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Prinz Heinrich in Kiautschau

Reisen zu Wasser und zu Lande des Prinz-Admiral in Indien, China, Japan (1898-1900)

Achter Abschnitt

In Singapur. Hafenbilder. Nach Batavia. Tandjong Priok. Altbatavia. Mynheer Trobs. Borlitz und der schwarze Panther. Buitenzorg. Wieder an Bord.

Zu derselben Zeit, in der die Weidenkätzchen in Deutschland ihre schützende Hülle sprengen und sich hervorwagen in das erste milde Frühlingswehen, wann im lieben deutschen Vaterland die Märzamseln rufen, und die Störche sich bereits die Nester ausbauen, lief die "Deutschland" mit der "Gefion" in den Hafen von Singapur ein. Prinz Heinrich hatte Birma besucht, das herrliche Pula Penang gesehen und gedachte nun in Singapur eine kurze Rast zu machen.

Seit der Eröffnung des Suezkanals ist der der Hafen und die Stadt der Knotenpunkt des Seeverkehrs zwischen Europa, Ostasien und Australien und übertrifft jetzt an Wichtigkeit selbst das alte Emporium dieser Gegend, Batavia bedeutend. Das alte Piratennest Singapur zählt heute weit über 100 000 Einwohner, und reich beladene Handelsschiffe verkehren da, wo in früheren Zeiten die verdächtigen Djunken der Seeräuber ihr Wesen trieben.

Nachdem die Engländer 1814 die Sundainseln den Holländern zurückgegeben, war er ihr bestreben, sich in dieser für den Verkehr zwischen China und Indien so wichtigen Gegend einen anderen Stützpunkt für den englischen Handel zu sichern. Sie warfen daher ihr Augenmerk auf die Insel Singapur und bald glaubten sie in ihr das geeignete Objekt für ihre Wünsche gefunden zu haben. In der Tat gelang es ihnen schon im Jahre 1819, die etwa 10 Quadratmeilen große Insel, die kaum bewohnt war und nur ödes, mit Djungeln bedecktes Land besaß, durch Kauf, besonders aber auf diplomatischem Wege zu erwerben.

Nun wurden die Piratennester zerstört und eine Stadt angelegt, die heute eine so große Bedeutung für den Handel erlangt hat. Der Hafen besteht aus Buchten, nebst einem Bassin für die Dampfer. Dieses Bassin haben die Engländer erbaut. Nähert man sich von der See aus dem Hafen, so ist nicht viel von der Stadt zu erblicken. Man könnte vermuten, daß es die ungemein freundlichen, den Eingang zum Hafen flankierenden Inseln sind, welche den Anblick der Stadt beeinträchtigten. Aber bald gewahrt man, das Singapur keinen imponierenden Eindruck hervorrufen kann, denn es besitzt meist nur einstöckige Häuser, die sich in öden, langen Straßen hinziehen, wie an einer Schnur aufgereiht. Weiter ins Land hinein verliert sich die ganze Stadt in Pfahlbauten.
Nur das etwas höher liegende Fort Canning, sowie die von herrlichem Grün umgebene mächtige Kathedrale lassen erkennen, daß man es mit einer jüngeren, aber kräftig aufwärts strebenden Ansiedlung zu tun hat.

Als die "Deutschland" die deutsche Flagge im Hafen zeigte, donnerte vom Fort herüber der Salut, den die Kriegsschiffe kräftig erwiderten. Eine ungewöhnliche Menschenmenge sammelte sich am Ufer an, um die beiden deutsche Kreuzer anzustaunen. Die Herren von der englischen Regierung in der Stadt wußten, welche Hochachtung sie dem Bruder des deutschen Kaisers schuldig sind, und sofort begab sich eine festlich gekleidete Begrüßungsdeputation an Bord des Flaggschiffes.
Der Prinzadmiral hatte nun Gelegenheit, sich als liebenswürdiger Wirt zu zeigen, und die Herren waren denn auch, wie ja alle Welt, entzückt von seinem herzlichen und freimütigen Wesen. Nachdem die Begrüßungsformalitäten vorüber waren, begab sich Prinz Heinrich, diesmal nur von seinem Adjutanten, dem Kapitän Müller, begleitet, an Land. An Bord wurde bekannt, daß der Prinzadmiral einige Tage in der Stadt bleiben werde, um wichtige dienstliche Geschäfte abzuwickeln.

