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Prinz Heinrich in Kiautschau

Reisen zu Wasser und zu Lande des Prinz-Admiral in Indien, China, Japan (1898-1900)

Fünfzehnter Abschnitt

Der Prinz-Admiral on der verbotenen Stadt. Die Kaiserin-Regentin. Vor dem Kaiser von China. Der Gegenbesuch des Kaisers beim Prinzen Heinrich von Preußen.

Prinz Heinrich verließ in der Admirals-Gala-Uniform mit allen Orden geschmückt, an der Spitze eines stattlichen Gefolges, das Palais der deutschen Gesandtschaft in Peking.

In einer prächtigen Sänfte, unter Vortritt einer Kompagnie Marinesoldaten in Paradeuniform, die ein Offizier zu Pferde führte, begleitet von der chinesischen Polizei und umgeben von dem kaiserlichen Gesandten Baron von Heyking, mit seinem Personal, zahlreichen Diplomaten und Offizieren, begab sich der Prinz-Admiral nach dem Tor der Kaiserstadt von Peking.

Eine Unmasse Chinesenvolk, besonders aus der Tartarenstadt, eilte zusammen und starrte mit blödem Staunen, aber auch mit Haß und Bitterkeit auf den deutschen Kaisersohn und sein Gefolge und war überzeugt, daß sein Kaiser, der Sohn des Himmels, irgend etwas Fürchterliches tun werde, damit die rotbärtigen Teufel es nie wieder wagen würden, in solch einem Aufzug sich der Kaiserstadt zu nähern.

Vor dem im vorigen Abschnitt beschriebenen dreiteiligen Tor, das in die gelbe Stadt führt, machte Prinz Heinrich Halt und verließ seine Sänfte. Seiner Umgebung einen ermunternden Blick zuwerfend, schritt der Prinz mit dem deutschen Gesandten und seinem glänzenden Gefolge auf das südliche, weit geöffnete Tor, das Tor des Kaisers von China. Durch dieses Tor war noch nie ein fremder Würdenträger gegangen, der deutsche Kaisersohn war der erste und ist vielleicht auch der letzte, dem sich dieses Tor öffnete.

Unter dem Gefolge befand sich auch der Kadett Borlitz. Er hatte sich besonders schneidig gemacht und blickte stolz auf die Herandrängenden Chinesenmassen, aber tief in seinem Innern fieberte er vor Aufregung, denn heute sollte er den Kaiser von China sehen.

Langsam bewegte sich der Zug, immer den Prinzen Heinrich an der Spitze, durch das zweite Tor und gelangte an den Palast T-a-ho-tien. Hier hatte sich eine große Anzahl Mandarinen aufgestellt, die in prächtige bunte Seidengewänder gekleidet, einen ganz eigenen Anblick boten. Erstaunt blickten die fetten und sehr wohlgenährten Herren zu der stattlichen Gestalt des Prinzen Heinrich empor. Erst als dieser dicht vor ihnen stand, wichen sie demütig nach rechts und links zur Seite und gaben den Eingang in den Palast frei.

Aber nicht vor diesem Audienzpalast machte der Prinz Halt, wie offenbar die Mandarinen erwartet hatten, sondern der Gesandte geleitete den Zug weiter und führte den Prinzen, zum Entsetzen der Mandarinen bis vor den Jamen des Sohnes des Himmels. Vor dem
Jang-Hsien-tien Palast blieben die Marinesoldaten zurück und der Prinz betrat mit seinem ganzen Gefolge, und unter diesem auch Borlitz, den großen Sprechsaal.

Erstaunt blicke Borlitz auf den dort unten stehenden Thron des Kaisers. Vor den Stufen des Thrones saßen mit untergeschlagenen Beinen rechts und links je sechs in reiche, bunte Seide gekleidete des Reiches. Der Thron selbst war leer, der Kaiser war noch nicht erschienen. Seitwärts vom Thron stand vor einem geschnitzten, etwas niedrigen Sessel ein Tisch aus Elfenbein, auf dem eine Pyramide von Apfelsinen lag; hier saß eine vornehme chinesische Dame und blickte schweigend den Eintretenden entgegen.

