zurück International

Prinz Heinrich in Kiautschau

Reisen zu Wasser und zu Lande des Prinz-Admiral in Indien, China, Japan (1898-1900)

Sechszehnter Abschnitt

Der Ritt nach der chinesischen Mauer. Die Tierallee bei Chang-Ping-Chow. Über Tientsin und Taku nach Port Arthur und Weihaiwei. Der Iltiskirchhof. Schanghai. Das Seearsenal.

Wie, um einen Beweis seiner Furchtlosigkeit zu geben, ohne sich durch die fremdenfeindliche, schon in Gärung begriffene Stimmung der Bevölkerung von Peking abschrecken zu lassen, ja trotz der revolutionären Putsche und Christenverfolgung der Boxer und der Leute "vom großen Messer", die an verschiedenen Orten ausbrachen, hatte der Prinz-Admiral es unternommen, einen Ausflug ins Herz des himmlischen Reiches zu machen.

Nach einem anstrengenden, mehrtägigen Ritt erreichte der Prinz mit seinem zahlreichen Gefolge die berühmte Tierallee von Chang-Ping-Chow, die Borlitz Gelegenheit zu einem interessanten Bild gab. Fast eine halbe Meile lang erstreckt sich diese wunderbare Straße, die zu beiden Seiten mit mächtigen Denkmälern aus Stein besetzt ist, allerlei Tiere, wie Elefanten, Pferde, Kamele und Löwen darstellend, die bald stehend, bald sitzend oder liegend über den Gräbern der chinesischen Kaiser aus der Ming Dynastie aufgebaut sind und hier seit bald 800 Jahren Wind und Wetter Trotz bieten, während alles um sie herum sich dem Verfall nähert. Am anderen Tage erreichte man die uralte chinesische Mauer, von der so viele unklare Berichte nach Europa gedrungen sind und man war überrascht, ein Bauwerk vorzufinden, das, wenn auch immer noch durch seine ungeheure Ausdehnung imponierend, doch bereits längst vergangenen Zeiten angehörte und heute stellenweise nur noch Trümmerhaufen bildet. Zwar stehen noch die vielen sonderbaren Türmchen und die Zinnen, zwischen denen verrostete Kanonen drohend ins Land hinein blicken, aber einen unübersteigbaren Wall bietet die breite, aus gelben Ziegeln aufgeführte Mauer nicht mehr.

Auch diese Mauer führt ein Scheinleben, wie so vieles in dem großen Reiche der Mitte und ein Hauch der neuen Zeit, wenn er einst bis in das Herz Chinas hinein dringt, wird diese, wie für die Ewigkeit erbaute Mauer niederwehen.

Der Aufenthalt des Prinz-Admiral im eigentlichen China dauerte mehrere Wochen, dann wurde von Peking aus die Rückreise angetreten und in Tientsin einige Stunden Aufenthalt genommen. Diese Millionenstadt bildet das Zentrum des chinesischen Handels, denn die Hauptstadt ist nur die Residenz des Kaisers und der Sitz seiner zahlreichen Beamten, während die übrigen großen Handelspunkte Kanton, Hongkong und Schanghai ganz unter europäischem Einfluß stehen. Das von den Ausländern bewohnte Fremdenviertel in Tientsin ist vollkommen in sich abgeschlossen und sticht mit seinen modern gehaltenen, massiven Neubauten und ungemein sauberen Anlagen gewaltig von dem Wirrwarr der chinesischen Holzhäuser ab.

Im deutschen Klubhause verlebte Prinz Heinrich im Kreise unserer gastfreien Landsleute einige unvergeßliche Stunden, dann führte ihn die Eisenbahn weiter nach Taku, dem neuen Kriegshafen am Golf von Tschili, dessen starke, unter Leitung des General von Hanneken — eines ehemaligen deutschen Offiziers — erbaute Forts die Mündung des Peiho schützen. Schon bei der Reise nach Peking war hier dem Prinz-Admiral ein großartiger Empfang bereitet und als jetzt das Flaggschiff "Deutschland" mit den Begleitschiffen, der "Gefion" und der "Kaiserin Augusta" die Anker lichteten, donnerten ihnen von den unzähligen Flaggen; Wimpeln und Fahnen geschmückten Brustwehren der Taku-Forts aus deutschen — Krupp'schen — Geschützen der Salut nach, während einige uralte Flußkanonenboote mit ihren veralteten Vorderladerbronzekanonen einen fürchterlichen Spektakel verursachten.

