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Prinz Heinrich in Kiautschau

Reisen zu Wasser und zu Lande des Prinz-Admiral in Indien, China, Japan (1898-1900)

Zweiter Abschnitt

Das weite Meer. Der Dienst. Kadett über Bord! Die Insel Candia. Das Leuchtfeuer von Damiette. Port Said.

Ungemein rasch und ohne jeden ernsten Zwischenfall verlief die Reise des Prinzen Heinrich von Preußen, von den Kreidefelsen Englands bis nach Port Said. Nachdem der Prinz seinen Abschiedsbesuch am englischen Hofe ausgeführt und die unvergeßlichen Festtage verraucht waren, durchsuchten die "Deutschland" mit der vorandampfenden "Gefion" den atlantischen Ozean, den stürmischen Golf von Biscaia, passierten die Straße von Gibraltar und erreichten das mittelländische Meer, kamen dann vorüber an Malta, an den hohen Bergen Dalmatiens und Albaniens und gelangten bald zu den in unbeschreiblich schönen Tinten getauchten kahlen Felsen Griechenlands.
Damit war mehr als Dreiviertel des Weges nach Port Said zurückgelegt. Das Leben an Bord hatte bis jetzt keine Langeweile, noch weniger schwermütige Abschiedsbetrachtungen aufkommen lassen, denn der strenge Dienst, in dessen Bann alle, vom Kapitän bis zum jüngsten Seekadetten standen, sorgte dafür, daß die Tage fast zu kurz waren und man sich wunderte, wie rasch die Stunden an Bord verrannen.
Während hoch da droben im Norden Eis und Schnee die Erde bedeckten, strich hier bereits eine warme, wohlige, afrikanische Luft über Deck. Aber auch jetzt ließ der Dienst an Bord nicht nach, denn Prinz Heinrich nahm es stets ernst mit diesen Dingen. Der Deutsche thut immer seine volle Schuldigkeit, gleich, ob die kalten Winde des rauhen Nordens ihn umtosen, oder die Glutsonne Afrikas auf ihn niederbrennt.
Nun ging es die Küste Candias (Kreta) entlang. Prinz Heinrich schritt mi seinem Adjutanten, Kapitän Müller, im Achterdeck der "Deutschland" einher und bewunderte mit diesem die unglückliche und doch so schöne Insel, auf der die Türkenherrschaft in den letzten Zügen liegt.

Während die Herren über das Schicksal Candias plauderten, wurde die Aufmerksamkeit des Prinzen durch einen Kadett angeregt, der vor einer Tonne auf den Knien lag und eifrig schrieb. Dieses improvisierte Schreibpult war so unbequem wie möglich, aber den jungen, frischwangigen Seemann schien das nicht weiter zu genieren, denn er schrieb eifrig weiter und ließ sich durch das Thun und Treiben rings umher nicht stören.
Prinz Heinrich beobachtete eine Weile den jungen Mann und fragte dann seinen Begleiter:
"Ist das nicht unser jüngster Kadett, der von Borlitz?"
"Jawohl königliche Hoheit," antwortete lächelnd Kapitän Müller. "Borlitz hat sich da ein seltsames Buch ausgesucht."
Der Prinz trat auf den eifrig schreibenden Kadetten hinzu.
"Können Sie denn auf den Knien liegend schreiben, mein Sohn?" redete er diesen freundlich an.
Sofort sprang der Kadett auf und stand nun in streng dienstlicher Haltung vor dem Chef. Die klaren, blauen Augen blickten fest in das Angesicht seiner hohen Vorgesetzten.
"Warum, mein Sohn, schreiben Sie nicht unter Deck?" examinierte der Prinz nun weiter
"Es ist unten zu heiß, Königliche Hoheit."
"Das könnte für diesmal entschuldigen. Sie schreiben wohl einen Brief an die Mutter in der Heimat?"
"Nein ich beschreibe meinem Freund Adolph Zappe in Plauen das Schiff. In Port Said will ich die Beschreibung zur Post geben."
"Das ist ja sehr hübsch von Ihnen! - Nun möchte ich aber auch wissen, was Sie geschrieben haben; lesen Sie mir ungeniert die Arbeit vor."

