Der Blinde und der Ölhändler
EINE CHINESISCHE SAGE
Ein blinder Musiker hatte
sich mit seinem langen Stabe bis an den seichten Fluß getastet und wußte
nicht, wie er das jenseitige Ufer erreichen sollte.
Da kam ein Oelhändler des Weges, der Mitleid mit dem Blinden fühlte und,
dieser Gefühlsregung nachgebend, ihm zurief: „Komm her, ich trage dich
über den Fluß, halte unterdessen meinen Geldbeutel, damit mir nichts verlorengeht."
Der Blinde, hocherfreut über diese Hilfe, setzte sich auf den Rücken des
Mannes und hielt die schwere Tasche mit dem Kupfergelde, das der Oelhändler
aus dem Verkaufe seines Oeles eingenommen hatte.
Als sie das
jenseitige Ufer erreicht hatten, wollte der gutmütige Händler mit dem
Danke des Blinden auch sein Geld in Empfang nehmen. Da aber erklärte der
Blinde, das sei sein Geld. Er erhob auch gleich ein großes Geschrei und
klagte Himmel und Erde die Gewalttal, daß der Händler ihn, den armen blinden
Mann, berauben wolle.
Vergeblich verwahrte sich der Händler gegen diese erlogene
Anschuldigung und verlangte sein Eigentum zurück. Das herbeilaufende Volk
ergriff Partei für den Blinden und prügelte den Oelhändler durch.
Endlich brachte man die beiden immer noch streitenden Männer zum Mandarinen.
Hier knieten beide nieder, und jeder beteuerte, es sei sein Geld.
Der Mandarin
hörte sie ruhig an, überlegte eine kurze Zeit, tat dann einige Fragen
und sagte plötzlich: „Wir wollen in eurer dunklen Sache den Wassergott
entscheiden lassen." Er ließ ein Gefäß mit Wasser bringen, den Inhalt
des Geldsackes hineinschütten und die Münzen tüchtig im Wasser waschen.
Dann beugte
er sich über das Gefäß und betrachtete nachdenklich die Oberfläche des
Wassers. Nach einer kurzen Weile sagte er: „Das Geld gehört dem Oelhändler,
und du, blinder Musiker, du Lügner und Betrüger, erhältst hundert Bambushiebe!"
Alle Anwesenden staunten über dieses Urteil, das der Mandarin aber sofort
einleuchtend begründete.
„Seht her",
sagte er, „auf der Oberfläche des Wassers schwimmt Oel. Wenn der Mann
Oel verkaufte, wurden seine Hände beim Ausmessen mit Oel begossen, und
mit diesen ölbefleckten Händen nahm er das Geld in Empfang; es mußte also
die Spuren seines Geschäftes tragen."
Auf dem Wasser schwamm wirklich das Oel in vielen großen Fettaugen.
Copyright
by Peter J. Oestergaard-Verlag, Berlin-Schöneberg, 1928; Jadu 2000
|