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Prinz Heinrich in Kiautschau

Reisen zu Wasser und zu Lande des Prinz-Admiral in Indien, China, Japan (1898-1900)

Vierzehnter Abschnitt

In Peking. Die drei Städte. Die verbotene Stadt. Der arme Kaiser von China.

Der Prinz-Admiral, Prinz Heinrich von Preußen, war mit einem imponierenden Gefolge als Vertreter des Deutschen Kaisers in der Haupstadt des himmlichen reiches, in Peking erschienen. Diese Tatsache erregte das stürmische Aufsehen in den englischen, französischen und russischen Gesandtschaften. Wohl wußte man, daß diesem Besuch in der Riesenstadt eine besondere Bedeutung zu Grunde liege, aber niemals hätten es die Vertreter der fremden Mächte sich träumen lassen, daß ein deutscher Prinz den Mut haben würde das Jahrtausend alte Zeremoniell des Hofes von Peking zu durchbrechen. Um die ganze Bedeutung dieses Schrittes zu begreifen und würdigen zu können, müssen wir zuerst den chinesischen Kaiserhof und seine Umgebung kennen lernen.

Peking selbst zerfällt in drei Teile und zwar in die Chinesenstadt, in die Tartarenstadt und in die Kaiserstadt. Eine jede dieser Städte ist von einer mächtigen Mauer umgeben, durch die unzählige, uralte Tore führen. Diese drei Städte bedecken eine Landfläche von etwa vier deutschen Meilen und beherbergen eine Einwohnerschaft von 600 000 Seelen.

Nach der Eroberung Pekings durch die tapferen und siegreichen Mandschus und nach der endgültigen Ansetzung der Tsing Dynastie wurde die Stadt in der erwähnten Weise zergliedert und derart geregelt, daß man die Tartaren, also die Mandschus, um die kaiserlichen Paläste ansiedelte; zum Schutz für das Kaiserhaus gegen etwaige Gefahren, während den unterjochten Chinesen die Außenquartiere angewiesen wurden. Bis noch vor kurzer Zeit durfte es kein Chinese wagen, sich in der Tartarenstadt anzusiedeln. Nachdem Jahrzehnte hindurch die Bevölkerung der Tartaren und der Chinesenstadt sich mit einander vermischt hatte, so daß man die Mauern kaum noch beachtete, ist das alte Verbot gerade jetzt in den chinesischen Wirren, in denen der Thron der Mandschus bedenklich zu wanken beginnt, von neuem erlassen und die alte Ordnung und jene Gesetze über beide Städte sind sogar verschärft worden. Der Hof von Peking betrachtet nur die Mandschus, also die Tartaren, als wirkliche Stützen des Thrones und mißtraut den Chinesen.

Kommt man aus der winkeligen, überbevölkerten Chinesenstadt durch das gewaltige Himmelstor, an dem dicke, fette Mandschusoldaten mit grimmigen Gesichtern und fürchterlichen, uralten Waffen Wache halten, so gelangt man in die Tartarenstadt. Kaum hat man das Tor passiert, so erblickt man den Eingang zur Kaiserstadt, die, wegen der gelben Dächer auf Tempeln und Palästen, auch die gelbe Stadt genannt wird. Ein recht wüster, sandiger Vorplatz wird von einem schwerfällig gebauten, niederen, mit drei Eingängen versehenen Tor abgeschlossen. Das Dachwerk dieses plumpen Torbaues ist mit gelbglasierten Ziegeln versehen, die einen schmutzigmatten Glanz zeigen, sobald die Sonne darauf scheint.

Durch das südliche Haupttor nimmt nur der Kaiser seinen Ein- und Ausgang und dieses ist Tag und Nacht streng bewacht und verschlossen, die übrigen drei Nebentore, das nördliche, das östliche und westliche, sind am Tage geöffnet, so daß man unbehindert gewisse Teile der kaiserlichen Stadt betreten kann.

Diese Stadt wurde vom Kaiser Joung-lo ums Jahre 1406 angelegt. Sie wird von einer fast unbezwingbaren Mauer von sechszehn Fuß Breite umschlossen, die eine Ausdehnung von zehn Kilometer besitzt und sich wie eine gelbe Riesenschlange um die kaiserlichen Paläste, Pagoden, Tempel, Klöster und Ministerialgebäude windet, sowie um den geheimnisvollen kaiserlichen Park, mit seinen wunderbaren Anlagen und Teichen, und so das kaiserliche Anwesen von der Welt vollständig abschließt.

