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Prinz Heinrich in Kiautschau

Reisen zu Wasser und zu Lande des Prinz-Admiral in Indien, China, Japan (1898-1900)

Siebzehnter Abschnitt

Nach Japan. In der Bucht von Schimoda. Yokohama. Tokio. Am japanischen Hof. Der Mikado. Die Prinzen von Japan.

Borlitz war wieder auf seiner geliebten See! —Mit dem Flaggschiff "Kaiser" war Prinz Heinrich von Preußen nach dem großartigen Schanghai gekommen, und derselbe Kreuzer sollte ihn wieder hinaus tragen ins gelbe Meer.

Mit wahrer Lust tat Borlitz, der bald zum Offizier befördert werden sollte, seinen Dienst. Jetzt war er nicht mehr der Photograph des Prinz-Admirals, sondern Seemann; Seemann mit Leib und Seele. Wenn man lange an Land gewesen, sieht man erst ein, wie schön es auf der See ist.

Der flinke Kreuzer hatte zuerst gegen nördliche Winde anzukämpfen, die dann und wann so scharf einsetzten, daß man glauben konnte, sie ständen mit einem, der so gefürchtete Taifune im Bunde. Aber diese frischen Winde taten Borlitz wohl, nachdem er so viel Gluthitze am Land ertragen hatte.

Bei dem passieren der Seestraße von Elton warf sich plötzlich der steife Nord nach Westen um und eine hohe See setzte ein. Der Kreuzer begann bedenklich zu rollen und zu schwanken. Hier war es, wo der arme Borlitz wieder einmal von jenem gräßlichen Zustand befallen wurde, den man Seekrankheit nennt. Er kämpfte wie ein Löwe gegen das Übel und wenn es in diesem Leiden für ihn einen Trost geben konnte, so war es der, daß viele an Bord durch das Stürzen und Rollen des Schiffes in den gleichen Zustand versetzt wurde.

Der taifunartige Sturm brachte eine Unmenge Regen mit und bald war kein trockenes Plätzchen mehr auf Deck zu finden, auf dem man sich von den Qualen der Seekrankheit hätte erholen können.

Und bei einem solchen Wetter, bei dem von der Kommandobrücke aus kaum das Vorderschiff zu sehen war, erreichte das Flaggschiff die Bucht von Tokio.

Während des furchtbaren Regens, der den Horizont wie mit einem graugelben, nassen Tuch verhängte, war es nicht angezeigt, die Einfahrt in die mit gefährlichen Untiefen so reich ausgestattete Bucht zu wagen. Der Prinz-Admiral befahl daher an der sicheren, malerisch gelegenen Bucht von Schimoda vor Anker zu gehen.

Und wahrlich, es war hohe Zeit, daß der Kreuzer sich in Sicherheit brachte, denn der orkanartige West artete in der Nacht zum Taifun aus und ihm sind viele Fahrzeuge zum Opfer gefallen.

Am Folgenden Morgen besserte sich das Wetter. Die Sonne durchbrach die Wolken, die See glättete sich und nun konnte man die Bucht verlassen.

Auf der Kommandobrücke stand Prinz Heinrich, der kühlen Witterung wegen in einen Mantel gehüllt, und blickte hinüber nach dem Festland Japans. Gegenüber dem hohen vulkanischen Bries Eiland breiteten sich, wie in Tau gebadet, die niederen Gelände der Odawarabucht aus. Weiter zurück erhebt sich der imposante Kegel des Fudjijama, das Wahrzeichen Japans, welches auf keinem japanischen Landschaftsbilde fehlt.

Auch Borlitz stand mit seinem immer noch blassen Gesicht auf Deck und blickte hinüber ans Land, in das Land der aufgehenden Sonne. — Hier auf dieser Rieseninsel wohnt das tapfere, aufgeklärte Volk, das jenes mächtige, aber versumpfte China geschlagen zu Wasser und zu Land.

Er konnte sich nicht satt sehen an diesem wunderbaren Land, das in herrlichem Sonnenglanz vor ihm lag. Er brannte vor Lust, dieses Heldenvolk kennen zu lernen, das sich aus einer verrotteten, Jahrtausende alten Kultur aufgerafft und auf die Höhe unserer Zeit in wenigen Jahrzehnten empor geschwungen hatte. Das Kap Sagami wurde erreicht und nun ging es in die etwas über hundert Kilometer lange Bucht von Tokio hinein.

