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Prinz Heinrich in Kiautschau

Reisen zu Wasser und zu Lande des Prinz-Admiral in Indien, China, Japan (1898-1900)

Vierter Abschnitt

Durch das Arabische Meer. Cap Murareh. Besuch der Wale. Der Weihnachtsbaum auf hoher See. Der wackere Borlitz.

Bei der etwas unvermittelt hereinbrechenden Dunkelheit kehrte Prinz Heinrich mit seinem Gefolge an Bord der "Gefion" zurück. Die Mannschaft hatte inzwischen die Tropentoilette angelegt, Korkhelm mit Nackenschleier für die Marinesoldaten, dazu leichte Drillkleidung, während die Matrosen ihre leichten Mützen beibehielten.
Es ist bemerkenswert, daß der Europäer, der nach dem heißen Süden kommt, in der ersten Zeit mit Leichtigkeit die stärkste Sonnenglut ertragen kann, ohne daß sich für ihn üble Folgen einstellen; aber je länger er dort weilt, um so schwächer wird seine Widerstandskraft und bald stellen sich Krankheitserscheinung ein, die schon so manches junge, frische Leben dahingerafft haben.
Das Klima Adens steht in besonders bedenklichem Ruf. Wie manche Europäer, der hierher kam, um sich ein kleines Vermögen durch Fleiß und Streben zu erwerben, geht in ein paar Jahren schon bleich und abgezehrt einher und wenn er sich dann mit seiner errungenen Habe nach Europa zurück rettet, so nimmt er doch den Todeskeim von hier mit fort.
Die Europäer liegen fortwährend im Kampf mit diesem Klima. Ein lebendiges Beispiel bieten die englischen Soldaten in Aden. Erst nach Sonnenuntergang verlassen sie die Kaserne und nehmen auch nur zur Nachtzeit ihre Übungen vor. Und doch giebt es Erscheinungen unter dem dortigen Offizierkorps, die, vom Klima an Leib und Seele gebrochen, wie die Soldaten dahinschleichen.

Das Geschäft der Proviantierung und der Kohlenübernahme war bereits vorüber, als Prinz Heinrich an Bord eintraf. Da ihm der Besuch einer Anzahl vornehmer, englischer Offiziere aus Aden gemeldet worden war, so wurde ein kleines Fest an Bord veranstaltet, zu dem auch die Herren von der "Deutschland" an Bord der "Gefion" herüberkamen.
Das war ein herrliches Fest an diesem Abend. Die Musik spielte fröhliche Weisen, Champagnergläser erklangen, die Matrosen tanzten auf dem Vorderdeck und hier und dort ertönte ein deutsches Lied in den stillen Hafen hinaus, dessen Fluten dalagen wie flüssiges Blei.
Bis lange nach Mitternacht währte das Fest, dann verabschiedeten sich die englischen Offiziere und der Ernst des Dienstes trat wieder in seine Rechte.
An Bord wurde alles zur Weiterreise klar gemacht und fleißige Hände arbeiteten die ganze Nacht ruhelos. Als sich der erste rote Streifen am östlichen Himmel zeigte, wurden die Fallreeptreppen eingezogen und die letzten noch auf dem Wasser befindlichen Boote aufgehißt und hoch oben auf ihrem Standort über Bord vertaut. Der Prinz begab sich mit seinen Herren wieder hinüber an Bord der "Deutschland", wo alles zu seinem Empfang bereit stand, dann machte die Schiffsschraube ihre ersten, das ganze gewaltige Schiff erschütternden Bewegung und langsam steuerte das Flaggschiff hinaus aus dem Hafen.
In einiger Entfernung folgte die "Gefion" nach und ehe die Sonne, die hier wie ein glühender Feuerball aus dem Meere steigt recht sichtbar wurde, hatten die beiden stolzen Kreuzer bereits den Hafen weit hinter sich gelassen.
Mit Volldampf voraus ging es durch den Golf von Aden dem arabischen Meer entgegen. Bald tauchte weit drüben am Horizont, nur durch das Fernglas zu erkennen, die alte, geheimnisvolle Stadt Makalla, die Hauptstadt des Sultans von Makalla und Scheher, auf. Dann ging es auf die hohe See, über die sich ein stahlblauer, wolkenloser Himmel wölbte. Wie schön, wie groß und wie weit ist die Welt!