Das war die Kaiserin-Witwe, die eigentliche Herrscherin im Reich, die mächtigste Frau der Welt. In der Hand hielt sie ein gelbes Stäbchen, als Zeichen ihrer Macht und Würde. Kaiser Kwangfu von China ist nur eine Puppe dieses Weibes, die Macht genug hat, ihn sofort aller seiner Würde zu entkleiden und für immer verschwinden zu lassen, sobald er es wagen würde, sich auch nur in Gedanken ihrem eisernen Willen zu widersetzen.

In den Räumen neben dem Sprechsaal hatte sich das Heer von Mandarinen zusammengedrängt, die nun in tiefstem Schweigen auf den Eintritt des Kaisers harrten.

Seitwärts von dem Thronsessel öffnete sich jetzt geräuschlos eine Tür und acht, in Seide gekleidete Diener trugen auf einer kostbaren, mit gelber Seide ausgeschlagenen Sänfte einen bleichen jungen Mann herein, der angstvoll um sich blickte und in dessen welkem, gelben Gesicht eine jede Linie vor Aufregung bebte.

Alle Chinesen warfen sich nieder und berührten mit der Stirne die Erde, nur Prinz Heinrich mit seinem Gefolge blieben stehen und blickten zum Kaiser hinüber.

Vor dem Throne wurde lautlos die Sänfte niedergesetzt. Die neben dem Throne liegenden Mandarinen, von denen der eine ein hoher Minister, eine sonderbare gelbe Jacke trug, die ihm vom Kaiser als ein Beweis außerordentlicher Huld und Gnade verliehen worden, erhoben sich auf einen Wink ihres Gebieters zuerst aus dieser demütigen Stellung.

Mühsam, wie ein uralter Greis bestieg der arme Kaiser den Thron und setzte sich nieder. Jetzt, wo er in der knisternden Seide wie in einem Bette saß, schien er noch kleiner und unbedeutender zu sein, als vorher.

Etwas wie Mitleid zuckte über das Gesicht des Prinzen, als er diesen hilflosen, jungen Menschen näher betrachtete. Was hatten die unglückseligen Verhältnisse am chinesischen Hofe aus diesem Manne gemacht?

Mit verhaltenem Atem starrte Borlitz in das Angesicht des armen Chinesenkaisers. Nicht für alle Schätze der Welt möchte er an seiner Stelle dort auf dem Throne sitzen! — Die Kaiserinwitwe warf dann und wann einen strengen, kalten Blick zu dem Kaiser hinüber und jedesmal zuckte er zusammen, wie wenn ihre Blicke ihn wie Dolchstiche durchbohrten.

Nun näherte sich der deutsche Gesandte dem Mandarinen mit der gelben Jacke und flüsterte ihm einige Worte zu. Gleich darauf näherte sich Prinz Heinrich mit stolz erhobenen Haupte dem Thron. Seine Gestalt, sein freier Blick mit dem herzlichen Hohenzollernlächeln auf den bärtigen Lippen, flößte dem Chinesenkaiser zuerst etwas wie Furcht ein und er blickte zu dem deutschen Prinzen empor, wie zu einem höheren Wesen. Dann aber wurde er ruhig und gefaßt und den Prinzen traf ein Blick aus seinem scheuen Augen, der ihm zu sagen schien: "Ach stände ich unter Deinem Schutz, Du glücklicher, schöner Kaisersohn!"

"Ich bringe Euer Majestät dem Kaiser von China die besten Glück- und Segenswünsche von Seiner Majestät dem Kaiser von Deutschland und König von Preußen dar," begann der Prinz mit volltönender, männlicher Stimme. "Seine Majestät hegt für Euer Majestät die Gefühle inniger Freundschaft und glaubt seinen Gefühlen durch die Verleihung seines höchsten Ordens vom Schwarzen Adler an Euer Majestät Ausdruck geben zu sollen."