Links und rechts zeigten sich niedrige, aber saftig grüne Hügel, da und dort ein reinliches Dorf, das malerisch gelegen, dem Auge einen angenehmen Anblick bot. Sich Steuerbord, d.h. am Westufer haltend, passierte die "Kaiser" das Städtchen Uraga. Dann erreichte das Flaggschiff eine, von dem starken Fort Futsu beherrschte Enge der Bucht und gelangte in den japanischen Kriegshafen Jokosuka. Endlich warf der schmucke Kreuzer vor Jokohama, inmitten einer großen Anzahl japanischer und fremder Kriegsschiffe, Anker.

Von hier zieht sich sich die etwas flacher werdende Bucht noch etwa 5 bis 6 Meilen weiter und erst dort unten, bei der Einmündung des Sumidgaw, liegt Tokio. Nicht weniger wie fünf englische Kriegsschiffe lagen im Hafen, dazu wohl an 20 Kriegsfahrzeuge der Japaner und unter diesen auch einige Schlachtschiffe, die das siegreiche Japan den Chinesen abgenommen hatte.

Als das Flaggschiff zur Begrüßung seinen Salut abgegeben, wurde dieser von allen Schiffen erwidert und es entstand eine Kanonade, die bis weit ins Land hinein gehört wurde und Aufsehen erregte. Die Begrüßung des Kriegsschiffes mit dem Prinzen Heinrich von Preußen an Bord war eine sehr herzliche. Die Kommandanten der im Hafen vor Anker liegenden Schiffe ließen es sich nicht nehmen, an Bord des Flaggschiffes zu kommen, um dort dem Bruder des Deutschen Kaisers ihre Aufwartung zu machen.

Besonders waren es die Japaner, die ihre Freude und ihren Stolz über den Besuch des hohen Gastes zum Ausdruck brachten. Sofort meldete der Telegraph von Jokohama nach Tokio hinüber, das Prinz Heinrich von Preußen im Hafen eingelaufen sei und so wurde der Hof in Tokio noch rechtzeitig von dem Erscheinen des hohen Gastes benachrichtigt und konnte würdige Vorbereitungen zu seinem Empfang treffen.

Jokohama ist in der Luftlinie ungefähr 10 000 Kilometer von Kiel entfernt und daran dachte Borlitz, der sich schon wieder vollkommen erholt hatte, als er da in der Nähe des Achterdecks stand und die lebhafte Unterhaltung des Prinzen Heinrich mit den englischen und japanischen Herren beobachtete. Viele der Japaner sprachen vorzüglich deutsch, und es berührte den zukünftigen Leutnant eigentümlich, als er von den Lippen der durchweg ziemlich kleinen und zierlichen Japaner die trauten Laute seiner Muttersprache vernahm. Wie ein Riese überragte der Prinz-Admiral die kleinen und intelligenten Schiffsführer des Inselreichs.

Jokohama bietet dem Beschauer, der von der See sich der Hafenstadt näherte, ein äußerst ansprechendes Bild. Zur linken Seite fällt eine mit Villen und schönen Gärten bedeckte Hügelkette steil ins Meer hinab. Es ist dies der sogenannte Bluff, auf welchem ein großer Teil der europäischen Bevölkerung lebt. Daran schließen sich auf flachem Terrain die Geschäftshäuser und Warenlager und die Hotels, eine großartige Front am Seeufer bildend, die der Japaner mit Stolz den "Bund" nennt.

Rechts davon, bis zu den Hügeln von Kanagava, liegt die Eingeborenenstadt, die sich als ein Meer von Holzhäusern mit schiefergrauen Ziegeln gedeckt darstellt. Weiter hinaus, am klaren Horizont über dem Städtebild, stolz gen Himmel strebend, der von einer grotesk geformten Bergkette umrahmte Fudjijama sein ehrwürdiges, ewig schneebedecktes Haupt.

Nach Einnahme des Frühstücks verließ Prinz Heinrich mit seiner Suite das Flaggschiff und ging an Land; sein Photograph Borlitz mußte zurückbleiben, denn ihn fesselte der ernste Dienst heute noch an Bord.

