- Zurück zu den Kids International -

Die Sage von den sieben Schläfern

In den Bergen Bron ( Türkei ) drüben liegt die "Höhle der sieben Schläfer". Es waren einmal sieben junge Männer, die wohnten vor etwa fünfzehnhundert Jahren in Ephesus nahe bei einander, und sie gehörten der verachteten Christensekte an. Es geschah, daß der gute König Maximilianus sich daran begab, die Christen zu verfolgen, und im Laufe der Zeit machte er ihnen die Hölle heiß. Also sagten die sieben jungen Männer zueinander: "Laßt uns auf Reisen gehen." Und sie brachen auf und gingen auf Reisen.

Sie hielten sich nicht damit auf, ihren Vätern und Müttern oder irgendeinem ihrer Freunde Lebewohl zu sagen. Sie nahmen nur gewisse Gelder mit, die ihre Eltern besaßen, und Kleider, die ihren Freunden gehörten, damit sie in der Ferne an diese erinnert würden, und sie nahmen auch den Hund Ketmehr mit, der das Eigentum ihres Nachbarn Malchus war, weil das Tier mit dem Kopf in einer Schlinge rannte, die einer der jungen Leute unvorsichtig in der Hand trug, und sie keine Zeit hatten, es wieder herauszulassen, und sie nahmen auch gewisse Hühner mit, die sich in den benachbarten Ställen einsam zu fühlen schienen, und gleichermaßen einige Flaschen mit merkwürdigen Getränken, die dicht am Fenster des Krämers standen, und dann verließen sie die Stadt.

Bald gelangten sie zu einer wunderbaren Höhle im Berge Bron und gingen hinein und taten sich gütlich, und gleich eilten sie wieder weiter. Aber sie vergaßen die Flaschen mit den merkwürdigen Getränken und ließen sie zurück. Sie zogen durch viele Länder und erlebten viele seltsame Abenteuer. Es waren tugendhafte junge Leute, die keine ihnen über den Weg laufende Gelegenheit versäumten, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Ihr Motto lag in folgenden Worten: " Zaudern ist der Dieb der Zeit." Und wenn sie also auf einen Mann stießen, der allein war, so sagten sie: "Siehe, dieser Mensch hat das Zeug dazu - wir wollen ihn uns vorknöpfen", und sie knöpften ihn sich vor. Nach Ablauf von fünf Jahren waren sie der Reisen und Abenteuer müde geworden und sehnten sich danach, in ihre alte Heimat zurückzukehren und die Stimmen zu hören und die Gesichter wiederzusehen, die ihnen in der Jugend lieb gewesen waren.

Deswegen knöpften sie sich die Leute vor, die ihnen dort über den Weg liefen, wo sie sich zu der Zeit gerade aufhielten, und reisten wieder zurück nach Ephesus. Denn der gute König Maximilianus war zu dem neuen Glauben bekehrt worden, und die Christen frohlockten, weil sie nicht mehr verfolgt wurden. Eines Tages, als die Sonne unterging, gelangten sie an die Höhle im Berge Bron und sprachen zueinander: "Lasset uns hier schlafen, und wenn der Morgen kommt, wollen wir hingehen und mit unseren Freunden feiern und fröhlich sein." Und jeder der Sieben erhob die Stimme und sagte: "Ist gemacht". Also gingen sie hinein, und siehe, wo sie die Flaschen mit den merkwürdigen Getränken hingelegt hatten, da lagen sie, und die Wanderer meinten, daß die lange Zeit ihre Vortrefflichkeit nicht beeinträchtigt habe. Darin hatten sie recht, es waren verständige Leute. Also trank jeder der jungen Männer sechs Flaschen aus, und siehe, sie fühlten sich danach sehr müde und legten sich nieder und schliefen fest.

Als sie erwachten, sagte einer von ihnen, Johannes, mit Familiennamen Schmidtianus:"Wir sind nackt", und es war so. Ihre Kleidung war gänzlich dahin, und das Geld, das sie von einem Fremden bekommen hatte, den sie sich vorgeknöpft hatten, als sie in die Nähe der Stadt kamen, lag auf dem Boden, zerfressen und verrostet und die Prägung verwischt. Auch der Hund Ketmehr war weg, und nichts war von ihm geblieben als das Stück Messing, das sich auf seinem Halsband befunden hatte. Sie verwunderten sich sehr darüber. Aber sie nahmen das Geld und bedeckten ihre Leiber mit einigen Blätter und begaben sich auf die Spitze des Berges. Da waren sie verblüfft. Der wundervolle Dianatempel war verschwunden; viele große Gebäude, die sie nie zuvor gesehen hatten, standen in der Stadt; Menschen in seltsamen Gewändern gingen durch die Straßen, und alles war verändert.

Johannes sagte: " Es sieht kaum wie Ephesus aus. Doch hier ist das große Gymnasium, hier ist das mächtige Theater, in dem ich siebzigtausend Menschen versammelt gesehen habe, hier ist die Agora, dort ist der Brunnen, in dem der heilige Johannes der Täufer die bekehrten untertauchte, dort drüben ist das Gefängnis des guten Apostel Paulus, wo wir alle immer hingegangen sind, um die alten Ketten zu berühren, die ihn banden, und dadurch von unseren Krankheiten geheilt zu werden; ich sehe das Grab des Jüngers Lukas, und weit drüben ist die Kirche, in der die Asche des heiligen Johannes ruht, wo die Christen von Ephesus zweimal im Jahre hinziehen, um den Staub vom Grab zu sammeln, der die Fähigkeit hat, die von Krankheit zerfressenen Leiber wieder zu heilen und die Seele von der Sünde zu reinigen; aber seht, wie die Molen in das Meer hinausragen und welche Unzahl von Schiffen in der Bucht ankert; seht auch, wie die Stadt sich ausgebreitet hat, weit über das Tal hinter dem Bron hinaus und sogar bis an die Mauern von Ajasoluk heran; und seht, alle Berge sind von Palästen weiß und von Marmorkolonnaden gerippt. Wie mächtig ist Ephesus geworden!"

