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Schnaken und Schnurren von Nasreddin Hodscha, dem türkischen Eulenspiegel.

Nach Mehmet Tewfik-Müllendorff, Schwänke des Nasreddin und Buadem.

Der Verwandelte Esel

Eines Tages nahm Nasreddin seinen Esel und führte ihn an der Leine. Als er so dahinschritt, beschlossen einige Knaben, die gerade vorbeigingen, den Esel zu stehlen. Einer der Knaben sagte: "Ihr sollt mir helfen; alles andere werde ich besorgen." Alle waren damit einverstanden und folgten Nasreddin nach.
Nach einer Weile nahm ein Bursche vorsichtig die Halfter vom Kopfe des Esels ab und hing sie über den seinigen. Seine Gefährten aber nahmen den Esel und führten ihn auf den Markt. Jener Schlingel mit der Halter auf dem Kopfe aber lief hinter dem Hodscha her. Nachdem sie eine Zeitlang gelaufen waren, drehte sich Nasreddin um und sah hinter sich her einen Menschen mit einer Halfter kommen. Nasreddin fragte: "Wer bist du?" — "Ich bin Euer Esel," versetzte jener.
"Ach, ursprünglich war ich ein Mensch. Eines Tages erzürnte ich meine Eltern. Sie verfluchten mich, und ich wurde in ein Esel verwandelt. Zuerst wurde ich an einen Bäcker und dann an einen Gärtner verkauft. Schließlich habt Ihr mich bekommen. Während ich jetzt an Eurer Leine lief, sahen mich meine Eltern. Sie hatten Mitleid mit mir und erbaten den Segen für mich. So wurde ich wieder ein Mensch."
Nasreddin strich sich den Bart und dachte ein wenig nach, dann sagte er: "Was du erzählt hast, ist nichts Ungewöhnliches; aber es hätte nicht gerade mir passieren sollen. Geh, mein Sohn, zu deinen Eltern zurück, und erzürne sie nicht wieder!"
Mit diesen Worten ließ er ihn laufen. Der gute Hodscha begab sich auf den Markt, um sich einen andern Esel zu kaufen. Da sah er seinen Esel von vorhin neben einem öffentlichen Ausrufer stehen. Er ging hinzu und sagte dem Tier leise ins Ohr: "Hast du deinen Vater und deine Mutter doch wieder geärgert?" Über diese vorwurfsvolle Frage brachen die Leute auf dem Markte in ein schallendes Gelächter aus.

Nasreddin als Prediger

Nasreddin stieg eines Tages in irgend einer Moschee auf die Kanzel, um eine Predigt zu halten. Er wandte sich an die versammelte Gemeinde mit den Worten: "Liebe Anwesenden, wißt ihr, was ich sagen werde?"
Sie antworteten: "Wie sollen wir das wissen!" Nasreddin fuhr fort: "Wenn ihr es doch nicht wißt, was soll ich euch sagen?"
Mit diesen Worten stieg er von der Kanzel herab. Am folgenden Tage bestieg er wiederum die Kanzel und sprach: "Liebe Zuhörer, wißt ihr, was ich euch sagen werde?"
Die Leute sagten: "Wir wissen es." Er versetzte: "Wenn ihr es bereits wißt, wozu soll ich es dann noch einmal sagen?" und er stieg von der Kanzel herab und entfernte sich.
Am dritten Tag bestieg er wiederum die Kanzel und fragte die Gemeinde gerade wie das erste- und zweitemal.
Die Gemeinde aber hatte sich vorher geeinigt und antwortete diesmal: "Einige von uns wissen es, einige wissen es nicht."
Nasreddin sagte: "Seht, das trifft sich ja prächtig! Da mögen diejenigen von euch, die es wissen, denen lehren die es nicht wissen."
Damit stieg er von der Kanzel herab und ging fort.

