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Prinz Heinrich in Kiautschau

Reisen zu Wasser und zu Lande des Prinz-Admiral in Indien, China, Japan (1898-1900)

Achtzehnter Abschnitt

Von Japan nach Kiautschau. Die Chinesenkompagnie. Aufregung unter den Chinesen. Die Seeräuber in der Bucht von Kiautschau.

Die Tage des Besuches in Japan, eine unvergeßliche Zeit, neigten sich ihrem Ende. Stolz wehten die deutschen Farben von Bord der "Kaiser" und grüßten hinüber ins Land der Japaner, überall von dem braven und wackeren Volke mit Hochachtung betrachtet. Die mustergültige Haltung der deutschen Matrosen an Land imponierte hier, wie überall im Ausland sehr, denn sie unterschied sich gewaltig von dem rohen Benehmen der englischen Matrosen.

Borlitz hatte jede freie Stunde, in der ihm der Dienst Land zu gehen erlaubte, zu photographischen Aufnahmen benutzt, um seinen Prinz-Admiral bei seiner Rückkehr an Bord eine große Kollektion fertiger Bilder von Japan vorlegen zu können. Endlich war der Prinz Heinrich mit seinem Gefolge an Bord zurückgekehrt. Da inzwischen alles zur Abreise vorbereitet war, wurden nun die Anker gelichtet, die Schrauben begannen langsam zu arbeiten und unter donnerndem Salut verließ das deutsche Admiralschiff den Hafen von Jokohama. Ein paar japanische Kriegsfahrzeuge geben der "Kaiser" das Geleit durch die Bucht von Tokio und erst als das deutsche Flaggschiff die Seehöhe erreicht, um den Kurs nach Kiautschau zu nehmen, blieben diese Kreuzer zurück.

Nun erst fand Borlitz Gelegenheit, sich mit seinem gut gelungenen Bildern dem Prinzen zu nähern.
"Es ist schade, Borlitz," redete ihn der Prinz lebhaft zu, "sehr schade, daß Sie nicht mit in Tokio waren, ich habe leider zu spät an Sie gedacht. Daran läßt sich nun nichts mehr ändern, aber wenn wir Korea besuchen, dann werden Sie mit Ihrem Apparat in meiner Nähe sein."

Prinz Heinrich betrachtete die Bilder eingehend und fand, daß sein Photograph sogar Fortschritte gemacht habe.
"Das ist alles recht hübsch," lobte er den jungen Meister, "nur bedaure ich, daß keine Ansichten von Tokio dabei sind; die Stadt ist außerordentlich interessant, teilweise sehr malerisch gelegen und Sie hätten dort auch noch andere originelle Volkstypen gefunden, wie sie sich mehr im Binnenland zeigen. — Die Bilder werde ich verpacken lassen und in Kiautschau dem Transportdampfer "Darmstadt" zur Beförderung in die Heimat mitgeben."

Ohne Zwischenfälle lief die "Kaiser" in die Bucht von Kiautschau ein, wurde dort zuerst von dem Vermessungsschiff, das die Bucht ablotete, durch Salut begrüßt, — dann feuerten die "Prinzeß Wilhelm", die "Kaiserin Augusta", "Deutschland", "Irene" und "Arkona", zuletzt auch der Transportdampfer "Darmstadt", der mit den Ablösungsmannschaften inzwischen von Kiel eingetroffen war, während die im Dock liegende "Gefion" zur Ehre des Tages Flaggenschmuck über die Toppen angelegt hatte.

Als der Prinz an Land gegangen und den Gouverneurs Jamen wie die Chinesen das Regierungsgebäude nennen, erreicht, blieb er ganz verwundert stehen, denn hier war eine volle Kompagnie Chinesen in deutscher Uniform aufmarschiert und bildete Spalier.
"Damit haben Sie mir eine große Überraschung bereitet," lobte er den Gouverneur, "ich habe einen ähnlichen Gedanken, den ich hier schon ausgeführt sehe, aus Peking mitgebracht. Aus den Chinesen lassen sich ganz gute Soldaten machen, ich habe das in China gesehen."
"Es sind noch Rekruten, Königliche Hoheit, aber ich glaube, daß sie mit der Zeit, besonders wenn die Schwierigkeiten der Sprache überwunden sind und sie die deutschen Kommandoworte begreifen gelernt, brauchbare Soldaten abgeben."