Einer der merkwürdigsten Punkte in diesen Gärten ist der von der Ming Dynastie hier aufgeschüttete Kohlenbarg. Diese Kohlen wurden hier aufgestapelt, damit, wenn die Kaiserstadt einmal belagert werden sollte, der Beherrscher des himmlichen Reiches im Winter nicht zu frieren braucht.

In dieser kaiserlichen Stadt, in der ein oft recht lebhafter Verkehr herrscht, liegt die verbotene Stadt. — Man nennt diese Stadt auch die "Purpurne". Sie ist umgeben von einem 60 Fuß breiten Graben und von einer gewaltigen, 22 Fuß hohen Mauer, die mit Zinnen versehen ist und auf deren vier ecken sich je ein Pavillon erhebt.

Vier streng bewachte Tore führen in diese verbotene Stadt und zwar liegen diese Tore nach den vier Himmelsrichtungen. Das Haupttor bildet auch hier das südliche, das Tor der "hohen Lauterkeit" genannt. Zwei Löwen aus Granitsteinen halten Wache. Geht man an dieser Löwenwache vorbei durch das Tor, so gelangt man auf einen freien Platz, der mit gelben Sand bestreut ist.

Dieser freie Platz wird abermals durch ein hohes, imposantes Tor abgeschlossen, unter dem es von Mandschusoldaten wimmelt.Auch dieses Tor muß passiert werden und nun gelangen wir in einen weiten, gepflasterten Hof, der durch ein großes Palais abgeschlossen wird.

Das ist der Palast "T-a-ho-tien." In diesem großen, im reichsten chinesischen Stil aufgeführten Gebäude befindet sich der Thron- und Audienzsaal des Kaisers. Hier gibt der Beherrscher des himmlischen Reiches den fremden Gesandten Audienzen und hier werden an seinem Geburtstage und am Neujahrstage die Großen des Reiches, die Prinzen und Prinzessinnen empfangen.

In früheren Zeiten mußten die Gesandten fremder Mächte kniend vor dem Herrscher erscheinen, oder gar das Gesicht zur Erde wenden. Jetzt ist diese entwürdigende Gepflogenheit längst durchbrochen und hochaufgerichtet bringen sie heute dem über 800 Millionen gebitenden Kaiser ihre Anliegen vor.

Hinter diesem Palast eröffnet sich ein neuer Hof, der abermals durch ein Palais abgeschlossen wird. In diesem Palast werden die religiösen Feierlichkeiten abgehalten.

Es folgen dann in gerader Linie noch sechs weitere Höfe mit sechs Palästen, und unter diesen befindet sich der Palast des Kaisers, der Palast für die Ministerempfänge und der Palast für die Hochzeitsfeierlichkeiten der kaiserlichen Familie.

Diese Reihe von Palästen und Höfen sind auf der westlichen und östlichen Seite mit einer hohen, von vielen Toren durchbrochende Mauer umgeben. Seitwärts von diesen Palästen, abermals von einer Mauer umkreist, befinden sich noch eine große Anzahl von Palästen und Höfen, in denen die Kaiserin-Witwe mit ihren Frauen, die Garde des Kaisers und die zahllosen Diener wohnen.

Auch befindet sich in diesen Gebäuden des Theater, das Lazarett, die Aufbewahrungshallen der Seide und des Tees, der Kleider und der Pelzwerke des kaiserlichen Haushaltes, das Schatzamt und die Medizinvorräte. Dann erst folgen die Gärten und Anlagen.

In diesen Gärten, die wohl kaum je von einem Europäer betreten wurden, erheben sich die geheimnisvollen Tempel, die den Ahnen des Herrschers geweiht sind und in denen dieser seine Anbetung der Erd- und Himmelsgeister vornimmt.

Die eigentlichen Parkanlagen und Lustgärten liegen hinter der verbotenen Stadt und zwar erreicht man, wenn man die letztere durch das nördliche Tor verläßt, zuerst den bereits bezeichneten Kohlenhügel. Dieser Berg hat eine Höhe von 70 Metern und einen Umfang von 1200 Metern. An seinen Fuß liegt ein kleiner, allerliebster Palast und auf seiner Höhe erheben sich fünf Pavillons, die teils gelbe, teils blaue Ziegeldächer tragen. In den Pavillons selbst stehen Buddha Figuren, unschöne, vom Alter geschwärzte Götzen, denen der Kaiser zu bestimmten Zeiten seine Verehrung erweist.

