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Prinz Heinrich in Kiautschau

Reisen zu Wasser und zu Lande des Prinz-Admiral in Indien, China, Japan (1898-1900)

Siebenter Abschnitt

Wunder der Baukunst. Auf der Jagd. Auf dem Elefanten. Der Prinz-Admiral erlegt ein Tiger.
Borlitz photohgraphiert. Zurück nach Agra.

Agra das sagenhafte, war einst die Hauptstadt Indiens und in ihr herrschten die Mongolen in ihrem ganzen Glanz unbeschränkter Macht, geschmückt mit der märchenhaften Pracht von Perlen und Diamanten. Als aber die Engländer ins Land kamen, zuerst als bescheidene Handelsleute, dann als Eroberer, gingen die Mongolen nach Delhi und erhoben diese Stadt zur Residenz.

Agra zählt 160 000 Einwohner und liegt an dem heiligen Djumna, einem Nebenflusse des Ganges. Ringsum breitet sich eine weite, gute bebaute, aber eintönige Ebene aus. Die Häuser in der Stadt mit ihren flachen Dächern, ihren Steinbalkonen und gewölbten Toren, tragen bereits da und dort den Stempel des Verfalls. Die oft langgestreckten Straßen und Gassen machen den Eindruck des Oeden, des Monotonen.

Der Glanzpunkt dieser sagenhaften Stadt aber ist die Tadje der Banu Regum, sowie das Grabmal des Schah Jehan. Diese Wunder indischer Baukunst sind aus blendend weiße, Marmor erzeugt, mit Blutstein, Lapsislazuli und Carneol ausgelegt. Die Tadje der Banu Regum, dieses ergreifende Bauwerk, ist von einem achteckigen, in schönster Ornamentik durchbrochenen Schirm umgeben, ein Meisterstück der Steinschneidekunst.

Prinz Heinrich, der mit dem größten Teil seines Gefolges im Palast des Kommandanten von Agra, dem Lord S., abgestiegen war, machte sich schon am frühen Morgen auf den Weg, nur von wenigen seiner Herren begleitet , um die Tadje zu besichtigen. Trotzdem Borlitz nicht in demselben Palast untergebracht worden war, wollte es der Zufall, daß er zur rechten Zeit vor der sogenannten Kommandantur erschien, von wo der Prinz-Admiral seinen Gang nach den Grabdenkmälern antrat.
Dieser lächelte dem jungen Seemann freundlich zu und Borlitz schloß sich bescheiden der Gesellschaft an. Man gelangte alsbald in einen wunderbaren Park. An einer Reihe Fontänen, die mit träumerischen Cypressen umstanden sind, vorüber gehend, wobei jeder Schritt ein ganz eigentümliches Echo wachruft, erblickte man plötzlich wie durch Zauberei den wunderbaren Grabbau. Gleich einem frommen, zum Himmel anstrebenden Gedanken, erhebt sich das aus blendend weißen Marmor wie hingehaucht daliegende Werk unerreichter Baukunst aus dem stillen, ewig schweigsamen Grün des Parks. Bei dem Glanz der Mittagssonne wirft dieses Wunder indischer Architektur einen so hellen, blendenden Reflex zurück, daß man es nicht lange anschauen kann.

Der Eindruck des Wunderbaues ist ein überwältigender, gleichviel, ob die Morgensonne den weißen Marmor rosig erglühen läßt, ob die heiße Mittagssonne ihn in ihre blendende Lichtfülle taucht, oder die Abendsonne ihn vergoldet. Selbst in der Stille der Nacht ist der Anblick der Tadje ergreifend, die Seele des Beschauers wendet sich ab vom Weltlichen und fromm erhebt man den Blick zum Himmel. Mit gefalteten Händen stand Borlitz hinter dem Prinzen Heinrich und wußte nicht, wie ihm geschah. Wie Musik zog die erhebende Schönheit des Grabbaues durch seine Seele; so schön ist kein Gedicht. Welch ein genialer Baumeister der arabisch-persischen Schule hat sich hier in diesem Werke ausgelebt! Und welch geschickte Hinduarbeiter haben diese unvergleichlichen Detailwerke geschaffen!