Prinz Heinrich hielt sich jetzt viel in seiner herrlich ausgestatteten Kabine auf und versammelte dort stets einige dienstfreie Offiziere um sich. Die Herren unterhielten sich heute über die Gewässer, die sie jetzt durchkreuzten. Kartenwerke lagen auf dem Kartentisch aufgeschlagen und mit Interesse wurden die dort verzeichneten Linien verfolgt.
Einer der älteren Offiziere, der bereits mehrfach den Golf passiert, wußte lebhaft und anregend zu erzählen:
"Die wind- und Wetterverhältnisse sind in dieser Gegend im Winter ungemein gefährlich," erklärte er, "so daß man es als ein besonderes Glück betrachten darf, wenn man in dieser Zeit glücklich wieder aus dem Golf herauskommt. Brugsch Pascha, ein ausgezeichneter Kenner des Golfes und der daran grenzenden Länder, erzählte einst, wie der preußische Gesandte in Buschir sich an einem einzigen Tage das Fieber holte und sofort daran starb. Das Golffieber im persischen Golf ist eine der schlimmsten Seuchen, die ganz gleichmäßig im Winter, wie auch im Sommer wütet. Zu den Erholungsorten für Sommerfrischler kann man die Länder um den Golf herum nicht gut rechnen", fügte Kapitän Müller lächelnd hinzu, "die Wasserverhältnisse sind dort so trostlos, daß man sich bei einem einzigen Trunk sogenannten frischen Quellwassers einen Guineawurm holen kann, der einem wochenlang zu schaffen macht."
"In diesem Falle werden wir nicht an Land gehen," versetzte der Prinz, "und wenn die Uferlandschaften noch so verlockend zu uns herüber winken."

Es zeigte sich indessen bald, daß das arabische Meer zu Zeiten doch nicht ganz so schlimm war, wie sein Ruf. Bei leichten, südwestlichen Winden dampften die "Deutschland" mit der "Gefion" vorwärts. Die See war hier tiefblau und erinnerte an manchen Stellen an die herrliche Adria.
Ohne irgend welchen Zwischenfall, bei einem wunderbaren Wetter, wurde das Kap Muareh erreicht. Prinz Heinrich neckte seinen Adjutanten hin und wieder, des üblen Leumund wegen, den er dem arabischen Meer ausgestellt. Mit einem Blick auf Wind und Wetter versetzte dieser:
"Königliche Hoheit, wir sind noch nicht durch."
Und in der That sollte die Fahrt nicht so glatt von statten gehen, denn nicht bei Kap Muareh, mit seiner steil ansteigenden indischen Küste, wurde die Maschine der "Deutschland" defekt. Der Kreuzer mußte auf ein paar Stunden beidrehen und liegen bleiben, bis die Maschine ausgebessert war.
Das war ein unliebsamer Aufenthalt, aber mit dem unverdrossenen Frohmut des Seemans fügte man sich in das Unvermeidliche.
Die unfreiwillige Muße benützte der Prinz nun dazu, das ungewöhnliche reiche Tierleben des arabischen Meeres zu beobachten. Die massenhaft umhertreibenden Algenzellen waren hier ganz gelb gefärbt. Millionen von Medusen schwammen um das Schiff herum und mit lebhaften Interesse beobachtete der Prinz die mächtigen Tintenfische, die mit ihren riesigen, lang ausgestreckten Fangarmen den kleinen Fischen nachjagten. Da der unheimliche Fisch ebenso rasch vorwärts, wie rückwärts sich bewegt, und dabei seine Arme nach allen Richtungen ausstreckt, so gelingt es den Medusen nur selten, ihn zu entgehen.

Da auf einmal tauchte ein ganzes Rudel riesiger Wale, von 15 bis 18 Metern Länge, vor der "Deutschland" auf. Es war, als ob die Seeriesen dem Kriegsschiff einen Besuch machen wollten. Sie strichen dicht an der Schiffswand entlang und die Fontänen lauwarmen Wassers, die sie emporspritzten, ergossen sich über Deck. Die Seeungetüme tummelten sich voll Übermut, wühlten mit ihren ungeheuren Schwanzflossen das Wasser auf, als wollten sie ihre Freude darüber zeigen, die "Deutschland" zu sehen.
Jeder der Wale war mit einer Leibgarde meterlanger Fische umgeben, die mit Lust alle Evolutionen der Riesen mitmachten. Wenn einer der Wale die Schwanzflossen über Wasser erhob, um mächtige Schaumwogen um sich her zu verbreiten, konnte man deutlich faustdicke Muscheln sehen, die sich in Massen auf seinem Fettleib festgesetzt hatten.
Im Prinzen Heinrich regte sich die Jagdlust. Es ließ sich ein Gewehr reichen und schoß auf einen der Wale eine Kugel ab. Aber die Fettschicht dieser Ungeheuer war so dick, daß das Tier die Kugel absolut nicht spürte, die offenbar in der Fetthaut stecken blieb. Der getroffene Wal blies pfeifend, wie zum Hohn, einen mächtigen Wasserstrahl empor und tummelte sich fröhlich weiter.
Nach verlauf von einigen Stunden schon, während welcher Zeit die "Gefion" ganz aus den Augen verschwand, war die Maschine repariert und die "Deutschland" konnte die Fahrt fortsetzen.
In dem Augenblick, als die Schraube ihre ersten Umdrehungen machte und das Schiff sich in Bewegung setzte, blieben die Wale respektvoll zurück und betrachteten ihre Visite als beendigt.