Wenngleich dem Bruder des deutschen Kaisers als Gast des Kaisers von China überall die größte Aufmerksamkeit erwiesen wurde, war es dem scharfen Blick des Prinz-Admiral nicht entgangen, daß das Volk vollständig von den Mandarinen beherrscht wurde, die zum überwiegenden Teil fremdenfeindlich waren und nur dem ausdrücklichen Befehl ihres Herrschers und der allmächtigen Kaiserinwitwe folgend, sich zu seiner Verfügung stellten. Wehe, wenn der Kulipöbel von den Großen des Reiches aufgehetzt, gegen die "weißen Teufel" vorging; gegen diese Horde gab es nur ein Mittel — festes Zusammenhalten aller Ausländer, um in der Stunde der Gefahr mit starker Hand jede Ausschreitung zu unterdrücken. Prinz Heinrich regte daher die Gründung einer Freiwilligen Kompagnie an, und freudig beteiligten sich unsere Landsleute, von denen viele in der Heimat gedient hatten, an den regelmäßigen militärischen Übungen, die von ehemaligen Offizieren geleitet wurden.

Das nächste Ziel war Port Arthur, das sich seit dem japanischchinesischen Krieg in Händen der Russen befindet, die dort außerordentlich starke Befestigungen ausführen. Selbstverständlich bildete auch hier der Bruder des deutschen Kaisers und Schwager des Selbstherrschers allen Russen den Gegenstand der Hochachtung und Verehrung. Der Golf von Tschili wird nach dem gelben Meer zu durch zwei Halbinseln abgeschlossen, im Norden die Halbinsel Liaotung, an deren Spitze Port Arthur liegt und im Süden durch einen Teil der chinesischen Provinz Schantung mit der Stadt Tschifu und dem jetzt in britischem Besitz befindlichen Kriegshafen Weihawei, dem Prinz Heinrich ebenfalls einen Besuch abstattete.

Von hier aus wurde ein Abstecher nach dem Friedhof der "Iltis" Besatzung unternommen. Im Jahre 1897 war bei einem furchtbaren Taifun das deutsche Kriegsschiff in diesen Gewässern zu Grunde gegangen und zum Andenken an die tapferen gefallenen Kameraden ließ Prinz Heinrich einen Gottesdienst abhalten, an dem alle dienstfreien Mannschaften des Flaggschiffes teilnahmen. Als Borlitz zwischen den, mit schlichten Grabsteinen und einem schönen Obelisk geschmückten Gräbern einherging, dachte er an den furchtbaren Sturm, den auch er auf der Reise von Hongkong nach Kiautschau mitgebracht, und dankte Gott von Herzen, daß er sein Schiff gnädig vor allen Gefahren bewahrt und ihn seiner alten Mutter erhalten hatte.

Von dem Kirchhof waren ihm mehrere Aufnahmen vorzüglich gelungen und als er eine derselben später an seinen Freund Adolf Zappe nach Plauen schickte, schrieb er ihm statt jeder Beschreibung auf die Rückseite des Bildes ein Gedicht von Rudolf Presber, das auf ihn schon früher einen großen Eindruck gemacht, jetzt aber, wo er selbst die Gräber der Tapferen gesehen, noch eine besondere Weihe erhalten:

Die Helden vom "Iltis".
 
