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Neptun

Ein Märchen von 1905

Meine lieben kleinen!

Es war einmal! Wenn euch Großmutter ein Märchen erzählt, so ist das immer der Anfang. Mein Märchen beginnt aber nicht so, denn der, von dem ich euch erzählen will, war zwar schon immer da, er ist es aber auch heute noch und wird es lange, lange, ja ewig sein. Und wenn ihr mir nicht glauben wollt, so geht zu ihm hin, dann wird er euch vielleicht noch andere, schönere Märchen erzählen, wenn ihr ihm darum recht sehr bittet, wie ich es tat. Denn er hat durch Jahrtausende vieles erlebt und gesehen, nicht nur unter seinem Volke, sondern auch der Menschen größte Freunden, aber auch ihre schwersten Leiden.

Ihr wißt ja aber noch gar nicht, wen ich eigentlich meine. Wenn ihr mal mit Mutter und Vater nach Berlin kommt, dann seht ihr euch unter all den Herrlichkeiten das Schloß unseres Kaisers wohl zuerst an. Wenn ihr um den mächtigen stolzen Bau herumgeht und das Denkmal unseres Heldenkaisers Wilhelm des Großen bewundert habt, dann seht ihr schon von weitem den großen Mann oben auf dem Brunnen sitzen, den gewaltigen, mit seinem Dreizack, wie ihn im Sonnenschein die Wasser umtosen, ihn mit tausend Sprühperlen bewerfen, daß es nur so funkelt und gleißt. Thront er nicht auch da, wie ein Herrscher? Und er ist ja auch einer, unser Neptun. Jahrtausende hat er im Meere geherrscht über alle Meerweiblein und Meermännlein, über alle Meeresungeheuer und Fische, Nereiden und Tritonen, Nixen und Sirenen, die mit ihrem Gesang die armen Menschen betören, daß sie meinen, es wäre himmlische Musik und sie nicht mehr Obacht geben auf Steuer und Ruder, bis sie hinabgezogen werden in den kühlen Meeresgrund. Und zu seiner Seite thronte seine schöne Gemahlin, Aphrodite, die ihn in seinem schweren Herrscheramt unterstützte. Denn glaubt nur nicht, daß es so leicht ist, all das Volk da unten im Zaume zu halten. Wie die Menschen Leiden und Freuden haben, so auch alle die, die unter seiner Macht standen. Und immer sollte Neptun raten und helfen. Ja, er hatte kaum Zeit, mit seiner Frau und seinen Kindern zusammen zu sein. Saß er bei ihnen in seinem funkelnden Kristallpalast, der ganz klar und durchsichtig war, und in dem es strotzte von köstlichen Edelsteinen und Perlen und wollte mit ihnen spielen, oder machte er sich gerade zu einer Spazierfahrt in seinem großen Muschelwagen, den Delphine zogen und der aus den schönsten Muscheln, Seesternen und Korallen gebaut war, zurecht, so kam ganz gewiß ein großer Centaur dahergeritten, der ihm etwas Unangenehmes zu berichten hatte.

Da hatte sich ein Volk in einer Meeresprovinz verunreinigt, so daß sie sich in wilder Seeschlacht bekriegten und Neptun mit seinem allerschnellsten Schiffe zu ihnen eilen mußte, um seinen Dreizack zu schwingen, damit wieder Frieden sei. Oder ein anderes Mal hatten übermütige Nixen in ihren Netzen einen Fang getan, hatten ein zappelndes Menschlein aufgegriffen, das nun zu Tode erschrocken nicht aus noch ein wußte. Neptun schalt dann sehr und befahl einem Triton, daß Menschenkind schnell wieder an die Oberwelt zu bringen und es für den ausgestandenen Schrecken reichlich mit Meeresschätzen zu belohnen. Die bösen Nixen aber durften lange, lange nicht vor seinem strengen Herrscherantlitz erscheinen und waren verbannt, bis Aphrodite ihn bat, sie doch wieder in Gnaden aufzunehmen.

Fochten aber gar die Menschen ihre Seeschlachten aus, so hatte Neptun noch viel schwierigere Arbeit, da galt es die Toten in seinem weiten Reich aufzunehmen und ihnen würdige Ruhestätten zu bereiten.

