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Prinz Heinrich in Kiautschau

Reisen zu Wasser und zu Lande des Prinz-Admiral in Indien, China, Japan (1898-1900)

Sechster Abschnitt

Weiter in die Ferne. Madras. Das Madraser Tageblatt. Der Sturm. Der Bengalische Meerbusen. Kalkutta. Die Reise nach Agra.

Von Colombo aus sandte der Prinz-Admiral die ersten Geschenke an die Gemahlin und seine beiden Söhne in die Heimat. Die Prinzessin erhielt eine geschmackvolle Auswahl Saphire und Rubinen, die von der Insel stammten und kunstvoll zu Armbändern verarbeitet waren. Die Söhne des Prinzen bekamen interessante Mondsteine, eine ganze Sammlung Katzenaugen, ein aus Bambus, von einem geschickten Singhalesen geflochtenes Schiff und ähnliche Spielsachen zugesandt. Die ganz glücklich gelungenen photographischen Aufnahmen des Borlitz aber gingen in einem besonders dazu gekauften Album an die Frau Prinzessin und der Prinz-Admiral schrieb die näheren Erklärungen dazu, was diese Bilder darstellten und welche geschickte Hand sie ihre Entstehung verdankten.

Borlitz konnte mit Recht stolz auf diesen ersten Erfolg sein. Die schönen Tage von Ceylon neigten sich ihrem Ende. Dem Befehl Kaiser Wilhelms II. gemäß, hatten die "Deutschland" und die "Gefion" die deutsche Flagge in allen größeren Häfen Indiens zu zeigen.

So lichtete denn die "Deutschland" die Anker und dampfte nach dem französischen Pondicherry, einem kleinen, aber ungemein interessanten Besitz Frankreichs, und ging von hier nach dem etwa 90 Seemeilen entfernten Madras.

Die Reisenden hatten bereits zu viel von den imponierenden Küsten und Hafenstädten Indiens gesehen, um sich besonders für Madras interessieren zu können, aber der Befehl des Kaisers mußte ausgeführt, der große Zweck der Reise erfüllt werden, und so liefen die deutschen Kriegsschiffe auch Madras an.

Beim Sonnenaufgang, an einem herrlichen Februartage, entrollte sich die gradlinige Küste von Madras den Augen der Seefahrer. Kapitän Müller, der Madras kannte, erklärte den jüngeren Offizieren den dort drüben auftauchenden, in blauen Dunst gehüllten St.Thomas, wo der Heilige dieses Namens, den qualvollen Märtyrertod fand. Als das mohammedanische Viertel in Sicht kam, jener Teil, der eine und eine halbe Meile langen Stadt. Der sich durch seine prunkhaften Bauten besonders auszeichnet, wußte der Offizier viel Interessantes von diesen uralten Bauwerken zu erzählen. Als die beiden Kreuzer auf der Rhede von Madras vor Anker gingen, versammelte sich eine unabsehbare Menschenmenge am Ufer und staunte die gewaltigen Kriegsschiffe an. Niemand durfte an Land, es war sogar nicht einmal notwendig, frisches Fleisch für die Küchen einzunehmen.

Der deutsche Konsul, einige Herren von der Regierung, sowie eine Anzahl Offiziere aus den nur von Militär bewohnten Forts, kamen an Bord der "Deutschland" und meldeten sich bei dem Prinzen. An diese Begrüßung schloß sich ein kleines Fest, das bis zum Abend währte. Auch der Hafen von Madras steht bei den Seeleuten in recht schlechtem Ruf. Es ist ein sogenannter künstlicher Hafen, der mit einem riesigen Kostenaufwand erbaut wurde, aber seinem Zwecke so wenig entspricht, daß bei herannahendem Unwetter sofort alle Schiffe das Bassin verlassen müssen, um sich auf die hohe See zu retten. Darum läuft der Seemann auch dort nur an, wenn er muß. Wer sich also in den Hafen von Madras wagt, muß sich immer seeklar halten, um sofort, sobald sich bedenklich Wolken am Himmel zeigen, auslaufen zu können. Schon dieser Umstand allein war Grund, den Aufenthalt der beiden deutschen Kreuzer möglichst kurz zu bemessen. Gegen zehn Uhr des Abends, bei einem wunderbaren Mondschein und einer ruhigen, spiegelglatten See, setzte sich die Deutschland wieder in Bewegung. Da im letzten Augenblick kam ein flaches Boot an das Flaggschiff heran gerudert und ein kaffeebrauner Mensch schwang eine Zeitung in der Luft.

