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Prinz Heinrich in Kiautschau

Reisen zu Wasser und zu Lande des Prinz-Admiral in Indien, China, Japan (1898-1900)

Neunter Abschnitt

Abschied von Java. Die Tat des Raubtieres. Bis nach Hongkong. Der Prinzadmiral verläßt
die "Deutschland". Auf Wiedersehen! Auf dem Viktoriapeak. Die Deutschen in Hongkong.

Die "Deutschland" und die "Gefion" waren seeklar, zum auslaufen aus dem Hafen bereit, um nach Hongkong-Kanton zu gehen. Alle Mann waren auf Deck; die Musikkapelle stand mit ihren leuchtenden und blitzenden Blechinstrumenten bereit, die holländischen Nationalhymne anzustimmen. Prinz Heinrich befand sich auf der Kommandobrücke, umgeben von seinem Gefolge, und blickte stolz hinüber nach dem Quaiufer des Tandjong Priok. Dort waren Böller aufgepflanzt, um, dem Prinzen zu Ehren, Freudenschüsse abzugeben. Eine unabsehbare Menschenmenge zog sich am Ufer hin. Von den Forts, den Regierungsgebäuden und den großen Handelshäusern wehten deutsche und holländische Flaggen.

Die Ankerketten der "Deutschland" rasselten, langsam hoben sich die schweren Anker aus dem Grund empor und jetzt donnerte ein Salut von Bord der "Deutschland" und der "Gefion" nach Tandjong Priok hinüber. Sofort erwiderten die Batterien des Forts und die Böller am Quai die Donnergrüße. Ein dreifaches Hurra der Besatzung hallte zum Lande hinüber und dann setzte die Kapelle ein. Wie das Branden des Meeres brauste der Jubelruf vom Ufer herüber; braune, rote und weiße Taschentücher winkten den jetzt langsam aus dem Hafen dampfenden deutschen Kriegsschiffen nach. Der Prinzadmiral wich nicht von der Kommandobrücke, bis Batavia, die Königin des Ostens, wie ein bläulicher Punkt am Horizont verschwunden war.
"An Batavia werde ich zurückdenken", äußerte der Prinz zu seiner Umgebung, "die Tage auf Java werden mir unvergeßlich sein."

Nur einer befand sich an Bord, der an der aufregenden Abschiedsfeier kaum einen Anteil nahm und dieser eine, das war Kadett Borlitz. Schwermütig, mit trüben Blicken, schaute er auf einen Brief, der vor ihm lag und den niemand anders als Sessenbach, der Leutnant zur See, an ihn gerichtet hatte. Sessenbach befand sich nicht an Bord, er blieb auf Java zurück. Und das hatte seinen recht traurigen Grund, der Borlitz die Tränen in die Augen preßte. Dem Kommando war gemeldet worden, daß der Unterleutnant z. S. an Land verwundet worden sei. Das geschah so geheimnisvoll, daß der Kadett nichts davon erfuhr. Der Oberarzt ging hierauf mit einem Heilgehilfen an Land und kehrte erst spät am Abend mit bedenklichem Gesicht zurück. Der gute Doktor brachte ihm nun den Brief, den er da vor sich liegen hatte.

Jetzt erst zeigte es sich, daß Borlitz' Furcht vor dem schwarzen Panther nur zu begründet gewesen war. Die Wildheit war bei dem Tier zum Durchbruch gekommen und mitten am hellen Tage hatte sich das unheimliche Raubtier auf den schönen Offizier geworfen, ihm einen furchtbaren Biß in den linken Schenkel beigebracht, die rechte Schulter zerfleischt und sich am rechten Oberarm festgebissen. Viel schlimmer noch kam der Mynherr selbst weg, welcher das wütende Tier zurückreißen wollte. Er erhielt einen tiefen Biß in den Hals und lag nun auf Leben und Tod darnieder. Die Bestie selbst wurde durch einen hinzueilenden malaiischen Diener mit einem Dolchstich unschädlich gemacht.

