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Meister Nasreddin

Heute muß ich Ihnen einmal meinen guten Freund Nasreddin Hodscha vorstellen. Ebenso wie mein Namensvetter Till Eulenspiegel weilt Nasreddin schon lange im Narrenhimmel. Der alte Till lebte ja, so weit man weiß, im 14. Jahrhundert, und Nasreddin soll noch ein Jahrhundert früher sein Wesen getrieben haben. Es sind zahlreiche Geschichten darüber überliefert, wie er sich über die Torheiten der lieben Mitmenschen lustig macht...

Eines Tages kam Nasreddin Hodscha an einem Haus vorbei, in dem Hochzeit gefeiert wurde, und wollte gerne auch an der Festtafel Platz nehmen. Aber da seine Kleidung alt und unscheinbar war, nahm niemand von ihm Notiz, und man ließ ihn einfach stehen. Nasreddin ging nach Hause, zog seinen schönsten Pelz an und kehrte ins Hochzeitshaus zurück. Diesmal wurde er sogleich ehrerbietig begrüßt und erhielt einen Platz am Kopf der Tafel. Als das Essen gereicht wurde, aß der Hodscha nichts, sondern bot die Speisen seinem Pelz an und sagte: „Iß, mein Pelz, iß!" Das verwunderte die ändern Gäste und sie fragten: „Hodscha, warum ißt du nicht, sondern bietest die Speisen deinem toten Pelz an?" Da erzählte er, wie es ihm bei seinem ersten Kommen ergangen war, und sagte: „Die ganze Aufmerksamkeit gilt dem Pelz, also soll er auch essen!"

Nasreddin lebte in dem Städtchen Aksehir in Anatolien. Heute kennt man ihn aber nicht nur in der ganzen Türkei, sondern weit darüber hinaus. Vom Balkan bis zum Persischen Golf, von Nordafrika bis nach Zentralasien lacht man über seine Späße, und besonders die Kinder lieben ihn. Selbst recht unangenehme Szenen werden bei Nasreddin von der heiteren Seite gesehen...

Nasreddin Hodscha hatte manchmal lauten Streit mit seiner Ehefrau. Eines Tages fragten ihn die Nachbarn nach einer besonders heftigen Auseinandersetzung besorgt: „Wir haben in deinem Haus großen Lärm gehört, was war denn los?" Der Hodscha antwortete: „Meine Frau hat den Mantel genommen, und er fiel die Treppe herunter." Die Nachbarn erwiderten erstaunt: „Aber ein Mantel ist doch aus Stoff, der kann doch keinen solchen Lärm machen!" Der Hodscha antwortete:, „Nun ja, ich steckte noch im Mantel drin!"

Nasreddins Kennzeichen sind der große Turban, der lange weiße Bart und das treue Eselchen, auf dem er durch Stadt und Land reitet. Unterwegs macht er sich dann auch durchaus philosophische Gedanken...

Im Sommer legte sich Nasreddin Hodscha einmal zur Rast in den Schatten eines Walnußbaumes. Ganz in der Nahe sah er ein Feld voller reifer Wassermelonen.. Er kam ins Grübeln und sagte zu sich: „Wie eigenartig ist doch Gott, daß er die großen Wassermelonen an einem kleinen Stengel wachsen läßt, während die kleinen Walnüsse an einem riesiggroßen Baum wachsen." In dem Augenblick fiel eine Walnuß vom Baum und traf ihn am Kopf. Er rieb sich den Schädel und sagte: „Gott weiß es doch am besten, warum die Wassermelonen nicht auf Bäumen wachsen."

Der Name Nasr Ed Din bedeutet „Sieg des Glaubens". Der Beiname „Hodscha" ist ein Ehrentitel für Gelehrte und bedeutet „Lehrer' oder „Meister". So handeln denn rächt wenige Hodscha-Geschichten vom Lernen und von der Religion...

Nasreddin Hodscha hatte ein wichtiges Geschäft in der Hauptstadt und wollte unbedingt, daß es ein Erfolg wird. Ein Freund riet ihm, zur größten und berühmtesten Moschee der Stadt zu gehen: „Wenn du dort 40 Tage hintereinander jeden Morgen für dein Anliegen betest, wird dein Gebet erhört werden." Nasreddin hielt sich genau an die Anweisung, aber sein Gebet wurde nicht erhört. Da ging er in eine benachbarte, viel kleinere Moschee und betete dort. Noch am gleichen Tag konnte er das Geschäft höchst erfolgreich abschließen. Da ging er zurück zur Hauptmoschee und rief laut aus: „Du solltest dich schämen, du riesengroße und prächtige Moschee. Deine einfache kleine Nachbarmoschee hat etwas vollbracht, was dir nicht gelungen ist!"

Und als großer Gelehrter wird Nasreddin Hodscha häufig als Experte herangezogen, wenn es um knifflige Fragen des Glaubens und Rituals geht...

Eines Tages geriet eine Gruppe von Religionsgelehrten in Streit über die Frage, ob man bei einer Bestattung besser an der rechten oder an der linken Seite des Sarges gehen sollte. Die einen hatten wortreiche Argumente für die linke, die anderen wiederum für die rechte Seite, und weil man sich nicht einigen konnte, fragten sie Nasreddin Hodscha nach seiner Meinung. Er zögerte nicht lange und erwiderte gutgelaunt: „Es kommt nicht darauf an, ob du an der rechten oder der linken Seite bist, solange du nicht dazwischen bist!"

Sicherlich hätte Nasreddin Hodscha auch über unsere heutige Zeit viel zu sagen... Herzliche Grüße an ihn im Narrenhimmel und an alle, die den Humor nicht verloren haben, von

Ihrem Eulenspiegel


Quelle: Solidarität 2002, von bjfe jadu 2002


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