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Prinz Heinrich in Kiautschau

Reisen zu Wasser und zu Lande des Prinz-Admiral in Indien, China, Japan (1898-1900)

Fünfter Abschnitt

In Bombay. Die Türme des Schweigens. Royal Yachtklub. Das Geschenk des Prinz-Admirals. Hoher See. Adampeak. Borlitz als Amateur. Colombo.

Bombay in Sicht! - Auf dem Südende einer unendlich langen Insel, die sich wie eine schmale Riesenzunge ins Meer hinein erstreckt, liegt, mitten im üppigen Grün, die berühmte Hafenstadt. Diesmal übernahm die "Gefion" die Führung in den Hafen, in welchem eine kurze Rast gemacht werden sollte.
Je näher man an den Hafeneingang, dessen eine Seite durch das Festland gebildet wird, herankommt, je mehr verliert das liebliche Bild, das die Stadt mit seiner Umgebung von der See aus bietet. Der Mangel an jeglichen Hintergrund wirft zuletzt ermüdend. Und doch ist Bombay die interessanteste Stadt Indiens. Das Abendland und der Orient finden sich hier baulich und durch die bunte Bevölkerung vertreten zusammen. Die Gegensätze, die die beiden Welten zeitigen, verleihen dieser Stadt ein ganz besonderes Interesse.

Landet man beim Apollo Bender, so gelangt man zuerst in das sogenannte Fort, den Sitz der Behörden, der öffentlichen Ämter und der großen Handelshäuser. Große monumentale Bauten, manche freilich von mehr als bedenklichem Geschmack, machen sich hier breit. Die Gebäude tragen Ziegel - oder sogar Schieferdächer, was in den Tropen kaum angebracht erscheint. In den Hauptstraßen der Stadt bewegt sich ein vorwiegend europäisch gekleidetes Publikum. Unter den 800 000 Einwohnern gibt es über 10 000 Europäer. Das große Stadtviertel der Bazare, überhaupt der Geschäftsstraßen, ist das interessantesten von Bombay. Die Häuser in den langgestreckten, schattenlosen Straßen sind teils aus Holz, teils aus Stein und in der Regel nur einstöckig. Im Erdgeschoß der mit allerhand Zierrat und Schnörkelwerk versehenen Gebäude befinden sich die Läden oder Werkstätten, eine Treppe höher, also unter dem Dach, die eigentlichen Wohnräume.
Sofort nach der Landung begab sich der Prinz Heinrich an Land, denn Bombay muß man gesehen haben.

Der Zufall wollte es, dass der deutsche Kaisersohn in das bunte Gewühl einer Bazarstraße mit seinem Gefolge hineinkam. Die Menschenmassen strebten hier vom frühen Morgen bis zum späten Abend ruhelos hin und her. Alle Verkaufsstände, welche die Straßen ungewöhnlich einengen, sind von ihnen belagert. Es wird da immer mit fast schreiender Stimme gehandelt, gefeilscht, gestritten und gelacht, wodurch ein Lärm entsteht, den der Europäer, an solche Szenen nicht gewöhnt, nicht genug bewundern kann. Der schlanke, schmächtige Hindu mit seinem weißen Gewand und dem roten Turban, bildet das Hauptelement unter diesen Massen.
Trotz der tropischen Hitze, die Tag und Nacht über der Stadt brütet, und die die Menschen nur zu leicht zum Nichtstun verleiten könnte, ist Bombay eine emsig arbeitende Stadt. Vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein wird in den zahllosen Werkstätten gearbeitet, währt das ewige Rennen und Jagen nach Verdienst und Gewinn. Die Hindus, die in einer Anzahl von weit über 500 000 die Stadt Bevölkern, sind strebsame, nüchterne Arbeiter, die kein Ermüden kennen.