Banu Regum, die Gemahlin des Schah Jehan, wurde von Todesahnungen gequält zum Schmerze ihres sie zärtlich liebenden Gemahls. Eines Nachts träumte sie, daß ihr zum Aufenthaltsorte nach dem Tode ein wunderschönes Mausoleum gebaut werden sollte und dieser Traum, an den sie glaubte, gewährte ihr einigen Trost. Schah Jehan ließ nun alle berühmten Baumeister im ganzen Reiche zu sich kommen und teilte ihnen den Traum der Banu Regum mit. Nun entwarfen diese Künstler die herrlichsten Pläne, die der Gemahlin der Herrschers vorgelegt wurden, aber keiner entsprach der Königin Traumbild. Schon zweifelte man daran, den trostbringenden Wunsch erfüllen zu können, als die Regum eines Morgens in dem Park promenierte und in dem feinen Kies des Weges den ganzen Plan, wie er ihr vorschwebte, eingezeichnet fand. Man forschte nach, wer den wunderschönen Plan entworfen und hier niedergezeichnet hatte und fand ein ganz jungen Architekten, den man wegen seiner großen Jugend gar nicht zur Bewerbung zugelassen, und der auf diese Art seinen genialen Entwurf zur Kenntnis der Kaiserin brachte.

Kurze Zeit darauf, nachdem die Banu Regum den jungen Baumeister kennen gelernt, starb sie und nun ließ der Schah den Bau ausführen. Über zwanzig Jahre haben tausende von Arbeitern an dem Meisterwerk gebaut und das Material hat weit über 20 Millionen gekostet. Seit etwa 225 Jahren steht die Tadje und diese ganze Zeit ist spurlos an ihr vorüber gegangen. Wehevoll gestimmt betrat Prinz Heinrich das Innere des Grabbaues in der die Banu Regum ruht. Das Grab der kunstsinnigen Kaiserin ist mit einem Steingitterwerk umschlossen, neben ihr ruht der Schah Jehan. Jedes, wenn auch nur leise gesprochene Wort dringt in hallendem Echo in den wunderbaren Kuppelbau hinauf und verklingt hoch oben wie ein Gesang, der zum Himmel steigt.

Noch lange, nachdem Borlitz das Mausoleum verlassen, stand er unter dem Eindruck des Wunderbaues und wie tausend Andere, wird auch er nie diesen Eindruck vergessen. Wieder vor dem Park angekommen, bestieg Prinz Heinrich mit seinem Gefolge eine Anzahl bereit stehender Wagen, in denen auch Borlitz einen Platz fand und fort ging es nach einem andern Grabmal, welches anderthalb Stunden von hier entfernt war.

Der Ort, an dem die Wagen nach einer mühsamen Fahrt hielten, heißt Sikundra. Hier befindet sich das Mausoleum des Großvaters der Banu Regum, sowie ein zweites Grabmal des Kaisers Akbar. Aber diese Baudenkmäler können mit dem Tadje von Agra nicht annähernd verglichen werden. Zawr ist Akbars Grabmal ein bewunderungswürdiger Bau, der aus mehreren Stockwerken besteht, von Säulengängen aus rotem Sandstein umgeben, die das Ganze tragen, von einer Plattform aus durchbrochenem Marmor gekrönt, aber dieses Werk kann die Gemüts - und Seelenstimmung nicht erzeugen, die das Grabmal der Banu Regum auf jedes Herz und Gemüt ausübt.

Nachdem die Herrschaften auch das Grabmal des Kaisers Akbar in Augenschein genommen, besichtigte man noch das das Mausoleum Etmauddaulas und staunte hier die wunderbaren Steinarbeiten an. Besonders entzückte die herrlichen Ornamente, die spitzenschleierartigen Steinschirme, sowie der ganze, in Barockstil aufgeführte Bau. Erst bei Sonnenuntergang kehrte der Prinz-Admiral von diesem genußreichen Ausflug zurück. Borlitz fand wieder sein trautes Gemach, griff dort zu Feder und Papier und schrieb alles, was er heute an Wunderbarem gesehen, in einen Brief nieder, den er seinem Freund Adolf Zappe in Plauen zu senden gedachte, damit auch dieser Kenntnis von den Wundern erhalte, die er das Glück hatte zu sehen und auf sich einwirken zu lassen. Erst spät in der Nacht suchte er sein Lager auf. Aber kaum war er in einen erquickenden Schlummer gesunken, als ihn Jemand am Arm faßte und aufrüttelte.