Auf den Wunsch des Prinzen nahm die Chinesenkompagnie einige Exerzitien vor, die jedoch vorläufig noch einen so bedenklichen Verlauf nahmen, daß der Prinz sich lachend ins Gebäude begab. Inzwischen hatten sich in der deutschen Provinz so manches verändert. Der Ausbau der Befestigung hatte große Fortschritte gemacht. Die Anlage der zukünftigen Seestadt hatte begonnen und immer noch wurden Vermessungsarbeiten vorgenommen. Fachwerkhäuser waren entstanden und in diesen hatten deutsche Kaufleute ihre Waren zum Verkauf aufgestellt; aus dem Dorf Tsingtau war eine Stadt geworden. Für die Soldaten wurden gesunde Schuppen erbaut und man durfte hoffen, daß nun die fremdartigen Krankheitserscheinungen unter den Mannschaften ausbleiben würden. Besonders die Ruhr hatte sich unliebsam bemerkbar gemacht.

Die Nachricht von dem Besuch, den Prinz Heinrich beim Beherrscher des himmlischen Reiches abgestattet, sowie von dem unerhörten Gegenbesuch des besagten Herrschers, war bis nach dem nahen Tsimo gedrungen und hatte auch dort unter den Chinesen ungeheures Aufsehen erregt. Ja, es waren dort sogar chinesische Fanatiker aufgetreten, welche dem erstaunten Volk prophezeiten, daß nun bald die Zeit gekommen sei, in der der große feurige Drache am Himmel erscheinen und alle "weißen Teufel", so viele auch immer wieder aus Europa herüber kämen, verschlingen würde.

Die Folgen davon waren, daß die Chinesen sich in Tsimo zusammenrotteten, das Aufläufe stattfanden, die der arme Tautoi nur mit Mühe niederhalten konnte. Als aber Wochen ins Land gegangen und der feurige Drache noch immer nicht erscheinen wollte, beruhigte sich das Volk wieder.

Dagegen zeigten sich hier und dort in der deutschen Provinz bedenkliche Elemente. Chinesische Vagabunden und Diebesgesindel tauchten auf und stahlen, was ihnen nur in die Hände kam. Auch wurde auf die deutschen Wachposten des Nachts aus irgend einem Versteck geschossen. Der Gouverneur machte indessen kurzen Prozeß, er ließ die Schuldigen ermitteln, bestrafte sie energisch und sorgte dafür, daß fremde Chinesen überhaupt aus der Provinz abgeschoben wurden.

Am zweiten Tage nach der Ankunft des Prinzen Heinrich in Kiautschau wurde dem Gouverneur die Meldung überbracht, daß ein gefürchteter chinesischer Seeräuber sich in der Bucht befinde und Raubzüge ins Land hinein unternommen habe. In einem kleinen Dorf hinter Tsingtau, dicht am Strande gelegen, waren die Spitzbuben eingebrochen, hatten einen Chinesen ermordet und ausgeraubt und auch aus Taputau kamen Klagen über Räubereien.

Prinz Heinrich, dem diese Meldung übermittelt wurde, hielt es kaum für möglich, daß in unmittelbarer Nähe der befestigten Lager solche Vorfälle passieren konnten und sagte: "Unsere Kriegsschiffe, die hier liegen, werden den Burschen die Lust verleiden, in der Bucht umher zu räubern. Der Fall soll sofort untersucht werden."

Schon eine Stunde später wurde dem Prinzen die Mitteilung gemacht, daß man nicht nur den ermordeten chinesischen Landmann gefunden habe, sondern daß in aller Frühe zwei neue Raubanfälle mit Erfolg ausgeführt worden seien. Die Diebe drangen diesmal in eines der letzten Häuser von Tsingtau und stahlen, was nicht niet- und nagelfest war.

Nun wurde ein Dampfkutter flott gemacht und Prinz Heinrich übernahm selbst die Führung des kleinen Schiffes. Es galt nach einem verdächtigen Chinesenboot zu fahnden, das an verschiedenen Stellen in der Bucht gesehen worden war.