Ein mattes Rot zuckte für einen Moment im Angesicht des Kaisers von China auf, als er die kräftige Stimme des Prinzen hörte, die sich gewaltig unterschied von dem zischenden Geflüster seiner Umgebung. Als der Mann mit der gelben Jacke ihm die Worte des Prinz-Admirals in die chinesische Sprache übertragen, nickte er freundlich und flüsterte dem Dolmetscher die Antwort zu.

Nun wandte sich der hohe Würdenträger im Namen seines Kaisers an den Prinzen:
"Der Beherrscher des himmlischen Reiches, der gewaltigste Kaiser der Erde," begann er, "ist hoch erfreut über die Begrüßung des Kaisers von Deutschland und Königs von Preußen. Er erwidert die Versicherungen der Liebe und Verehrung und sendet dem großen deutschen Kaiser seinen höchsten Orden vom Goldenen Drachen."

Prinz Heinrich verbeugte sich. Nun wandte er sich an die Kaiserinwitwe, die den Prinz-Admiral mit flammenden Blicken der Verehrung betrachtete, denn nie sah sie einen so schönen und einen so stolzen Mann.

"Ihre Majestät Auguste Viktoria, Kaiserin von Deutschland und Königin von Preußen sendet die herzlichsten Grüße und die freundlichsten Glück- und Segenswünsche an Euere Majestät die mächtige Kaiserin-Regentin von China."

Ganz in gleicher Weise, wie bei dem Beherrscher des himmlischen Reiches, übersetzte der Mandarin mit der gelben Jacke, der in Deutschland gelebt hatte, die Worte des Prinzen Heinrich der Kaiserin und diese ließ ebenso ihren Dank und ihre Gegenwünsche aussprechen.

Damit war die Audienz eigentlich zu Ende. Es folgten noch im Flüsterton geführte Unterhandlungen mit dem deutschen Gesandten, denen sich die Überreichung der Geschenke des Kaiser Wilhelm anschlossen. Ein große Anzahl Mandarinen drängten aus den beiden Flügeln des Palastes dem Sprechsaal zu.

Nun geschah etwas Unerhörtes. Die Kaiserin-Regentin reichte plötzlich über den Tisch herüber dem Prinzen Heinrich ihre feine, kleine Hand und dieser beugte sich, sanft diese Hand drückend, hochachtungsvoll darüber.

Gerne hätte der deutsche Kaisersohn seine Herzenswünsche, in Betreff Kiautschau dem Beherrscher, dem Kaiser von China selbst mitgeteilt, aber er sah ein, daß das hier ganz unmöglich sei, und ließ diesen Plan fallen.

Mit einer achtungsvollen Verbeugung wandte sich nun Prinz Heinrich ab und verließ mit seinem Gefolge den Sprechsaal.

Wieder durchwanderte man eine Anzahl Höfe und gelangte nach dem Palast T-a-ho-tien zurück. Dort angekommen, setzte sich der Prinz auf den thronartigen Sessel, gruppierte sein Gefolge um sich und erwartete den Gegenbesuch des Kaisers. Wieder drängten sich die Mandarinen nach, und an allen Ecken und Enden, wo das immer nur möglich war, erschienen ihre bezopften Köpfe.

Borlitz begriff nicht, warum sein Prinz-Admiral hier Halt machte, denn die Audienz war ja nun zu Ende. Auch manche Herren unter dem Gefolge wußten nicht, was das zu bedeuten habe. Bald aber sollte sich das Rätsel lösen.

Im Hintergrunde des mächtigen Saales befand sich eine große, mit Drachenköpfe verzierte Türe, die von einer seidenen, mit reichen Stickereien versehenen Portiere bedeckt war.

Diese Portiere wurde nun zurück gehoben und Kaiser Kwangfu überschritt, begleitet von der strengen Kaiserinwitwe und den Großen des Reiches, die Schwelle.

