Hagen bei den Greifen

"Hei!"jubelte der kleine Hagen, "Mutter, schau zur Turmspitze! Dort oben steckt mein Pfeil!" Voll Stolz blickte Frau Ute zum Turm.
Aber was war das? In der Luft surrte etwas daher. Ein riesiger Schatten machte den Burghof dunkel. Ein ungeheurer Vogel kam. Seine Flügel waren groß wie Scheunentore, sein Schnabel breit und lang wie ein Reitersäbel. "Ein Greif! Kinder, rettet euch!" schrie voll Todesangst Frau Ute.
Aber schon hatte der Greif blitzschnell den kleinen Hagen gepackt. Und dann stieg er mit einem einzigen Flügelschlag kerzengerade in die Luft und jagte davon.

Über Länder und Meere flog der Greif dahin, einen Tag und eine Nacht und noch einen halben Tag, bis er zu seinem Neste kam.
Dort warf er den kleinen Hagen seinen Jungen hin und zog zu neuem Raube aus. Einer von den jungen Greifen packte Hagen und trug ihn auf einen Baum. Wild und böse hackte er auf ihn los. Hagen wehrte sich tapfer. Mit beiden Händen hielt er dem Vogel den Hals zu. Doch der haute ihm seine Messerkrallen in die Arme und in den Leib, gerade wo er hintraf.
Wie die beiden so miteinander kämpften, brach der Ast. Hagen stürzte haushoch hinunter. Obwohl aus vielen Wunden sein Blut tropfte, kroch er in eine Dornhecke. Der Greif suchte ihn, fand ihn aber nicht.
Hagen kroch weiter. Da kam er in eine Felsenhöhle. Dort waren drei Mägdelein. Es waren Königstöchter. Die hatte der Greif auch geraubt. Aber sie hatten sich auch retten können. Die drei Mägdlein schrien auf voll schrecken. Denn von dem Greifschnabel war Hagen am ganzen Leib blutig und wund und seine Kleider waren zerfetzt und zerrissen.

Hagen erzählte, daß er ein Königssohn sei und daß ihn der Greif geraubt habe. Da hatten sie Mitleid und gaben ihm zu essen: Wurzeln und Beeren. Dann machten sie ihm ein Bett aus Moos und verbanden seine Wunden. Als Hagen nach langer Zeit geheilt war, schnitzte er sich Pfeile aus Fischgräten und Knochen von kleinen Tieren. Er schoß Hasen und Vögel. Das Fleisch mußten die vier Kinder roh essen. Denn das Feuer hätten die Greife gesehen.
So wuchs Hagen heran. Von der Wildkatze lernte er, wie man schleicht. Vom Hirsch lernte er den weiten Sprung. Seine Augen wurden scharf und seine Arme stark. Und mit zwölf Jahren war er so groß und kräftig wie ein Mann.

Einmal hauste ein schrecklicher Sturm auf dem Meer. Er zerbrach ein Schiff, wie ein Kind eine Nuß zerdrückt. Alle Menschen auf dem Schiff ertranken. Die Wellen schwemmten einen ertrunkenen Ritter an das Land. Hagen schlich sich ans Meer. Dann nahm er dem Toten das Schwert und den Helm, den Bogen und die Pfeile. Da rauschte es in den Lüften, als wenn der Sturm noch einmal kommen wollte. Der alte Greif kam daher und stürzte sich auf Hagen. Der schoß einen Pfeil um den andern nach dem Riesenvogel. Doch die Pfeile konnten seine Lederhaut nicht verwunden. Sie fielen zu Boden wie Erbsen, die man an ein Eisentor wirft. Da packte Hagen das Schwert und schlug mit aller Kraft auf das Ungeheuer. Er schlug ihn einen Flügel ab und ein Krallenbein. Dann bohrte er ihm das Schwert mitten ins Herz. Aber schon kamen die anderen Greife dahergebraust. Hagen erschlug sie alle, die Alten und die Jungen.