Als er schlaftrunken die Augen aufschlug, bemerkte er, daß das Zimmer beleuchtet war und vor ihm stand Sesenbach, der befreundete Leutnant. "Auf von Borlitz, es geht heute zur Jagd," rief dieser ihm fröhlich zu, "Königliche Hoheit haben befohlen, daß Sie mitkommen. Hier liegt ihr Gewehr, wir schießen heute ein paar Tiger tot!" Wie elektrisiert sprang Borlitz vom Lager auf. Sofort bewunderte er die Jagdflinte, welche ihm da zur Verfügung gestellt wurde, und dann kleidete er sich an.
"Es sind mindestens zwanzig große Elefanten zur Stelle", berichtete Sessenbach, "dazu die besten Reitpferde und außerdem erwartet uns im Jagdgebiet eine Armee von Treibern, ich glaube über zweitausend Mann."
"Das kann ja großartig werden," versetze Borlitz und seine Augen blitzten."
"Sie werden gut tun, Ihren Apparat mitzunehmen, vom Rücken eines Elefanten aus muß sich doch eine Aufnahme machen lassen?"
"Ich denke auch," erwiderte der Kadett, "am liebsten möchte ich einen aus dem Gebüsch brechenden Tiger photographieren."
"Seien Sie froh, wenn sie einen Tiger auf die Platte kriegen, sobald er zur Strecke gebracht ist," lachte Sessenbach.

Ein arabischer Diener kam und stellte zwei Tassen Kakao mit Backwerk und echt englische, geröstete Butterschnitte mit Schinken auf den Tisch. Dem Frühstück wurde eifrig zugesprochen. Die beiden jungen Herren unterhielten sich natürlich nur von den Königstigern der indischen Urwälder und Dschungeln, von den wilden Elefantenherden, den Nashörnern und Krokodilen, von denen sie schon auf den Schulbänken geträumt hatten. In dem Augenblicke, als die beiden zur Jagd aufbrechen wollten, kam jene vornehme Dame, die sich gestern des Borlitz angenommen hatte, mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen ins Zimmer und begrüßte die jungen Leute. Sie war in einen dicken Kaschmirschal gehüllt und trug eine reich verzierte Flinte über der Schulter.
"Ich werde die seltene Jagd mitmachen," redete sie die erstaunten Seeleute an, "kommen Sie, ich werde Ihre Führerin sein; es ist bereits alles vorbereitet."

Sie führte nun die beiden Gäste auf den mit Matten belegten Korridor und dort standen zwei weiß gekleidete Hindus, die brennende Fackeln trugen, denn draußen herrschte eine wahre Finsternis. Nun ging es die breite Holztreppe hinunter in den Hof, wo sich eine Hochaufspringende Fontäne befand. Dicht bei der Fontäne stand, von einigen schwarzbraunen Dienern gehalten, ein riesiger Elefant. Auf dem ungeheuren Rücken des Dickhäuters war ein zierlicher kleiner Holzturm befestigt. Eine Strickleiter führte von dem kleinen Turm zur Erde.

Als der Elefant die Dame bemerkte, stieß er freudige Trompetentöne aus und kam sofort auf diese zu. Die reichte ihm eine Tüte mit Zuckerwerk und der Riese verschluckte die Leckerei mitsamt der Tüte.
"Jack," redete Mrs. B... den Elefanten an, "das sind meine Gäste, sie kommen mit, ist Dir das recht?"
Der Elefant blickte, wie es schien etwas verwundert, den von Borlitz an, und besonders der photographische Apparat, den dieser unter dem Arm trug, schien ihn zu interessieren. Plötzlich legte Jack sein Rüssel um die Schultern des Kadetten, hob ihn empor und ehe dieser recht wußte, was geschah, saß er schon oben im Innenraum des kleinen, nach allen Seiten offenen Turmes.

Auf demselben Weg wurde nun auch die Dame des Hauses in den Holzturm befördert und nur Sessenbach fand keine Gnade vor Jack und mußte sich daher bequemen, den Weg auf den hohen Rücken des Tieres vermittelst der Strickleiter anzutreten. Nun ging es, nachdem Borlitz einen recht bequemen Platz, dicht hinter der vornehmen Dame und neben Sesselbach eingenommen, zum Hoftor hinaus, auf die Hauptstraße. Dort leuchtete ihnen roter Fackelglanz entgegen, der von weit unten heraufkam, wo der Palast des Lord S. sich befand. Freudig trabte der Elefant die Straße entlang, so daß ihm die flinken Treiber nur mühsam folgen konnten.