Der Kadett von Borlitz fand nun ebenfalls Gelegenheit, endlich den umfangreichen Brief an seinen Freund Adolf Zappe in Plauen abzuschicken, sowie seiner Mutter, die er jeden Abend in seine Gebete schloß, einen großen Reisebericht zu schreiben. Den Brief an Freund Adolf gab er zur Beförderung auf die Post in Singapur einem Küchenchef mit, als sich dieser mit einem Küchenjungen, zum Zweck wichtiger Einkäufe, an Land begab. Nun bummelte er etwas an Bord umher, um das Hafenbild zu studieren. In den stillen Stunden der Nacht erst wollte er den großen Schreibebrief an seine Mutter verfassen.

Unter den Küstenfahrzeugen, die den Hafen kreuzten, interessierten am meisten die chinesischen Djunken, die in allen Formen und Größen sichtbar wurden. Das chinesische Element machte sich bereits im Hafen bemerkbar, und vieles deutet jetzt schon darauf hin, daß die "Deutschland" nicht mehr so fern von dem Ziel ihrer Reise war. Die großen chinesischen Aufschriften auf den Booten, besonders den Sampans, sowie die chinesische Zischlaute der Bootsleute fielen auf. Lange, scharf gebaute, malaiische Fahrzeuge mit runden Dächern, sogenannte Praos, segelten schläfrig vorüber. Auch kam hin und wieder ein kleines japanisches Fahrzeug an das deutsche Kriegsschiff herangerudert und bot Früchte und Spielwaren aus.

So stark auch sonst das Verlangen des Seemanns sein mag, nach seiner langen Seereise wieder einmal an Land zu gehen, an Bord der "Deutschland" war kaum etwas von einer solchen Sehnsucht zu verspüren, denn hier gab es nur eine Parole und diese hieß: Liautschau. Dort war, rings umgeben von großen Chinesenreich, deutsches Land, dort wurden deutsche Laute gesprochen und nur da wurden unsere Blaujacken von deutschen Brüdern begrüßt. Es war ein Festtag fast für die Mannschaft an Bord, als schon am zweiten Tage der Prinzadmiral auf sein Flaggschiff zurückkehrte und die "Deutschland" kaum eine Stunde später unter Geschützsalut den Hafen verließ.

Jetzt ging die Fahrt nach Batavia! — Die "Gefion" dampfte der "Deutschland" voran durch die Riostraße. Schon hier stellte sich eine abscheuliche Witterung ein. Wind und Regenböen fegten über Deck und machten den Aufenthalt dort unangenehm. Dabei herrschte eine wahre Gluthitze, die nie unerträglicher ist, als bei einer solchen feuchten Witterung. Der Frohmut sank an Bord, alles war am Verschmachten, trotzdem der Regen unaufhörlich vom Himmel strömte. In den Kabinen sank die Hitze selbst bei Nacht nicht unter 30 Grad. Unter diesen trostlosen Verhältnisse passierte die "Deutschland" den Äquator. Zwar wurden die üblichen Tauffeste unter den Augen des Prinzadmirals vorgenommen, Kübel brühwarmen Wassers wurden den Ungetauften über die Köpfe gegossen, aber es wollte keine rechte Stimmung in dieses Freudenfest hinein kommen, und zuletzt öffnete der Himmel alle seine Schleusen und ein Regen ging nieder, wie er nur in diesen Breitengraden denkbar ist.

Auch Borlitz wurde tüchtig getauft, aber es war ihm dabei zu Mut, als ob ihn in einen Eimer heißen Wassers gesteckt hatte. Das warme Wasser konnte nicht anregend wirken, sondern war geradezu erschlaffend. Erst nach langen Tagen stärkte sich wieder das Wetter auf. Die Gasparstraße wurde erreicht und mit Volldampf voraus durchfahren. Einige Zeit später kamen die hohen, lichtblau am Horizont auftauchenden Berge Javas in Sicht. An dem zwar heißen, aber schönen Abend desselben Tages ging die "Deutschland" mit der "Gefion" auf der Außenreede von Batavia vor Anker.
Der Anblick von Batavia erinnert lebhaft an Kolombo. Ein flacher, mit Mangroven, teilweise aber auch mit hübschen Palmen besetzter Küstensaum, dahinter, in blauer Ferne, die scharfkantigen Umrisse des Gedeh und des Salak, zweier bis auf nahezu 3000 Meter emporsteigender Vulkane. Von einer Stadt sieht man keine Spur; selbst Tandjong Priok, der künstliche Hafen von Batavia, macht sich nur durch den Mastenwald der dort zahlreich vor Anker liegenden Kauffahrteischiffe bemerkbar.