Dann rannte er zu den drei Jungfrauen und rief: "Freut euch! Die Greife sind tot!" Und er erzählte ihnen, was geschehen war. Da jubelten sie und küßten ihn auf den Mund. Dann eilten sie aus der Höhle heraus und tanzten vor Freude herum.
Und nun kam eine frohe Zeit! die jungen Menschen mußten sich nicht mehr fürchten. Die Mädchen setzten sich stundenlang in die Sonne. Und ihre bleichen Gesichter werden wieder braun vor Gesundheit. Hagen schlug Feuer aus dem Stein. Es gab manch feinen Braten. Denn Hagen hatte nun Waffen und Wehr. Und er brachte nicht nur Hasen und Rehe von der Jagd heim. Nein, auch der Bär mußte sein Leben lassen.

Einmal begegnete dem Hagen ein seltsames Tier. Es schaute aus wie eine Eidechse, war aber viele Meter lang. Die Augen glühten wie Kohlen. Und aus dem Maule standen zwei mächtigen Hauzähne. Hagen stieß dem Schuppentier das Schwert in den Rachen. Es war sofort tot. Weil er Durst hatte, trank er von dem roten Blut. Und siehe da! Er spürte, wie er immer mehr Kraft bekam. Voll Freude trug er Blut von dem Tier in die Höhle. Auch die Mädchen tranken. Sie wurden noch schöner und mutiger, als sie schon waren.

So ging es den Vieren nicht schlecht. Aber sie bekamen Heimweh. Darum machten sie aus, daß sie nun heimwandern wollten. Zwanzig Tage zogen sie durch den Wald. Als sie aus dem Wald herauskamen, lag blau das Meer da. Weit draußen fuhr ein Schiff. Hagen zündeten ein Holzstoß an. Dann winkte er mit einem Bärenfell. Da schickte der Schiffsherr ein Boot ans Land. Die Bootsleute schrien: "Ahoi, wer seid ihr! Menschen oder Pelztiere?" Hagen schrie zurück: "Wir sind arme Menschen. Nehmt uns mit!" Die Bootsleute nahmen sie auf und ruderten zum Schiff zurück. Der Schiffsherr schenkte den Jungfrauen wunderschöne Kleider und dem Hagen ein Rittergewand. Dann ließ er ihnen eine feine Mahlzeit auftragen. Als sie sich sattgegessen und satt getrunken hatten, fragte er: " Nun sagt mir, woher ihr kommt und wer ihr seid!" Hagen erzählte, wie er die Greife erschlagen hatte. Still hörten die Schiffsleute zu. Dann sagte Hagen."Mein Vater ist König Sigebant und meine Mutter heißt Frau Ute". Da sprang der Schiffsherr auf und rief: "Ahoi! Du erschlägst ja die Greife wie die Fliegen. Aber du bist mir ein glücklicher Fang! Dein Vater hat mir schon viel Schaden angetan. Das sollst du mir büßen! Ahoi, Leute, fesselt den Greifentöter!"

Die Schiffsleute stürzten auf Hagen los. Beim Essen hatte Hagen sein Schwert abgelegt. So konnte er sich nur mit den Fäusten wehren. Er packte die Schiffsleute bei den Haaren und warf dreißig ins Meer. Da fürchteten sich die andern. Hagen sprach: "Bringt uns nun in mein Vaterland! Dann lohne ich euch mit Gold und Gewand!"
Die Schiffsleute gehorchten gerne. Die Fahrt dauerte vierzehn Tage. Da sahen sie die Burg des Königs Sigebant. Hagen war zehn Jahre von zu Hause fort gewesen. Er stieg ans Land und ging mit den drei Jungfrauen in die Burg, Der Vater erkannte ihn nicht, auch die Mutter nicht gleich. Da sagte Hagen: "Mutter, kennst du das Kreuzlein nimmer, das ich auf der Brust trage?" Er zog ein golden Kreuzlein hervor und Frau Ute rief: "Hagen, mein einziges Kind! Ja du bist es! Zehn Jahre war ich krank, jetzt bin ich wieder gesund".

Und sie umarmte ihn und auch der Vater weinte vor Freude. Nun war alles wieder gut.

 

(Quelle: Deutsche Helden aus alten Zeiten. Den Kindern der Grundschule erzählt von Hans Stanglmaier Verlag R. Oldenbourg , München und Berlin, Jadu 2000)

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