Wild rast der Sturm an Chinas Küste
Aus grauer Nebel Hinterhalt;
Er hat die gelbe Wasserwüste
Zu flüchtigem Gebirg geballt.
Es stampft das Schiff; in allen Bohlen
Aecht's, wie ein Tier in Todesqual,
Und bei des Sturmes Atemholen
Schießt es vom Berg zum Wellental
Vor sich der Fels, den Sturm im Rücken....
Er legt das Fernrohr aus der Hand
Und steigt von der Kommandobrücken —
Zum letzten Male Kommandant!
Auf jenen glatten Felsenkanten
Läßt sinnend er das Auge ruh'n,
Er kennt sein Schicksal: Er wird stranden
Und untergehen im Taifun.
"Schart Euch um mich!... Wir sind verloren,
"Hier hilft nicht Anker, Segel, Tau.
"Den wir so oft heraufbeschworen,
"Der Tod, hält seine letzte Schau.
"Kein Seufzer grüß', kein banger, leiser,
Zum letzten Mal die schöne Welt:
"Ein donnernd Hoch dem Deutschen Kaiser!
"Und, Kinder, dann — wie's Gott gefällt!"
Und mitten durch der Stürme Tosen
Und durch der Wogen weißes Heer
Tönt aus den Kehlen der Matrosen
Ein letztes Grüßen über's Meer,
So kräftig, wie in frohen Tagen
Es einst daheim beim Becher klang ...
Ein Ruck — — ein Sturz — — die Wellen schlagen
Zusammen über Schiff und Sang — — —
Wir sah'n Euch nicht für immer scheiden
Wir senkten Euch nicht still hinab,
Der Schatten deutscher Trauerweiden
Fällt nicht auf Euer Heldengrab.
Das Meer, dem Ihr die Kraft ergeben,
Gab tief im Grund Euch nun die Ruh
Und über Eure Leichen schweben
Die Schiffe Eurer Heimat zu.
Kann Liebe nicht zum Grabe wallen,
Als letzen Gruß den Kranz zu weih'n,
So soll ein Held, im Kampf gefallen,
Im Herzen uns unsterblich sein.
Des' Ruhm erlischt nicht auf den Lippen,
Der als ein Stolz der Mutter schied,
Dem an der Fremde öden Klippen
Die Woge singt das Sterbelied.
Und preisen sollen frohe Töne
— Ob auch die frische Wunde brennt —
Daß noch die Jugend solcher Söhne
Germania ihr eigen nennt.
Wir fürchten keines Feindes Tücken
Und bieten Trotz der Stürme weh'n,
So lang' auf den Kommandobrücken
Noch Helden Eures Gleichen steh'n!

Prinz Heinrich begab sich nun zurück nach Kiautschau und unternahm bald darauf eine kurze Reise nach Schanghai, der interessantesten und wichtigsten aller, von europäischer Kultur bereits bezwungenen Chinesenstädte. Der Hafen ist für den Welthandel offen und England, Frankreich, Deutschland, besonders aber Amerika haben das Recht hier Grund und Boden zu erwerben. So sind denn in kurzer Zeit gewaltige Handelshäuser, Fabriketablissements und ganze Geschäftsstraßen entstanden, die einen imponierenden Eindruck machen und sich gewaltig von den chinesischen Bauten unterscheiden.

Als Prinz Heinrich zum zweitenmal in Schanghai eintraf, wurde er von den dortigen europäischen Elementen stürmisch begrüßt. Große Feste wurden ihm zu Ehren gegeben und Engländer, Franzosen und Amerikaner wetteiferten mit einander, dem hohen Gast den Aufenthalt dort so angenehm als möglich zu machen.

Borlitz war froh, in den großen Bazars seinen Bedarf an photographischen Bedarfsartikeln ergänzen zu können, und endlich Brunnenwasser zum Entwickeln seiner zahlreichen Aufnahmen zu bekommen, da das gelbe Meerwasser zu diesem Zweck ganz unbrauchbar ist. Der Ritt nach der chinesischen Mauer hatte seine jungen Körperkräften sehr angegriffen und er war nahe daran gewesen, mit seinem großen photographischen Apparat aus dem Sattel zu fallen, wenn sich Prinz Heinrich seiner nicht angenommen hätte. Jetzt durfte der Kadett sich erholen und auf dem Bund, der schönsten Promenadenstraße von Schanghai, nach Herzenslust herumbummeln.

Prinz Heinrich war diesmal in dem Palast eines vornehmen Engländers abgestiegen, der größte Teil seines Gefolges aber in einem amerikanischen Hotel untergebracht worden.

Borlitz bekam ein reizendes Hotelstübchen, wo er sich fleißig seinen photographischen Arbeiten widmen konnte. Beinahe zwei Tage verließ er diesen trauten Raum nicht, nur um seine Kopien ungestört machen zu können.

