Die treue Gudrun

In alter Zeit lebte in Nordland ein feines Königskind. Gudrun wurde sie genannt. Als nun einmal ihr Vater weit fort im Krieg war, da brach König Hartmut mit seinen Kriegern in ihre Burg ein. Sie zerstörten die Burg und schleppten Gudrun mit zweiundsechzig Jungfrauen auf die Schiffe und fuhren heim in ihr eigenes Land

Die Mutter von König Hartmut hieß Gerlind. Sie war ein böses, böses Weib. Zuerst tat sie der Gudrun recht schön, schenkte ihr seidene Kleider und zarten Schmuck. Eines Tages aber sprach sie zu Gudrun: "Nun, Täubschen, wann soll endlich die Hochzeit mit König Hartmut sein?" Gudrun antwortete mutig: " Nimmer kann ich Hartmut heiraten. Ich bin mit dem tapferen Herwig verlobt und ihm halte ich die Treue."

Von dieser Stund an tat Frau Gerlind der Gudrun alles Böse an. Gudrun durfte nicht mehr bei ihren Freundinnen bleiben. Frau Gerlind riß ihr die seidenen Gewänder vom Leibe und warf ihr einen rauhen, grauen Kittel hin. Nun mußte Gudrun auf den Knien die Böden putzen und das Holz zum Ofen schleppen. Und den Mägden mußte sie die Kammern heizen. Gudrun weinte nicht, sondern blieb still und tapfer.
Als nun fünf Jahre um waren, fragte die böse Gerlind: " Nun, Täubschen, willst du nicht Königin werden?" Gudrun gab ihr zur Antwort: "Ich muß das gleiche sagen wie das erstemal. Ich bin mit Herwig verlobt und ihm halte ich die Treue."

Da versuchte es Frau Gerlind nochmals mit Falschheit. Gudrun bekam ein schönes Zimmer, ihre seidenen Gewänder, gutes Essen und mußte nicht mehr arbeiten. Ihre Freundin war Ortrun, die Schwester des Königs Hartmut. Die war ja immer schon lieb und gut zu Gudrun gewesen. Nach einiger Zeit fragte Frau Gerlind wieder, ob sie nun doch den König Hartmut heiraten wolle. Doch Gudrun blieb bei ihrer ersten Antwort.
Und so wurde sie von Frau Gerlind aufs neue gequält. Nicht bloß einmal im Tag mußte sie die Kammern der Mägde putzen, nein dreimal, obwohl die Böden blitzblank waren, daß man auf ihnen hätte essen können. Und einmal sagte Frau Gerlind gar zu Gudrun: "Eine Magd braucht keine so schönen Haare. Die taugen gerade zum Abstauben. Du nimmst nun keinen Lappen mehr! Du wirst von heute an den Staub von den Schränken und Truhen mit deinen Haaren kehren!"

Auch das tat Gudrun. Doch die Arbeit wurde immer schwerer und härter. Ihre zarte Haut war schonlange aufgesprungen und an den Händen bekam sie schwere Schwielen. Aber Frau Gerlind gab ihr keine Salbe, die den Schmerz gelindert hätte. Müde und wund fiel Gudrun abends auf ihr Lager. Aber nicht in einem Federbett durfte sie schlafen. Nein - ein hartes Brett war ihr Bett.

So vergingen wieder vier lange Jahre. Wiederum trat Gerlind vor Gudrun und fragte sie: "Nun, Täubschen, jetzt halten wir doch Hochzeit?" Gudrun sprach ruhig: "Nein, ich bin mit Herwig verlobt und ihm halte ich mein Versprechen." Da sagte Gerlind wie eine böse Schlange: "So, dann habe ich für dich etwas ganz feines! Du mußt nun nicht mehr Holz tragen und Boden putzen, du darfst jetzt waschen. Marsch, nimm den Waschkorb und hinab ans Meer! Bis zum Abend bist du fertig!"
Gudrun tat, wie ihr befohlen. Sie lernte waschen, daß es keine Wäscherin besser gekonnt hätte. Wie sie nun wieder einmal mit dem Korb voll Wäsche ans Meer ging, sah sie Hildburg, eine von den zweiundsechzig Frauen. Die wurde traurig und sprach zu Frau Gerlind: "Ich möchte der Gudrun helfen!" Gerlind sagte: "Es wird dich reuen, wenn du im Winter am Meer waschen mußt!"
Aber Hildburg ging nun vier Jahre lang jeden Tag mit Gudrun ans Meer. Einmal, als sie wieder bei ihrer Arbeit standen, wehte eiskalt der Nordwind. Dazu schneite es unaufhörlich. Die beiden Frauen hatten nur einen dünnen Leinenkittel an und waren barfuß.