Prinz Heinrich setzte sich bei diesen Worten erwartungsvoll auf die Tonne, während Kapitän Müller zur Seite stehen blieb. Borlitz aber nahm, ohne ein Moment zu zögern, sein Schriftstück zur Hand und begann mit fester, klarer Stimme zu lesen:
"Mein guter Adolph, ich komme heute meinem Versprechen nach und liefere Dir eine Beschreibung des Schiffes, das bestimmt ist, uns die Wege durch die Meere, von einem Erdteil zum andern zu bahnen."
"Das ist ganz brav gesagt", lobte der Prinz den Kadett, "nun aber lesen Sie weiter, ich werde nicht mehr unterbrechen."
"Zur Ausrüstung eines Schiffes", las Borlitz, "gehört die Takelage, das Tauwerk,die Boote und alles, was das Fahrzeug gebraucht, um segelfertig zu sein. Mein guter Adolph, da mußt Du Dir zuerst einmal einen vollgetakelten Großmast ansehen. Dieser besteht aus drei Stücken, nämlich dem Untermast, der Bramstange und der Marsstamge. Der obere Teil der Bramstange führt auch den Namen Oberbram oder Royalstange. Der Untermast ist mit seinem unterem Ende, also dem Fuß, auf dem Kielschwein festgenietet. Das obere Ende nennt man Topp oder Mars, weil hier sich der Mastkorb befindet. Zum Topp schließt sich der Fuß der Marsstange an, und an den Topp der Marsstange kommt nun die Bramstange, die in der Skysegelstange ausläuft. Der Topp der obersten Stange trägt den Flaggenknopf und in diesen ist eine Eisenstange mit stark vergoldeter Spitze eingelassen, die als Blitzableiter dient.
Um die Waffen und den Großmast zu befähigen, den oft ungeheuren Druck der Winde zu ertragen, ohne niedergerissen zu werden, stützt man die Masten durch Taue ab. Es geschieht dies nach den Seiten und nach hinten durch die Wanten und Pardunen, die vom Topp der Masten nach den Schiffseiten herunter gehen, wo sie mit Tauen und Schrauben befestigt werden. Nach vorn werden die Masten durch Drahttaue gestützt, und dies nennt man Stange. In Dreieckform werden hier Segel angebracht, die Stagsegel. Außer den Raaen sind noch andre Rundhölzer bestimmt die Segel zu führen, und zwar Gaffeln mit den dazu gehörigen Bäumen. Dieselben liegen unter den Masten, sondern sie sind mit dünnen Tauen, Webeleinen durchzogen und bilden Strickleitern, auf denen der Matrose zu den Mast emporsteigen kann.
Bei gutem Wetter ist es eine Lust, diese Strickleitern hinauf zu klettern, - aber schlimm ist die Reise zum Topp hinauf, wenn die See hoch geht und die Wogen über Deck brechen."
Bis hierher hatte der Kadett mit fester Stimme gelesen, als sich plötzlich ein heftiger Wirbelwind erhob, ihm das große Blatt Papier aus den Händen riß und über Bord nahm.

Fassungslos starrte der junge Mann dem davon flatternden Papier nach, das ihn eine ganze Stunde eifriger Arbeit gekostet, als er aber sah, wie es ins Wasser fiel und die leichten Wellen mit ihm spielten, warf er plötzlich seine Mütze weg, schwang sich über die Brüstung und stürzte sich kopfüber ins Meer.
Das war das Werk eines Augenblicks, und ehe Prinz Heinrich recht begriffen, was geschehen war, schwamm der tollkühne Kadett schon weit draußen im Meer seiner Beschreibung des Schiffes nach.
"Mann über Bord!" rief jetzt Kapitän Müller mit wahrer Donnerstimme, und "Mann über Bord" schallte es von allen Wachen zurück. Sofort stoppte die "Deutschland" und drehte bei. Trotzdem war in diesen wenigen Minuten der schnelle Kreuzer schon hunderte von Meter von dem Ort entfernt, an welchem der junge Mensch über Bord sprang. Ganz in der Ferne sah man einen weißen, kleinen Punkt, und das der Kadett und sein Blatt Papier, das er sich aufgefischt und hoch empor hielt.
Blitzschnell stürzten sich sechs Matrosen unter dem Kommando eines Bootsmannsmaat in das Rettungsboot Nummer4. - Die Winden knarrten, dann entstand ein Klirren und Rollen und im nächsten Augenblick tanzte das Boot tief unten an der Schiffswand auf den Wellen. Die hochgenommenen Riemen wurden eingelegt und pfeilgeschwind ging es dem fernen weißen Punkte entgegen, der bald unter den Wellenhügeln verschwand, um dann wieder aufzutauchen.