Zu gleicher Zeit wurde eine starke Abteilung Marinesoldaten alarmiert, die das Ufer entlang alles Buschwerk und alle Schlupfwinkel, die den Banditen etwa Schutz bieten konnten, aufmerksam abzusuchen hatten.

Das war eine recht interessante und nützliche Jagd. Dem Gesindel, das sich in der Provinz bisher herumgetrieben, war bereits gezeigt worden, wie schnell und energisch die Deutschen zugriffen, um Ordnung zu halten, jetzt sollte auch den Seeräubern eine Lektion erteilt werden, die sie vor weiteren Einfälle ins deutsche Gebiet für die Zukunft abschrecken würde!

Es muß hier bemerkt werden, daß die chinesische Fluß- und Seeräuber die gefürchtetsten in der ganzen Welt sind. Diese verdächtige Gesellschaft, die heute noch in einer großen Anzahl die chinesischen Gewässer bevölkert, zeichnet sich durch eine brutale Mordlust, durch Mut und Verschlagenheit aus. Es gab Seeräuberflotillen von über 30 Djunken, die einem Räuberkönig unterstellt waren, der auf irgend einer der vielen Inseln seinen Schlupfwinkel hatte. Die chinesischen Küstenstädte zahlen heute noch der lichtscheuen Bande eine vereinbarte Summe, und schützen sich nur dadurch vor fortgesetzten Räubereien. In diesen Städten sitzen aber auch eine Unmasse Elemente, die sich mit dem heimlichen Vertrieb des geraubten Gutes der Spitzbuben beschäftigen und dadurch große Summen verdienen.

Nicht nur dem Küstenfahrer werden die Banditen gefährlich, auch große Handelsdampfer sind ihnen schon zum Opfer gefallen. Da sie recht gut wissen, daß sie sich nicht mit ihren kleinen Djunken auf offener See an ein solches Schiff heranwagen können, so besteigen sie das Schiff schon im Hafen als bescheidene Passagiere und nehmen ihre Plätze im Zwischendeck ein.

Der ahnungslose Kapitän bekommt nun eine solche Räuberbande an Bord, die fast so stark ist, als die ganze Besatzung des großen und voll befrachteten Schiffes. Im günstigen Augenblicke, auf hoher See, meistens in der Nacht, bricht das Raubgesindel aus dem Zwischendeck aus, überfällt die Wache und macht erbarmungslos alles, was Widerstand leistet, nieder.

Die Freibeuter steuern nun das Schiff in irgend eine Bucht, wie sie sich auf den kleinen Inseln des gelben Meeres vielfach vorfinden, löschen dort die Ladung, bringen den Raub in Sicherheit und stecken das Schiff in Brand, das verschollen bleibt, so daß man annimmt, es sei mit Mann und Maus untergegangen.

Zwar sind die europäischen Seefahrer auf der Hut, wenn sie die chinesischen Gewässer kreuzen, und solche Streiche gelingen den bezopften Banditen heute nicht mehr so leicht, aber immer noch ist die Gefahr nicht abgewendet, weil die chinesische Regierung heute weniger denn je den ernsten Willen und vielleicht auch nicht die Macht hat, das Gesindel auszurotten.

An diese Mißstände auf den chinesischen Gewässern dachte Prinz Heinrich, als der Kutter vorsichtig durch die Bucht dampfte. Möglich war es ja immerhin, daß es sich von Seiten der Spitzbuben um einen Versuch handelte, sich hier festzusetzen, und der mußte ihnen natürlich gründlich verleidet werden.

Die den Kutter auf dem Festland begleitenden Marinesoldaten erreichten die Stadt Tsingtau. Merkwürdigerweise zerstreuten sich die Leute, als die Soldaten anrückten, denn die Furcht vor dem Militär und den weißen Teufeln haben viele der Eingeborenen bis zur Stunde noch nicht überwunden. Es gelang dem Führer der Expedition indessen doch einen Mann heranzurufen, der an den Festungswerken Beschäftigung gefunden hatte.