Auf den Straßen sind alle Arten von Fuhrwerken vertreten. Besonders fällt der ortsübliche, zweiräderige Ochsenwagen auf, der mit Zeltleinwand überspannt ist und aus dem Binnenlande kommt. Die Pferdebahnwagen rasselt mit lautem Geräusch durch die Stadt und ihre tragen zum Schutz gegen die sengende Sonnenglut eine Art Korkhelm auf dem Kopf.
Gegen Norden und wohl auch gegen Westen auf der Landzunge, die Bombay trägt, wird das Land etwas hügelig, die Straßen beginnen sich zu erweitern und hier kann man bereits hübsche Gärten sehen, die sorgsam gepflegt sind. Prinz Heinrich von Preußen, dem ein tüchtiger Führer zur Seite, folgte diesem mit seinem Gefolge eine solche nördliche Straße entlang. Bald kam er in eine wunderbare Anlage, die ihn förmlich entzückte. Reizende Haine von Kokos Toddypalmen glänzten in taufeuchtem Grün. Der Boden war mit einem weichen Sammetrasen bedeckt, in dem bunte Vögel umherhüpften. Bald darauf erreichte die hohe Gesellschaft das schöne Villenviertel Malabarhill, welches sich bis hinunter an die See zieht. Hier wohnen die reichen Europäer und sind oft von einem verschwenderischen Luxus umgeben.

Zwischen den idyllischen Wohnorten, welche die Mitte des kleinen Vorgebirges einnehmen, dem Mittelpunkt der Villenstadt, befindet sich der Weg, der zu den größten Sehenswürdigkeiten von Bombay hinanzieht. Es sind die Türme des Schweigens und das heilige Dorf der Hindu, Walkeschwar genannt. Selten versäumt es ein Fremder, diese Punkte aufzusuchen. Die Türme des Schweigens dienen als Leichenbestattungsort (Parsi). Eine breite, schöne Straße führt dahin. Bald kommt man in einen großen Garten von wunderbarer Blütenpracht, die die heiße Lift mit ihren Düften erfüllt. Nicht verrät die unheimliche Bestimmung der beiden Türme, wenn man durch diesen herrlichen Park schreitet. Einen Moment hindurch blieb Prinz Heinrich stehen, um sich an diesen unvergleichlichen Blumenflor zu erquicken, der, soweit man sehen kann, mit echt orientalischer Pracht das Auge entzückt. Ein paar zerlumpte, Hindupriester umschleichen jetzt mit einem gewissen Mißtrauen die Reisegesellschaft.

Bald erblickt man fünf Türme, die sich in einer Höhe von sechs bis sieben Metern aus dem Blumenmeer erheben. Zugleich macht sich aber auch ein widerliches Gekrächze unliebsam bemerkbar, das aus jener Gegend dringt. Näher kommend, gewahrt man an den südlichen Teilen der kreisrunden Türme einige alte, laublose, abgestorbene Bäume, auf denen eine ganze Anzahl abscheulicher Aasgeier von riesiger Größe sitzen. Jetzt stellen sich die Hindupriester dem Prinzen in den Weg und einer von diesen, der der englischen Sprache mächtig ist, macht den hohen Heer darauf aufmerksam, dass man sich den Türmen des Schweigens nur auf dreißig Schritte nähern darf.

Prinz Heinrich beklagte das, den gern hätte er einen Blick in das Innere dieser grausigen, mit Leichen angefüllten Bauten geworfen. Da dies indessen nicht ausführbar war, so erklärte der Führer, dass das Innere der Türme des ewigen Schweigens eine große, trichterartige Plattform bildet, welche in der Mitte in einen Schacht übergeht. Die Plattform ist in drei ringförmige Abteilungen geschieden, zu denen eine an der Außenseite des Turmes sich befindlich Eisentür führt. Auf die äußeren Abteilungen der Plattformen werden die Leichen der Hindumänner, auf die anderen die der Hindufrauen und Kinder ganz nackt hingelegt. Sofort, nachdem der Leichnam auf die unheimliche Plattform gelegt worden und die Wärter sich zurückgezogen, stürzen die Geier auf diesen und verzehren ihn, nichts zurücklassend, als das Gerippe, das später in den fürchterlichen Turm durch den Schacht geworfen wird. Der Prinz wandte sich ab. Nein, ein so entsetzliches Schauspiel möchte er nicht mit ansehen! Die Gesellschaft, die ihn umgab, hatte sogar die Freude an dem herrlichen Blumenpark verloren und alle Herren schritten rüstig aus, nur um so bald wie möglich von den Türmen des Schweigens fortzukommen.