An der nördlichen Seite bemerkt man einen kahlen, verdorrten Baum, an welchem sich der Kaiser Tsungchang im Jahre 1644 erhängte, als die Empörer in Peking eindrangen, denen die Mandschus folgten. Dieser merkwürdige Baum, eine Akazie, liegt heute noch zum Wahrzeichen in Ketten.

Von dem Kohlehügel aus erstreckten sich hübsche Gartenanlagen bis zu einem zweiten künstlichen Hügel hin, der von einem aus weißem Marmor aufgeführten, nischenartigen Bau gekrönt wird, in welchem eine kunstvolle Buddha Figur aus glasiertem Ton steht. Auch dieser Hügel ist bedeckt mit zahlreichen Pavillons, die vielfach durch Brücken mit einander verbunden sind.

In diesen ausgedehnten Parkanlagen findet man drei künstliche Teiche, die 3700 Meter lang sind. Der mittelste wird überspannt von einer weißen Marmorbrücke, an deren Zugängen sich dreiteilige Ehrenpforten erheben. Tempel, Pagoden,Pavillons und oft wunderschöne kleine Gebäude, im Stil der Paläste des Kaisers, liegen hier zerstreut umher.

Einer dieser reizenden Paläste dient der jetzigen Kaiserin Regentin als Wohnsitz. In einem andern werden die Prinzen und die Gesandten der tributpflichtigen Völker empfangen und die mongolischen Fürsten bewirtet.

Der Kaiser bewohnt den Palast "Yang-Hsien-tien", welcher schon von dem Gründer der Manschu Dynastie als Wohnsitz benutzt wurde. Die mitte des Palais nimmt ein großer Sprechsaal ein, in welchen man vom Hofe aus, wie auch von den beiden Seitenflügeln durch hohe, geschnitzte Türen gelangt, die im Winter mit gestickten Damastteppichen, im Sommer mit seidenen Portieren verhängt sind.

Der Thronsessel des Kaisers ist mit gelber Seide überzogen und die kunstvollen Stickereien weisen den fünfklauigen Drachen und den Phönix, die Sinnbilder der kaiserlichen Gewalt, auf. Europäische Teppiche bedecken den Fußboden und an den Wänden ziehen sich zwei Fuß hohe, gemauerte Bänke hin, die mit weißen Decken belegt sind.

Nahe dem Thronsaal liegen die Gemächer des Kaisers und diese sind mit hervorragenden Werken des chinesischen Kunstgewerbes, sowie mit europäischen Erzeugnissen, wie geschnitzte Holzmöbel. Teppiche, wertvolle Vorhänge ausgeschmückt. Die Wände in diesen Gemächern sind gefirnißt und mit kostbaren Decken behangen.

Im Schlafgemach sieht das ungewöhnliche große, kunstvoll geschnitzte, mit Gold- und Elfenbeineinlagen gezierte Bett des Beherrschers des himmlichen Reiches. Tigerfelle ersetzen die Matratze und die darüber gelegten seidenen Decken zeigen reiche Drachenstickereien.

Der Eintritt in den Palast des Kaisers ist auf das strengste verboten und wer ohne Erlaubnis auch nur in der Nähe angetroffen wird, wird erbarmungslos erdosselt. Selbst die höchsten Beamten dürfen nicht das Innere betreten, falls ihr Dienst sie nicht dazu befugt. Ja, wer auch nur in den Gärten angetroffen wird, erhält hundert Stockschläge und wird aus dem reiche verbannt.

In dieser Palaststadt verlebt der Kaiser seine Tage in geheimnisvoller Zurückgezogenheit. Hier lebt er, in goldener Gefangenschaft, abgeschieden von der Welt und den Menschen, bis an das Ende seiner Tage. Er lebt, eingeengt in tausende von unbegreiflichen Vorschriften, die seine Stunden, Tage, Monate und Jahre ausfüllen, eingeschlossen in eine Zwangsjacke uralter Zeremonien, nichts sehend und hörend von dem wirklichen Leben; so lebt der arme Kaiser seine Tage dahin.

"Dem Sohne des Himmels gehört alles, was unter dem Himmel ist," sagt der Chinese, "aber mit den Dingen in dieser Welt hat er nichts zu tun." Die edelsten und befriedigendsten Genüsse dieses Lebens sind ihm versagt, und als dieser arme Herrscher noch vor kurzer Zeit sich seinem Volke nähern wollte, um die Bahnen des Fortschritts zu betreten, um das Glück seines Volkes zu fördern, wurde er noch mehr eingeengt, wurde er noch mehr wie bisher ein willensloser Gefangener der allmächtigen Herrscherin, der Kaiserin Witwe.

