Herzog Ernst und die Vogelmenschen

Herzog Ernst fuhr mit vielen edlen Ritter und treuen Dienern ins Feindesland. Vierzehn Wochen waren sie schon auf dem Meer. Und der Hunger schaute ihn aus den Augen heraus. Jeden Tag mußten sie sich den Schwertgurt enger schnallen, so mager wurden sie. "Wenn die Fahrt noch eine Woche dauert" , sagte Herzog Ernst, "dann müssen wir elend verhungern." - "Und die Mäuse und Ratten auch" , sagte Fahnenträger Wetzel darauf, "die finden dann auch keinen Bissen mehr."

Als so die Not am größten war, sahen sie in der Ferne ein Land und darin eine wunderschöne Stadt. Schnell steuerte das Schiff ans Land. Herzog Ernst stieg mit seinen Rittern aus. Hundert Knechte blieben als Wache auf dem Schiff. Die Ritter marschierten auf die Stadt zu. Eine starke Mauer mit vielen Türmen umschloß die Stadt. Die Tore waren offen. Kein Mensch war weit und breit zu sehen und zu hören. Kein Hund bellte, nur eine Katze schlich über die Straße. Das gefiel dem Herzog gar nicht recht. Er sprach zu seinen Männern: "Die Stadtleute wollen uns wohl in eine Falle locken. Sie halten sich versteckt. Schließt euch fest zusammen! Und wenn die Feinde hervorstürmen, so treibt sie mit dem Schwert zurück!"

Dann schritt er mit dem Fahnenträger Wetzel voran. Die andern folgten furchtlos nach. Nichts rührte und regte sich in der Stadt. Mitten in der Stadt war ein Berg. Und auf dem Berg stand eine Burg. Sie gingen in die Burg hinein und durchsuchten sie. Dabei kamen sie in einen wunderbaren Saal. Die Wände waren von lauter Marmor, die Stühle und Bänke mit herrlichen, bemalten Stoffen überzogen. Mitten im Saal war ein langer, langer Tisch. Auf dem Tisch standen silberne Schüsseln und darin dampften feine Speisen. Goldene Becher waren bis zum Rand mit köstlichen Wein gefüllt. Da sagte Herzog Ernst: "Wir haben genug Hunger gelitten. Nun laßt euch alles gut schmecken und eßt und trinkt, bis ihr satt seid!"

Da setzten sich alle an den vollen Tisch und aßen und tranken nach Herzenslust, daß sie die Gürtel wieder weiter schnallen mußten. Sie wurden fröhlich und sangen frohe Lieder. In einer Speisekammer fanden sie Mehl, Brot, Früchte und Wein und Fleisch für eine ganze Stadt. Die Diener trugen Speise und Trank auf das Schiff, was sie nur schleppen konnten. Und als sich auch die Schiffswache satt gegessen und satt getrunken hatte, blieb noch so viel, daß alle wohl für ein halbes Jahr genug hatten. Inzwischen spazierten die Ritter in der Stadt herum. Herzog Ernst und Wetzel gingen in das Schlafzimmer neben dem Speisesaal, legten sich in zwei schöne Betten und schliefen eine Zeitlang wie Siebenschläfer.

Als sie ausgeruht hatten, standen sie wieder auf. Dabei schaute Graf Wetzel durch ein vergittertes Fenster hinaus. Auf einmal rief er: "Ei, schaut doch, Herzog Ernst, was kommt denn da daher?" Herzog Ernst lugte auch hinaus und da sahen sie ein seltsames Heer vom Meer heranziehen. Waren das merkwürdige Leute! Von den Füßen bis zu den Schultern sahen sie genau so aus wie andere Menschen auch. Aber auf den Schultern steckte ein langer, dürrer Hals und darauf ein Vogelkopf mir einem Messerspitzen, schwertlangen Schnabel. Also unten Menschen, oben Störche! Sie trugen feuerrote Kriegsgewänder. Als Waffen führten sie lange Messer, Bogen und Pfeile und kleine runde Holzschilde, die kunstvoll bemalt waren. Voran marschierte ihr Häuptling in einem Goldbestickten Gewande. Neben ihm führten zwei Storchmenschen eine liebliche Jungfrau. Ihr Gesicht war blaß und bleich. Und sie weinte unaufhörlich.