Prinz Heinrich konnte es nicht begreifen, dass einen so barbarischem Kultus ein Volk huldigt, dessen Religion ihm verbietet, ein lebendes Tier zu töten, ja selbst nur einen im Wachstum begriffenen Baum zu fällen. Dieselben Menschen, die so voll Barmherzigkeit mit dem lieben Vieh sind, dass sie in Bombay das letzte Geld daran wenden, einen Ochsen im Schlachthause von der Schlachtbank freizukaufen, um ihm das Leben zu erhalten, lassen sich von Geiern nach ihrem Ableben zerreißen! - Man kehrte nun wieder in die Stadt zurück, nahm noch einige Sehenswürdigkeiten in Augenschein und bei anbrechender Dunkelheit ging es wider zur "Deutschland."

Als der Prinz an Bord kam, erwartete ihn hier eine Abordnung des berühmten Yachtklubs von Bombay. Die Herren luden Seine Königliche Hoheit zu einem Feste ein, das der Klub ihm zu Ehren zu geben gedachte. Leider mußte das freundliche Anerbieten abgelehnt werden, denn die ernsten Verpflichtungen, die den Prinzen von Preußen nach China führten, duldeten keinen Aufschub. Dann kamen die Herren vom deutschen Konsulat, mit denen der Prinz bis lange nach Mitternacht geschäftlich zu verhandeln hatte. Inzwischen wurde alles zur Weiterreise vorbereitet und noch vor Tagesgrauen gingen die "Deutschland" und die "Gefion" in See.

Auf nach Kolombo, auf nach dem herrlichen Ceylon, lautete nun die Devise der "Deutschland". Wind und Wetter waren bis jetzt der Prinzenfahrt gnädig gewesen und so Gott will, bleiben ernste Stürme fern. An Bord war bis jetzt alles wohl. Der Schiffsarzt mit seinem Assistenten verlebten sorglose Tage. Jetzt gewann Prinz Heinrich Zeit, an den Kadett Borlitz zu denken, dem er sich sehr verpflichtet fühlte. In Bombay war der Prinz in den hübschen Laden eines französischen Kaufmanns getreten und hatte dort einen Einkauf gemacht, der für sein ganzes Gefolge, also auch für den anwesenden Borlitz, Geheimnis blieb. Dann war spät in der Nacht von einem kaffeebraunen Diener eine kleine Kiste an Bord geschafft worden, die der Prinz in seine Kajüte bringen ließ.

Heute, nachdem Bombay längst außer Sicht und die "Deutschland" mit der "Gefion" dem fernen Kolombo zusteuerte, gab der Prinz Befehl, dass Kadett Borlitz vor ihm zu erscheinen habe. Mit beklommenem Herzen näherte sich der Kadett der Kabine des hohen Gebieters. Er befürchtete, dass der Prinz an seiner Beschreibung "Das Schiff" irgend etwas auszusetzen habe. Wer wußte es nicht an Bord, dass der Chef es ernst nimmt auch in solchen Dingen. Schon tat es Borlitz leid, das Schriftstück, welches ja eigentlich für seinen Freund Adolf Zappe in Plauen bestimmt war, in die Hände Seiner Königlichen Hoheit gegeben zu haben. Am Ende waren ihm doch ein paar Fehler unterlaufen und Prinz Heinrich wird ihm nun Vorhaltungen machen. Er bereute es, dass er seine Arbeit dem hohen Herrn unter den Weihnachtsbaum gelegt, aber er hatte ja nichts anderes.