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Zwar gab es ja auch viele frohe Stunden für unseren Neptun und das war hauptsächlich, wenn er mit seiner Frau und seinen Kindern auf Reise ging. Dann wurden die schönsten Schiffe bestellt, aufs herrlichste mit den wundersamsten Meeresblüten geschmückt; auf dem größten nahmen Neptun und Aphrodite auf einem Thron aus rosa Korallen Platz, ihre Kinder zu ihren Füßen. Die allerschönsten Nixen umgaben das Herrscherpaar, zartgrüne Schleiergewänder umhüllten ihre Gestalten und Schilfkränze nickten in ihren offenen roten Haaren, während sie die zierlichsten Tänze aufführten und Hörnermusik der Tritonen sie dabei begleitete. Und die Sirenen sangen mit ihren sehr klaren Stimmen, das es eine Lust war. Darum fühlte sich Neptun sehr wohl und scherzte mit seinen Kindern und vergaß alle Regierungssorgen. Er neigte sich zu seiner schönen Gemahlin, die ebenfalls entzückt dem lustigen Treiben ihres Hofstaates zusah.

Alle Meere befuhren sie, von den Menschen nicht gesehen, und wo es ihnen besonders wohlgefiel, da hielten sie sich lange auf. Neptun ließ sich aus seinem Reiche von Zeit zu Zeit Bericht erstatten und sandte grollende Meereswogen, wenn sich sein Volk nicht ruhig genug verhielt.

Solche Reisen waren von langer Dauer, denn was bei uns Wochen sind, das sind beim Meeresvolk Jahrhunderte. Hatten sich Neptun und Aphrodite genug auf den Wellen geschaukelt, so suchten sie eine schöne Insel auf, um auch einmal auf der Erde zu sein. Die Meeresgötter liebten von jeher die Menschen und gingen oft verkleidet unter diese, um mit ihnen zu leben und sie in ihren Sitten und Gebräuchen kennen zu lernen. Die Insel, die Neptun und Aphrodite aufsuchten, wurde von ihnen nur des Nachts betreten, am Tage blieben sie auf ihren Schiffen, die tief unten im Meeresgrund, menschlichen Augen verborgen, ankerten. Dann aber begann ein um so vergnügteres Leben. Neptun bestellte Meeresleuchten und die glitzernden, glänzenden Wogen warfen ihr magisches Licht auf die Insel, die Strahlen des Vollmondes vereinigten sich mit diesem und das Land erstrahlte in köstlicher Helle. Dann ließ sich Neptun mit seinem Gefolge an das Ufer rudern, der Muschelwagen stand bereit, denn Aphrodite konnte mit ihren zarten Füßen die harte Erde nicht berühren. Ehe sie sich jedoch zu ihrem Feste begaben, guckten sie in die Hütten der Menschen. Denn nicht nur wir Menschen sind neugierig, auch die Meergötter sind von dieser Eigenschaft geplagt. Dann trieben sie wohl gelegentlich Schabernack mit den Menschen, indem sie Fischern die Netze verschleppen, die diese am Morgen suchen mußten, um sie mit Fischen gefüllt wiederzufinden; den mißgünstigen aber lockerten sie die Maschen der Netze, ohne das diese es bemerkten, so daß sie beim nächsten Fischfang auch nicht einen einzigen Fisch nach Hause brachten. Sahen sie aber in eine Hütte, wo Eltern um den Sohn bangten, der in rauher Nacht auf dem stürmischen Meere war, so sandte Neptun schnell einen Triton an das Gestade, der die Wogen glätten und das Meer beruhigen mußte.

Ein ganz besonderes Herz aber hatte Neptun für die Kinder. Für die artigen brachte er stets das schönste Spielzeug mit, Muschelhörner und herrliche Seesterne für die Knaben und für die Mädchen Puppen und Puppenstuben aus Korallen. Die erstaunten Kinder begriffen am Morgen nicht, wo über Nacht das herrliche Spielzeug hergekommen war. Die bösen Kinder aber waren hart genug gestraft,wenn sie die herrlichen Dinge sahen und selbst leer ausgehen mußten.

Hatte Neptun so dem Einen Gutes, dem Anderen Böses getan, so begann erst für ihn und die Seinen die richtige Feier. Auf dem schönsten Punkte der Insel wurde Halt gemacht und Tritonen und Nereiden richteten prächtige Festtafeln her. Köstliche kristallene Geräte prunkten auf diesen, herrliche Meeresblüten in den zauberischsten Farben und Formen schmückten sie. Und was Meer und Erde an Leckerbissen bot, wurde herbeigebracht. Neptun und sein Gefolge schlürften den süßesten Wein aus geschliffenen Perlengläser, der Wein selbst funkelte in großen zartgetönten Muscheln. Die Gerichte wurden in riesige Schüsseln aus Gold aufgetragen. Es war eine Pracht ohnegleichen und Neptun strich voller Behagen seinen langen Bart. Ihm zur Seite saß Aphrodite, die ihr schönsten Gewand angelegt hatte, schwimmendes Weiß der Meereswellen umwogte ihre Gestalt, lange Perlenschnüre durchzogen ihr seidenweiches lockiges Haar und das köstlichste Geschmeide aus Diamanten und meerblauen Saphiren erglänzte an Hals und Armen. Und Neptun selbst! Prächtig war er anzusehen. Auf seinem Haupte flimmerten die Mondstrahlen und woben eine Krone, so glänzend und silbern, daß es weithin strahlte. Ein langes faltiges Gewand aus türkisblauen Wassertropfen, durchsetzt mit leuchtenden Rubinen, wallte an ihm herab, sein Dreizack ruhte lässig in seiner Hand. Und alle, die seinen Hofstaat ausmachten, waren in ihren schönsten Festgewändern, die Nixen und Sirenen in durchsichtigen Schleiern von allen Farben, die ebenfalls mit köstlichen Edelsteinen durchwirkt waren.

