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Sudan
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Die den Krokodilfluß
nördlich überschreitenden Ausläufer der großen
Dinkasteppe erfuhren längs des Wasserlaufes durch hohe Galeriewälder,
durch weite, in Sumpf und Moor stehende Ambatschforste mannigfaltige
Unterbrechung. Nun dort, wo der Krokodilfluß dem See entspringt,
um in vielfach gekrümmten Lauf auf der Höhe der Teufelsinsel
in den Weißen Nil zu münden, reichte die lichte Baum - und
Grassteppe bis unmittelbar an das Wasser heran, eingesäumt auf
zwei Seiten von himmelhoch anstrebenden Bambussiedlung. Dann machten
sich einige eilfertig auf den Weg, das flußabwärts liegende
Schillukdorf aufzusuchen, um den Ortsältesten die Ankunft des Schillukfürsten
zu verkünden. Ein Schwarm Nashornvögel zog westwärts hoch in den Lüften seine schwerfälligen Kreise. Plötzlich schwirrten die Hornraben unruhig und krächzend durcheinander. Sogleich wußten die Wächter, daß irgend etwas Ungewöhnliches im Anzuge war. Sie verdoppelten ihre Aufmerksamkeit, duckten sich, schoben den Körper lauschend vor und öffneten den Mund, bereit, augenblicklich den schrillen Warnruf auszustoßen. Das Ohr des westlich stehenden Wächters vernahm das Geräusch schreitender Füße, unterschied deutlich das Klappern harter Ledersandalen auf dem trockenen, rissigen Boden. Sein scharfes Auge erspähte zwischen den übermannshohen Grashalmen hellfarbene, bunte Gewänder. Ein befriedigtes Lächeln flog über das dunkle Gesicht des Kriegers; er stieß kurz und scharf ein "Lo!" durch die Zähne und zeigte, sich voll aufrichtend, den Ankommenden seine schlanke Gestalt. Pat begrüßte
den Schilluk durch ein freundliches Brummen, der Bei und Wandervogel
schüttelten ihm die Hand. Zudem hatte sich die
Spur der verfolgten geteilt; die Fährte des einen Trupps führte
zum See "Keule des Titu-Tim"; Luwegu, der Stumme, hatte mit
seinem unfehlbaren Spürsinn sogleich festgestellt, daß Aichas
kleine Fußspur nebst der Fährte des Flinken Strauß
sich bei jenem Trupp befand, der westwärts des Sees ins Dinkaland
führte. "Geht!
Geht!" schrie Matibo aufgeregt und wies mit dem arm zum Waldrand
hin, wo an erhöhter Stelle das Gelände auf eine kurze Strecke
zu übersehen war. "Dort läuft der Halunke!" wetterte
Pat. Der Bei riß, ohne Zeit zu verlieren, die Pistolen aus demWams
und schoß mehrmals. Die Schilluks hatten
nicht so Unrecht; nur taten die Pistolen nicht auch die gleiche Wirkung.
Die Entfernung war zu groß: die Schüsse waren fehl gegangen. "Nun
wird mir alles klar," rief Pat erbost: "Seine angebliche große
Körperschwäche, die sich wunderbarerweise so schnell behob,
und der hartnäckig zur Ausführung gebrachte Plan, uns zum
Nordende der Bucht zu locken, wo er seine Stammesgenossen auf der Lauer
wußte. Was bin ich für ein Esel, daß ich nicht hinter
diese Schliche gekommen bin!" "Die
Nacht bricht schnell herein. Ruht euch aus, bis morgen der Tag graut,
dann setzt mit frischer Kraft hinter ihm her", riet Mena. Nichts würde Pat
und seine Freunde von der sofortigen Teilnahme an der Verfolgung abgehalten
haben, wenn der Tag sich nicht bereits gewaltig dem Abend zugeneigt
hätte. Da die afrikanische Dämmerung sehr kurz ist, war mit
einem baldigen Hereinbrechen der Nacht zu rechnen. Und selbst Pat mit
seiner schier unheilbaren Abneigung gegen die Schwarzen mußte
zugeben, daß eine Verfolgung unter diesen Umständen überhaupt
nur Aussicht auf Erfolg hatte, wenn sie von eingeborenen ausgeführt
wurde, deren Spür - und Orientierungssinn ans Wunderbare grenzte. Flußabwärts
teilte eine lange Weiberkarawane den Graswald. Fein gestampftes Durrhamehl
in Körben und geflochtenen breiten Schalen, goldgelbe Bananentrauben,
Kürbisse und Maniokknollen trugen die Frauen auf den Wollköpfen
herbei. Voran schritt Bimbila, ein schöngebauter, bis auf einen
winzigen Lendenschurz, völlig nackter Schilluk, der Schulze des
Dorfes flußabwärts. Das Geschnatter
der sich eifrig mit den Kriegern unterhaltenden Weiber wurde durch lauten,
eintönigen Männergesang unterbrochen. Zahlreiche Schwarze
stampften den Graswald nieder, eine breite Straße entstand, und
auf dieser schwankte - die staunenden Weißen täuschten sich
nicht - ein fix und fertiges Haus heran: aus Bambus fest gefügt,
mit Durrhastroh gedeckt und in der üblichen Weise mit einem niedrigen
Eingang versehen. Als der
Mond auf seiner Bahn den hohen Galeriewald überklettert hatte,
beschien er ein friedliches afrikanisches Dorfbild: eifrig schmatzende,
lachende, sich harmlos des Lebens und der Ruhe freuende friedliche Eingeborene.