Heute, um die zehnte Vormittagsstunde, machte sich Borlitz auf, dem Prinz-Admiral einige fertige Bilder einzuhändigen. Europäer fahren in Schanghai entweder, oder sie lassen sich tragen und es machte dem jungen Manne daher ein großes Vergnügen, sich in den Bambussessel zweier Kulis zu setzen, die ihm ihre Dienste angeboten, und so vor das Haus getragen zu werden, in welchem der Prinz-Admiral abgestiegen war.

Auf solch bequeme Weise in dem Vorzimmer der prinzlichen Gemächer angelangt, erfuhr er, daß dieser im Begriffe stehe, dem Seearsenal einen Besuch zu machen. Während noch der Kadett darauf wartete, zum Prinzen befohlen zu werden, füllte sich das Vorzimmer mit Fremden an, die alle die Ehre haben wollten, wenigstens dem Kaisersohn ihren Besuch gemacht zu haben. Da Borlitz befürchten mußte, unter diesen Verhältnissen heute überhaupt nicht ans Ziel zu gelangen, so sandte er beherzt dem Prinz-Admiral seine Bilder durch einen Diener in die Gemächer.

Ein paar Minuten später wurde denn auch Borlitz vor Seine Königliche Hoheit beschieden.
"Die Bilder sind wirklich gelungen," redet der Prinz freundlich den bescheiden eintretenden jungen Mann an, "ich lasse sie sofort nach Deutschland schicken. Nun gehen wir nach dem Arsenal, Sie kommen mit, denn dort können Sie viel Neues sehen und manches lernen. Selbstverständlich dürfen wir da keine Aufnahmen machen, sonst würden uns die Herren Chinesen eine böse Rechnung aufstellen."

Eine Viertelstunde später saß Borlitz neben einigen Herren aus dem Gefolge in einer Kutsche und fuhr dem Wagen des Prinzen Heinrich nach. Das Seearsenal liegt am Whangpu, eine Stunde stromaufwärts von Schanghai.

Das Seearsenal ist eine bedeutende Anstalt, in welcher über 3000 Arbeiter beschäftigt sind. Diese haben sich in der Nähe des Etablissements angesiedelt und so ist dort eine ganze Stadt entstanden, die gar keinen üblen Eindruck macht. In diesem Arsenal werden große, schwere Geschütze bis zu 21 Zentimeter Durchmesser erzeugt, ebenfalls gehen Geschosse, Handfeuerwaffen und Dampfkessel aus diesen Werkstätten hervor. Die Leitung des ganzen Bertiebes untersteht einem englischen Ingenieur. Auch einige Schiffe wurden hier erbaut, aber die Materialien sind so teuer, daß man solche Schiffsbauten aufgegeben hat und die Aufträge lieber nach Deutschland oder England vergibt, wo man einer tadellosen Ausführung sicher ist.

Merkwürdig ist, daß eine auffallende Unredlichkeit in dieser chinesischen Anstalt herrscht. Was nicht niet- und nagelfest ist, wird hier sicher gestohlen, selbst Dampfkessel und Geschützrohre verschwinden auf Nimmerwiedersehen!

Das hat seine Ursache in der Korruption und Disziplinlosigkeit der Arbeiter und Angestellten. Trotzdem macht das Seearsenal den Eindruck großer Leistungsfähigkeit. Prinz Heinrich wurde von dem Direktor empfangen, einem Chinesen im Range eines Mandarin, der aus der Kaste der Literaten hervorgegangen, manches gelernt haben mochte, aber von der Konstruktion eines Kriegsschiffes oder eines Dampfkessels keine Ahnung hatte.

Die Besichtigung des Arsenals war nur eine sehr oberflächliche, denn hier bot sich wenig, was den Prinzen besonders interessieren konnte. Der nächste Besuch galt dem Fort Wusung. Dieses Fort beherrscht die Wasserstraße von Schanghai und der Ort seiner Anlage ist nicht schlecht gewählt. Ein gewaltiges Tor, das in die durch eine Mauer mit einander verbundenen Befestigung führt, fiel gleich am Landungsplatz auf.

Als Prinz Heinrich sich diesem Tor näherte, wurde es plötzlich aufgerissen und eine schmetternde Trompetenfanfare begrüßte ihn. Zu gleicher Zeit bedeckten sich die Schanzen und Mauern mit unzähligen Fahnen, fast alle mit dem bekannten chinesischen Drachen geschmückt.