Nach dem Schmaus begann der Tanz. Und wie drehten sich alle im lustigen Reigen. Die Musik erklang aus den Muschelhörnern der Tritonen zu den lustigen Reigentänzen der Nixen. Alles wirbelte und drehte durcheinander, kaum die Erde berührend. Der Höhepunkt aber wurde erreicht, als Neptun seine Aphrodite umfaßte und mit ihr im Tanze dahinschwebte. Die Mondstrahlen auf seiner Krone hüllten auch sie jetzt ein und es war ein solches Leuchten und Glänzen, daß selbst die Nixen geblendet ihre meergrüne Augen schließen mußten. Da nahte aber die Stunde des Aufbruchs, Neptun und Aphrodite begaben sich wieder in ihren Muschelwagen bis zur nächsten Nacht, wo dasselbe Leben von neuem begann.

So verfloß Neptun und seinem Hofstaat die Zeit in ungeheurer Schnelle, aber endlich mußte er doch wieder an die Heimkehr in seine Residenz denken, um sich von neuem seinen Staatsgeschäften zu widmen. Da kam dann abermals die schwere Zeit der Sorgen und diese wurden noch größer, als eines Tages seine Aphrodite erkrankte aus Sehnsucht, nicht auf der erde sein zu können, denn es zieht die Meeresbewohner immer wieder auf unsere Erde zurück, wenn sie einmal hier waren. Noch konnte Neptun aus seinem Reiche sich nicht entfernen, da der älteste Sohn noch nicht alt genug war, um die Herrschaft zu übernehmen. So ließ er denn Aphrodite, wenn auch mit schwerem Herzen, allein ziehen, versprach ihr aber, auch mal dereinst auf Erde seine letzte Ruhestätte zu suchen. Er sagte ihr aber gleichzeitig, daß er nur dort wohnen würde, wo der Herrscher und seine Untertanen ihn ehren und sein feuchtes Element, das Wasser, lieben würde.

Noch lange war Neptuns Zeit nicht genommen, noch immer mußte er in seinem Reiche herrschen, bis der Sohn würdig war, ihn zu ersetzen.

Aber endlich schlug auch seine Befreiungsstunde und er konnte darüber nachdenken, wo für ihn der geeignete Wohnort sei. Alle Länder der Erde ging er in seinem Geiste durch, konnte sich aber noch immer nicht schlüssig werden. Da er zu gar keinem Resultat gelangte, versuchte er es in verschiedenen Ländern zu wohnen. Aber man kam ihm nicht mit solcher Freunde entgegen, wie er erwartete und darum war seines Bleinbens auch nicht lange. So wanderte er denn von Land zu Land, von Stadt zu Stadt und endlich nach weiten Irrfahrten kam er nach Berlin. Von dem größten Künstler wurde er freundschaftlich aufgenommen und nach seinem Begehr gefragt. Da erfuhr denn dieser, daß er ein Land suche, dessen Herrscher und Untertanen ihn ehren und lieben würden. Der große Künstler lud ihn ein, bei uns zu bleiben, da die Deutschen die Flotte und das Meer lieben und ihren Stolz darin sehen, wackere Seemänner zu sein. Neptun versprach dem Künstler, es hier bei uns zu versuchen und nun hat er mir anvertraut, daß er sich hier heimisch fühlt und uns nie wieder verläßt. Denn er ist glücklich, das Land gefunden zu haben, das er sich erträumt hat, dessen Zukunft auf dem Wasser liegt.

Wenn ihr aber, meine lieben kleinen, an ihm vorübergeht, so fragt ihn doch einmal, ob ich seine Geschichte richtig erzählt habe, denn ich möchte nicht gern, daß er mit böse wird.

Jenny Baer.

Quelle: Die Flotte. 8. Jahrgang. Nr. 3. März 1905, von rado, copyright jadu 2000.


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