Prinz Heinrich empfing den Kadett mit großer Herzlichkeit. Freundlich reichte er ihm die Hand und hieß ihn auf einen Stuhl Platz nehmen. "Mein lieber von Borlitz," redet er ihn an, "ich fühle mich in Ihrer Schuld, Sie haben mir mit dem Christbaum und Ihrer Arbeit"Das Schiff" eine wirkliche Freude bereitet. Ich will es nun versuchen, die Schuld ein wenig abzutragen. "O, Königliche Hoheit," stammelte Borlitz, "der Weihnachtsbaum hat ja nichts gekostet, - ich habe ihn von meiner Mutter bekommen. "Um so lobenswerter von Ihnen, dass Sie mir das gegeben was Ihnen besonders teuer sein mußte. - Von der Einsicht ausgehend, dass der Kadett von Borlitz ein etwas ruheloser Kopf ist, der auch an Bord eine besondere Beschäftigung haben muß, denn der Dienst allein genügt ihm nicht, habe ich für Sie einen Amateur-Photographen-Apparat gekauft, den ich Ihnen hiermit zum Geschenk mache."

Bei diesen Worten öffnete der Prinz den in Bombay gekauften Kasten und überreichte Borlitz eine prächtige Camera. Die blauen Augen des Kadetten glänzten in hellem Jubel. "Sie werden sich also mit dem Apparat da befreunden, Borlitz, und ein tüchtiger Amateur werden. Es liegt eine Broschüre in französischer Sprache bei, aus der Sie ganz gut erlernen können, wie man's macht. - Sobald Sie etwas photographiert haben, lassen Sie mich das sehen. Ihre Frau Mutter wird sich freuen, wenn Sie ihr einmal Land und Leute, die Sie gesehen, im Bilde vorführen können. "Borlitz stammelte ein paar Worte des Dankes und stürmte dann mit seinem Geschenk davon. Lächelnd blickte der hohe Chef ihm nach, "Dieser Borlitz wird einst von sich reden machen," murmelte er vor sich hin.

Tage vergingen, der Himmel blieb unbewölkt, kein Lüftchen regte sich, die Sonne sandte ihre glühenden Strahlen aufs Meer, das, wenn der Feuerball am Horizont untertauchte, die Hitze zurückstrahlte. Immer südwärts steuernd, erreichte die "Deutschland" die südlichste Spitze von Indien, das Kap Komorin. Von hier ging es direkt auf Ceylon zu. Der in allen Segelhandbücher verzeichnete Nordostmonsum machte sich bereits bemerkbar. Ein erfrischender Hauch strich über Deck, die bleierne Ruhe der Meereswogen wurde durch den Monsun unterbrochen und oft rückten Wellenberge heran, die die "Deutschland" ins Schwanken brachten. Das war eine angenehme Brise für den Seemann. Fröhlich sangen die Matrosen an Bord und Prinz Heinrich wich nicht von der Kommandobrücke.

Da, eines Morgens erscholl vom Ausguck der Ruf "Land in Sicht" und fern am Horizont zeigte sich ein bläulicher Punkt, auf den der Prinz sofort das Fernglas richtete.
"Da muß der Adampeak von Ceylon sein", sagte er zu seiner Umgebung. Und in der Tat, Prinz Heinrich täuschte sich nicht, der höchste Punkt Ceylons, nach dem der Seemann so oft sehnlichst Ausschau hält, war in Sicht gekommen. Schon am Abend erreichte die "Deutschland", die ihre Fahrt mäßigen mußte, den ungeheuren langen Wellenbrecher des Hafens von Kolombo. Durch diese Mole hat die Sicherheit des sonst sehr bedenklichen Hafens gewaltig gewonnen. Die Zeiten sind so ziemlich vorbei, in denen jeder hohe Seegang den im Hafen liegenden Schiffen gefährlich wurde, so dass diese es vorzogen, sich lieber auf die See hinaus zu begeben, um dort den Sturm durchzumachen.
Kolombo ist eine Stadt von 120 000 Einwohnern, aber es ist keine Stadt in europäischem Sinne. Schon von der See aus bemerkt man nur einige zerstreut umherliegende Häuser, die teils im italienischen Villenstil erbaut, teils aus Lehm oder Holz konstruiert, sich dem Reisenden präsentieren.

