Beowulf und die Moorungeheuer

Ein frohes Fest wurde in der hohen Hirschhalle gefeiert. Die Helden saßen bei Mahl und Met. Der Met war süß und die Trinkhörner gingen von Mund zu Mund und wurden viele Mal geleert. Die Sänger sangen Lieder von Tapferkeit und Treue.
Als die Freude immer größer und der Jubel immer lauter wurde, da führten die Diener acht wunderschöne Schimmel in den Saal. An ihren Sätteln blitzten die Edelsteine.

König Rodger stand vom Hochsitz auf und sprach: "Nimm hin, Held Beowulf, die Rosse und diesen Helm! Kein Schwert kann ihn zerschlagen. Wieland der Schmied, hat ihn mir geschenkt.
Zwölf Winter sind wir traurig gewesen. Zwölf Winter ist kein Tropfen Met mehr getrunken worden in der Hirschhalle immer wieder hat sich nachts der Grendel hereingeschlichen. Dreißig Ritter hat er einmal in einer einzigen Nacht mit sich ins Moor geschleppt. Dort hat er sie alle mit Haut und Haar gefressen. Wir haben mit ihm gekämpft. Aber seine Schuppenhaut ist von Eisen und unsere Schwerter sind in Stücke zersprungen.
Aber dann bist du gekommen, Held Beowulf. Und hast ohne Schwert mit ihm gekämpft. Mit deinen Fäusten hast du ihn gepackt wie der Schraubstock den Nagel. Und als er gesehen hat, daß du stärker bist als er, da hat er Angst wie ein Hase bekommen und hat fortgewollt. Doch du hast ihn nicht losgelassen.
Mit seiner ganzen Kraft hat er angerissen. Aber du hast ihn festgehalten, daß sein Arm aus der Achsel gesprungen ist. Ich höre noch immer den Schrei des Moorungeheuers, so schrecklich, wie noch kein Menschenohr jemals einen Schrei gehört hat. Dann ist der Unhold ins Moor hinausgestürzt.
Meine Ritter, schaut, dort über der Hallentür hängt das Zeichen, das uns der Einarmige als Andenken zurücklassen mußte!"

Die Ritter beschauten, heute vielleicht schon zum hundertsten Mal, den gräßlichen Arm. Die Haare standen weg wie die Stachel des Igels und die Finger trugen Krallen, schlimmer als die des Adlers. Und dann stiegen die Ritter auf die Bänke und riefen : "Held Beowulf, heil, heil, heil!"
Zuletzt kam die Königin und schenkte dem Helden Reifen und Ringe, aus gelbem Gold geschmiedet.

Noch lange dauerte das Fest. Erst nach Mitternacht kehrte der König in seine Burg zurück und nahm den Beowulf mit. Die Diener brachten Decken und Polster in die Halle. Und die Ritter legten sich nieder: den Schild unterm Kopf und an der Seite das Schwert. Aber sie schliefen nicht lange. Denn aus dem Moor schlurfte ein riesenhaftes Weib herein. Schwarz war ihr Gewand, schwarz ihr Gesicht. Die Augen leuchteten wie Feuersglut. Das war die Mutter von Grendel. Die Schläfer ergriffen ihre Schwerter und schlugen auf sie ein. Doch kein Schwert konnte ihr etwas anhaben. Es war, als wäre sie durch Hexerei geschützt. Mit ihren Fangarmen packte sie einen Ritter und schwang ihn herum wie der Fischer den zappelnden Fisch. Dann schritt sie wieder hinaus in die Nacht, woher sie gekommen war. Den Arm von Grendel nahm sie mit.

Von dem Geklirr der Schwerter und dem Geschrei der Kämpfer wurde König Rodger und Beowulf auf der Burg geweckt. Mit großen Schritten liefen sie herbei. Der König war tieftraurig und sprach: "Nun glaubten wir, daß wir Ruhe vor dem Moorunhold hätten. Da kommt schon in der nächsten Nacht der zweite und holt sich meinen liebsten Freund".
Beowulf überlegte keinen Augenblick. Er rief: "Auf, laßt uns dieses Teufelsweib suchen! Ich werde es erschlagen, selbst wenn es auf dem Grund des Moorsees haust".