Da die Bucht von Batavia, besonders gegen die Stadt zu, sehr seicht ist, blieben die deutschen Kriegsschiffe auf der Außenreede liegen und liefen erst am folgenden Morgen dort ein, tauschten mit dem den Hafenforts den üblichen Salut aus und legten sich am Quaiufer des Tandjong Priok fest. Die Mannschaft der holländischen Korvette "De Ruyter" und "Van Galen", die im Binnenhafen lagen, begrüßten die deutsche Flagge mit wahrem Jubel. Dann fand noch eine besondere Begrüßung von Bord zu Bord statt. Trotzdem der Holländer Batavia immer noch gerne "die Königin des Ostens" nennen hört, ist der Handelsverkehr sehr gesunken, seitdem Singapur so mächtig emporblüht. Es liegt eine träge Ruhe über Hafen und Stadt und alles deutet schon auf den ersten Blick darauf hin, daß die Bedeutung dieser Königin des Ostens im Rückgang begriffen ist.
Weit über Zweidrittel der Besatzung der "Gefion" und der "Deutschland" erhielten Urlaub an Land zu gehen. Allerdings sind die Bedingungen, unter denen dieser Urlaub erteilt wird, streng, und wehe dem, der einen Urlaub überschreitet, oder sich nicht mustergültig, wie ein echter Deutscher, an Land benimmt.

Da nicht daran zu denken war, daß sich der Kadett von Borlitz dem Prinzadmiral und seinem Gefolge anschließen konnte, so bat er den Leutnant zur See Sessenbach, ihn begleiten zu dürfen. Gerne willigte dieser ein, denn auch er hatte Borlitz bereits lieb gewonnen.
"Ich bin nicht unbekannt in Batavia," erklärte Sessenbach, "habe auf meiner letzten Reise hier eine Bekanntschaft gemacht und bin nun verpflichtet, einen Besuch abzustatten. Dazu kann ich Sie ganz gut gebrauchen, Borlitz, aber wir müssen uns in Wichs werfen, schneidig auftreten, denn die reichen Holländer da drüben halten etwas drauf."
Der Kadett machte sich so schneidig, als diese eben möglich war und ging hierauf mit dem Leutnant an Land. Sie waren allein, und das war den beiden lieb, den nur so läßt sich alles, was man an Sehenswürdigkeiten sieht, genießen.

Die beiden durchwanderten die Hafenstadt, gelangten an die Bahnstation und fuhren die kurze Strecke in etwa 15 Minuten bis nach der eigentlichen Stadt Batavia. Der Zug durchbraust ein vielfach von größeren Kanälen durchschnittenes üppiges Land. In der Stadt angekommen, verließen sie den luftigen Bahnhof und gelangten in das Stadtviertel Altbatavia. Hier befindet sich das Zentrum des geschäftlichen Lebens. Lange Kanäle ziehen sich an den Straßen hin und sind mit großen Lastbooten aller Art bedeckt. Die Kanäle selbst sind mit prächtigen Bäumen eingesäumt und dahinter erheben sich stattliche Gebäude, die, in rein holländischem Stile erbaut, meistens Häuser großer Handelsherren sind.

Sessenbach, der eine gute Ortskenntnis besaß, wanderte mit Borlitz eine kleine Strecke einer solchen Wasserader entlang und erklärte diesem dabei, daß so ziemlich ganz Batavia von diesen Wasserstraßen durchschnitten sei. Sie gelangten an das portugiesische Tor, bestiegen dort einen Dampfwagen und fuhren nun auf der modernen Dampfstraßenbahn, den Hauptkanal entlang, Molenvliet zu. Dies ist das Stadtviertel der reichen chinesischen Kaufleute. Dann ging es weiter nach Ryswyck, von da nach Nordwyk und Weltvreden, bis die Bahn endlich den Wohnsitz der europäischen Bevölkerung von Batavia erreichte. Hier befindet sich in einem wunderbaren Park, in welchem so viele mächtige Bäume stehen, daß man kaum der Villengebäude ansichtig werden kann. Große prächtige Gartenbesitzungen reihen sich hier an einander. Die Villen liegen verborgen unter dem üppigen Grün und sind zwischen dem reizenden, oft mannshoch emporrankenden Blumenschmuck ganz versteckt.