Diese viele Fahnen in der chinesischen Armee sind bemerkenswert. Jeder Schwarm Soldaten hat seine eigene Regimentsfahne, auf die kriegerische Sinnsprüche gemalt sind. Beim Eingang in das Hauptfort ertönten abermals Trompetenfanfaren und hier bildeten krumme und gerade, große und kleine Chinesensoldaten zu Ehren des Prinzen Spalier. Die Uniform der Garnison besteht aus dunklen, weiten Blusen mit breiten, roten Einfassungen, gleichfarbigen Beinkleidern und einem turbanartig um den Kopf geschlungenen Tuche.

Zwischen den einzelnen Bastionen erhebt sich, weithin sichtbar, der Palast des Generals. Dieses Haus könnte so recht eine Zielscheibe für die Kanonen eines, das Fort angreifenden Kriegsschiffes sein. Als Prinz Heinrich sich dem Palast näherte, kam der Herr General mit einer ungemein starken Suite ihm entgegen und näherte sich allerdings wenig militärisch dem deutschen Kaisersohn.

Borlitz glaubte seinen Augen nicht trauen zu können, als er diesen seltsamen General erblickte. Die würde des Heerführers war absolut nicht an seiner Ausrüstung zu erkennen. Der Mann trug ein weißes, langes, hemdartiges Gewand und dazu den kurzkrämpigen, mongolischen Hut. Weder Degen, Sporen oder irgend ein Orden deuteten darauf hin, daß dieser Herr im Ernstfall berufen war, seine Soldaten gegen einen Feind zu führen, der etwa ins Land dringen könnte. Ebenso war die starke Suite kostümiert, die sich wie eine weiße Schafherde hinter dem Kommandanten von Wusung gruppierte. Auch einige Kinder waren unter diesem merkwürdigen Gefolge.

Mit blödem, ausdruckslosen Gesicht, das den Mann erkennen läßt, der dem Opiumgenuß verfallen ist, kam der Mandarin der frischen, kraftvollen Gestalt des Prinzen Heinrich entgegen. Ein Engländer, ehemals Matrose, stellte sich als Dolmetsch vor und mit dessen Hilfe kam eine dürftige Begrüßung zustande, die noch darunter zu leiden hatte, daß der Dolmetsch betrunken war. Am liebsten hätte der Herr General seinen hohen Gast mit in seine Behausung genommen und ihm dort die bei solchen Fällen übliche Flasche Champagner vorgesetzt, aber Prinz Heinrich wünschte alle Eigentümlichkeiten der Festung kennen zu lernen und so mußte der Heerführer sich denn entschließen, eine Promenade durch die Werke zu machen.

Auf den Wällen angekommen, bemerkte man, daß diese von ganz stattlichen Kanonen armiert waren, die aus der Ferne einen guten Eindruck machten, trat man aber näher, so konnte man sich sofort überzeugen, daß jene Kanonen uralten Systemen angehörten und absolut nicht mehr in unsere Zeit hinein paßten. Englische Spekulanten hatten diese Geschütze der chinesischen Regierung besorgt, und zwar für teueres Geld. Die meisten dieser Schießwerkzeuge dürften wohl vor zweihundert Jahren in Europa ihre Schuldigkeit getan haben und führten nun hier in China ein Scheinleben weiter.

Lächelnd musterte der Prinz diese alten ausrangierten Kanonen und wünschte nun die Artilleristen und ihre Ausbildung kennen zu lernen.

Wieder sträubte sich der Herr General, aber schließlich mußte er sich bequemen, ein Geschütz vorführen zu lassen. Es wurde bemannt und jetzt staunte der Prinz über die kräftigen und entschlossenen Chinesensoldaten, die ihre Exerzitien ganz gut ausführten, nur spielten die Offiziere dabei eine klägliche Rolle. Das Kommando wurde in englischer Sprache gegeben und auch die Schulung der Leute war englisch.

Hier wurde dem Prinz-Admiral abermals der Beweis geliefert, daß der gewöhnliche Chinese ein ganz brauchbarer Soldat werden kann, wenn er in die richtige Hände zur Ausbildung kommt.