Angesehen von drei bis vier Straßen, in denen europäische Häuser stehen, in welchen der Sitz der Regierung oder große Handelshäuser sich befinden, stellt sich die ganze Stadt Kolombo als ein ungeheurer, tropischer Park mit Teichen und bezaubernd liegenden Inseln dar, auf denen sich reizende Landhäuser erheben. Endlose, von üppigem Grün geschmückte Straßen mit Palmenalleen ziehen sich zwischen den zahllosen Gewässern hin. Man kann Stunden hindurch auf diesen Straßen umherfahren und hat immer noch nicht die ganze Stadt gesehen. Die Bevölkerung Kolombos bietet im allgemeinen ganz das gleiche Bild, wie fast alle Städte Indiens. Nur fehlen hier die bunten Farben Bombays, denn alle Bewohner gehen in grellen Weiß einher. Der Hauptteil der Bevölkerung besteht aus Singhalesen, eine den Südindien nahe verwandte malayische Rasse.

Als die "Deutschland" im Hafen vor Anker gegangen und die "Gefion" ebenfalls eingelaufen war, suchte Kadett von Borlitz um eine Audienz beim Prinzen Heinrich nach. Natürlich wurde sie ihm noch am späten Abend gewährt.
"Königliche Hoheit", berichtete Borlitz, "ich glaube nun das Photographieren zu verstehen und bitte um Urlaub an Land, damit ich dort ein paar Eingeborene aufnehmen kann. "Gewährt, Borlitz," entgegnete der Prinz, "aber unter der Bedingung, dass Sie einen zuverlässigen Mann als Kamerad mit an Land nehmen, denn allein kann ich einen solchen Tollkopf nicht gehen lassen. "Sofort erhielt der Unterleutnant zur See Sessenbach, sowie der Obermaat Mehling den Befehl, am folgenden Morgen den Kadett von Borlitz an Land zu begleiten. Die Befohlenen erhielten vom Kapitän noch einige besondere Winke, und es wurde ihnen ans Herz gelegt, Borlitz mit seinem photograhischen Apparat wieder heil an Bord zurück zu bringen.

Borlitz, der sich eines recht gesunden Schlafes in der Regel erfreute, konnte in dieser Nacht kaum ein Auge schließen. Im Schneckengang krochen die Stunden an ihm vorüber. Endlich erhob sich der rote Feuerball der Sonne über das Meer. Sofort sprang der Kadett aus der Hängematte und machte sich fertig zu seinem ersehnten Gang an Land. Tausende von Plänen durchschwirrten seinen Kopf. Alle Aufnahmen, die er in Kolombo zu machen gedachte, wollte er natürlich zuerst seinen hohen Gönner, dem Prinzen Heinrich, widmen. Der Ehrgeiz trieb ihn an, das Höchste und das Beste zu leisten. Endlich nach sieben Uhr, konnte er mit seinen beiden Begleitern und Beschützern das Landungsboot besteigen. Den Kasten mit dem Apparat trug er wie einen Juwel unter dem Arm. Kaum an Land gekommen, entdeckte Borlitz auch schon einen sonderbaren Kerl, der seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Es war ein Singhalese mit lichtbrauner Hautfarbe, der langes, ebenholzschwarzes Haar wie eine Frau besaß. Dieses Haar war rückwärts gekämmt und auf dem Hinterkopf in einen Knoten gebunden. In dieser Haartour hatte der sonderbare Mensch einen echten, kronenartigen Schildpattkamm stecken, gerade so, wie eine Dame aus Europa. Dazu trug der Singhalese einen unterrockartigen Lendenschurz und eine weiße Jacke, so dass man hätte glauben können, es wäre eine Frau, wenn nicht der große blauschwarze Vollbart gewesen wäre.
"Den muß ich haben," rief Borlitz freudig aus und machte sofort seinen Apparat zurecht, um den seltsamen Burschen auf die Platte zu bringen.