Die Hafenstadt Jokohama bietet so ziemlich dasselbe Bild, wie alle übrigen großen Hafenorte. Unangenehm fällt das Umherflanieren halb angetrunkener englischer Matrosen auf, die in den verdächtigen Kneipen und Spelunken, die ja leider in keiner Hafenstadt fehlen, ihr Geld vergeuden. Von Jokohama führt eine Eisenbahn nach Tokio. In etwas über 40 Minuten kann man auf den Schienenwege die Hauptstadt Japans erreichen und der Prinz-Admiral begab sich daher mit seinem Gefolge zum Bahnhof, um ohne Aufenthalt nach Tokio zu gelangen.

Schon die Anlage des nur von Japanern erbauten Bahnhofs, seine Nettigkeit und Reinlichkeit, besonders aber der Ernst, mit dem die Japaner als Beamten es mit ihrem Dienst nehmen, machte einen ungemein günstigen Eindruck auf den Prinzen. Während drüben in China die Faulheit und Korruption alle Begriffe übersteigt, regiert hier ein ernstes Pflichtgefühl, ein sichtbares Vorwärtsstreben der stets bescheiden auftretenden Beamtenschaft. Man kann es kaum glauben, daß die Japaner ein Brudervolk der Chinesen sind.

Gerade als der Zug eingefahren und Prinz Heinrich mit seiner Suite in einen der luftigen Wagen steigen wollte, brachte ein höherer Beamter eine Depesche, die vom Hofe in Tokio kam und den Prinz-Admiral zum Besuche beim Mikado einlud.

Das war eine sehr angenehme Einladung! Sofort wurde eine Antwort aufgegeben, worin der Prinz-Admiral dankend die Ehre annahm und sein sofortiges Erscheinen zusagte. Nun erst bestieg er den Zug und dampfte nach Tokio.

Schon während der Fahrt konnte man sehen, wie die Japaner bestrebt sind, in allen Dingen Schüler der europäischen Kultur zu sein. Die Angehörigen der besseren Stände gehen in geschmackvoller, europäischer Kleidung und ahmen in ihrem Auftreten die Gewohnheiten der Europäer nach. Wenn sie grüßen, ziehen sie respektvoll den Hut, machen höflich ihre Verbeugungen und befleißigen sich der untadelhaftesten Umgangsformen.

Die Japaner aus geringeren Klassen, Lastträger und Arbeiter überhaupt, tragen noch blauen oder grauen Kimono, ein hemdenartiges Gewand und dazu einen englischen Korkhelm und gute, hohe Stiefel. Merkwürdig ist, daß man nur sehr selten eine Japanerin in europäischer Kleidung sieht. Selbst die Damen aus den besten Kreisen tragen noch ihren blauen oder grauen Kimono, der mit einem oft kostbaren, seidenen Gürtel um die Taille zusammengehalten wird. Die kleinen, zierlichen Füßchen stecken in, allerdings kunstvoll lackierten Holzschuhen mit hohen Absätzen. Es entsteht daher, wenn eine Schar Japanerinnen eiligst auf dem Perron dahinhastet, um in den Zug zu steigen, ein merkwürdiges Geklapper, in dem die Ordnungsrufe der Beamten fast untergehen.

Die Fahrt von Jokohama nach Tokio bietet eine Reihe freundlicher Bilder. Die Bahn folgt dem Meeresufer und die mit allen denkbaren Dampfern und Segelbooten bedeckte Bucht bleibt zur Rechten liegend zurück. Landeinwärts zeigt sich Hügelland mit Wald, dann wieder gut angebaute Reisfelder, und daran reiht sich Ortschaft an Ortschaft.

Die Dörfer machen einen ungemein angenehmen Eindruck und sind himmelweit von den chinesischen Dörfern verschieden. Die kleinen, zierlichen Holzhäuser mit der Kette bunter Papierlampions an der Front sehen sehr einladend, nett und reinlich aus.

Auch große Fabriketablissements tauchen hier und da auf und strecken ihre mächtigen Schornsteine gen Himmel. Gelangt man in die Nähe von Tokio, so zeigen sich, immer malerisch gelegene, reizende Villen, die von schmucken Gärten umgeben sind. Man weiß nicht, ob die japanische, oder aber die europäischen Gebäude schöner sind.