"Aus diesen Leuten ist etwas zu machen," sagte er zu den Herren seines militärischen Gefolges, "wir werden es in Kiautschau versuchen und aus unseren dortigen Chinesen eine brauchbare kleine Armee schaffen."

Der gewöhnliche chinesische Soldat wird nicht schlecht für dortige Verhältnisse bezahlt. Er erhält einen Gold von etwa achtundzwanzig bis dreißig Mark den Monat. Davon muß er sich freilich seine Beköstigung besorgen; dagegen erhält er die Uniform vom Staat.

Die chinesische Regierung zahlt den Sold pünktlich, das weiß jeder Soldat, wird nun den Leuten trotzdem das Geld nicht ausgezahlt, was in der Regel vorkommt, so ist daran nur der Herr General schuld, der die Löhnung von der Regierung aber richtig erhält. Der gute Mann möchte die schönen Dollars manchmal in seine Tasche fließen lassen.

In diesem Falle aber macht der Chinesensoldat kurzen Prozeß, er holt sich seinen lieben General aus dem Palast heraus und walkt ihn solange mit den Fäusten durch, bis er seinen Sold erhält. — Solche Liebenswürdigkeiten, die dem Diensteifer und der Disziplin weiter keinen Abbruch tun, erweist die Besatzung von Wusung ihrem General jeden Monat nur einmal.

Diese kleinen Zwischenfälle werden natürlich von dem Herrn General mit Stillschweigen übergangen, und das hat seinen guten Grund darin, weil er mehr angeworbene Soldaten auf seiner Armeeliste hat, als in der Tat da sind. Er erhebt also auch noch Sold für Mannschaften, die er gar nicht hat und verdient so ein hübsches Stück Geld. Würde daher auf eine Anzeige über die Behandlung seitens der Mannschaften eine Untersuchungs-Kommission nach dem Fort kommen, dann würde es ihm zu allererst schlecht ergehen.

Freilich finden Inspektionen statt, aber da ein General so freundlich ist, sein Erscheinen dem anderen schon lange zuvor mitzuteilen, so greift man Lastträger und allerlei Volk von der Straße auf, steckt sie für den Inspektionstag in Uniform und macht so die Zahl der Soldaten, wenn auch nur für diesen Tag, voll.

Wird aber einmal ein Kommandant bei Unregelmäßigkeiten erwischt und überführt, dann bekommt er ohne Gnade, im mildesten Falle die Bastonnade, — 100 Hiebe auf die nackten Fußsohlen — oder aber er verliert den Kopf. Diebstähle von allen denkbaren Dingen sind auch auf dem Fort an der Tagesordnung. So erzählte der englische Dolmetsch, daß jüngst die Inspektion einer Batterie angesagt wurde, und bei dieser Gelegenheit sollten Schießübungen vorgenommen werden. Als man sich indessen die Geschütze näher besah, fehlten sämtliche Verschlüsse der Kanonenrohre. — Ja, noch mehr, die Kanonenkugeln, die in Pyramiden aufgesetzt waren und die einen so ernsten Eindruck ausübten, waren aus Pappe. Spitzbuben hatten also die schönen Kugeln und die Verschlüsse der Geschütze gestohlen.

Der Herr Kommandant war in heller Verzweiflung. Man telegraphierte um Geschosse und Verschlußköpfe an verschiedene Etablissements nach Schanghai und Hongkong, — umsonst, nichts dergleichen war in der Eile zu beschaffen. In seiner grenzenlosen Not, denn die Sache konnte ihm den Kopf kosten, verfiel der Herr General auf eine großartige Idee. Er ließ von einigen geschickten Soldaten Aufsätze für die Geschütze aus Holz herstellen und diese bronzieren; die Pappkugeln wurden schnell mit Sand und Blei gefüllt.

Was das indessen für eine Inspektion war, die diesen Betrug nicht entdeckte, das näher zu untersuchen, ist denn doch überflüssig; natürlich haben besagte Geschütze heute noch ihre Holzaufsätze!

An diesem Bilde chinesischer Korruption hatte Prinz Heinrich genug; er sah ein, daß diesem Reiche nicht zu helfen war und tat einen Ausspruch, der sicher in Erfüllung gehen wird, den wir aber hier nicht wiedergeben wollen.