Der Singhalese blickte voll Bewunderung den Kadetten und seinen Apparat an. Dieser ging auf den Ceylonesen freundlich zu und drückte ihm ein Silberstück in die Hand. "Bitte recht freundlich", bat er dann, ohne dass der Singhalese ihn verstand und richtete auf ihn seinen Apparat. Der arme Teufel aber bekam einen furchtbaren Schreck. Er mochte die kleine Maschine für eine Art von Kanone halten, und glaubte offenbar, er sollte totgeschossen werden. Mit einem wahren Schreckensruf lief er in wilder Hast davon. Leutnant Sessenbach lachte laut auf und und Obermaat Mehling machte einen Versuch den Flüchtigen einzuholen und zurück zu bringen, was ihm aber nicht gelingen wollte. "Schadet nichts", erklärte Borlitz, "die Platte ist ja noch nicht verdorben, wir werden schon einen anderen auftreiben."

Der Hafen war bis jetzt noch öde und leer. Die Tausende von müßigen Quailungerern, an denen Colombo so reich ist, lagen noch im Morgenschlummer. Auch war es offenbar noch nicht unter diesen bekannt geworden, dass in aller Stille zwei deutsche Kriegsschiffe mit einem Kaisersohne an Bord, im Hafen eingelaufen waren. Aber plötzlich, wie durch Zauberei, wird es am Hafenufer lebendig. Von allen Seiten stürmte ein Volk herbei, wie es Borlitz noch nie gesehen hat. Da waren Geldwechsler, Handelsleute, Führer und Bettler, fast alle in der seltsamen Tracht, die man an dem ersten Singhalesen bereits bewundert hatte. Aber auch Lohnfuhrwerke kamen herbei und nun entstand ein Drängen und Treiben um die Europäer herum, dass diesen fast Hören und Sehen verging. Wohl an zehn Lohnkutscher standen bereit, die Herren in die Stadt hinein zu fahren. Einer drängte den anderen zurück und suchte mit Zanken und Streiten sich die Fahrgäste zu gewinnen.

Sessenbach, der Leutnant, war zuletzt froh, dass er sich mit dem Kadett und dem Maat in einen Wagen hineinretten konnte. Eine Flut von Verwünschungen wälzte sich nun in einer Sprache den glücklichen Kutscher, der die Reisende sich gekapert hatte, die erfreulicherweise die Europäer nicht verstanden. Der Lohnkutscher lachte vor Lust, schlug mit der Peitsche auf die unheimliche, von Gewinn und Handelswut befallene Menge ein und bahnte so seinem Pferd den Weg. Und nun begann eine sonderbare Wagenfahrt, wie sie nur in Ceylon und auch dort nur in Colombo denkbar ist. Die ganze Rotte, die immer mehr anwuchs, stürmte den Wagen nach. Da waren halbnackte, braune Knaben, die wunderschöne Lotosblumen anboten, Bettler mit verschnürten Füßen und Armen, die aber besser laufen konnten, wie das Droschkenpferd, Händler mit Stöcken und Bambusrohr, Händler mit Edelsteinen, besonders sogenannte Katzenaugen feilbietend, Burschen die mit Zündhölzern handelten, solche wieder, die sich brüsteten, die besten Führer der Hafenstadt zu sein; andre hatten bunte Tücher, Schildplattkämme und hundert andere Dinge, die für die Seeleute ganz wertlos waren, zum Verkauf.