Nasreddin kauft seinen eigenen Esel

Nasreddin Hodscha brachte einst seinen Esel auf den Markt und übergab ihm dem Auktionator. Dieser führte den Esel umher und pries ihn mit den Worten: "Seht, Leute, das ist ein Esel, wie er anderwärts schwerlich zu finden sein dürfte, hellfarbig, gut gehend, ein junger, kräftiger Paßgänger!"
Es strömten viele Liebhaber herbei und gaben ihre Gebote ab. Als Nasreddin sah, daß sein Esel so sehr im Preise stieg, sprach er: "Ei, wenn mein Esel so vortrefflich ist, warum soll ich ihn nicht kaufen?" Kurz entschlossen bot auch er, und schließlich gehörte der Esel ihm; denn er hatte das höchste Gebot abgegeben. Nasreddin bezahlte sein Geld und führte den Esel nach Hause.

"So weit kommt man mit der Hartnäckigkeit"

Nasreddin wurde eines Tages überdrüssig, seinen Esel zu füttern, und beauftragte seine Frau mit der Pflege des Tieres. Doch die Frau war damit nicht einverstanden, und so entspann sich ein Streit zwischen ihnen, der mit dem Übereinkommen endete, beide Teile sollten strenges Stillschweigen beobachten; wer aber zuerst spreche, der solle den Esel füttern.
Der Hodscha setzte sich in eine Ecke seines Hauses und sprach kein Wort. Seine Frau langweilte sich, verhüllte sich mit einem Schleier und ging zu ihrer Nachbarin, wo sie bis zur Zeit des Abendgebets blieb. Nasreddins Frau erzählte der Nachbarin den Vorfall, und sie sprachen: "Es ist ein hartköpfiger Mann; er würde lieber vor Hunger sterben als ein Wort sprechen. Doch dauert er mich; wir wollen ihm eine Schüssel Suppe schicken."
Das Kind der Nachbarin trug die Suppe zu Nasreddin hinüber. Während aber Nasreddins Frau zur Nachbarin gegangen war, kam ein Dieb in Nasreddins Haus und raffte darin alles zusammen, was er fand. Er trat auch in das Zimmer, in dem Nasreddin saß. Erschrocken wollte er sich zurückziehen, doch als er sah, daß der Mann im Winkel so still und ruhig dasaß, ließ er sich in seiner Diebsarbeit nicht stören, ja er kam sogar herbei und sagte: "Nun will ich auch den Turban von des Mannes Kopfe nehmen. Vielleicht spricht der Sonderling dann ein Wort." Mit diesen Worten nahm er Nasreddin den Turban vom Kopfe; doch Nasreddin sprach kein Wort, und der Dieb konnte ungestört die zusammengerafften Gegenstände wegtragen.
Während nun Nasreddin barhäuptig im Winkel saß, kam das Kind mit der Schüssel Suppe in der Hand zur Türe herein und sagte: "Herr, ich bringe Euch Suppe." Nasreddin pfiff, bewegte seine Hand dreimal im Kreise umher und zeigte nach seinem Kopf. Das Kind legte dies Zeichen so aus: es solle sich dreimal drehen und die Suppenschüssel über den Kopf des Hodscha bewegen.
Als er eben daran war, diesem Wunsche zu entsprechen, da verschüttete es die Suppe und verbrannte — pitsch, patsch — den Kopf Nasreddins, und obgleich die Suppe von Gesicht und Bart herabtröpfelte, so bewahrte der Hodscha doch tiefes Schweigen. Das Kind lief ängstlich hinaus und erzählte alles, was es gesehen und erlebt hatte, in der Mutter Hause.
Da eilte Nasreddins Frau voll Entsetzen nach Hause und rief: "Mann, wie kommst du in diese Verfassung?" Nasreddin erwiderte: "Mach, daß du fortkommst, und gib dem Esel Futter! So weit kommt man mit der Hartnäckigkeit."