Mit Schinigawa erreicht der Zug das Weichbild von Tokio und fährt nun durch ein Meer von Holzhäusern. Die Endstation ist Schimbaschi und hier befindet sich der Hauptbahnhof. Unter dem unvermeidlichen Klippklapp der unzähligen Holzschuhe ergoß sich jetzt der Strom der Passagiere über den Perron, — hier indessen blieben sie stehen und blickten neugierig nach der großen Flügeltüre des Hauptwartesaales, aus dem eine Reihe hoher japanischer Offiziere soeben hervortraten. Der ältere Herr dort, in der gut sitzenden europäischen Kleidung, mit dem grauen Haupt und dem dunkelbraunen Gesicht, das ist ein Prinz aus dem Kaiserlichen Hause. Die ihn umgebende Suite besteht aus höheren Offizieren, die dem höchsten Adel des Landes entsprossen sind.

Kaum war der Prinz-Admiral aus dem Wagen gestiegen, so näherte sich ihm der japanische Prinz und begrüßte ihn in fließendem Deutsch.

Ein herzliches Willkommen im Reiche der aufgehenden Sonne wurde im Namen des Kaisers von Japan dem deutschen Prinzen dargebracht und dieses Willkommen mit kräftigem Händedruck besiegelt.

Prinz Heinrich stellte sein Gefolge vor und das gleiche tat der Prinz von Japan, der lange in Berlin gelebt und schon vor vielen Jahren seine Studien an einer deutschen Universität absolviert hatte.

Dann ging es hinein in den festlich geschmückten Wartesaal, dort wurde ein kleiner, auf deutsche Art zubereitete Imbiß eingenommen, Champagnerpfropfen knallten und es gab eine so lebhafte Unterhaltung, die teils in englischer, teils in deutscher Sprache geführt wurde, daß man hätte meinen sollen, es haben sich da ein paar alte freunde in der Fremde nach langer Trennung wieder zusammengefunden.

Nach dem Frühstück führte der japanische Prinz seinen hohen Gast auf einen Holzturm des Bahnhofsgebäudes und gewährte so dem Prinz-Admiral vorerst einen allgemeinen Überblick von der großen Stadt Tokio.

An der Mündung des Sumidagawa in der Bucht von Tokio liegt die japanische Hauptstadt ausgebreitet. Dieser Fluß, dessen Lauf man ganz gut vom Turm aus verfolgen konnte, ist nicht sehr groß, aber in seinem unteren Lauf schiffbar. Längs des östlichen, vollkommen flachen Ufers breiten sich die Villenbezirke von Hondjo und Mukodjima aus. Am westlichen Ufer liegt der Hauptteil der Stadt, mit dem Schiro, dem alten Schogunkastell, im Norden durch die Hügelkette Uyeno, im Westen durch jene von Schiba begrenzt.

In Akasaka, westlich vom Kastell, befindet sich der provisorische kaiserliche Palast, umgeben von dem Palais der Prinzen, der Minister und Gesandten.

Nach Besichtigung des Totalbildes der Hauptstadt verließ man den Aussichtsturm und verfügte sich nach dem Wartesaal zurück.

Hier waren inzwischen vier andere Herren vom japanischen Hofe angelangt, die sich auf Befehl des Kaisers von Japan dem Prinz-Admiral zur Verfügung stellten. Es waren dies der hochgebildete Hofmarschall Sannomiya, der Zeremonienmeister Yamamoutchi, der Fregattenkapitän Funaki und der Vicomte Matsudaira.

Auch diese Herren, die man in ihrer geschmackvollen europäischen Kleidung für Spanier oder Italiener halten konnte, sprachen, mit Ausnahme des Vicomte, fließend deutsch. Auch sie hatten längere Zeit in Deutschland und hauptsächlich in Berlin gelebt und hier ihre abendländische Bildung erworben.

Seitdem der Prinz-Admiral Europa verlassen, hatte er sich nicht wieder in einer so liebenswürdigen und angenehmen Gesellschaft befunden, und alle besonderen Berichte, die er über Japan an seinen kaiserlichen Bruder gesandt, sprechen rückhaltlos von den Freuden, Überraschung und hohen Ehren, die man ihm während dieses Besuches dargeboten hatte.

Inzwischen waren eine Reihe kaiserlicher Wagen am Hauptausgang des Bahnhofs vorgefahren und Prinz Heinrich stieg mit dem japanischen Prinzen ein. Auf dem Rücksitz nahm der Hofmarschall, sowie der Zeremonienmeister Platz.