Prinz Heinrich, der von der Kommandobrücke aus den Mann bemerkte, gab Befehl, nach dem Begehr des Fremden zu fragen. Bald darauf brachte man ihm eine englische Zeitung, die den Titel: "Madraser Tageblatt" führte, aber sonst in englischer Sprache abgefaßt war. Auf der ersten Seite des Blattes befand sich ein unmöglicher Holzschnitt, der das Porträt eines bärtigen, fürchterlichen aussehenden Mannes darstellte. Unter diesem greulichen Bilde aber stand buchstäblich zu lesen:
"Prinz Heinrich von Preußen, Bruder des Kaisers von Deutschland, Fürst von St.Helena und Besieger des Kaisers Napoleon in der Schlacht bei Waterloo."
Dieser haarsträubenden Erklärung des Bildes schloß sich ein würdiger Artikel an, der die stürmische Heiterkeit des Prinzen erregte. Das originelle Zeitungsblatt hat Prinz Heinrich sicherlich mit nach Deutschland gebracht.

Die hohe See ist erreicht. Bei echtem deutschem Kaiserwetter geht es nach Agra, nach Delhi, Benares und Calcutta. Das herrlicher Wetter hielt indessen nicht an. Als die "Deutschland" sich dem Golf von Bengalen näherte, setzte ein südwestlicher Sturm ein, der bald an Heftigkeit zunahm und zuletzt die "Gefion" von der "Deutschland" trennte. Zwei volle Tage und zwei Nächte hindurch tanzte die "Deutschland" über furchtbare Wellenberge. Die Nachricht von diesem Sturm drang bis in die Heimat und so manches deutsche Herz zitterte um die "Deutschland" und den Prinz-Admiral. In der Tat blieb der Kreuzer auf einige Tage verschollen und in den indischen Häfen verbreitete sich bereits die Nachricht, daß das Kriegsschiff mit Mann und Maus untergegangen sei. An dieser Meinung hielt man um so mehr fest, als die "Gefion" nach überstandenem Sturm einem englischen Handelsfahrzeug begegnete und nichts von der "Deutschland" zu berichten wußte.

Gottlob, so schlimm standen die Dinge nicht. Die "Deutschland" wurde zwar tüchtig hin und her geworfen und ihre Planken hatten eine ernste Prüfung zu bestehen, aber sie überwand den Sturm und lief glücklich am südwestlichen Teil des gefürchteten Golfs von Bengalen ein. Das Meerwasser zeigt hier bereits die berüchtigte gelbe Färbung und die Lotungen, welche vorgenommen wurden, ergaben daß sich die Seefahrer in der Nähe der Huglimündung befanden. Die See glättete sich immer mehr und mehr und gegen Abend erreichte die "Deutschland" das Easten-Channel Leuchtfeuer. Der Hugli ist ein kleiner Nebenfluß des Ganges. Dieser selbst ergießt sich, nachdem er sich mit dem Brahmaputra vereinigt, unter dem Namen Megna, ostwärts von Hugli ins Meer. Trotz seiner ungeheuren Breite ist der Megna nur für Küstenfahrzeuge befahrbar, während der Hugli, selbst bei Ebbe, für größere schiffe immer noch passierbar ist.

Lotsen kamen an Bord und nun lief die "Deutschland" in das, seiner Unterströmungen und seiner vielen Sandbänke wegen gefährliche Delta des Hugliflusses ein und ging vor Diamonharbour, einem kleinen Orte, 40 Seemeilen unterhalb Kalkutta gelegen, vor Anker. Die kleineren Fahrzeuge gehen den gelben Hugli hinauf und sind daher in der Lage, ihre Ladungen in Kalkutta zu löschen, aber ein Kreuzer, wie die "Deutschland", kann an ein solches Wagnis nicht denken. Am folgenden Morgen kam die "Gefion" wieder in Sicht und die Freude an Bord der "Deutschland" wollte kein Ende finden. Prinz Heinrich begab sich selbst an Bord des Begleitschiffes und nun gab es viel zu berichten über die Gefahren, die glücklich überwunder waren. In der Uniform des Admirals, von einem stolzen Gefolge begleitet, fuhr Prinz Heinrich auf einer Dampf-Pinasse (kleiner Dampfer) den Hugli eine Strecke hinauf, ging dann an Land und fuhr mit der Eisenbahn nach Kalkutta weiter.

