seinen Bildern bis zu dem Prinz-Admiral vorzudringen.

Da erschien der Prinz selbst in seiner goldtrotzenden Admiralsuniform und begrüßte die Deputation. "Der machtvolle Schutz, den Seine Majestät Kaiser Wilhelm der sache des Christentums in China angedeihen ließ," begann der noch jugendliche Priester, "hat uns ermutigt, in unserm Jammer und in unsrer Not uns an Eure Königliche Hoheit zu wenden, damit wir vor der gänzlichen Vernichtung gerettet werden. Die Heiden haben uns in der Nacht überfallen, unser Kirchlein niedergebrannt und die Altargefäße geraubt, das mühsam erbaute Schulhaus in Asche gelegt und unschuldige Christenkinder, sowie den Vorsteher der gemeinde grausam ermordet. Das Blut der frommen schreit zum Himmel, wir bitten um den Beistand Eurer Königlichen Hoheit!"

"Welch ein Unglück," rief Prinz Heinrich aus, "wie verhält sich der Tautoi von Tsimo zu diesen grausamen und feigen Vorgängen?" "Seine Polizisten hetzen den Pöbel auf und beteiligten sich an Raub und Mord." "Unerhört! Ich werde sofort Schritte tun und wenn nicht auf der Stelle in Tsimo die Schuldigen ergriffen und bestraft werden, dann besetze ich die Stadt."

Im Ton tiefster Entrüstung hatte der Prinz gesprochen. Getreu dem Versprechen, das er seinem Bruder und Kaiser beim Abschied gegeben, daß er da, wo zugegriffen werden müsse, auch gleich tüchtig zugreifen werde, diktierte er sofort seinem Adjutanten einen Befehl, der durch den Hauptmann Mauve, an der Spitze einer Kompagnie Marinesoldaten, dem Tautoi von Tsimo übergeben werden sollte. "Weiegrt sich der Tautoi und macht er Ausflüchte, dann ist es mein Wille, daß der Mann verhaftet wird und die Stadt Tsimo abermals von deutschen Truppen besetzt bleibt, bis diese Untat ihre volle Sühne gefunden!" befahl der Prinz.
Der Adjutant stürmte fort.

Der Prinz beruhigte nun die Christen und empfahl ihnen, solange in Tsingtau zu bleiben, bis die Verhältnisse in Tsimo sich geändert hätten.Mit der Versicherung, daß die Christen auch jenseits der Grenze stets unter dem starken Schutze des Kaisers von Deutschland stehen würden, entließ der Prinz die Deputation. Borlitz sah ein, das diese Stunde wohl nicht geeignet sei, dem Prinz-Admiral seine Bilder zu überreichen und er verließ darum das Gebäude, um in einiger Zeit wiederzukommen.

Ein große Aufregung hatte inzwischen die in den Baracken und im Fort liegenden Soldaten ergriffen. Die bedeutungsvollen Worte des Prinzen Heinrich hatten schnell ihren Weg unter diese gefunden und alle glaubten, daß die Stadt Tsimo nun wieder besetzt und dem deutschen Reiche doch noch einverleibt werden würde. Die Aufregung unter den Mannschaften dehnte sich bis auf die Besatzung der Geschwaderschiffe aus und bald herrschte im ganzen Lager ein Jubel und eine Freude, wie nach einer gewonnenen Schlacht. Inzwischen hatte Hauptmann Mauve die zweite Kompagnie alarmiert und scharfe Munition austeilen lassen. Nun rückten die Truppen im Eilmarsch ab, hinein nach Tsingtau und von da nach Tsimo.

Viel früher, als es dem Hauptmann Mauve möglich war, aufzubrechen, hatten sich einige Chinesen, die unter der Masse vor dem Regierungsgebäude standen, heimlich davongemacht und eilten nach Tsimo, um den Tautoi zu verraten, was sich hier ereignet und er zu erwarten hatte. Der Tautoi unterhielt immer seine Spione im deutschen Lager und war in der Regel sehr schnell von allem unterrichtet, was hier vorging. Die Spione steckten sogar unter den Erdarbeitern und verstanden es vortrefflich, auszuhorchen, ohne sich erwischen zu lassen. Als nun der Tautoi durch seine Spione erfuhr, daß deutsche Soldaten im Anzuge seien, um die Christenverfolgung, die in seinem Gebiet zum Ausbruch gekommen, zu bestrafen, ergriff ihn ein tödlicher Schreck und er glaubte bestimmt, daß die Stadt Tsimo diesmal eine schwere Strafe erleiden und eine ständige Besatzung erhalten würde.

Im ersten Augenblick wollte er sein Heil in der Flucht suchen, besann sich aber eines andern, rief seine Polizisten zusammen und befahl diesen, eine Anzahl Schuldiger kurzer Hand zu verhaften und vor ihn zu bringen. Natürlich wurde dieser Befehl sofort ausgeführt. In kaum einer Stunde waren fünf Mordbrenner ergriffen und fürchterlich gebunden nach echt chinesischer, grausamer Sitte vor den Tautoi gebracht.

Die armen Sünder wurden nun in der Eile zusmmengekoppelt, der Tautoi umgab sich mit einer Anzahl Polizisten, bestieg seine schöne Sänfte und eilte auf den kürzesten Weg, immer bestrebt, in der Nähe der Landstraße zu bleiben, nach Tsingtau. Von dort ließ er sich, immer von seinen Polizeisoldaten begleitet, die die Gefangenen mit sich schleiften, nach dem deutschen Lager zu dem Prinz-Admiral tragen.