Prinz Heinrich war auf die Kommandobrücke geeilt. Man sah ihm an, wie sehr ihm die Rettung des unbesonnenen Kadetten am Herzen lag. Er sprach kein Wort, sondern verfolgte mit scharfen Auge das Boot, das dem weißen Punkt näher und näher kam.
Endlich konnte er sehen, wie die Matrosen den von Borlitz mit seinem geretteten Papier ins Boot hineinhoben. Ein Hurra ertönte, und der Kadett war geborgen.
Als Borlitz glücklich an Bord gebracht war, und die "Deutschland" ihre Fahrt wieder aufgenommen hatte, erschien der junge Tollkopf vor dem Prinzen. Siegesfreudig hielt er sein durchnäßtes Papier in der Hand, machte aber sofort eine Armsündermiene, als er das ernste und strenge Angesicht des hohen Chefs blickte.
Eine tüchtige Strafpredigt mußte Borlitz über sich ergehen lassen, und zum Schluß wurde ein Arrest von drei Tagen über den Unbesonnenen verhängt.
"Sie werden diese Strafzeit dazu benutzen", befahl der Prinz "um die Beschreibung des Schiffes neu anzufertigen. Haben Sie die Arbeit vollendet, dann will ich sie sehen."
Mit schwerem Herzen ging der Kadett in Arrest, wo er nun Zeit genug fand, seine schriftliche Arbeit zu vollenden und darüber nachzudenken, wie groß die Gefahr war, in die er sich begeben hatte.

Nach einiger Zeit schon verschwand die Küste Candias, und bald waren auch die letzten kahlen Höhenzüge in der Ferne dem Auge entrückt. Die "Deutschland" dampfte wieder hinaus in das weite, offene Meer mit seinem unbegrenzten Horizont.
Nun folgten heiße Tage mit sternenklaren, wunderbaren Nächten. Oft blieb Prinz Heinrich bis nach Mitternacht mit seinen Herren auf Deck und konnte sich nicht satt sehen an dem unvergleichlichen Sternhimmel, an dem silberhellen Mondlicht, das auf den end - und ruhelosen Wellen spielte. Dann und wann tauchten fliegende Fische auf, und selbst die Tiger der See, die furchtbaren Haifische, zeigten sich im Kielwasser der "Deutschland."
Noch war Borlitz' Strafzeit nicht vorüber, als eines Abends das Leuchtfeuer von Damiette, als erstes Wahrzeichen des nahen afrikanischen Kontinents, am Horizont auftauchte.
Das war ein Ereignis für die Besatzung der "Deutschland". Nur noch eine forcierte Fahrt von einer Nacht, und dann mußte Port Said in Sicht kommen. Je tiefer die Dunkelheit sich hernieder senkte, desto greller leuchtete das Feuer von Damiette durch die bleigrauen Wolkenbänke von weit dort drüben herüber.
Ziegelrot tauchte am nächsten Tage die Sonne aus dem Meer empor. Auf der Kommandobrücke stand schon bei dem ersten Aufflammen des jungen Morgens Prinz Heinrich, von einer Anzahl Offizieren umgeben, und blickte erwartungsvoll ins Meer hinaus. Jeden Augenblick mußte Port Said, der Eingang zu dem Suezkanal, in Sicht kommen.
In allen Richtungen tauchten jetzt Schiffe auf, die demselben Ziele zusteuerten, wie die beiden deutschen Kriegsschiffe. Schon dieser Umstand zeigte, daß man sich in der Nähe eines wichtigen Hafenplatzes befand, dem die Schiffe aller Nationen zustrebten. Erst um 9 Uhr tauchte aus dem in grellem Sonnenlicht glänzenden Meer ein mächtiger Leuchtturm auf. Bald wurden seitwärts von diesem Turm weißglänzende Häuserreihen sichtbar, von denen man nicht wußte, ob sie direkt aus dem Meer emporragten, oder auf festem Grund gebaut waren, denn nirgends erblickte man Land oder eine ansteigende Küste.