Das stand alles in dem Brief, den der arme, so schwer verwundete Sessenbach, trotz seines Leidens, an seinen jungen Freund geschickt hatte. Unter der offenstehenden Kabine erschien ein Unterarzt und blickte den betrübten Borlitz eine Weile an.
"Kadett Borlitz, Seine Königliche Hoheit hat sie vor sich befohlen!"
Jäh fuhr der junge Mann vom Schiffsstuhl auf.
"Ich glaube, der Prinz will Sie in Sachen Sessenbach sprechen," fuhr der Marinearzt fort und wollte damit offenbar den Kadett beruhigen. Sofort machte sich Borlitz fertig, vor dem Prinzadmiral zu erscheinen.
"Haben Sie Nachrichten, Herr Doktor?" fragte er den Arzt, "wird Leutnant Sessenbach davongekommen, wird er wieder gesund werden?"
"Die Bisse solcher Bestien sind miserabel, wer kann es wissen?"
"Mir hätte er folgen sollen," platzte Borlitz aufgeregt heraus, "ich habe es vorausgesehen!"
Mit diesen Worten eilte er fort, um dem Befehl des Prinzen nachzukommen.

Prinz Heinrich empfing den Kadett, umgeben von einer Anzahl Offiziere, mit gewohnter Freundlichkeit.
"Nun, Borlitz, was ging mit dem Leutnant Sessenbach vor? — Ich habe erst jetzt den Vorfall erfahren. In der Tat muß ich gestehen, daß ich gerade den Leutnant Sessenbach für einen Offizier gehalten habe, der nie unüberlegt handeln kann."
"Verzeihung, Königliche Hoheit, er kann ja nichts dafür. Der schwarze Panther schlich sich auch in das Zimmer, in welchem ich in der Hängematte lag, aber ich kam noch glücklich davon. Am ganzen Unglück ist der Mynherr selbst schuld, er hat den Herrn Leutnant Sessenbach auf dem Gewissen. Wegen des Panthers bin ich nicht mehr auf die Villa zurückgegangen, sondern begab mich wieder an Bord."
"Das war recht vernünftig von Ihnen, Borlitz," lobte der Prinz, "Sie haben damit den Beweis geliefert, daß sie klug und überlegt handeln können."

Der Prinz wandte sich nun an den hinter ihm stehenden Oberarzt und erkundigte sich, ob Gefahr für das Leben des Offiziers vorhanden sei?
"Das befürchte ich nicht, Königliche Hoheit," entgegnete dieser, "schlimmer indessen steht die Sache bei dem Mynherr Trobs. Der erhielt einen so furchtbaren Biß in den Hals, daß ich sehr zweifele, ob er überhaupt mit dem Leben davon kommt. Er sah das auch ein und hat in meiner Gegenwart den Leutnant Sessenbach, der kaum mehr dienstfähig werden dürfte, zu seinem Universalerben eingesetzt, denn Mynherr Trobs ist ohne leibliche Erben."
"Na," entgegnete der Prinz, " dann hat der Verwundete wenigstens den Trost, Millionär auf Java zu werden."
Gnädig wurde Borlitz entlassen und begab sich wieder in seine Kabine.

Stolz durchkreuzte die "Deutschland" die gelben Wogen des Meeres. Die Hitze war groß, trotzdem ein starker, westlicher Monsun wehte, der schwere, düstere Regenwolken am Himmel herauftrieb. Unter Deck herrschten fortwährend 34 Grad Hitze.
Einige Erkrankungen wurden gemeldet, die darauf zurückzuführen waren, daß in der dicken, feuchten Luft die Ausdünstungen des Körpers sehr beschränkt wurden.
Jetzt war es an Bord bekannt geworden, daß der Prinzadmiral in Hongkong sein Flaggschiff, die "Deutschland", verlassen und diese mit der "Gefion" allein nach Kiautschau weiterdampfen würde.