Nun ging die "Deutschland" mit forcierter Fahrt nach Bombay. In den Mannschaftsräumen war es inzwischen geheimnisvoll hergegangen. Im Hafen von Kiel hatte man in aller Stille eine ganze Anzahl frischer Tannen an Bord gebracht und diese wurden nun aus den Unterräumen des Schiffes hervorgeholt und in den Mannschaftsräumen aufgestellt.
Auch Kadett Borlitz hatte in Kiel für eine Tanne gesorgt und den Baum an einem guten Ort zur Aufbewahrung gebracht. Aber als echter, junger Seemann, der an alles denkt, nahm er auch eine Anzahl Schachteln mit auf das Schiff, die mit den besten Zuckersachen, Königsberger Marzipan und Baumbehang gefüllt waren.
Wohl wußte der Prinz, daß der Weihnachtsabend gekommen war, aber weder er noch seine Umgebung sprachen davon, weil man sich nicht gegenseitig das Herz schwer machen wollte. Den ganzen Tag über war der Prinz einsilbig an Bord einhergegangen, sein Fühlen und Sehnen zog ihn weit über die Meere, der Heimat zu, und jetzt, als die Dunkelheit hereingebrochen war, lenkte er die Schritte seiner Kajüte zu, um dort still für sich allein den Christabend zu verbringen.
Aber er fand die Thür von innen abgeschlossen. Unangenehm berührt, trat er zurück und wußte nicht, was das bedeuten sollte. Ein Diener eilte herbei, der gefragt wurde, warum die Thür abgeschlossen sei.
"Verzeihung, Königliche Hoheit," stammelte dieser, "auch ich fand die Thür verschlossen, glaubte aber, es sei das auf Befehl Euer Königlichen Hoheit geschehen."
Bei diesen Worten pochte der Diener stark an die Kajütenthüre.

"Gleich", rief eine helle Stimme in dem fürstlichen Gemach, und Prinz Heinrich glaubte die Stimme des Borlitz zu erkennen.
Inzwischen eilten noch einige Offiziere, Beamte und selbst Matrosen herbei, denen Prinz Heinrich lächelnd mitteilte, daß er heute einmal ausgesperrt sei.
Da, als man schon die Absicht ausgeprochen, die Thüre mit Gewalt zu öffnen, ging diese von selbst auf und heller Kerzenglanz erstrahlte bis auf das halbdunkle Deck hinaus. Borlitz stand mit erhitztem Gesicht im Rahmen der Thüre und sagte verlegen:
"Verzeihung, Königliche Hoheit, ich mußte zuerst den Weihnachtsbaum anzünden."
Mit einem Ausruf freudigen Erstaunens trat der Prinz in die Kajüte ein. Mitten auf dem Kartentisch stand ein echter, deutscher Weihnachtsbaum mit Dutzenden von brennenden Wachskerzen. Das Gemach war mit dem aromatischem Duft der Tanne erfüllt. Der Baum war geschickt mit Zuckerwerk, vergoldeten Nüssen und blitzenden Glasperlen geschmückt. Als Weihnachtsgeschenk für den Prinzen Heinrich hatte Borlitz die Reinschrift seiner Arbeit über das Schiff unter den Baum gelegt.
Gerührt trat der Prinz näher, mit gefalteten Händen blickte er zu dem Baum empor und war aufs tiefste ergriffen. Mit niedergeschlagenen Augen stand Borlitz, auf den sich bald alle Blicke richteten, da und wagte kein Wort zu sprechen.
"Borlitz", sagte jetzt der Prinz, "der Baum ist wohl für mich?- Na, auf Wort, da haben Sie mir eine große und seltene Freude bereitet und wahrlich, das soll ihnen nicht vergessen sein!"
Er reichte dem Kadett die Hand, der plötzlich zu weinen begann und selbst nicht wußte, warum. Als der Chef fragte, warum ihm die Thränen in den Augen ständen, versetzte er: "Wenn meine Mutter nur auch jetzt hier wäre."

Während Prinz Heinrich mit Borlitz, den er an die Hand genommen, an den Weihnachtsbaum trat, um dessen Herrlichkeit zu bewundern, gab sein Adjutant einem Offizier einen Wink und dieser eilte sofort aus der Kajüte. Schon ein paar Minuten später versammelten sich das Musikkorps der "Deutschland" draußen auf Deck und bald erklang es: "Stille Nacht, heilige Nacht!"
Die jüngeren Offiziere stimmten das herrliche Lied an, die älteren Herren blieben nicht zurück und zuletzt fiel auch Prinz Heinrich mit kräftiger Stimme ein. Der Gesang pflanzte sich weiter über Deck, bis in die Mannschaftsräume hinein und es währte nicht lange, so ertönte aus allen Winkeln des Schiffes, bis hinunter in die Maschinenräume, das alte Weihnachtslied: "Stille Nacht, heilige Nacht!" -

Das war die Weihnachtsfeier an Bord der "Deutschland" im arabischen Meer.

 

Quelle: Prinz Heinrich in Kiautschau, Conr. Fischer-Sallstein, Globus Verlag, von rado Jadu 2000

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