Bald erreichten sie den freien Platz vor dem Palast und sahen, daß hier eine ganze Reihe mit roten Teppiche und ähnlichen Dingen ausgeschmückten Elefanten, von denen viele kunstvolle Holztürmchen trugen, aufmarschiert waren. Eine zahllose Schar Treiber, in allen denkbaren arabischen und persischen Kostümen, standen hinter diesen. Viele von den Leuten waren bewaffnet, andere aber nur mit langen Stöcken bewährt. Gesattelte herrliche Pferde wurden nun aus dem Hofe des Palastes heraus geführt und in langer Reihe vor dem Portal aufgestellt. Alle Augen der umherstehenden Menschen waren auf die erste Etage des Palastes gerichtet, wo Prinz Heinrich wohnte. Endlich wurde es lebendig im Portal und es währte nicht lange, so erschien der Prinz-Admiral im hellen Jagdkostüm, an der Seite des freundlichen Lord S. Hinter diesen folgten englische und deutsche Herren.

Kurzerhand warfen sich die Herren in die Sättel der Pferde, während eine Anzahl Damen, nachdem sie sich herzlich begrüßt, jene Elefanten bestiegen, die kleine Türmchen trugen. Die Reiter, die Jagdgewehre auf dem Rücken, trabten nun die Straße entlang und die Elefantenschar mit den vielen Treibern folgten fröhlich nach. Es war bitter kalt, so daß sich nicht nur Borlitz, sondern auch Sessenbach tüchtig in Decken hüllte, die sich im Innern des Holztürmchens vorgefunden. Wenn nur die stockfinstere Nacht nicht gewesen wäre, man konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Immer, wenn der Sonnenaufgang nahe ist, herrscht diese Finsternis. Wohl eine Stunde währte der Ritt durch die Nacht. Die Kälte wurde immer empfindlicher und selbst Sessenbach bekam eine blaue Nase.

Die Elefanten liefen im Trab vorwärts, wie wenn sie sich erwärmen wollten. Da endlich lichtete sich der Himmel. Ein ziegelroter Streifen tauchte im Osten auf und Borlitz konnte bereits mächtige Bäume vom Untergehölz unterscheiden. Ein eifriger Nachttau lag auf den Blättern der Palmen, auf den Zweigen des Gehölzes, und als die Sonne dort drüben endlich auftauchte und ihre ersten Strahlenbündel ins Land schickte, kamen sie aus einem Wald heraus und ritten in eine weite Ebene hinein. Alles war mit einem Schleier weißglänzenden Reifes überhaucht, der nun von der Sonne vergoldet wurde und alsbald sich in einen feinen Nebel verwandelte.

Kleine Dörfer tauchten am Horizont auf, Reis -und Hirsenfelder dehnten sich rechts und links aus. Nun ging es eine Anhöhe hinauf. Die Sonnenwärme nahm rasch zu, so daß Borlitz bereits der Schweiß auf die Stirne trat. Erst oben auf der Höhe konnte man den voranjagenden Reitertrupp sehen, unter dem sich Prinz Heinrich befand. Bald ging es eine Talsohle entlang, der Boden wurde moorig, und kaum eine halbe Stunde später befand man sich in der von den Eingeborenen so gefürchteten Wildnis. Ungeheure Rohrfelder mit blaugrünen Gebüschinseln, Hochwald in der Ferne, der von einem blauen Dunst umwoben war, das war die Signatur der Landschaft, in die sie hinein ritten.

Endlich wurde Halt gemacht. Auf einem freien Platz am Rande des Urwaldes wurde gerastet. Hier befanden sich eine große Anzahl Zelte. Seitwärts von diesen, unter den Mangobäumen, saßen mit untergeschlagenen Beinen wohl an fünfhundert Treiber, die auf die hohe Jagdgesellschaft warteten.
"Donnerwetter," entfuhr es Sessenbach, "so eine Tigerjagd kostet ja ein Heidengeld, wenn man bedenkt, daß die Treiber dort alle bezahlt werden müssen!"
"Etwa tausend Pfund", versetzte lächelnd die Dame, "aber nicht alle Tigerjagden sind so teuer, - es kommt eben darauf an, wer der hohe Jagdgast ist."
"Und glauben gnädige Frau." fragte Borlitz schüchtern, "daß Tiger in diesem Walden stecken?"
"Ohne Zweifel, denn sonst würde Lord S.Se. Königliche Hoheit den Prinzen Heinrich nicht hierher bemüht haben. - Sehen Sie dort," fügte sie hinzu und deutete nach dem Treiberschar, "die Jagd beginnt bereits, der Tiger ist in der Nähe!-"