Unsere aufgeweckten blauen Jungens hatten es schnell gelernt, sich mit den Einwohnern der neuen deutschen Provinz so gut wie nur möglich zu verständigen, und so gelang es bald, aus dem scheuen Menschen herauszubringen, daß die Seeräuber vor Kurzem in der Bucht gesehen worden seien. Aber gleichzeitig flehte der Mann, von Angst und Entsetzen gefoltert, ihn nicht zu verraten, denn die Seeräuber würden ihn, sein Weib und alle seine Kinder töten, wenn sie erfahren sollten, daß er der Angeber gewesen.

Auf ein Signal näherte sich der Kutter dem Lande und ein Bericht über die Aussage des Chinesen wurde dem Prinzen Heinrich übermittelt. Nun wurde mit Eifer das Absuchen des Terrains fortgesetzt. An der nördlichen, bis jetzt noch wenig beachteten Ufer der Bucht, stieß der Kutter denn auch alsbald auf eine chinesische Djunke, die ohne Mast, ganz harmlos, am Ufer lag. Keine Menschenseele ließ sich dort an Bord blicken. Erst auf eine kurze Entfernung bemerkte man am Steuer einen zerlumpten Kerl, der zu schlafen schien und sich erst träge aufrichtete, als der deutsche Kutter sich ihm näherte.

Wie ein Raubboot sah das kleine Fahrzeug nicht aus. Nun erschien auch ein auch ein häßliches, altes Chinesenweib mit einer Schüssel gekochten Reis auf dem Verdeck und blickte gleichgültig zu den Deutschen hinüber. Sie setzte die Schüssel dem Mann am Steuer vor, der ruhig zu essen begann. Wenn man auch nicht glaubte, hier die Räuber zu finden, so legte doch der Kutter dicht an der Djunke an und ein paar Mann begaben sich auf das schmutzige Verdeck und begannen das Fahrzeug zu durchsuchen.

Kaum war indessen hiermit begonnen, so sprang der gelbe Kerl am Steuer mitsamt seiner Reisschüssel ans Land und wollte verschwinden. Aber er hatte die Rechnung ohne die dort befindlichen Marinesoldaten gemacht, die noch rechtzeitig ankamen, um den Gesellen sofort festzunehmen. Erst jetzt schöpfte Prinz Heinrich Verdacht und ließ das Fahrzeug genau durchsuchen. Alsbald brachte man fünf Galgenstricke in zerlumpter Kleidung aus dem Innenraum hervor und band ihnen die Hände auf den Rücken; die Kerle sahen tatsächlich aus, als ob sie so manchen Mord auf dem Gewissen hätten.

Sie wurden zusammen mit dem Weibe an Land gebracht und dort den Soldaten übergeben. In der Djunke selbst wurden neben wertvollem Seidenzeug auch Schmucksachen gefunden, die einem Chinesen in Tsingtau gestohlen waren, außerdem eine große Summe Geld, die offenbar von dem Verkauf der geraubten Sachen herrührte. Die Djunke wurde von dem Kutter ins Schlepptau genommen und fort ging es zurück ins Lager.

Als sich der Gefangenentransport durch die Gassen von Tsingtau bewegte, waren die einheimischen Bewohner wie umgewandelt. Die gefangenen Räuber flößten ihnen keine Furcht mehr ein und hinter dem Zuge herziehend, überhäuften sie die Spitzbuben mit Schmähreden. Nichts sprach mehr dafür, daß man die richtigen Vögel gefangen hatte, als diese Tatsache. Die Chinesen aber gewannen von da ab großes Vertrauen zu den neuen tatkräftigen Regierung und die Zeit wird nicht mehr ferne sein, in der sie sich als gute deutsche Elemente bewähren werden.

Den Spitzbuben wurde kurzer Hand der Prozeßgemacht und die Hauptmissetäter hingerichtet. So sorgte Prinz Heinrich für die Sicherheit im Lande und für das Ansehen des deutschen Namens im fernen Osten. Inzwischen bereitete er sich zu einem Abstecher nach Korea vor, wo es abermals galt, einen seltsamen König zu besuchen.

 

Quelle: Prinz Heinrich in Kiautschau, Conr. Fischer-Sallstein, Globus Verlag, von rado jadu 2000

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