Bereits in Kalkutta begann die eigentliche Mission des Prinzen, schon von hier ab vertrat er den Kaiser Wilhelm und nun begann die Ausübung seiner Pflichten, die ihn nach Indien führten. Die Fahrt mit der Eisenbahn nach Kalkutta war nicht sehr interessant. Es herrschte ein nebliges, fast kaltes Wetter, an das die Reisenden nicht mehr gewöhnt waren. Die Fahrt ging durch endlose Reisfelder, an Dörfern vorbei, die meistens aus armseligen Lehmhütten, mit Palmblättern bedeckt, bestanden. Nur hier und dort erblickte man einige interessante Gruppen von riesigen Mangobäumen. Erst als sich der Zug Kalkutta näherte, zeigten sich wenige Steinhäuser, die jedoch kaum einige Beachtung verdienten. Der Zug lief in Kalkutta ein und dort wurde der Prinz-Admiral von den Spitzen der Handelswelt und einer großen Anzahl hoher englischer Herren begrüßt und nach dem Hotel Great Eastern geleitet.

Natürlich befand sich Borlitz, der sich bisher keine weitere Tollheit hatte zu Schulden kommen lassen, im Gefolge des Prinzen Heinrich. Kaum im Hotel angekommen, hörte Borlitz, daß Seine Königliche Hoheit zu einer Fahrt ins Land hinein und zu einer Tigerjagd eingeladen worden sei. Ach, welch ein Glück, an einer Tigerjagd teilnehmen zu dürfen! - Er hatte seinen Apparat mitgebracht, dachte aber gar nicht daran, irgend eine Aufnahme zu machen, trotzdem die barhäuptigen Bengalen in ihrer seltsamen Tracht ihm viele Gelegenheiten dazu boten. Wenn der Kadett jetzt etwas photographieren möchte, so war es ein Tiger, wie dieser mit wildem Blick aus dem Gebüsch bricht, um sich von ihm, dem Kadett Borlitz, aber nur von ihm, erlegen zu lassen.

Von nun ab lag er im Hotel auf der Lauer, um die Gelegenheit zu erspähen, den Prinzen zu sehen und zu sprechen. Aber er hatte darin kein Glück, der Prinz-Admiral hatte so viel mit den vornehmen Engländern zu konferieren, - und das nur im Interesse des Vaterlandes und seiner Handelsbeziehungen, - daß gar nicht daran zu denken war, in seine Nähe zu gelangen. Spät am Abend erst glückte es Borlitz, den Adjutanten des Prinzen in den luftigen Wandelgängen des Hotels zu sehen. Er faßte Mut und trug ihm seine Bitte vor, welche natürlich dahin ging, seinen hohen Chef auf der Tigerjagd begleiten zu dürfen.
"Mein bester von Borlit," entgegnete der freundliche Herr, "ich will sehen, was ich für sie tun kann. Zu bedenken ist freilich, daß eine Tigerjagd unter Umständen eine recht gefährliche Sache ist."

Und wie immer, hatte Borlitz auch dieses Mal Glück. Am folgenden morgen in aller Frühe erging der Befehl, daß er sich mit dem Gefolge zur Abfahrt in das Innere des Landes bereit zu halten habe. Pünktlich stand der Kadett mit seinem Apparat unter dem Arm in den Wandelgängen. Er sah eine große Anzahl englischer Herren ankommen, die sich alle in weißen, luftigen Jagdkostümen befanden. Schwarze Diener, zum Teil in dunkelroter Kleidung, trugen ihnen die Gewehre nach. Wagen fuhren am Hotel vor, sogar einige Damen in Tragsessel wurden von Dienern getragen, am Portal des Hotels abgesetzt. Endlich erschien Prinz Heinrich, im weißen, luftigen Jagdanzug, und begrüßte mit der allen Hohenzollern eigenen Herzlichkeit die Herrschaften.