Diese Nachricht, die von Mund zu Mund ging, zusammen mit dem trüben Wetter, drückte die sonst so froge Stimmung an Bord gewaltig nieder. Besonders war Borlitz trostlos, denn für sein Leben gern wäre er in der Nähe des Prinzen Heinrich geblieben. Schon letzt, auf hoher See, begegnete die "Deutschland" den chinesischen Djunken mit ihren gelben, geflickten Segeln und ihrer halbnackten, gelben Bemannung. Hier fing es schon an, gehörig gelb zu werden. Gelbes Wasser, gelbe Chinesen und gelbe Segel. Alles deutet darauf hin, daß man dem großen himmlischen Reiche nahe war. Bei etwas bewegtem Seegang, unter heftigen Regenböen, so daß alle Luken geschlossen werden mußten, erreichte die "Deutschland" eine Reihe nackter Felseninseln, die der Mündung des Kantonflusses vorgelagert sind. Hier wimmelte es von großen und kleinen Djunken und Sampons.
Die "Deutschland" steuerte in das Inselgewirr hinein und und nun zeigten sich an dem von schweren Regenwolken bedeckten Horizont die bizarren Umrisse des im Südwest mit Grün bedeckten Felseneilandes von Hongkong. Unter Salutschüssen liefen die beiden Kriegsfahrzeuge im Hafen bei strömenden Regen ein und gingen glatt, trotz der unerhörten Witterung, am Anlegeplatz der Kriegsschiffe vor Anker.

Noch am Abend kam eine Deputation hoher englischer Herren an Bord und mit ihnen begab sich Prinz Heinrich, nach einem herzlichen Abschied, an Land. Das Hurra der Mannschaften , die alle tief bewegt waren, brauste hinter ihm her und der Prinz rief ihnen ein kräftiges "Auf Wiedersehen" zurück. So groß das Aufsehen auch war, welches das Erscheinen des deutschen Kaisersohnes in der Millionenstadt Hongkong hervorrief, die Chinesen blickten mit stumpfer Verständnislosigkeit zu dem stattlichen Prinzen empor. Die englischen und deutschen Elemente der Stadt wetteiferten im freundlichen Bestreben, dem hohen Gaste alle nur erdenklichen Aufmerksamkeit zu erweisen, die Chinesen aber zeigten jenes scheue Mißtrauen, das sie allem entgegenbringen, was aus Europa herüberkommt. Trotzdem die Gesundheitsverhältnisse von Hongkong zu dieser Zeit besonders trostlos waren, so daß kein Mann von Bord der "Deutschland" beurlaubt werden konnte, so ließ sich der Prinz doch nicht abhalten, die alte Chinesenstadt bis in die kleinste Winkel hinein in Augenschein zu nehmen.

Begleiten wir den Prinzadmiral auf einem solchen Rundgang durch die Stadt. Als der Bruder des deutschen Kaisers bei strömendem Regen das Land betreten, stand dort schon der fürstliche Wagen des Gouverneurs, der ihn rasch durch das ungesunde Hongkong bis an den Fuß der Höhenzüge trug, die man schon bei der Einfahrt in den Hafen sieht und deren höchster Punkt der Viktoriapeak ist. Auf diesen, mit großartigen Villen reicher Engländer geschmückten Berg, gelangt man vermittelst einer Drahtseilbahn. Auch Prinz Heinrich benützte diese Bahn und erreichte ganz bequem die prächtige Villa des Gouverneurs, die ihm und seinem Gefolge zur Verfügung gestellt worden war. Das unerträgliche Wetter, besonders aber der dichte, warme Nebel, der wie ein Brodem auf dem höchsten Punkten des Höhenzuges lag, zwang die Reisenden, so bald wie tunlich, sich unter Dach zu begeben.
Am folgenden Morgen war der Himmel klar und jetzt begab sich Prinz Heinrich nach einer recht gut verbrachten Nacht in den Park. Von einem kleinen Aussichtstürmchen, das sich auf einem hohen Punkt hinter den Wohngebäuden befindet konnte der Prinz einen herrlichen Rundblick genießen. Der Peak selbst mit einem entzückenden Kranz reizender Villen, die wie traumverloren in das üppige Grün gebettet sind, bietet einen hübschen Anblick. Weiter hinaus breitet sich die ganze Stadt aus, mit der anschließenden Insel Kaulung, dann die um Hongkong herumliegenden Ladorneninseln und das freie Meer.

Von der eisernen Fahnenstange der Villa grüßte stolz die deutsche Flagge ins Land hinein. Während der Prinz sich an dem großartigen Panorama erfreute und mit seiner Umgebung eine lebhafte Unterhaltung pflegte, sammelten sich wohl über hundert Kulis mit ihren Bambustragsesseln vor dem Eingang des Hauses an. Die unbequemen, oft steil ansteigenden Wege Hongkongs machen einen Wagenverkehr in den Straßen fast unmöglich; daher kommt es, daß man nur selten, vielleicht nur bei ungewöhnlichen Gelegenheiten, einem Wagen begegnet, der von Pferden gezogen sich weiter bewegt. Das Hauptverkehrsmittel Hongkongs ist der Bambustragsessel oder die Djinrikscha. Ein solcher Sessel hängt zwischen zwei Bambusstangen und wird von flinken Kulis, die fast immer im Trab laufen, Straße auf und Straße ab getragen. Für den geringen Betrag von 40 Pfennigen kann man sich eine ganze Stunde hindurch spazieren tragen lassen.