Sessenbach verließ mit seinem jungen Freund die Straßenbahn. Sie wanderten über die großen und herrlich angelegten Plätze Konigsplein und Waterlooplatz, kamen an den großen Regierungspalais vorüber, dem einzigen zweistöckigen Gebäude Batavias, bewunderten die Waterloosäule und wendeten sich dann dem Gittertor eines reizenden Villenbesitzes zu. Sesenbach warf einen Blick in den herrlichen Garten, schaute eine Palmenallee hinab, von deren Ende herauf die Mauern eines weißen Hauses blitzten; dann zog er kräftig die blanke Klingel, die am Gittertor angebracht war. Wenige Minuten später erschien unten in der Allee ein hagerer malaiischer Diener, der grellrote Beinkleider trug, dazu ein rotes Hemd und einen schwarzen Zylinderhut, welcher kühn auf seinem Kopf balanzierte. Trotz dieses affenartigen Aufputzes ging der Mensch barfuß. Langsam flanierte er die Allee herauf und warf nur dann und wann einen Blick auf die beiden vor dem Gittertore stehenden Fremdlinge.

Fragend blieb er hinter dem Portal stehen und schien nicht gewillt zu sein, die Türe zu öffnen. Sessenbach reichte ihm seine Karte und sagte einige Worte in holländischer Sprache. Auch jetzt öffnete er die Pforte nicht, sondern verfügte sich mit der Karte die Allee hinunter. Es währte indessen nicht lange, so tauchte dort unten ein dicker älterer Herr in heller Kleidung auf und kam, so rasch ihm dies unter dem gegebenen Umständen nur möglich war, zum Gittertor herauf.
"Sehen Sie sich genau den Herrn an," flüsterte Sessenbach dem Kadett zu, "das ist Mynherr Trobs, ein Deutschholländer, der es auf Java zum Nabob gebracht hat. Als armer Schiffsjunge wurde er hier einst an Land geworfen und besitzt jetzt Millionen. Dabei ist er unverheiratet und lebt nur seinen sonderbaren Neigungen."
"Wo haben Sie den Herrn kennen gelernt?" fragte Borlitz zurück.
"Das ist sehr einfach, er ist ein Verwandter meiner Mutter und hat sich total in mich verschossen; von seinen Millionen wird einst auch für mich etwas abfallen."
Als der Nabob am Gittertor angelangt war, öffnete er dieses rasch und empfing den jungen Offizier mit offenen Armen.

"Willkommen, mein lieber Paul," rief der alte Herr freudestrahlend aus, "ich wußte, das Du kommen würdest! Habe bereits aus den Zeitungen erfahren, das unser Hafen die Ehre hat, vom Bruder des deutschen Kaisers besucht zu werden. Aber so rasch haben wir hier diesen hohen Besuch nicht erwartet. Morgen fahren wir nach dem Hafen hinaus. Natürlich bleibst Du mein Gast, so lange dies der Dienst Dir erlaubt."
"Heute und morgen kann ich hier bleiben, dann aber muß ich wieder an Bord, denn es ist unbestimmt, wie lange wir im Hafen bleiben."

Der Leutnant stellte nun auch dem alten Herrn den Kadett von Borlitz vor, und auch dieser wurde warm begrüßt. Dann gingen die drei den hübschen Palmenweg hinunter und kamen zu dem Hause. Die Villa lag da, mitten unter einem bestrickten schönen Palmenhain, gleichsam in Blumen gebettet, wie ein Märchenschloß. Auf einer kühlen, mit blühenden Schlingpflanzen übersponnenen Veranda stand ein runder Tisch mit Schaukelsesseln. Dorthin führte Mynherr Trobs seine Gäste. Nun klatsche er in die Hände, und sofort stürmten von allen Seiten malaiische Diener herbei, die sich in dem seltsamsten Aufputz präsentierten. In malaiischer Sprache erteilte der Mynherr seine Befehle, und in wenigen Minuten bedeckte sich der runde Tisch mit allen denkbaren Herrlichkeiten, wie sie sich ein jugendlicher, hungriger Magen nur immer wünschen kann. Reis und Fleischspeisen, Eis, Champagner und eine Menge Sodawasser lockten zum genießen an.
"Meine lieben Freunden," sagte der Hausherr, "tut nun ganz so, als ob Ihr daheim bei Mutter wäret."
Das ließ sich Borlitz nicht zweimal sagen, und er begann ohne Ziererei sich sofort über das vorzügliche Mahl herzumachen. Besonders die köstlichen Reisspeisen und die Früchte sagten ihm zu.