Vom Lichtschein angelockt, schlich mit gesträubtem Rückenfell
eine gefleckte Zibetkatze heran und starrte so lange mit verglasten
Augen in die Flammen, bis sie von den Kriegern durch Stein - und Stockwürfe
verjagt wurde. Draußen auf dem See platzten mit eigentümlichen leisen Geräusch die Kelchhüllen des aufblühenden Lotos und betupften die Nacht, die geisterhaft auf der großen weiten Wasserfläche lag, mit prächtigen, handgroßen, milchweißen Blumenkronen. Im Lager schrie plötzlich ein Mann auf; ein Skorpion hatte ihn ins Bein gestochen. Die Afrikaner haben unempfindliche Nerven, aber dieser Schmerz rast auch bei ihnen wie Feuer durch den Körper. Der Mann sprang auf und tanzte wie besessen auf dem gesunden Bein. Indes entdeckte der schnell herbeigerufene Kahu den Übeltäter im Sand, packte ihn mit zwei Stäbchen und zerquetschte den schwarzen Spinnenleib auf der Stichstelle. Damit wurden nach der Meinung der Schilluks die Schmerzen behoben. Wirklich beruhigte sich der Betroffene schnell, hinkte nur noch ein wenig umher und ließ sich dann, den Vorfall vergessend als wäre nichts geschehen, erneut im Kreise seiner Freunde nieder. Wandervogel hatte die wunderliche Behandlung durch den Medizinmann mitangesehen; unwillkürlich erinnerte sie an den Amulettendoktor vom Brunnen Sun Sim, der ja auch Skorpionstiche auf merkwürdige Weise heilte. Mena saß vor seiner Hütte auf einer schönen, aus Palmblattstreifen von Bimbilas Dorffrauen geflochtenen Matte und kostete aus einer Kürbiskelle von dem gestifteten Durrhabier des eifrigen und unerschöpflichen Gastgebers. "Verteile es an die Krieger", sagte Mena, "sie werden sich freuen. Kahu und
die Weißen saßen am Häuptlingsfeuer, das steil empor
loderte und mit spitzen Flammenzungen nach den blutgierigen Moskitos
leckte, die in singenden, summenden Schwärmen vom Flusse kamen. Indes die
Weißen mit neugierigen Blicken dem Beginnen des Alten folgten
und Pat hierbei ein bedenkliches Kopfschütteln nicht unterdrücken
konnte, während sie aus den Pfeifen Bimbilas Tabak rauchten, versammelten
sich sämtliche Schwarze im Kreise um das Häuptlingsfeuer und
warteten gespannt auf den Verlauf des Zauberspiels. Diese machte
einige verzweifelte Versuchte, die Feder aus dem Schnabel zu schütteln,
bekam Zuckungen, sank zu Boden und verendete im Augenblick. "Kein
Wunder", brummte Pat, "ich kenne dieses rote Gift; es ist
von einer fürchterlichen Wirkung, die kein Elefant, geschweige
ein armseliges Huhn übersteht." Während noch bedrückendes Schweigen auf allen lastete, sprang Wandervogel auf und verkündete mit heller Stimme: "Kahu hat sich geirrt! Nie und nimmer war es richtig, das Bänge so zu fragen, wie er es getan hat." "Wie
meinst du das, Schnelle Büchse?" fragte Mena mit neu keimender
Hoffnung. "Gibt
dem nächsten Huhn von dem Gift oder gleich allen beiden, die noch
da sind. Bleiben sie am Leben, dann siegt Dinkalist, verenden sie, wie
das erste, so siegen wir im offenen Kampf!" Wandervogel
taten die noch zu opfernden beiden Hühner leid. Sie konnten die
Wirkung des Giftes ebensowenig überstehen wie das erste Huhn. Aber
um der guten Sache, um Aischas willen, mußten sie ihr Leben lassen. Kahu trat, ehe er sich selber in seine Hütte zurückzog, an Wandervogel heran, legte die Stirn nachdenklich in Falten, schaute den jungen Weißen dabei freundlich an und sagte: "Du bist sehr klug; ich erkenne es an. Schade, daß du ein weißes Gesicht hast. Dies ist kein Vorwurf gegen dich und deine Freunde. Aber ich habe ein langes Leben hinter mir, ich weiß es: Wohin die Weißen kommen, dort gehen die Dunkelhäutigen zugrunde. Der Schatten des weißen Mannes ist der Tod des Schwarzen. Wärst du ein Schilluk, du müßtest zusammen mit unserem Häuptling über den Stamm regieren. Es würde zu unser aller Vorteil sein." Als Wandervogel
nicht antwortete, sondern nur leise lächelte, fuhr der Alte eifrig
fort: "Dann müßtest du dir eine Frau nehmen, Aischa
etwa, wenn sie erwachsen ist. Ein Mann ohne Frau und ohne Kinder ist
wie ein Dornbaum ohne Früchte." Der Alte
schüttelte mißbilligend den Kopf. "Es ist nicht gut,
allein zu sein, weißer Mann; der Mensch ist Medizin dem Menschen." Quelle: Wild-Süd, Abenteuer fahrender Gesellen von Josef Viera, 06.10.1926 Ensslin & Laiblin, Jadu 2000
Religiöse Konflikte sind nur scheinbare Gründe für den
Bürgerkrieg, vielmehr stehen machtpolitsche und wirtschaftliche Interessen
im Vordergrund.
Die Bodenschätze sowie das weitaus fruchtbarere Ackerland
liegen überwiegend im Süden des Sudans.
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