Und voll Verwunderung darüber, was ihre Augen gesehen hatten, gingen sie hinunter in die Stadt und kauften sich Gewänder und bekleideten sich. Aber als sie weitergehen wollten, biß der Händler mit den Zähnen auf die Münzen, die sie ihm gegeben hatten, und wendete sie um und um und betrachtete sie neugierig und warf sie auf den Ladentisch und horchte, ob sie klängen; und dann sagte er: "Die sind falsch". Und sie sagten: "Geh zum Hades!" und zogen ihres Weges. Als sie an ihre Häuser kamen, erkannten sie diese wieder, obwohl sie alt und schäbig aussahen; und freuten sich und waren glücklich. Sie liefen an die Türen und klopften, und Fremde öffneten und blickten sie fragend an. Und sie sagten mit großer Erregung. Während ihre Herzen heftig pochten und die Farbe aus ihren Gesichtern wich und wiederkam: "Wo ist mein Vater? Wo ist meine Mutter? Wo sind Dionysius und Serapion und Perikles und Decius?" Und die Fremden, die geöffnet hatten, sagten: "Wir kennen diese nicht". Die Sieben sagten:" Wie, ihr kennt sie nicht? Wie lange wohnt ihr hier, und wohin sind die gezogen, die vor euch hier gewohnt haben?" Und die Fremden sagten:"Ihr macht euch einen Spaß mit uns, junge Leute; wir und unsere Väter wohnen seit sechs Generationen unter diesen Dächern; die Namen, die ihr nennt, vermodern auf den Gräbern, und die, die sie trugen, haben ihren kurzen Lauf vollendet, haben gelacht und gesungen, haben die Mühsal und die Erschöpfung ertragen, die ihnen zugeteilt waren, und ruhen nun; hundertachtzig Jahre lang sind die Sommer gekommen und gegangen und sind die Herbstblätter gefallen, seit die Rosen auf ihren Wangen verblaßten und man sie zu den Toten schlafen legte."

Da wandten sich die sieben jungen Leute von ihren Heimen ab, und die Fremden schlossen die Türen hinter ihnen. Die Wanderer waren sehr verwundert und blickten allen, denen sie begegneten, ins Angesicht, als hofften sie einen zu treffen, den sie kannten; aber alle waren fremd und gingen an ihnen vorüber und sprachen kein freundliches Wort. Sie waren arg bekümmert und traurig. Dann sprachen sie einen Bürger an und sagten: "Wer ist König in Ephesus?" Und der Bürger antwortete und sagte:"Woher kommt ihr, daß ihr nicht wißt, daß der große Laertius in Ephesus herrscht?" Sie schauten einander verblüfft an und fragten wieder:"Wo ist dann der gute König Maximilianus?" Der Bürger wich zurück, wie einer, der sich fürchtet, und sagte:"Wahrlich, diese Männer sind verrückt und träumen Träume, sonst würden sie wissen, daß der König, von dem sie sprechen, seit über zweihundert Jahren tot ist."

Da fiel es den sieben wie Schuppen von den Augen, und einer sagte:"Weh, daß wir tranken von den seltsamen Getränken! Sie haben uns müde gemacht, und wir haben diese zwei langen Jahrhunderte in traumlosen Schlaf gelegen. Unsere Heime sind verlassen, und unsere Freunde sind tot. Seht, der Tanz ist aus - lasset uns sterben." Und am selben Tage gingen sie hin und legten sich nieder und starben. Und an diesem selben Tage hörte das "Sieben-oben" - Spiel in Ephesus auf, denn die Sieben, die oben gewesen waren, waren wieder unten und verstorben und tot obendrein. Und die Namen, die bis zum heutigen Tage auf ihren Gräbern stehen lauten: Johannes Schmidtianus, Trumpf, Stich, Ober, Unter, As und Mein Spiel. Und bei den Schläfern liegen auch die Flaschen, in denen sich einst die seltsamen Getränke befanden; und auf ihnen stehen in altertümlichen Lettern solche Worte geschrieben - die Namen alter heidnischer Götter vermutlich: Rumpunsch, Eisgin, Eipunsch.

So lautet die Geschichte von den sieben Schläfern ( mit geringen Abwandlungen); und ich weiß, daß sie wahr ist, denn ich habe selbst die Höhle gesehen.

Wahrlich, die Alten hegten einen so festen Glauben an diese Sage, daß noch vor acht - oder neunhundert Jahren gebildete Reisende eine abergläubische furcht vor der Höhle hatten. Zwei von ihnen berichten, daß sie sich hineingewagt hätten, aber schnell wieder hinausgelaufen seien, denn sie hätten nicht gewagt, drinnen zu verweilen, um nicht in Schlaf zu verfallen und ihre Ururenkel um ein Jahrhundert oder so zu überlegen. Sogar heute noch ziehen es die unwissenden Bewohner des umliegenden Gebietes vor, nicht in der Höhle zu schlafen.

Quelle: Mark Twain, Die Arglosen im Ausland, Aufbau Verlag 1984 copyright by Jadu, 2000.

 



Zurück zu den Kids International


© Copyright 2000 by JADU

www.jadukids.de

 

Webmaster