Dieser beklagenswerte Kaiser darf in seinen Gärten spazieren gehen, er darf die Götzen anbeten, essen, trinken und schlafen, aber von dem Pulsschlag der neuen Zeit, die über die ganze Welt gekommen sind, verspürt er nichts, bis er eines Tages verschwunden sein wird, heimgegangen zu seinen Ahnen.

Und durch diesen Wall von veralteten Zeremoniell wollte Prinz Heinrich von Preußen dringen, um dem Sohne des Himmels zu begegnen! — Alle Welt hielt das für unmöglich, nur er nicht, der Prinz Admiral.

Der tägliche Lebenslauf des Kaisers ist streng geregelt. Er erhebt sich zur frühesten Stunde und wohnt schon des Morgens um drei oder vier Uhr den Sitzungen des Geheimen Rates bei. Dann opfert er den Götzen, betet und nimmt um acht Uhr sein Frühstück ein. Erst um fünf Uhr nachmittags wird ihm die Hauptmahlzeit aufgetragen. Aber auch jetzt kann er sich nicht uneingeschränkt den Freuden der Tafel hingeben, denn fünfzehn Leibärzte, unter der Leitung eines Geheimen Oberaztes, erwägen bei jedem Bissen, den der Sohn des Himmels zum Munde führt, ob er diesen genießen darf oder nicht. Ohne die vorherige Genehmigung des Geheimen Oberarztes darf der Sohn des Himmels nicht einmal den Mund öffnen.

Auf der Tafel wird alles paarweise aufgetragen: zwei Fische, zwei Hühner, zwei Enten usw. Die Hauptmahlzeit besteht aus acht Gerichten der ausgesuchtesten Art, aber der Kaiser darf sich kaum satt essen, nur damit seine Diener und Beamten , besonders die vielen Ärzte, nachher darüber herfallen können. Die chinesische Hofhaltung kostet über zwanzig Millionen Mark und ist die teuerste der ganzen Welt.

Interessant ist, daß alles, was der kaiserliche Hofhalt gebraucht, von den Provinzen gegen einen geringen Steuererlaß gelerden muß. Fische, Tee, Reis, Schlachtvieh und Früchte werden in Massen nach der Kaiserstadt befördert. Aber auch seidene Stoffe, Pelzwaren, Hüte, Porzellan und hundert ähnliche Dinge werden auf gleiche Weise aufgebracht. Eine einzige Stadt in China liefert allein in jedem Jahre 9000 Taschentücher für den Kaiser! Von all diesen Herrlichkeiten beziehen natürlich die 8000 hofangestellten den Löwenanteil!

Verläßt der Kaiser die Stadt, um in den außerhalb sich befindlichen Tempeln zu opfern, oder auch nur, um einige Tage in seinen Sommerpalast überzusiedeln, so werden die betreffenden Straßen Pekings, durch die der kaiserlichen Zug sich bewegt, streng abgesperrt.

Wehe dem Unglücklichen, den der Zufall auf die Straße führt, die Mandschusoldaten schlagen ihn erbarmungslos nieder, so daß er sich nie wieder erhebt, denn das Angesicht des Sonnenkönigs darf niemand sehen.

Um auch nicht einem neugierigen Auge Gelegenheit zu geben, hinter dem geschlossenen Fenster hervor auf die kaiserliche, mit Gold und Elfenbein ausgelegte Sänfte einen heimlichen Blick zu werfen, werden alle Fenster mit dichten Maten der Behörde verhängt.

Die Sänfte, in der der Sohn des Himmels sitzt und die von zwanzig Mandschus getragen wird, ist ebenfalls noch mit dichter Seide verhängt, so daß es auch dem armen Monarchen unmöglich ist, seine Blicke auf die Häuser seiner Untertanen zu richten

Trabanten und Soldaten begleiten den Zug, und diese werden von hohen Offizieren geführt. Nur die höchsten Beamten des Staates schließen sich diesem Zuge an. So wandert der unglückliche Kaiser von einem goldenen Gefängnis in das andere.

Und diesen Mann wollte Prinz Heinrich aus seiner Verpuppung, aus seiner Zwangsjacke reißen!—

Quelle: Prinz Heinrich in Kiautschau, Conr. Fischer-Sallstein, Globus Verlag, von rado jadu 2000

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