Der Kaiser näherte sich dem Prinzen Heinrich, der als Stellvertreter des deutschen Kaisers hier auf dem Sessel Platz genommen und begrüßte ihn. Ja, er reichte sogar dem Prinzen die kleine schmächtige Hand und begann ohne Zagen mit diesem zu sprechen. Auch die Kaiserinwitwe näherte sich dem Prinzen und nun begann eine ziemlich lebhafte Unterhaltung, die teils der deutsche Gesandte, teils der Mandarin mit der gelben Jacke verdolmetschte.

Die Regentin erkundigte sich nach Kaiserin Auguste Viktoria und nach Kaiser Wilhelm. Sie verlangte sogar das Bild der allerhöchsten Frau, was der Prinz ihr mit Freuden zusagte.

Fast eine halbe Stunde währte diese Unterhaltung, dann zog sich der Kaiser mit seinem Gefolge zurück. Die Kaiserinwitwe aber hatte dem Prinzen das Versprechen gegeben, die Damen der Gesandtschaften demnächst in Audienz zu empfangen und sie zu einer Theatervorstellung einzuladen.

Kurze Zeit darauf saß der Prinz-Admiral wieder in seiner Sänfte und begab sich mit seinem Gefolge ganz so, wie er gekommen, nach dem Gesandtschaftshotel zurück.
"Was sagen Sie nun, mein lieber Baron?" sagte der Prinz zu Herrn von Heyking.
"Wir haben das Unerhörte erlebt, Königliche Hoheit, der Kaiser von China hat uns seinen Gegenbesuch gemacht!"
"Weden sich nun die Verhältnisse in unserer Provinz Kiautschau bessern?"
"Ich glaube das mit Bestimmtheit annehmen zu dürfen, jedenfalls hat Königliche Hoheit einen großen Erfolg errungen, den keine andere Macht je erringen wird."

Kaum war der Prinz-Admiral in das Palais des Gesandten zurückgekehrt, so arbeitete der Telegraph nach allen Richtungen der Welt, um die Nachricht von dem nie dagewesenen Gegenbesuch des Kaisers von China in alle Länder zu tragen.

Die Herren auf den fremdländischen Gesandtschaften waren starr vor Erstaunen. Wohl hatten sie erwartet, daß der Beherrscher des himmlischen Reiches dem deutschen Kaisersohn eine Audienz bewilligen, nicht aber, daß dieser einen Gegenbesuch empfangen würde.

Aber unter dem Volke von Peking begann es nun zu rumoren und zu gären. Noch während der Anwesenheit des Prinzen rotteten sich da und dort die Fanatiker zusammen und bedrohten die Christen. Alle fremden Gesandtschaften mußten Truppen kommen lassen, um die Gesandtschafthotels bei einem Aufstand zu schützen.

Borlitz schloß sich in das Zimmer ein, das man ihm im Erdgeschoß des geräumigen, jetzt aber überfüllten Hauses zur Verfügung gestellt und schrieb alles, was er heute erlebt, fein säuberlich auf Papier nieder, um diesen interessanten Bericht über das ungewöhnliche Ereignis an sein gutes Mütterchen in Deutschland zu senden. Unter den Aufnahmen, die er vom Einzug des Prinzen Heinrich in die Kaiserstadt gemacht, waren einige vorzüglich gelungen, nur in den Audienzsaal hatte er seinen Apparat leider nicht mitnehmen dürfen.

Noch an demselben Abend unternahm Prinz Heinrich eine Ausfahrt durch die Stadt. Grollend blickten die Chinesen seinem Wagen nach. Nein, von dieser stumpfsinnigen Menge war nicht zu erwarten, daß sie freiwillig jemals der neuen Zeit Konzessionen machen würde.

 

Quelle: Prinz Heinrich in Kiautschau, Conr. Fischer-Sallstein, Globus Verlag, von rado jadu 2000

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