Prinz Heinrich stand gerade bei den Geschützen im Fort, als der sonderbare Besuch eintraf. Die Kulis setzten die Tragsänfte ab, der Tautoi stieg heraus und näherte sich nun zitternd und bebend der majestätischen Gestalt des Kaisersohnes. Dieser warf einen verächtlichen Blick auf die gefesselten Jammergestalten, dann winkte er einen seiner bewährten Dolmetscher heran und die Unterredung begann:
"Mächtiger Herr und gewaltiger Gebieter," begann der Chinese und hockte sich vor den Prinzen in den gelben Sand, "gestatte dem niedrig geborenen, kläglichen und schwachen Tautoi von Tsimo, vor Dir im Staub zu liegen und in Dein Sonnenantlitz zu sehen. Ich habe blutige Tränen geweint, Mächtiger und Gerechter, als ich hören mußte, daß fremdes, bei Nacht in mein Land eingedrungenes Raubgesindel den Tempel der Christen zerstört, Blut vergossen und in Brand und Raub geschwelgt hat: Ich ließ die Schuldigen sofort ergreifen und lege sie vor dich in den Staub. Zertrete sie mit Deinen gewaltigen Füßen, bereite ihnen Folterqualen und töte sie!"

Der Prinz lächelte seltsam. Diesen schlauen Schachzug des Tautoi durchschaute er sofort. Er kannte die Chinesen bereits zu genau, um sich nicht sofort die Frage vorzulegen, jene sehr wichtige Frage, ob die armen, gebundenen Kerle da wirklich die Schuldigen seien? War es nicht wahrscheinlich, daß der schlaue Tautoi, um sich aus der Verlegenheit zu helfen, die ersten besten Gefangenen aus dem Kerker aufgriff, nur um so die wirklich Schuldigen zu decken? — Das war echt chinesisch und Prinz Heinrich dachte daher auch nicht daran, es mit den Gefangenen ernst zu nehmen.

"Ich verlange nichts," entgegnete der Prinz-Admiral,"als daß das schwere, an den Christen begangene Verbrechen voll und ganz gesühnt wird. Die Kirch und das Schulhaus müssen wieder aufgebaut werden, die geraubten Gegenstände sind wieder zur Stelle zu schaffen und außerdem einem jeden der Christen eine Geldsumme zur Verfügung zu stellen, die hinreicht, seinen Verlust zu decken. Ferner ist eine größere Summe in die Kirchenkasse der gebrandschatzten Gemeinde zu zahlen."

Als der Dolmetscher die Worte des Prinzen dem Tautoi übertragen hatte, faßte dieser sich am Zopf. "Deine gewaltige Hand schlägt einen Unschuldigen," schrie er auf, "das Volk von Tsimo wird sich gegen mich empören, man wird mich töten! Die Regierung in Peking wird mich, den Unwürdigen, verdammen und ins Gefängnis werfen." "Es bleibt bei meinem Befehl," erklärte Prinz Heinrich, "nimm ruhig Deine Gefangenen wieder mit, ich habe nichts mit ihnen zu schaffen. Meine Soldaten bleiben so lange im Jamen (Regierungsgebäude) von Tsimo liegen, bis der Gerechtigkeit Genüge getan und voller Schadenersatz gegeben ist."

Mit diesen Worten wandte sich der Prinz von dem in reiche Seide gekleideten Mandarinen ab und ging davon. Der Tautoi schlüpfte wieder in seinen Tragsessel, warf aber, ehe er die Glastür zuklappte, einen scheuen Blick nach den deutschen Soldaten und Kanonen hinüber und ließ sich dann eiligst davontragen. Natürlich wurden die Gefangenen wieder fortgeschleppt und nach Tsimo zurückgebracht.

Erst am andern Tage langte er in seiner Residenz an. Ein wahres Entsetzen erfaßte ihn aufs neue, als er seinen Palast von deutschen Soldaten besetzt fand. Über die Aufgabe des Hauptmann Mauve, den er bereits von früher kannte, war der Tautoi breits im klaren. Daß die Soldaten nicht eher aus der Stadt weichen würden, bis der Gerechtigkeit so Genüge geschehen, wie Prinz Heinrich es anbefohlen, das wußte er. Da die Chinesen der klugen Ansicht huldigen, daß man einen großen und mächtigen Feind viel besser behandeln müsse, als einen kleinen und unbedeutenden, so behandelte er die Soldaten wie seine besten Freunde und ließ ihnen alles auftragen, was die Küche eines Tautoi nur immer bieten konnte.

Inzwischen aber war der Mandarin bestrebt, so viel wie möglich wieder alles gut zu machen, was an den Christen gesündigt worden war. Kaum drei Tage später waren die wirklich Schuldigen ergriffen und hingerichtet. Unter den Hingerichteten befanden sich drei Polizeisoldaten des Tautoi. Eine große Geldsumme wurde in der Stadt zusammengetrieben, die flüchtigen Christen aus Tsingtau nach Tsimo zurückgeholt, mit Ehren überhäuft und reich mit Geldmitteln ausgestattet. Nun erst konnte Hauptmann Mauve mit seiner Kompagnie nach dem Barackenlager zum Geschwaderchef zurückkehren.

Seit jener Zeit ist keine Christenverfolgung im Bezirk des Tautoi mehr vorgekommen, das mannhafte Auftreten des Prinz-Admirals hat gute Früchte getragen.

Quelle: Prinz Heinrich in Kiautschau, Conr. Fischer-Sallstein, Globus Verlag, von rado jadu 2000

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