Voll Zorn sagte der Herzog zu seinen Fahnenträger: "Diese Teufelsschnäbler haben gewiß die Jungfrau geraubt. Auf, lieber Kriegskamerad, wir wollen sie ihnen entreißen!" Graf Wetzel klopfte ihm mit der Hand auf die Schulter und sagte: "Ruhig Blut, lieber Herr! Was hilft es uns, wenn wir auch drein auf einmal die scheußlichen Köpfe abschlagen? Wir sind zwei, die Schnäbler so viele wie die Sterne am Himmel. Auch weiß ich, daß sie sehr giftige Pfeile haben. Wer von einem solchen Pfeil geritzt wird, muß auf der Stelle sterben. Warten wir ab, lieber Herr, was sie tun."

Wie die zwei so überlegten, waren die Schnäbler in die Stadt und dann in die Burg marschiert. Sie setzten sich im Speisesaal um den Tisch. Und da entstand nun ein lautes Geschnatter und Gegurgel. Sie merkten wohl, daß ihnen jemand die besten Bissen weggeschnappt hatte. Doch wußten sie nicht, wie das zugegangen war. Als sie gegessen und getrunken hatten, fingen sie zu singen, was sich anhörte wie das Geklapper der Störche auf dem Dache. Hernach trieben sie allerlei seltsame Kunststücke und Gaukelspiele.
Auf einmal führten zwei Schnäbler die gefangene Jungfrau in die Kammer, in der sich Herzog Ernst und Graf Wetzel versteckt hielten. Der eine der Schnäbler sah Herzog Ernst und machte Lärm. Aber mit einem Hiebe schlug ihm der Herzog den Schnabelkopf weg. Der andere war in den Speisesaal zurückgesprungen und machte Meldung.

Haufenweise drängten die Schnäbler nun durch die Kammertüre und stachen mit ihren Schnäbeln und Messern wie wild um sich. Herzog Ernst und Wetzel stellten sich an die Türe und ihre breiten Schwerter mähten die Schnabelköpfe wie die Sense die Grashalme. Doch wie sollte der Kampf ausgehen? Wenn fünf erschlagen waren, sprangen zehn neue heran Die Schnäbler kämpften immer mutiger und wilder. So wurden die zwei Helden aus der Kammer getrieben und immer weiter zurück, von einem Zimmer in das andere, bis sie im Burghof waren.

Da sagte Wetzel mitten im Kampfe voll Sorge: "Lieber Herr, jetzt geht es ums Leben! Die Schnäbler kommen uns in den Rücken! "Doch der Herzog rief ihm lachend zu: "Ich höre den Schritt unserer Leute und Waffengeklirr." Und schon marschierten die Ritter in Reih und Glied daher. Sie waren einzelnen Schnäblern auf der Straße begegnet. Darauf hatten sie sich sofort gesammelt. Weil sie um ihren Herrn in großer Angst waren, waren sie ihm gleich zu Hilfe geeilt. Sie nahmen die Jungfrau in die Mitte. Herzog Ernst und Graf Wetzel stellten sich an die Spitze des Zuges.

Und der Kampf begann von neuem. Ein zweites, stärkeres Heer der Schnäbler war gekommen und griff die kleine Schar von der Seite an. Unsere Helden kämpften tapfer wie die Löwen. Aber die Schnäbler fielen wie die wilden Bienen über sie her. So mußten sie Schritt um Schritt zurückweichen bis ans Meer. Die toten Vogelmenschen bedeckten den Boden wie das Laub im Herbst. Aber auch viele Ritter hatten ihr Leben hergeben müssen. Denn die Schnäbler schossen sicher mit den Pfeilen und warfen geschickt ihre Messer. Zuerst wurde die Jungfrau auf das Schiff gebracht. Dann stieg Mann um Mann ein. Als letzte betraten Herzog Ernst und sein Fahnenträger das Schiff. Die Schnäbler sprangen in ihre Boote und wollten das Schiff stürmen. Aber da kamen sie schlecht an. Ihre schwachen Schifflein kippten.

War schon beim Mahl der Wein wenig gewesen, so mußten sie nun statt des süßen Weines salziges Meerwasser schlucken. Und das schmeckte schlecht.

(Quelle: Deutsche Helden aus alten Zeiten. Den Kindern der Grundschule erzählt von Hans Stanglmaier Verlag R. Oldenbourg , München und Berlin, Jadu 2000)

 

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