Die "Deutschland" mäßigte jetzt ihre Fahrgeschwindigkeit und dampfte zuletzt langsam dem Hafeneingang zu. Nun konnte man von der Farbe des Meeres den gelben Sand unterscheiden, auf dem der Leuchtturm und die stattlichen Häuserreihen standen, die sich malerisch, in die Farbenpracht des Südens getaucht, dort drüben erhoben.
Port Said, auf dem schmalen, sandigen Nehrung des Menzalehsees erbaut, erhebt sich kaum ein paar Meter über dem Meeresspiegel. Man ist versucht, an eine Luftspiegelung zu glauben, wenn man sich vom Meer her der Stadt nähert und diese wie ein Traumgebilde aus dem Wasser auftauchen sieht. Nur der lebhafter werdende Schiffsverkehr belehrt den Fremdling, daß man sich am Eingang des Suezkanals, der Schlagader des europäisch-asiatischen Handelsverkehr befindet.
Mit stolzem Flaggenschmuck, alle Mannschaften auf Deck, im Achterdeck das Musikkorps, dessen blitzende Instrumente wie Gold in der afrikanischen Sonnenglut leuchteten, so näherte sich die "Deutschland" dem Hafen. Die "Gefion" folgte in einiger Entfernung dem Flaggschiff langsam nach; auch sie hat über die Toppen geflaggt.
Der mächtige, lange Wellenbrecher, der den Hafen schützt, wurde passiert, und nun näherten sich die deutschen Kriegsschiffe dem Quai von Port Said. Eine Unmasse Dampfer und Segelschiffe aller Nationen lagen hier dicht an einander, und ein undurchdringlich scheinender Mastenwald, mit seinen Tausenden von bunten Flaggen, bietet nach der langen, eintönigen Seereise ein farbenprächtiges, bewegtes Bild.

Das Quaiufer von Port Said läuft in einem großen Bassin aus, in welchem mächtige Fahrzeuge liegen, und dort gingen auch die "Deutschland" und die "Gefion" vor Anker.
Nun hatte Prinz Heinrich von Preußen Gelegenheit, der internationalen Höflichkeit durch das Abspielen der Volkshymnen derjenigen Nationen Rechnung zu tragen, deren Kriegsschiffe im Hafen vertreten waren.
Und wahrlich, das Musikkorps der "Deutschland" that seine Schuldigkeit. Mächtig rauschten seine Klänge hinüber ans Land und in den Hafen hinaus, und bald sammelten sich am Ufer eine bunt zusammengewürfelte Volksmenge an, die mit staunender Bewunderung die deutschen Kriegsschiffe musterten.
Dicht neben der "Deutschland" lag ein türkischer Kreuzer, und trotzdem es schon Mittagszeit war, schien dort alles an Bord im tiefsten Schlaf zu liegen. Endlich kamen ein paar verschlafene türkische Offiziere auf Deck herauf und blinzelten mit trüben, müden Augen zu den deutschen Kriegsschiffen hinüber.
Als das Musikkorps der "Deutschland" das "God save the Queen" für ein nahes englisches Kanonenboot anstimmte, stellte sich dort die Mannschaft auf Deck in zwei Gliedern auf und hörte mit entblößten Haupt die Hymne an. Die Franzosen aber, an Bord ihres "Casan", einem alten, nun ausrangierten Kriegsschiff, brachen in eine jubelnde Begeisterung aus, als von der "Deutschland" herüber für sie die "Marseillaise" erklang.

Nachdem der Kreuzer vertaut war, machte sich Prinz Heinrich fertig zu einem Gang an Land. Sein ganzes Gefolge schloß sich ihm an. Da, im letzten Augenblick, als der Prinz das Fallreep hinunter steigen wollte, um sich ins Boot zu begeben, stand wie aus dem Schiffsboden hervorgezaubert der Kadett von Borlitz vor dem königlichen Herrn. In der Hand hielt er eine mächtige Papierrolle. Mit fester Stimme meldete er, daß seine Strafzeit abgelaufen und sein Pensum über das Schiff in Reinschrift vollendet sei.
"Schon gut, Borlitz," versetzte lächelnd Prinz Heinrich, "ich habe jetzt keine Zeit, melden Sie sich morgen wieder; machen Sie mir aber bis dahin keine tollen Streiche."
Eine viertel Stunde später lustwandelte der Prinz mit seinem Gefolge in der mächtig aufstrebenden Stadt Port Said.

Quelle: Prinz Heinrich in Kiautschau, Conr. Fischer-Sallstein, Globus Verlag, von rado Jadu 2000

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