Da kam ein Boot mit zwei Rittern ans Ufer. Die Ritter stiegen ans Land. Einer der Ritter fragte: "Wem gehört die Burg dort oben?" Gudrun gab zur Antwort: "Herrn Hartmut und seiner Mutter Gerlind." Da fragte der andere Ritter. "Ist es wahr, daß auf der Burg seit dreizehn Jahren die Gudrun mit ihren Frauen gefangen gehalten wird?" Da horchte Gudrun auf. Am Finger des Ritters sah sie einen Ring blitzen. Da erkannte sie den Ritter. Es war ihr Verlobter Herwig. Aber sie wollte ihn noch auf die Probe stellen und sagte: " Wollt ihr Ritter sein, warum befreit ihr die Frauen nicht?" Da sprach der andere Ritter, es war ihr Bruder: "Als mein Vater im Kampfe starb, war ich noch ein Kind. Seit ich aber nun zum Manne erwachsen bin, habe ich ein Heer gesammelt, damit ich meine Schwester und die Frauen befreien kann."

Da gab sich Gudrun zu erkennen und das Küssen und die Freude wollte kein Ende nehmen. Endlich sprangen die Ritter wieder ins Boot und sagten zum Abschied: "Morgen in aller Frühe sind wir mit unseren Kriegern wieder da. Lebt wohl bis dahin!"
Das war der erste Freudentag nach dreizehn Jahren. Gudrun packte ein Hemd um das andere und warf es hinaus ins Meer, daß es von den Wellen fortgetrieben wurde. "Hei", jubelte sie, "nun mag waschen, wer will!"

Als Gerlind den leeren Korb sah, drohte sie Gudrun mit der Rute. Doch Gudrun sprach: "Schlagt mich nicht! Es täte euch leid, eine Königin geschlagen zu haben." Da meinte Frau Gerlind: "Die Gudrun will nun doch endlich meinen Sohn heiraten. Sie ließ ihr ein duftendes Bad bereiten, schickte ihr die schönsten Kleider und Ringe und Ketten, damit sie sich schmücke und schön mache. Dann ließ sie ein festliches Mahl herrichten. Alle waren fröhlich. Gudrun und Hildburg scherzten und lachten am meisten. Und als man in später Nacht auseinanderging, sagte Gudrun heimlich zu ihren Frauen: "Gewand und Gold schenk ich der, die mir als erste am Morgen unsere Schiffe meldet!"

Wie die Sonne aufging, kamen siebzigtausend Mann. Ihr Führer war Herwig. "Feinde" Feinde!" schrie der Wächter vom Turm. Sturm! Sturm! läuteten die Glocken. Wohl wehrten sich König Hartmut und seine Leute tapfer. Aber noch grimmer kämpften ihre Feinde. Sie schlugen das Burgtor ein und stürmten die Burg. In ihrer Not warf sich Gerlind zu Füßen der Gudrun und bat um Gnade. "Wo ist das Teufelsweib, die Gerlind?" schrien die Krieger, als sie den Saal stürmten. Gudrun verriet sie nicht. Aber eine Magd deutete heimlich auf sie. Da packte ein wilder Krieger die Gerlind bei den Haaren und schlug ihr den Kopf ab. Voll Entsetzen schrien die Frauen auf. "Wo ist Ortrun?" riefen die wilden Krieger. Aber da stellte sich Gudrun schützend vor Ortrun und sprach: "Ihr darf kein Leid geschehen. Sie war gut zu mir!" Da gehorchten die Krieger ihrer Königin.

Als der Kampf zu Ende war, wurden Gudrun und ihre Frauen feierlich auf das Königsschiff geführt. Die Gefangenen und die Siegesbeute hatte man schon früher auf die anderen Schiffe gebracht.
Dann fuhren die Helden heim nach Nordland. Dort feierten Herwig und Gudrun Hochzeit. Heißa! war das ein Fest. Es dauerte zwölf Tage. Ein schöneres Fest hatte man in Nordland noch nie erlebt. Und nach hundert Jahren noch erzählten die Leute davon.

(Quelle: Deutsche Helden aus alten Zeiten. Den Kindern der Grundschule erzählt von Hans Stanglmaier Verlag R. Oldenbourg , München und Berlin, Jadu 2000)

 

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