Als es Tag wurde zogen die Ritter fort. Voran ritt der König mit Beowulf. Sie konnten den Weg nicht verfehlen. Sie brauchten nur den Blutflecken am Boden nachzureiten. Der Weg führte durch den Wald, über Wildwasser, durch Dorn und Dickicht. Endlich lag vor ihnen der schwarze Moorsee.
Auf dem Wasser schwammen gräßliche Nixen und scheußliche Seedrachen. Am Ufer lauerten seltsame Schlangen und unheimliches Gewürm. Als sie die Ritter kommen sahen, plumpsten sie ins Wasser und sperrten weit die Rachen auf. Aber Beowulf sprang, das Schwert in der Faust, furchtlos vom Felsen in den See. Mit kräftigen Stößen schwamm er hinaus, mitten durch die Ungeheuer durch. Die Nixen griffen mit den Armen nach ihm, aber er erschlug sie. Seedrachen wälzten sich über ihn. Sie wollten ihn ersticken. Doch er bohrte ihnen das Schwert in den Bauch.

Auf einmal wurde tief unter ihm der Grund hell. Da muß es sein, dachte Beowulf und tauchte unter. Gleich wurde er von mächtigen Klauen gepackt und in eine glasklare Halle geschleppt. Das Wasser stand wie eine Mauer da. Ein Feuer leuchtete mit hellem Licht. Vor Beowulf stand das Moorweib. Beowulf ließ sein Schwert auf ihren Schädel niedersausen. Doch das Schwert biß nicht hinein. Da warf Beowulf zornig das Schwert weg und packte die Riesin mit den Händen. Er gab ihr einen Stoß, daß sie rücklings zu Boden stürzte.
Aber sie wälzte sich wie eine Schlange und brachte den Helden unter sich. Aus dem Gürtel riß sie ein breites Messer und wollte es ihm in das Herz stoßen. Doch das Messer konnte sein Panzerhemd nicht durchstoßen. Ohne Panzerhemd wäre es mit Beowulf aus gewesen.

Als die Riesin einen Augenblick verschnaufte, sprang Beowulf auf die Füße. An einer Wand der Wasserhalle hing ein Schwert. Es war ein Schwert für Riesen. Kein anderer Mann hätte es schwingen können, so schwer war es. Aber Beowulf ergriff die Waffe und tat einen gewaltigen Schlag. Der Schlag spaltete der Riesin Kopf, Hals und Brust, so wie der Blitz einen Baum auseinanderschneidet. Tot sank sie hin.

Und wie sie umfiel, leuchtete das Feuer hell auf. Da schaute sich Beowulf im Wasserhaus um. Mit dem Schwert in der Hand schritt er an den Wänden dahin. Da fand er auf einem Lager von Schilfrohr den toten Grendel. Er schlug ihm mit dem Riesenschwert den Kopf ab, weil er den Kopf als Siegeszeichen mitnehmen wollte. Aber die Klinge schmolz bis zum Griff in dem giftigen Blute wie ein Schneeball, den man auf die Ofenplatte legt. Der Blutbach schoß aus der Halle in den Moorsee und färbte ihn weithin dunkelrot. Goldene Ringe und Ketten lagen haufenweise umher. Doch Beowulf ließ sie liegen. Er nahm nur den Griff des Riesenschwertes und das blutige Riesenhaupt. Dann tauchte er in die Höhe und ruderte kraftvoll ans Ufer.

Als die Ritter den Blutbach im See sahen, wurden sie traurig. Denn sie glaubten, Beowulf wäre tot. Groß war daher ihre Freude, als sie den Helden auftauchen sahen. Schon krochen die Nebel von den Felsen und legten sich auf den See. Der Abend kam daher. Da erst stieg Beowulf fröhlich ans Land. Und als die Ritter den Kopf Grendels und den Schwertgriff sahen, in den uralte Runen und Zauberzeichen eingegraben waren, da jubelten sie laut: "Heil und Sieg, dem Riesentöter!"

Und das Echo schrie den Ruf zurück: "Heil und Sieg, dem Riesentöter!"

(Quelle: Deutsche Helden aus alten Zeiten. Den Kindern der Grundschule erzählt von Hans Stanglmaier Verlag R. Oldenbourg , München und Berlin, Jadu 2000)

 

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