Borlitz amüsierte sich über diese tolle Jagd. Das Straßenbild war so eigenartig, so aufregend und interessant, dass er sich nicht satt sehen konnte. Wie gerne hätte er die ganze Horde auf seine Platte gebracht, aber das war ja unmöglich und zuletzt atmete er selbst erleichtert auf, als die Menge, die mit einem Rudel hungriger Wölfe vergleichbar war, hinter ihnen zurück zu bleiben begann. "Die hätten uns ja beinahe zerrissen," sagte er lachend zu Leutnant Sesselbach. "Und dabei sind das lauter Spitzbuben", versetzte dieser, "wer von dem Gesindel auch nur eine Kleinigkeit kauft, ist übervorteilt und betrogen. Die Ansichtspostkarten, die der schwarze Teufel dort drüben feilbietet, stammen sicher aus Berlin."
"Da könnten wir ja dem lieben Gott danken, dass wir so ungerupft davon kamen," meinte der Obermaat.
Sessenbach warf einen Blick auf den Lohnkutscher und machte ein bedenkliches Gesicht.
"Wenn wir nur nicht aus dem Regen in die Traufe geraten sind. Der Kerl von einem Kutscher ist ein Halbaraber und gehört mithin zu dem spitzbübichsten und rauflustigsten Volk der ganzen Stadt. Paßt auf, der Kerl verschachert uns."
"An wen, Herr Leutnant?" fragte Borlitz erstaunt.
"Hat der Mensch uns denn schon gefragt, wohin wir eigentlich fahren wollen? Natürlich fällt ihm das gar nicht ein, er fährt uns dahin, wo es ihm beliebt und er den schönsten Preis für uns erzielt. Ich möchte wetten, trotz unserer Uniform, die wir tragen, fährt uns der Geselle nach einem Bazar. Der Besitzer zahlt ihm für uns Stück für Stück eine gewisse Summe und wir werden veranlaßt, mit Güte oder Gewalt, das ist einerlei, in den Laden zu gehen und dort den Schund zu kaufen, den der schlaue Kaufmann uns uns vorsetzt. Kaufen wir nichts, dann sind wir verloren. Ich habe ein Marineleutnant gekannt, dem es einmal bei der Geschichte sehr übel erging. Total ausgeplündert, mit einem Haufen unnützen Kram auf dem Rücken, kann man nur einen solchen Bazar verlassen.

Kampflustig reckte sich Borlitz empor.
"Das wollen wir doch einmal sehen," rief er aus, "wir sind Deutsche! Mit dem Spitzbuben werden wir fertig."
"Jawohl Borlitz, machen wir uns fertig, einen Strauß zu bestehen. Landet uns der Bursche vor einem Laden, dann wissen wir, was wir zu tun haben."
Der Wagen war inzwischen über eine Holzbrücke gefahren, es ging eine Strecke an einem wunderschönen Teich entlang, auf dem Lotosblumen blühten und dann bog der Wagen in eine lange Bazarstraße ein. Auch jetzt dachte der Halbaraber nicht daran, die Herren zu fragen, wohin er sie fahren soll. Tiefer in die Straße eingedrungen, fuhr der Kutscher immer langsamer und warf verdächtige Blicke in die indischen Läden, die sich hier zu Dutzenden befanden. Es währte denn auch nicht lange, so tauchte da und dort unter den Ladentüren ein Kaufherr auf und kaum auf den Kutscher hinzu. Bald waren zehn Handelsherren um den Wagen versammelt und begannen mit dem schlauen Araber zu handeln und zu feilschen. Einer von ihnen reichte dem Kutscher zwei englische Geldmünzen auf den Bock hinauf und damit schien der Handel abgeschlossen zu sein.
"Nun paßt auf," sagte Sessenbach, "der Kerl hat uns soeben regelrecht verkauft!"

Im nächsten Augenblick stieg der raffinierte Geselle vom Bock, trat an die Herren heran und forderte in gebrochenen Englisch seinen Fahrlohn. Sofort händigte Sessenbach dem Manne ein Zweimarkstück aus, als dieser aber damit nicht zufrieden war und zu feilschen begann, legte der Offizier die Hand an den Säbelgriff und erklärte ihm in deutlichem Englisch, dass, wenn er auch nur die geringste Schwierigkeit machen würde, so sollte er bald alle Ursache haben, das recht bitter zu bereuen. Das ließ sich denn auch der Bursche gesagt sein, sprang auf den Bock seines Wagens und fuhr eilig davon. Nun bat der Händler die Herren in seinen Laden einzutreten. Lächelnd erklärte ihm Sessenbach, dass sie dazu keine Veranlassung hätten und ging mit Borlitz und dem Obermaat weiter. Heulend und jammernd folgte der Kaufmann den Deutschen eine Strecke nach, bettelte sie an und als diese sich nicht erweichen ließen, stieß er greuliche Flüche aus und blieb zurück.
Borlitz hätte den Händler gerne auf seine Platte gebracht, aber der erfahrene Sessenbach warnte ihn
"Die Sorte ist zu unverschämt", erklärte er, "die Forderung, die ein solcher Mensch stellt, sind nicht zu befriedigen. Geld darf uns eine solche Aufnahme überhaupt nicht kosten."