Die übrigen Wagen füllten sich mit den Herren des Gefolges und nun ging es in die volksreiche Hauptstraße hinein. Da in Tokio, wie überhaupt in Japan, die Straßenpassanten sich nicht etwa auf einem Trottoir, sondern mitten auf dem Damm fortbewegen, was nur dadurch erklärlich ist, daß dort nur ein geringer Wagenverkehr herrscht, so mußten vor den Karossen Polizisten mit Bambusstöcken herlaufen, um den Pferden freie Bahn zu schaffen.

Die Sache ging indessen ganz leidlich ab, und was die Hauptsache war, es wurde niemand, wie bei uns, überfahren. Überall, wo auch die Hofequipage vorbei fuhren, blieben die Japaner ehrerbietig, nicht gleichgültig wie die Chinesen, stehen und blickten respektvoll zu den Würdenträgern und ihren Gästen empor.

Man kam an der russischen Kirche vorbei, dann wurde eine Straße des interessanten Universitätsviertels von Tokio durchquert, und bald gelangte man nach Eyeno, das der Prinz bereits vom Turm des Bahnhofes aus hatte liegen sehen. Weiter ging die Fahrt durch den Bezirk Niponbaschi, wo Seine Königliche Hoheit Prinz Heinrich die Gelegenheit benutzte, das berühmteste japanische Theater Sintimizo in Augenschein zu nehmen.

Die japanischen Theaterstücke besitzen eine solche Länge, daß wochenlang daran gespielt werden muß, bis sie beendigt sind. Der Japaner verbringt daher Tage und Wochen, von früh bis tief in die Nacht hinein, im Theater. Besonders die japanischen Damen sind eifrige Theaterbesucherinnen, sie essen, trinken, schlafen und machen auch Toilette im Theater.

Man gelangte darauf nach dem Kastell (Schiro) Fukiage, welches der Prinz mit lebhaftem Interesse besichtigte. Hier befindet sich das neue Palais des Kaisers von Japan. Bemerkenswert ist neben vielem Anderen in diesem Palais, das übrigens der Kaiser nie als Residenz benutzt, ein japanisches Deckengemälde in einem großen Gemach. Es stellt einen Wolkenhimmel dar, der von Gold- und Silbervögeln belebt ist. Das Bild übt einen so eigenartigen Zauber aus, daß man fast glaubt, sich selbst in den Wolken zu befinden und mit diesen weiter zu schweben. Den Beschauer erfaßt alsbald ein solcher Schwindel, daß er sich an den schwarzlakierten Leisten der wand festhalten und die Augen schließen muß, um sich dieser Wirkung des Bildes zu entziehen. Bewundernd betritt man den Saal und staunt zur Decke empor, um den Raum alsbald taumelnd zu verlassen.

In den weiten Hofraum des Kastells zurückgekehrt, wurde der Prinz-Admiral von sämtlichen hier in Garnison liegenden Offizieren begrüßt. Der japanische Offizier, mit seiner angeborenen Tapferkeit und seinen hohen Begriffen von Ehre, macht immer einen vorzüglichen Eindruck. Die Uniform ist kleidsam und besteht entweder aus einem weißen oder schwarzen, mit gleichfarbigen Verschnürung gezierten Waffenrock und glatten, langen Beinkleid, dazu wird ein französisches Käppi und ein Schleppsäbel mit blanker Scheide getragen.

Nun ging es nach Akasaka, wo die eigentliche Residenz des Beherrschers des Reiches der aufgehenden Sonne sich befindet. Es war bereits sechs Uhr geworden, als der Prinz in Enriokan seinen Einzug hielt. Eine ungeheure, aber den deutschen Kaisersohn hochachtungsvoll und würdig empfangende Menschenmenge hatte sich dort eingefunden. Das Benehmen des Publikums konnte der Prinz nicht genug bewundern und anerkennen.

Über den Wohnsitz des Kaisers von Japan war der Prinz doch etwas enttäuscht. Es ist ein altes Daimiohaus, ein einstöckiger, langgestreckter Holzbau, vor dem die Palastwache des Herrschers Aufstellung genommen. Prinz Heinrich wurde auch hier mit Fanfaren empfangen und mit einem dreifachen kräftigen Hurra der in Parade aufgestellten Truppen begrüßt.

Alsdann ging es hinein in den geräumigen Wartesaal, wo eine große Anzahl japanischer Würdenträger den Prinz-Admiral uns sein Gefolge erwarteten. Die Herren präsentierten sich teils in reich mit Goldstickerein geschmückten Staatsröcken, teils in der kleidsamen Offiziersuniform, die mit Orden geschmückt war.