Sessenbach berichtete aus dem eigenen Elternhaus und Mynherr Trobs hörte mit lebhaften Interesse zu. Nach dem Essen warf er im Laufe der Unterhaltung die Frage auf, was eigentlich Prinz Heinrich in Ostasien zu tun haben.?
"Es muß doch irgend eine politische Bedeutung haben, daß gerade der Kaisersohn die deutsche Flagge in alle Häfen zeigt?"
"Gewiß, lieber Onkel," erklärte Sessenbach, "die Reise des Prinzadmirals hat ihren gewichtigen Grund. Die Völker des Ostens sollen endlich erfahren, daß wir auch da sind, und darum sollen sie unsere Flagge sehen, unsere Macht kennen lernen und unsere Freunde werden."
"Das lobe ich mir! — Den Engländern darf die Welt nicht so wie bisher allein überlassen werden. Mit ihrem Singapur haben sie Batavia fast ruiniert, und ich glaube, Deutschland würde sich das nicht bieten lassen."

Es war inzwischen Mittag geworden. Senkrecht sandte die Sonne ihre brennenden Strahlen vom Himmel nieder. Das Laubwerk der Veranda gewährte keinen Schutz mehr; der Mynherr lud daher seine Gäste ein, ins Haus zu kommen.
"Wir werden nun unsere Siesta halten," meinte er, "denn nach dem Essen bedarf man der Ruhe. Haben wir etwas geschlafen, dann werde ich Euch dies und das von der Herrlichkeiten unseres schönen Java zeigen."
Bei diesen Worten übergab er Borlitz einen einem kräftigen Malaien, der den jungen Mann in ein kühles Gemach führte. Mitten in diesem Zimmer schwebte eine Hängematte mit weißseidenem Fliegennetz. Borlitz war in der Tat ermüdet, denn der feurige Champagner hatte ihn angegriffen und darum wollte er sich sofort in die Hängematte werfen, aber daran hinderte ihn der Diener.
Mit einer bewundernswerten Fixigkeit begann er den Kadett zu entkleiden und öffnete dann eine Seitentür zu einem Raum, in dem sich ein Marmorbassin mit kühlem, aromatisch duftendem Wasser befand. Jetzt begriff Borlitz, daß er ein Bad nehmen soll, denn von dem, was der Malaie da auf ihn einredete, verstand er kein Wort.

Mit wahrer Lust tauchte er in dem Wasser unter und schlüpfte dann in die hellen, leichten Kleider, die der Diener inzwischen für ihn zurecht gelegt hatte. Nun stieg er in die Hängematte, das Fliegennetz wurde über ihm zugezogen und bald darauf war er seelig entschlafen. Plötzlich wachte er auf! Der Traumgott hatte ihm die Jagdszene vorgegaukelt, die er erlebt, und in der Prinz Heinrich einen Tiger erlegt hatte. Er bemerkte sofort, daß sich die Sonne ihrem Untergange näherte, denn im Gemach herrschte bereits ein Halbdunkel. Er hatte also viele Stunden geschlafen! — Beschämt wollte er aus der Hängematte springen, als er auf ein seltsames Geräusch aufmerksam wurde.
Er glaubte zuerst einen großen Jagdhund im Zimmer herumlaufen zu hören, dann wieder meinte er das Schnurren einer großen Katze zu vernehmen. Borlitz richtete sich auf seinem schwebenden Lager auf und blickte um sich. Ein jäher Schreck fuhr ihm in die Glieder, als ihn von da unten herauf zwei glühende Augen anstarrten.

