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Graf Haimon hatte ein Zauberroß.
Das hieß Bayard. Es war so schnell wie der Sturmwind und so gescheit
wie ein Mensch. Haimon brauchte ihm bloß die Hand ans Ohr zu legen
und leise einen Namen zu sagen. Dann trug ihn der Rappe über Berg
und Baum, über Wasser und Wald. Wenn die Feinde gar nicht an Haimon
dachten, schwuppdiwupp - war er mitten unter ihnen. Und dann regnete
es Schwertschläge. Aber am anderen Morgen war der
Rappe nicht mehr da. Die Knechte suchten alles ab, den Stall, den Hof
und die Weide. Doch es half nichts. Bayard blieb verschwunden. - In der Burg konnte man es ja ganz gut aushalten. Die Mauern waren zwei Meter dick und turmhoch und ließen niemand herein. Aber der Hunger kam dahergeschlichen. Das Essen wurde immer weniger. Schon vor langer Zeit, an Kirchweih, hatte man das letzte Schwein geschlachtet. Die Brotlaibe wurden jeden Tag kleiner und schlechter. Und in den Weinfässern im Keller war nur mehr Luft. Was sollte das noch werden? Soldaten die nichts zu essen haben, können doch auch nicht kämpfen. Graf Haimon dachte Tag und Nacht darüber nach. Aber es fiel ihm nichts ein. Ja, wenn er seinen Bayard gehabt hätte! Da würde er es den Feinden zeigen! Heißa, hopp! Mit einem Satz über die Mauer und drauf los! Tausend Mann würde er beim ersten Anrennen über den Haufen reiten! Wie er da so ganz traurig im Burghof saß, stand auf einmal ein dürres Männlein vor ihm. Es hatte ein gelbes Gesicht und einen armlangen Spitzbart. Der dürre Geselle sagte: " Warum bist du so traurig, Vetter Haimon? Du schaust ja drein wie drei Tage Regenwetter!" - "Ach, du bist es, Vetter Malagis", sagte Haimon, " soll ich vielleicht nicht traurig sein? Der Bayard ist seit einem Jahr fort und wir finden ihn nirgends". - "Das glaube ich wohl", meinte Malagis, "den hat der Teufel gestohlen und mit Ketten in die Hölle gesperrt". - "Dann kriege ich mein gutes, treues Roß nimmer", sprach darauf Haimon traurig. "Höre, Vetter", sagt Malagis
sodann, "du tust mir von Herzen leid. Du hast mir schon oft aus
der Not geholfen. Ich will dir auch helfen. Der Teufel ist ein großer
Spitzbub. Aber ich bin auch nicht dumm. Ich bringe dir den Bayard und
wenn ich mit allen Teufeln raufen muß". Flink kletterte Malagis an der Außenseite der Burgmauer hinunter. Dann spazierte er ruhig durch die Reihen der Soldaten, so ruhig und langsam, wie der Gockel über den Hof stelzt. Er ging weiter und weiter, immer geradeaus. Endlich kam er an einen riesigen Berg. Der rauchte auf dem Gipfel und spie Feuer und Rauch heraus, was er nur konnte. Malagis stieg zum Gipfel hinauf. Wo der Rauch am dicksten war, hockte Luzifer. Er schaute fuchsteufelswild drein. Malagis verneigte sich bis zum Boden und sprach: "Hoher Herr, Ich heiße Malagis. Bin der beste Zauberer auf der ganzen Welt. Ich kann dir viele Menschen für die Hölle einfangen. Willst du mich nicht in deine Dienste nehmen?" Der Teufel hustete und meckerte. Dann sagte er: "Euch Zauberern darf man nicht recht trauen. Doch du gefällst mir gut. Ich will dich zuerst auf Probe anstellen! Willst du?" - "Ja", antwortete Malagis. Der Teufel hustete noch einmal, dann sagte er. "Höre! Ich habe mir einen Rappen gestohlen. Der ist schneller als der Sturmwind. Aber dieses Teufelsroß läßt sich nicht aufsitzen. Wirft mich jedesmal herunter. Nun habe ich ihm in der Hölle einen Stall gebaut. Und durch den Stall zieht der ganze Rauch der Hölle hindurch und dem Rappen an der Nase vorbei. Ich glaube, daß ihm das doch einmal zu dumm wird und daß er dann zahm wird. Nun sitze ich schon ein ganzes Jahr an diesem Platz und halte Wache. Gern möchte ich wieder einmal ein wenig schlafen. Du kannst dann für mich wachen". "Das tue ich gern", sagte Malagis. "Doch ich bin schon alt und sehe nicht mehr recht. Da kann ich auf dein Pferd nur dann gut aufpassen, wenn ich nahe bei ihm bin". "Ist recht", sagte der Teufel. "Los! Steigen wir in die Hölle hinab!" Aber Malagis sprach. "Halt! halt! Du mußt erst deinen Teufeln befehlen, daß sie sofort das Feuer auslöschen!" Gleich brüllt der Teufel in das Höllenloch hinein. "Ihr Teufel, löscht das Feuer aus!" Die Teufel taten, wie ihr Meister befohlen hatte.
Es dauerte aber eine ganze Stunde, bis der Rauch sich verzogen hatte
und der Boden kalt wurde. Dann stieg Luzifer mit Malagis in die Tiefe.
Wie sie unten waren, legte sich der Teufel nieder. Schnell griff Malagis
in die rechte Rocktasche, nahm eine Handvoll Schlafpulver und streute
es in die Luft. Sofort fing Luzifer zu Schnarchen an, daß der
ganze Berg wackelte. Als sie oben waren, kletterte Malagis auf seinen Rücken und rief: "Auf, zu Haimon!" Da wieherte Bayard vor Freude laut wie eine Trompete. Dann sauste er los. Von dem Wiehern wurde Luzifer aufgewacht. Und als er die beiden dahinrasen sah; sprang er auf eine Wetterwolke und jagte ihnen nach. Er erwischte sie aber nicht. Da packte er einen Felsen und schleuderte ihn nach dem Bayard. Aber Malagis hielt dem Teufel ein Kruzifix entgegen. Da sauste der Felsen auf die Seite und fiel federleicht zu Boden. Luzifer stürzte von der Wolke herab auf die Erde. Dabei brach er sich ein Bein. Seit dieser Zeit hinkt er. Bayard aber fuhr wie der Blitz durch die Luft über sechs Gebirge und sechsundzwanzig Flüsse, mitten in den Burghof. Vor seinem Herrn machte er halt und scharrte mit den Hufen. Graf Haimon tat ein Freudenschrei und umarmte sein Roß. Dann rief er: "Vetter Malagis, ich danke dir tausendmal! Und dir, mein gutes, treues Roß! Nun hat die Not ein Ende! Auf zum Kampf!"
(Quelle: Deutsche Helden aus alten Zeiten. Den Kindern der Grundschule erzählt von Hans Stanglmaier Verlag R. Oldenbourg , München und Berlin, Jadu 2000) |
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