Die von dem General angebotene Bewirtung wurde vom Prinzen abgelehnt, worüber der Würdenträger sich sehr wunderte, denn so etwas war ihm offenbar noch nicht vorgekommen.

Ohne weitere Zeremonien wurde das Fort wieder verlassen, das, davon hatte sich der Prinz-Admiral überzeugt, im Ernstfall dem feind kaum einen Widerstand leisten konnte, trotzdem es vorzüglich, wenigstens seiner Lage nach, angelegt war.

Dicht bei dem Fort, am großen Landungsplatz, lag ein chinesisches Admiralschiff, die "Nan-Schuin"; hinter diesem lagen einige Kreuzer träge auf dem dicken gelben Wasser. Die "Nan-Schuin" interessierte den Prinzen lebhaft, denn sie war auf einer Werft in Stettin erbaut, und mithin eine deutsche Arbeit.

Prinz Heinrich ließ sich dem Admiral melden und ging an Bord. Mit großer Aufmerksamkeit empfangen, besichtigte der Prinz das Schiff und freute sich, hier ganz andere Zustände als drüben in dem Fort vorzufinden.

Die Ausrüstung der Offiziere machte einen recht vorteilhaften Eindruck. Die Mannschaften trugen den kurzkrämpigen Mongolenhut, dunkelviolette Bluse mit blanken Knöpfen und weiße Beinkleider, die in hohen chinesischen Tuchstiefeln steckten.

Ein Gefechtsexerzieren, das zu Ehren des Prinzen angesetzt war, wurde von der Besatzung des Admiralschiffes sehr exakt ausgeführt. Das Benehmen der Leute war vortrefflich, und auch an den Geschützen gingen die Übungen glatt von statten.

Nach dem Verlassen des Kriegsschiffes begab sich Prinz Heinrich an Land und bestieg wieder den Wagen, um mit seinem Gefolge eine Spazierfahrt den Jantzefluß entlang zu unternehmen. Nach dem Aufenthalt in dem dumpfigen Fort sehnte er sich nach frischen, ländlichen Bildern.

Dem Ackerbau wird in allen Teilen Chinas eine ganz besondere Aufmerksamkeit seit Jahrtausenden gewidmet, und gerade die Regierung ist es, die in diesem Punkte mit guten Beispiel vorangeht. Alljährlich pflügt der Kaiser selbst das in Peking gelegene Ehrenfeld, um seinem Volke ein Vorbild zu sein. In allen Provinzen und Distrikten ist es der Vorsteher, der dem Beispiel des Kaisers folgt und ein Ehrenfeld pflügt, mithin gehören der Beherrscher des himmlischen Reiches und alle Großen zu dem hochgeehrten Bauerstand, — aber trotzdem fand sich Prinz Heinrich durch das, was er bis jetzt vom Landbau sah, enttäuscht. Der Boden wird mit den einfachsten Ackergeräten bearbeitet, wie sie in uralten Zeiten gebräuchlich waren. Mit stumpfen, schwerfälligen Holzpflügen wird der Boden aufgeworfen, mit elenden Hauen und Schaufeln wird er bearbeitet und trotzdem ein bewunderungswerter Ertrag erzielt.

Nur der methodische, ruhelose Fleiß, mit dem der chinesische Bauer arbeitet, der keinen Sonntag, ja kaum einen Festtag rastet, macht den reichen Ertrag seiner Felder begreiflich. Auch kann man bei der Kleinheit der zu bebauenden Grundstücke, kaum noch von einem Ackerbau in China reden, sondern nur von einem Gartenbau sprechen.

Nach diesem Ausflug kehrte der Prinz in die Stadt zurück. Der folgende Tag war dazu bestimmt, die uralte Residenz des Kaisers von China, Nanking, zu besuchen. Der Prinz reiste auf einem Dampfboot, welches ihm zur Verfügung gestellt worden war, den herrlichen Jantzefluß hinauf. Zum Besuche dieser Stadt konnte nur ein Tag geopfert werden, denn wichtige Aufgaben riefen den Prinz-Admiral nach Japan.

Quelle: Prinz Heinrich in Kiautschau, Conr. Fischer-Sallstein, Globus Verlag, von rado jadu 2000

Link to Save the Children Web Site

Abschnitte

16


© Copyright 2000 by JADU

www.jadusport.de

 

Webmaster