Sie kamen alsbald zu einem großen Regierungsgebäude, vor dem sich eine schaulustige Menge herumtrieb. Da kam gerade eine Deputation die Straße entlang, bei deren Anblick Borlitz in Staunen und Bewunderung ausbrach. Die neugierige Menge drängte sich lärmend hinzu und aus ihrem Verhalten konnte man entnehmen, dass die Deputation ihre besondere Bedeutung haben müsse. Es waren etwa zehn, offenbar vornehme Eingeborene, die mit einer großen Gefolgschaft von weiß gekleideten Dienern daher schritten. Sie machten feierliche Gesichter und traten sehr vornehm auf.

Hauptsächlich war es die Kleidung die diese Männer trugen, welche den Borlitz ganz besonders anregte. Sie hatten breitkrämpige Hüte mit Vigretten aus Goldflitter, dazu Jacken aus weißem Stoff mit mächtigen Puffärmeln und an diese Jacke schloß sich ein übertrieben langes und in die Breite aufgebauschtes Lendentuch an, das aus grell glänzenden gelben, grünen und blauen Seidenstoffen zusammengesetzt war. Denkt man sich zu diesem weiblichen Aufputz die martialischen Singhalesenbärte, die wirr hernieder streben, dann wird man es bergreiflich finden, dass Borlitz hell auflachte, als er diesen Aufzug erblickte.
"Pst, Pst!" mahnte Sessenbach den Kadetten, "nicht so laut lachen, das sind hohe Persönlichkeiten. Der hagere dort, der wegen seiner langen Schleppe kaum gehen kann, ist ein vielvermögender Distriktvorsteher aus dem Inneren von Ceylon. Sein Kamerad neben ihn, der richtig aussieht, wie ein bunter Papagei mit langen Schwanz, ist ein kleiner Vizekönig und die anderen sind Gemeinderichter. Die Urteilssprüche, welche sie fällen, sollen nicht übel sein und wahrlich, ich möchte nicht vor ihren Schranken stehen. Die Herren begeben sich nach dem Regierungsgebäude.

Der Kadett indessen bekümmerte sich um die Warnungen des Leutnants kaum, sondern klappte seinen Apparat auf und ehe man es sich versah, hatte er die ganze Gesellschaft auf der Platte. Er prüfte die Aufnahme und fand sie großartig. Nun bat er seine Begleiter, mit ihm in irgend ein Restaurant zu gehen, damit er dort die Bilder in Sicherheit bringen und neue Platten einlegen könne. Sein Wunsch wurde erfüllt, man besuchte ein interessantes Kaffeehaus. Dort gelang es Borlitz, seinen Apparat in Ordnung zu bringen und noch eine ganze Reihe gelungener Aufnahmen zu machen. Dann wurden weitere Spaziergänge in dieser interessanten Stadt ausgeführt und Sessenbach wurde nicht müde, dem Günstling des Prinz-Admirals die Wunder der inneren Insel zu erzählen. So verflogen die stunden, man wußte nicht recht wie, und ehe man es sich versah, kam die sechste Abendstunde, also die Zeit, in der hier die Sonne untergeht.

Jetzt mußte an die Rückkehr an Bord gedacht werden. Müde und erschöpft von den vielen Gehen und Bewundern kam Borlitz an Bord der "Deutschland" zurück, wo er hörte, das Prinz Heinrich mit seinem Gefolge noch an Land sei. Nachdem er sich bei Leutnant Sessenbach für die vielen Liebenswürdigkeiten, die dieser ihm heute bewiesen, bedankt, drückte er dem Obermaat die Hand und suchte seine Kabine auf. Wenige Minuten später lag Borlitz in seiner Hängematte und schlief so gesund und tief, wie eben nur ein Seekadett schlafen kann, wenn er einen ganzen Tag an Land zugebracht hat.

Quelle: Prinz Heinrich in Kiautschau, Conr. Fischer-Sallstein, Globus Verlag, von rado Jadu 2000

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