Solche Augen hatte nur der Tiger, den Prinz Heinrich erlegte. Heiliger Gott, war denn ein Raubtier, während er schlief, ins Zimmer gedrungen? — Richtig, die Tür stand weit offen! —
Nun sah er das schnurrende Raubtier ganz deutlich. Es war ein schwarzer, auf Java besonders heimischer Panther. Das große unheimliche Tier lief ganz gemütlich auf dem Fußboden unter der Hängematte auf und ab und schien geduldig auf ihn zu warten, bis er, der arme Kadett, herunter kommen würde. Borlitz wußte nicht, was er anfangen sollte. Er wagte nicht, sich auch nur zu regen, ja er getraute sich kaum zu atmen. Jeden Augenblick konnte die Bestie des langen Wartens überdrüssig sein und sich auf ihn stürzen. Und dabei hatte er keine Waffe zur Hand, nicht einmal ein Messer, viel weniger ein Gewehr. Hätte er geahnt, daß er hier hilflos aufgefressen werden könnte, niemals würde er sich Leutnant Sessenbach angeschlossen haben.

Er verfiel in seiner Not auf den Gedanken, sich schlafend zu stellen, oder lieber gleich so zu tun, als ob er tot wäre. Vielleicht drückte sich dann das Raubtier wieder aus dem Zimmer, und dann wollte er hinter ihm hereilen und die Tür ins Schloß werfen. Dann wäre er gerettet! — Oder wenn ihm jemand zu Hilfe kommen würde? — Vielleicht Sessenbach? Aber im Hause, in welchem die Dienerschaft ohne Schuhe umherschlich, herrschte eine unheimliche Ruhe. Gewiß ist der Mynherr mit Sessenbach bereits ausgegangen und ihn haben sie hier ruhig zurückgelassen. Borlitz bat den lieben Gott, ihm beizustehen und schloß die Augen. Aber damit war der javanische schwarze Panther nicht einverstanden, er wurde ungemütlich, stellte das behagliche Schnurren ein und begann an den Wänden hochzuspringen, wie wenn er mit den gewaltigen Pranken nach Mücken jagen wollte.

Das war Borlitz doch zu viel. Bei dem Gedanken an seine gute Mutter, an seinen lieben Freund Adolf Zappe in Plauen, rief er plötzlich mit bebender Stimme um Hilfe. Sofort begann der Panther fürchterlich zu brüllen, verkroch sich in eine dunkle Zimmerecke und starrte mit funkelnden Augen nach dem Kadett vom Flaggschiff seiner Königlichen Hoheit des Prinzadmiral. Und gerade jetzt kam wieder jener tolle Wagemut über ihn, durch den er die Aufmerksamkeit des Prinzen Heinrich an Bord der "Deutschland" auf sich gezogen. Er riß das Fliegennetz zurück und sprang mit einem gewaltigen Satz aus der Hängematte auf den Boden hinunter und stürmte Hals über Kopf aus dem verhängnisvollen Zimmer hinaus. Und merkwürdig, der Panther hatte einen solchen Respekt vor dem fliehenden Kadetten der kaiserlichen deutschen Marine, daß er höflich zurückblieb und nicht daran dachte, sich auf ihn zu stürzen. Borlitz rettete sich hinaus auf die Veranda, und dort saßen gemütlich Sessenbach und Mynherr, und beide tranken köstlichen Javakaffee.

"Retten Sie sich," rief jetzt Borlitz atemlos aus, "ein schwarzer Panther ist im Hause!" Der Mynherr lachte laut auf. "Das ist ja mein Joko, Herr Kadett," erklärte er ruhig, "es ist der einzige gezähmte , schwarze Panther, der überhaupt existiert. Ein Lord bot mir 2000 Pfund für das seltene Tier, aber ich gebe meinen Joko nicht her. — Wenn er an den Wänden hochspringt, dann fängt er nur Fliegen, das ist seine Lieblingsbeschäftigung. Die Eltern des Joko sind ebenfalls im Hause, freilich hinter eisernen Stäben. Nachher wollen wir sie mal besuchen. Der Hausherr stieß nun einen Pfiff aus, und im nächsten Augenblick kam Joko mit seinen feurigen Augen und seinem glänzend schwarzen Fell auf die Veranda herausgesprungen, rieb sich behaglich an den Beinen seines Herrn und schnurrte gemütlich wie eine Katze dazu. Aber auch Sessenbach bekam einen gewaltigen Respekt vor der Bestie und konnte sich nicht entschließen, das gezähmte Raubtier an sich herankommen zu lassen.
"Ich weiß nicht, lieber Onkel," sagte er zu dem Mynherr, "die Sache scheint mir doch gefährlich zu sein. Wie dann, wenn in dem Raubtier eines Tages die Wildheit wieder erwacht?"