Die spekulativen Kulis hatten natürlich darauf gerechnet, den Prinzadmiral und sein stattliches Gefolge als Traggäste zu bekommen. Als Prinz Heinrich endlich die Villa verließ, um seinen Rundgang durch die Stadt anzutreten, entstand unter den geschäftseifrigen Eingeborenen eine wahre Katzbalgerei, denn jeder von ihnen riß sich um die Ehre, den Prinzen zu tragen. Aber leider waren ihre Bemühungen umsonst, die Tragsessel wurden abgelehnt, der Prinz zog es vor, zu Fuß zu gehen. Nach der langen Seefahrt sehnte er sich ordentlich danach, einmal rüstig ausschreiten zu können. Um den Schmerz der enttäuschten Kulis zu lindern, wurden Geldmünzen unter sie verteilt, was die Leute vollkommen versöhnte.

Unter Führung des Herrn Bergold, eines hervorragenden Mitgliedes der deutschen Kolonie in Hongkong, trat nun der Prinz mit seinen Herren den Gang nach der Stadt an. Es ging auf recht angenehmen Wegen den Viktoriapeak hinunter und kaum eine halbe Stunde später befand sich die ganze Gesellschaft mitten in dem bunten Straßengewühl des Chinesenviertels der Stadt. Woher kommen sie alle und wo wollen sie hin, diese gelb- und dunkelhäutigen Menschenkinder, die sich da, drängend, haftend, handelnd und feilschend durch die meistens sehr engen Straßen wühlten? Diese Straßenbilder wirken wahrhaft betäubend. Natürlich fallen die Chinesen vor allen andern Völkertypen auf. Während der arme Chinese immer einen kläglichen Eindruck macht, weiß der reiche und vornehme durch sein Auftreten und seine Kleidung zu imponieren. In der Regel dick und wohlgenährt, schreitet er mit seiner weißen, langärmeligen Bluse, seinen blauen, weiten Beinkleidern, den weißen, hohen Strümpfen und dem ungewöhnlich langen Zopf, der bis in die Kniekehle reicht und dort noch mit einem Bändchen geschmückt ist, wie eine Hoheit durch das Straßengewühl.

Nur wenn die Riesengestalt eines Sikkhs, so nennt man die Polizisten, auf der Bildfläche erscheint, beugt der Unnahbare ein wenig demütig den Kopf und schreitet in dieser Haltung etwas eilig vorüber. Etwa zwei Stunden lang durchwanderte Prinz Heinrich die sehenswertesten Straßen, besuchte einige Tempel, wurde aber von dem furchtbaren Gestank, der sich immer mehr bemerkbar machte, je höher die Sonne stieg, dazu veranlaßt, das Programm etwas abzukürzen und dem deutschen Klubhause seinen Besuch zu machen. Die Klubmitglieder hatten dort den erlauchten Bruder des Kaisers erwartet, ihn mit einem dreifachen Hurra herzlich begrüßt und zu einem echt deutschen Frühstück eingeladen. Zündende Reden wurden nun gehalten, Toaste mit Begeisterung ausgebracht und zum Schluß des herrlichen Festes trug der deutsche Männerchor heimische Lieder vor, denen sich als allgemeines "Deutschland, Deutschland über alles" anschloß.

Als es Abend geworden, saß der Prinzadmiral immer noch unter seinen deutschen Landsleuten und erst bei anbrechender Dunkelheit kehrte er in die Villa auf dm Viktoriapeak zurück, um am nächsten Morgen in aller Frühe mit dem schon bereitstehenden, festlich geschmückten Dampfboot nach Kanton zu fahren.

Quelle: Prinz Heinrich in Kiautschau, Conr. Fischer-Sallstein, Globus Verlag, von rado Jadu 2000

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