In der Tat sprangen die kaffeebraunen Burschen dort drüben vom Boden auf und verloren sich im Walde. Gleichzeitig saßen sämtliche Reiter ab, die Pferde wurden zusammen gekoppelt und hinter die Zelte geführt. Prinz Heinrich bestieg einen mächtigen Elefanten, die übrigen Herren folgten seinem Beispiel, nachdem zuvor alle Damen die kleinen Elefantentürmchen verlassen hatten. Auch die Dame, die sich auf dem Rücken des Jack befand, ließ sich von diesem herabheben und begab sich mit den anderen Damen in ein großes Zelt. Nun trabten sämtliche Elefanten langsam und vorsichtig dem Walde zu. Auch Jack folgte, nachdem ein Treiber im Turm auf derselben Stelle Platz genommen, wo die liebenswürdige Dame gesessen. Eine große Aufregung bemächtigte sich des Kadetten; unwillkürlich nahm er die Büchse zur Hand, die man ihm zur Verfügung gestellt hatte.

Jetzt übernahm Lord S. die Oberleitung der Jagd. Im Halbkreis wurden die Elefanten mit den Jägern aufgestellt, und nun mußten diese warten, bis sich der Tiger zeigen würde. Aus der Ferne hörte man das Lärmen und Rufen der Treiber, die immer näher und näher kamen.
Auf dem Anstand herrschte tiefe Stille, man konnte fast sein eigenes Herz pochen hören. So verging in aufregender Erwartung wohl eine halbe Stunde, ohne daß sich ein Tiger zeigte. Da konnte man wahrnehmen, wie die Elefanten etwas unruhig wurden. Sie hoben hin und wieder den Rüssel in die Luft und klappten die langen Ohren auf und nieder. Plötzlich hörte man ein leises Rascheln im Unterholz, dem wieder tiefe Stille folgte. Scharf waren die Blicke des Prinzen Heinrich auf einen Punkt in dem wirren Gesträuch vor ihm gerichtet. Alles hielt den Atem an, Prinz Heinrich entsicherte sein Gewehr, hob es langsam an und machte sich schußbereit.

Fast wäre Borlitz ein Aufschrei entfahren, denn ganz deutlich sah er jetzt den Kopf des heranschleichenden Raubtieres. Die Elefanten, die längst den Tiger gewittert, wurden noch unruhiger. Sie wackelten hin und her, so daß die Treiber sie nur noch mit Mühe zurückhalten konnten. Jetzt zeigte sich der Königstiger in seiner ganzen Größe. Mit dem langgestreckten Leib die Erde berührend, kroch er näher und näher, um vielleicht im nächsten Moment zum furchtbaren Sprung auf sein Opfer anzusetzen. Da krachte ein Schuß aus der Büchse des Prinzen Heinrich. Ein zweiter, ein dritter Schuß von Seiten des Lord S. folgte, und wild sich aufbäumend, unter furchtbarem Gebrüll, schnellte die Bestie empor und fiel dann wieder machtlos zurück. Weitere wohlgezielte Schüsse folgten. Das Tier wühlte mit den Pranken die Erde auf und schlug mit dem Schweif um sich, aber eine der Kugeln war ihm in das Rückgrad gedrungen, und nun konnte der Tiger sich nicht mehr erheben.

Im nächsten Augenblicke ging ein Zucken durch seinen Leib, der Kopf sank auf die Vordertatzen und er verendete. Ein echt deutscher Hurraruf, als die Bestie zur Strecke gebracht war. Die Elefanten trompeteten, wie wenn sie ihre Freude bezeigen wollten, und als bald darauf die Treiber erschienen, wollte der Jubel kein Ende nehmen. Nun war die Zeit für Borlitz gekommen, seine Aufnahme zu machen, denn den Tiger mußte er auf seine Platte bringen. Mit Unterstützung Sessenbachs gelang ihm denn auch die Photographie großartig, und dies Bild war später der Stolz seiner Sammlung. Dem Tiger wurde das Fell abgezogen, welches Prinz Heinrich mit nach Deutschland brachte.

Borlitz befiel jetzt eine wahre Photographiewut; er brachte alles auf seine Platten, was er nur erlangen konnte, zuletzt sogar die Damen, die er sich in einer interessanten Gruppe zusammen gestellt hatte. Nach einem fröhlichen Jagdmahl kehrte die Gesellschaft nach der Stadt Agra zurück und langte dort erst wieder an, als es bereits stockfinster war.

Quelle: Prinz Heinrich in Kiautschau, Conr. Fischer-Sallstein, Globus Verlag, von rado Jadu 2000

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