Von diesen bedenken wollte der Hausherr nichts wissen, er beklagte sich sogar darüber, daß die Behörde in Batavia ihm verboten habe, sich mit seinem Joko, der ein Gemüt wie ein Kind habe, auf der offenen Straße zu zeigen. Die Nacht war inzwischen hereingebrochen, und mithin die Zeit, in der man in Batavia seine Promenade macht. Sessenbach und Borlitz legten wieder ihre Uniform an und nun führte Herr Trobs seine Gäste in den Garten, der vom Mondschein fast taghell beleuchtet war. Die Luft war jetzt wunderbar mild und weich. Jasmindüfte wirkten fast berauschend auf die Sinne. Joko schloß sich natürlich den drei Herren an, ebenso zwei malaiische Diener, die das Tier beaufsichtigten. Mitten im Garten stand ein Kiosk und als Borlitz näher trat, sah er, daß das Gartenhaus ein hübscher, mit Eisenstäben verwahrter Raubtierkäfig war. Zwei schwarze Panther tollten im Innern umher und erhoben ein furchtbares Gebrüll, als die Herren näher kamen.
"Das sind die Eltern meines Joko," erklärt der Mynherr, "als Joko ganz klein war, nahm ich ihn aus dem Käfig und zog ihn mir mit der Milchflasche groß. Nur auf diese Weise war es mir möglich, den seltenen Panther so zu zähmen, daß er gar nicht mehr daran denkt, wild zu werden. Doch nun, meine Freunde, wollen wir uns Batavia bei Nacht ansehen.

Sie verließen den Garten und gingen die Palmenallee hinab nach dem Gittertor. Hier angekommen, bemerkte Borlitz, daß der Panther so vernünftig war, zurück zu bleiben. Dabei nahm er sich vor, nicht mehr zu dem seltsamen Onkel zurück zu kehren, sondern sich lieber an Bord zu begeben. Vor dem Gittertor hielt bereits ein mit zwei prachtvollen Pferden bespannter Wagen. Auf dem Bock saß ein ganz in Rot gekleideter Malaie, der einen weißen Zylinderhut, aber keine Schuhe trug. Die Herren stiegen ein und fort ging es nach dem Weichbild von Batavia. Eine stattliche Anzahl herrschaftlicher Wagen, darunter oft Viererzüge in denen weiß gekleidete Damen saßen, begegneten ihnen. Der Mynherr grüßte fortwährend. Die Fahrt ging durch verschiedene Stadtteile, die nur durch das intensive Mondlicht hell beleuchtet waren, dann wandte der Kutscher das Gespann rechts ab von einem großen Kanal, der einen magischen Anblick bot, und wieder kam man vor die Stadt hinaus nach dem vielbewunderten Landaufenthalt Buitenzorke, d.h. "Ohne Sorgen" ( sans souci), dem in den Bergen gelegenen indischen Potsdam.

Nie sah Borlitz ein herrlicheres, vom silberblinkenden Mondschein übergossenes Fleckchen Erde. Die Luft ist hier weich und kühl, von balsamischen Düften erfüllt. Mitten aus dem bezaubernden Dunkelgrün hervor leuchten die weißen Mauern der großartigen Villa des Generalgouverneurs von Java. Dichte Alleen von riesigen Bananen, Tropalbäumen, Palmen und Mangobäumen, die durch Lianengewinde mit einander verbunden sind, ziehen sich durch das Tal. In eine solche wunderbare Allee hinein lenkte der Kutscher die Pferde. Eine große Anzahl Fuhrwerke begegneten ihnen hier, den die Handelsleute, meist Chinesen, benutzten die Kühle der Nacht, um bequemer ihre Waren nach Batavia hinein zu transportieren. Da waren zweirädrige Karren, mit Leinwand überdacht, die von heißblütigen Sumatraponies gezogen wurden. Diesen folgten Ochsenkarren, auf denen ganze Giebeldächer aufgebaut waren. Am meisten interessierte sich Borlitz für die halbnackten Träger, die auf dicken Bambusstöcken eine schwere Last Heu und Früchte trugen, scheinbar ohne zu ermüden. Die Leute tragen die Lasten auf den aufrecht gehaltenen Bambusstöcken, und zwar so, daß man von ihnen nichts sieht, als die schwarzbraunen Füße; man glaubt oft wandelnde Heuhaufen daher kommen zu sehen.