Nun wurden die oft sehr eleganten Wagen bestiegen und fort ging es nach dem Bahnhof, der von Kalkutta nach Agra führenden Eisenbahn, die eine Länge von über hundert Meilen hat. Bescheiden stand Borlitz an eine Säule gelehnt da und wartete geduldig, bis auch an ihn die Reihe kam, in einen Wagen steigen zu können. Da fuhr nun der letzte Wagen vor. Blitzschnell war dieser mit braunen und schwarzen Dienern besetzt und keinem von den Burschen, die einen ungeheuren Lärm machten, fiel es ein, Borlitz zu bitten, in den Wagen zu steigen. Nun galt es rasch handeln, wenn er nicht zurückbleiben wollte. Kurz entschlossen sprang er in den Wagen, warf zwei der braunen Gesellen heraus und gelangte auf dieser Art noch rechtzeitig zum Bahnhof, um in den für den Prinz-Admiral bereit stehenden Extrazug zu steigen.

Borlitz gewann ein Kupee, mußte es sich aber auch hier gefallen lassen, seinen Platz mit den Boys, wie man die Diener nennt, zu teilen. Da saßen sie nun mit ihren mandelförmigen Augen, mit der Kaschmirkappen auf dem Kopf und wurden nicht müde, den weißen jungen Mann in seiner schneidigen Uniform und seinen Apparat zu bewundern. Der Zug fuhr ab. Von Anfang herrschte eine angenehme Kühle im Kupee, aber bald brannte heiß die indische Sonne vom Himmel hernieder und machte die Temperatur unerträglich. Die indische Dienerschaft um ihn her begann alsbald, offenbar aus Langweile, kalten Reisbrei, - Curryreis - zu essen und dazu aus vasenartige Trinkgefäßen Wasser zu trinken.

Borlitz widmete seine Aufmerksamkeit der Landschaft, die da draußen vorüberzog. Er bewunderte die vorherrschend tropische Vegetation, ließ den Blick über die in der Sonnenglut daliegenden Indigo- und Reisfelder schweifen und freute sich jedesmal, wenn er einen Palmenhain in der Ferne entdecken konnte. Und weiter ging es mit ruheloser Hast, an Dörfern vorüber mit halbnackten, schmutzigen Einwohnern, durch ungeheure Hirse- und Weizenfelder, durch Mangowaldungen, oder über mächtige eiserne Brücken, die sich in kühnen Bogen über einen schlammigen Fluß spannte.

In allen Stationen hing an einem Balken ein mächtiges Stück Eisenbahnschiene frei schwebend in der Luft und so oft der Zug durch die kleinen Stationen hindurchschaute, bearbeitete irgend ein Angestellter mit einem mächtigen Hammer das Eisen, wie wenn er Sturm läuten wollte. Nach einer zweiunddreißigstündigen Fahrt, während welcher der Kadett Frost und Hitze ertragen hatte und zuletzt in einen Zustand totaler Erschöpfung hineingeraten war, erreichte der Extrazug die Stadt Agra. Endlich konnte er das Kupee verlassen. Es war Nacht. Er war aus einem wüsten Halbschlummer aufgeschreckt, als der Zug hielt. Natürlich hatte er von Löwen und Tiger geträumt. Wie immer im Monat Februar machte sich eine empfindliche Kälte bemerkbar, so daß der Kadett glaubte am Nordpol und nicht in Indien zu sein.

Eine vornehme englische Dame bemerkte den frierenden jungen Mann und reichte ihm liebenswürdig eine Kaschmirdecke. Von ihr erfuhr Borlitz, daß sich der Prinz im Salonwagen wiederholt nach ihm erkundigt habe. Auf ihren Wink sprangen zwei kräftige Hindus hinzu, hoben den Kadett in eine behagliche Sänfte und trugen ihn mitsamt seinem Apparat fort. Die Jagdgesellschaft überschritt die stattliche Brücke des Djumnaflusses und gelangte nach Agra. Borlitz war so ermüdet, daß er keine Lust hatte, auch nur ein Blick auf die große und merkwürdige Stadt zu werfen, die im Mondschein mit ihren uralten, wunderschönen Baudenkmälern vor ihr lag. Halb schlaftrunken wurde er von kräftigen Händen aus der Sänfte gehoben, in einen herrlichen Palast gebracht und bald darauf lag er in einem europäisch eingerichteten Zimmer auf einem Ruhebett.

Was weiter mit ihm geschah, das wußte er nicht, denn sanft und süß schlummerte er ein und träumte von Eltern und Geschwistern, die fern im kalten, jetzt eiserstarrten Norden seiner gedachten.

 

Quelle: Prinz Heinrich in Kiautschau, Conr. Fischer-Sallstein, Globus Verlag, von rado Jadu 2000

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