Nachdem auch diese Begrüßung vorüber war, öffnete sich der nebenan liegenden Audienzsaal und auf der Schwelle erschien ein schöner Mann, den man für einen Südfranzosen halten konnte. Er trug eine Generalsuniform, die der eines französischen Marschalls ähnlich war. Das war Seine Majestät der Kaiser Mutsuhito von Japan. An seiner Seite standen zwei Prinzen, ebenfalls in Galauniform und bewunderten die hohe, kräftige Gestalt des Prinz-Admirals.

Dieser näherte sich dem Kaiser, den er in englischer Sprache begrüßte. Mit großer Liebenswürdigkeit führte der Mikado den deutschen Gast in den Audienzsaal. Dort waren bereits die Damen des japanischen Hofes in großer Toilette versammelt. Die Kaiserin Haruko, eine hübsche, schlanke Erscheinung, dem Alter des Kaisers offenbar nahe stehend, reichte dem Prinz-Admiral herzlich die Hand und zog ihn sofort in eine lebhafte Unterhaltung, sich ebenfalls der englischen Sprache bedienend, wobei sie der Kaiser, freundlich lächelnd, unterstützte.

Die Kaiserin trug das Ordensband des roten Kreuzes, einer Institution, die dem deutschen roten Kreuze nachgebildet ist und unter dem Protektorat der Kaiserin steht. Nach der Begrüßung folgte die gegenseitige Vorstellung des beiderseitigen Gefolges und zwar ganz nach europäischem Zeremoniell. Mittlerweile war die Zeit gekommen, um zur Tafel zu schreiten, die in einem Nahen, herrlich ausgestatteten Speisesaal arrangiert war. Prinz Heinrich von Preußen reichte der Kaiserin galant den Arm und geleitete die hohe Frau zu Tisch.

Das Diner von etwa 70 Gedecken unterschied sich in keiner Weise von einem europäischen Hofdiner. Zwar waren die Menukarten in japanischer Sprache abgefaßt, aber der hohe aufmerksame Gastgeber hatte dafür gesorgt, daß auf denselben die Übersetzung des Textes in deutscher Sprache beigefügt wurde. Die üblichen Trinksprüche wurden ausgebracht, Kaiser Mutsuhito widmete sein Glas Champagner dem deutschen Kaiser und Prinz Heinrich trank im Namen seines kaiserlichen Bruders dem Mikado zu.

Dann spielte eine im Garten aufgestellte japanische Kapelle europäische Weisen und zuletzt auch die deutsche und japanische Volks- und Nationalhymne. Ein kurzer Cercle beendigte das wunderbare Fest, das den deutschen Herren unvergeßlich bleiben wird.

Schon während der Tafel hatte Prinz Kohito dem Prinz-Admiral das Versprechen abgenommen, in seinem in Tokio gelegenen Palast mit dem ganzen Gefolge abzusteigen. Nach einem herzlichen Abschied von der kaiserlichen japanischen Familie wurde die Rückfahrt nach Tokio angetreten. Ein unübersehbare Menschenmenge hatte sich angesammelt, die dadurch einen nie geschauten Anblick bot, daß jede Person, selbst Kinder brennende Lampions in blauer, grüner, oder gelber Farbe trugen. Es entstand auf diese Weise ein hin- und herwogendes, buntfarbiges Lichtmeer, das zusammen mit den Lampionreihen an den Fenstern und Türen der kleinen japanischen Häuser, eine bezaubernde Illumination abgab, die ein mehr als feenhaftes Bild hervorrief.

Von diesen gewaltigen Eindrücken bewegt, saß Prinz Heinrich schweigsam in seinem Wagen und dachte darüber nach, wie es nur möglich war, daß der Mikado sich und sein vortreffliches Volk in dem kurzem Zeitraum von kaum fünfundzwanzig Jahren auf diese Stufe europäischer Kultur emporheben konnte. Noch vor ein Vierteljahrhundert war er eine macht- und willenlose Puppe in den Händen der Großen seines Reiches, dessen Angesicht niemand sehen durfte, — und heute? —
"Man weiß nicht, wen man mehr bewundern soll," rief der Prinz aus, "dieses Volk, oder seinen Herrscher!"

Quelle: Prinz Heinrich in Kiautschau, Conr. Fischer-Sallstein, Globus Verlag, von rado jadu 2000

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