Eine Menge Wasserträger kamen an der Kutsche vorüber. Es sind Gestalten mit ungeheuren Hüten auf dem Kopf. Sie haben das Wasser in ausgehöhlte Bambusstämme gefüllt und schleppen diese weiter. Respektvoll wichen alle dem vornehmen Wagen aus und hin und wieder setzten sich sogar die Frauen, die ihre Kinder in ein Tuch gebunden um den Hals hängend tragen, an der Straße nieder, das Gesicht vom Wagen abgewandt, wie wenn sie Gebete sprechen wollen. Auf diese Art bezeigten sie ihre Ehrfurcht vor dem Mynherr und seinen Freunden. Der Wagen kehrte alsbald wieder zurück und fuhr nach Altbatavia hinein. Dort angekommen, hielt man vor dem Hotel du Chemin de fer. Hier wollte Mynherr Trobs mit seinen Gästen die Nachtmahlzeit einnehmen.

"Sie sind auf Java, meine Freunde, und werden sich nun auch entschließen müssen, auf echt javanischer Art zu Abend zu speisen." Er rief hierauf des ganz in französischem Stil gehaltenen Hotels herbei und machte seine Bestellung. Es währte nicht lange, so erschien der dienende Geist mit seiner Serviette wieder und brachte einen riesigen Malaien mit, der ein großes Tablett brachte, auf dem Kalbsbraten, gekochte und mit einer scharfen Sauce gewürzte Fische, eingemachte Früchte und ähnliche Dinge aufgehäuft waren. Aber mitten auf dem Tablett thronte ein ganzer Berg steifer Reis, der so weiß wie Schnee war. An dieser Unmenge Reis hätte Borlitz acht Tage lang essen können, ohne sie zu bewältigen.
Mynherr nahm die Reisschüssel vom Tablett, stellte diese vor sich hin und jetzt erst zeigte sich recht, welchen riesigen Umfang die Schüssel hatte. Nun nahm er den Kalbsbraten, die gekochten Fische mit der Sauce, die Früchte und alles, was sich auf dem Tablett befand, und mengte die ganze Herrlichkeit unter den Reisberg. Mit Entsetzen blickte Borlitz auf den entstehenden Brei. Der Deutschholländer aber griff zur Gabel und begann sich in diesen Berg hinein zu essen.

Sessenbach stand dem Onkel dabei wacker zur Seite, nur der Kadett wagte sich nicht an dieses javanische Leibgericht heran. Um es indessen mit dem liebenswürdigen Nabob nicht zu verderben, aß er zuletzt mit wahrer Todesverachtung mit und fand dann, daß die sonderbare Mahlzeit gar nicht so übel schmeckte. Sessenbach war bald gesättigt, aber Mynherr Trobs hörte nicht eher auf zu essen, als bis die ganze Portion von der Platte verschwunden war, dann zündete er sich eine kräftige Zigarre an und lehnte sich behaglich im Sessel zurück, um zu verdauen. Nun begriff der Kadett, wie es möglich war, daß der Nabob trotz des heißen Klima Javas so mächtig dick werden konnte.

Als die Mitternachtsstunde heranrückte, bat Borlitz seinen Leutnant, an Bord der "Deutschland" zurückkehren zu dürfen.
"Ich habe noch Briefe zu schreiben," entschuldigte er sich.
"Sie möchten wohl den schwarzen Panther nicht mehr sehen, Borlitz? — Bei Gott, ich kann es Ihnen nicht verübeln, ich möchte nicht mit der Bestie in einer Stube schlafen."
Mit einem überlegenen und behaglichen Lächeln auf der Lippe erklärte nun Mynherr, daß Joko immer Zutritt zu ihm habe, und daß das Tier treuer sei, wie ein Hund.
Trotzdem blieb Borlitz bei seinem Verlangen, an Bord zu gehen. Er dankte Mynherr für die erwiesene Gastfreundschaft, verabschiedete sich von Sessenbach, ging nach dem gegenüberliegenden Bahnhof und fuhr mit dem letzten Zug zum Hafen zurück.
Ohne weitere Zwischenfälle erreichte er seine Kabine auf der "Deutschland", streckte sich dort in die Hängematte aus und war alsbald sanft und tief eingeschlafen.

Quelle: Prinz Heinrich in Kiautschau, Conr. Fischer-Sallstein, Globus Verlag, von rado Jadu 2000

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