Der Hase im Sack

Nasreddin fing eines Tages einen Hasen, ohne zu wissen, was für ein Tier das sei. Bei sich selbst sprach er: "Ich will dieses kostbare Ding den Bürgern zeigen." So steckte er den Hasen in einen Sack, band diesen zu und brachte ihn nach Hause.
"Ich habe heute auf der Jagd ein merkwürdiges Geschöpf erwischt," sagte er zu seiner Frau. "Es steckt in diesem Sacke. Hüte dich, ihn zu öffnen. Ich will gehen und die Bürger herbeirufen, damit sie das Ding sehen. Vielleicht wisen sie, was es ist." Mit diesen Worten ging er hinaus.
Die Frau war neugierig, öffnete den Sack, und mit einigen großen Sätzen war der Hase entsprungen. In ihrer Not steckte die Frau ein Getreidemaß von zehn Liter Inhalt in den Sack, band ihn wieder zu und ließ ihn stehen.
Nasreddin lud den Richter der Stadt, den Bürgermeister und alle Großen des Ortes ein, das Wunder im Sacke zu sehen. Sie kamen auch alle herbei und setzten sich nieder. Nun nahm Nasreddin den Sack in die Mitte, und mit den Worten: "Daß es ja nicht entkommt!" ließ er alle die Hände hochheben.
Als er nun den Sack geöffnet und geschüttet hatte, das fiel das Getreidemaß heraus. Nasreddin wußte vor Staunen und Schrecken nicht, was er sagen sollte, die versammelten Leute aber sagten: "Davon gehen zehn auf ein Hektoliter!"

Der betrogene Meister

Nasreddin Hodscha war bei einem Schneider beschäftigt. Eines Tages holte der Meister eine Schüssel mit Honig und einen kleinen Laib Brot als Mahlzeit in die Werkstatt. Nun mußte aber der Meister gerade einen eiligen Geschäftsgang besorgen und sagte zu Nasreddin: "Höre, mein Sohn, ich muß jetzt einmal in die Stadt gehen. In dieser Schüssel ist Gift. Iß ja nicht davon, sonst mußt du sterben!" Mit diesen Worten ging der Meister fort. Kaum aber hatte er die Straße erreicht, so machte sich Nasreddin wohlgemut über die Schüssel samt dem Brote her und ließ auch nicht die Probe davon zurück.
Als nun der Meister zurückkam und nach dem Honig und dem Brote fragte, sagte Nasreddin: "Das Brot hat ein Hund weggeschnappt, und ich habe mich gefürchtet. Um wenigstens dem Schelten meines Meisters zu entgehen, habe ich den Honig gegessen. Aber ich habe noch nicht sterben können."

Ein großes Abenteuer

Eines Tages saß Nasreddin mit seinen Freunden in froher Laune am Tisch, und jeder erzählte ein selbsterlebtes Abenteuer. Nasreddin wurde gebeten, auch ein solches zum besten zu geben. Da begann er: "Wir wurden eines Tages mit dem Schiffe von einem Sturm überrascht. Das Schiff ging unter. Weder Menschen, noch Waren, noch eine Planke wurden gerettet. Das ist das größte Abenteuer, das ich je bestanden habe." Gefragt, wie er selbst gerettet worden sei, sagte er: "Ich war nicht auf dem Schiffe. Dadurch bin ich gerettet worden."

Das bedrohte Ellenmaß

Nasreddin wurde einstmals von seiner Frau um eine Elle Futterstoff gebeten. "Wie soll ich wiseen, wieviel eine Elle ist?" gab er zur Antwort. "Ich habe keine Elle."
Die Frau entgegnete: "Strecke einen Arm aus!" Nasreddin streckte den Arm aus. "Siehe", fuhr die Frau fort, "das ist genau eine Elle; danach nimm das Maß!"
Mit diesen Worten schickte sie ihn in die Stadt. Tief in Gedanken, daß er nur sein Ellenmaß nicht verlieren möchte, schritt Nasreddin vorwärts, die Arme stets gestreckt gehalten. Darüber fiel er plötzlich in einen Brunnen. Leute, die das gesehen hatten, kamen an den Rand des Brunnen und sprachen: "Heda! Strecke deine Hand aus! Wir wollen sie fassen und dich herausziehen."
Nasreddin aber antwortete: "Wenn ich meine Hand noch weiter ausstrecke, so verderbe ich das Ellenmaß. Packt mich lieber am Bart und zieht mich heraus!"

Quelle: Goldener Humor, Verlag Levy & Müller, 1921, von rado jadu 2000

 

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