|
Ein frohes Fest wurde in der
hohen Hirschhalle gefeiert. Die Helden saßen bei Mahl und Met.
Der Met war süß und die Trinkhörner gingen von Mund
zu Mund und wurden viele Mal geleert. Die Sänger sangen Lieder
von Tapferkeit und Treue. König Rodger stand vom
Hochsitz auf und sprach: "Nimm hin, Held Beowulf, die Rosse und
diesen Helm! Kein Schwert kann ihn zerschlagen. Wieland der Schmied,
hat ihn mir geschenkt. Die Ritter beschauten, heute
vielleicht schon zum hundertsten Mal, den gräßlichen Arm.
Die Haare standen weg wie die Stachel des Igels und die Finger trugen
Krallen, schlimmer als die des Adlers. Und dann stiegen die Ritter auf
die Bänke und riefen : "Held Beowulf, heil, heil, heil!" Noch lange dauerte das Fest. Erst nach Mitternacht kehrte der König in seine Burg zurück und nahm den Beowulf mit. Die Diener brachten Decken und Polster in die Halle. Und die Ritter legten sich nieder: den Schild unterm Kopf und an der Seite das Schwert. Aber sie schliefen nicht lange. Denn aus dem Moor schlurfte ein riesenhaftes Weib herein. Schwarz war ihr Gewand, schwarz ihr Gesicht. Die Augen leuchteten wie Feuersglut. Das war die Mutter von Grendel. Die Schläfer ergriffen ihre Schwerter und schlugen auf sie ein. Doch kein Schwert konnte ihr etwas anhaben. Es war, als wäre sie durch Hexerei geschützt. Mit ihren Fangarmen packte sie einen Ritter und schwang ihn herum wie der Fischer den zappelnden Fisch. Dann schritt sie wieder hinaus in die Nacht, woher sie gekommen war. Den Arm von Grendel nahm sie mit. Von dem Geklirr der Schwerter
und dem Geschrei der Kämpfer wurde König Rodger und Beowulf
auf der Burg geweckt. Mit großen Schritten liefen sie herbei.
Der König war tieftraurig und sprach: "Nun glaubten wir, daß
wir Ruhe vor dem Moorunhold hätten. Da kommt schon in der nächsten
Nacht der zweite und holt sich meinen liebsten Freund". Als es Tag wurde zogen die Ritter
fort. Voran ritt der König mit Beowulf. Sie konnten den Weg nicht
verfehlen. Sie brauchten nur den Blutflecken am Boden nachzureiten.
Der Weg führte durch den Wald, über Wildwasser, durch Dorn
und Dickicht. Endlich lag vor ihnen der schwarze Moorsee. Auf einmal wurde tief unter
ihm der Grund hell. Da muß es sein, dachte Beowulf und tauchte
unter. Gleich wurde er von mächtigen Klauen gepackt und in eine
glasklare Halle geschleppt. Das Wasser stand wie eine Mauer da. Ein
Feuer leuchtete mit hellem Licht. Vor Beowulf stand das Moorweib. Beowulf
ließ sein Schwert auf ihren Schädel niedersausen. Doch das
Schwert biß nicht hinein. Da warf Beowulf zornig das Schwert weg
und packte die Riesin mit den Händen. Er gab ihr einen Stoß,
daß sie rücklings zu Boden stürzte. Als die Riesin einen Augenblick verschnaufte, sprang Beowulf auf die Füße. An einer Wand der Wasserhalle hing ein Schwert. Es war ein Schwert für Riesen. Kein anderer Mann hätte es schwingen können, so schwer war es. Aber Beowulf ergriff die Waffe und tat einen gewaltigen Schlag. Der Schlag spaltete der Riesin Kopf, Hals und Brust, so wie der Blitz einen Baum auseinanderschneidet. Tot sank sie hin. Und wie sie umfiel, leuchtete das Feuer hell auf. Da schaute sich Beowulf im Wasserhaus um. Mit dem Schwert in der Hand schritt er an den Wänden dahin. Da fand er auf einem Lager von Schilfrohr den toten Grendel. Er schlug ihm mit dem Riesenschwert den Kopf ab, weil er den Kopf als Siegeszeichen mitnehmen wollte. Aber die Klinge schmolz bis zum Griff in dem giftigen Blute wie ein Schneeball, den man auf die Ofenplatte legt. Der Blutbach schoß aus der Halle in den Moorsee und färbte ihn weithin dunkelrot. Goldene Ringe und Ketten lagen haufenweise umher. Doch Beowulf ließ sie liegen. Er nahm nur den Griff des Riesenschwertes und das blutige Riesenhaupt. Dann tauchte er in die Höhe und ruderte kraftvoll ans Ufer. Als die Ritter den Blutbach im See sahen, wurden sie traurig. Denn sie glaubten, Beowulf wäre tot. Groß war daher ihre Freude, als sie den Helden auftauchen sahen. Schon krochen die Nebel von den Felsen und legten sich auf den See. Der Abend kam daher. Da erst stieg Beowulf fröhlich ans Land. Und als die Ritter den Kopf Grendels und den Schwertgriff sahen, in den uralte Runen und Zauberzeichen eingegraben waren, da jubelten sie laut: "Heil und Sieg, dem Riesentöter!" Und das Echo schrie den Ruf
zurück: "Heil und Sieg, dem Riesentöter!" (Quelle: Deutsche Helden aus alten Zeiten. Den Kindern der Grundschule erzählt von Hans Stanglmaier Verlag R. Oldenbourg , München und Berlin, Jadu 2000) |
Besuchen Sie auch unsere Mittelalterseiten.
© Copyright 2000 by JADU