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Schön
Elsa, die junge Herzogin von Brabant, war auf die Jagd geritten. Sie hatte
ihre Gefährten vorausreiten lassen. Sie wollte allein sein. Denn
sie war in großer Sorge.
Als ihr Vater auf dem Sterbebette
lag, hatte er den Grafen Telramund rufen lassen und zu ihm gesagt: "Graf
Telramund, ich muß sterben. Das Elslein ist bald allein auf der
Welt. Ich bitte euch, sorgt für sie wie ein Vater! Wollt ihr das?"
"Ja", hatte Graf Telramund geantwortet, "ich erfülle
gern euren letzten Wunsch." Das war vor vielen Jahren gewesen. Inzwischen
war Elsa zu einer wunderschönen Jungfrau herangewachsen. Graf Telramund
verlangte nun von ihr, daß sie ihn heiraten sollte. Doch sie wollte
den Grafen nicht heiraten. Denn er war ein wilder und zorniger Mann.
Nun hatte ihr der Graf gestern
wieder gedroht: "Dein Vater hat es mir am Sterbebett versprochen,
daß du meine Gemahlin wirst." Schön Elsa hatte ruhig dagegen
gesagt: "Ihr lügt! Das hat mein Vater nicht gewollt." Darauf
Graf Telramund: "Das werden wir ja sehen, ob ich lüge. Der neue
Deutsche König Heinrich wird bald in unser Land kommen. Der soll
dann richten zwischen dir und mir." - "Jawohl, er soll richten
zwischen uns und ich werde Recht bekommen", hatte Elsa stolz gerufen.
Nun aber war sie doch in Sorge.
Wenn ihr König Heinrich nicht glaubte? Graf Telramund war ein mächtiger
Mann. Der König brauchte ihn notwendig; denn überall war Krieg.
Elsa hatte auch keinen Bruder, der ihr hätte helfen können.
Wenn also der König dem starken Grafen mehr glaubte als ihr, der
schwachen Frau? Was sollte sie dann tun?
Vom Reiten war sie müde geworden.
So stieg sie von ihrem Schimmel und setzte sich unter eine Linde im Gras.
Ganz still war es im Walde. Schön Elsa schlief ein. Da hatte sie
einen seltsamen Traum:
Aus dem dunklen Wald trat ein herrlicher
Ritter. Der sprach zu ihr: "Vertrau auf Gott! Ich werde für
dich kämpfen!" Elsa rief: "Du bist von Gott geschickt.
Du sollst mein Herr und Gemahl sein!" Und sie wollte ihm die Hand
zum Gruße geben, da verschwand er und Elsa wachte auf.
Wie sie die Augen aufmachte, sah
sie in der blauen Luft einen Falken schweben. Er senkte sich langsam hernieder.
Das Silberglöcklein, das er am halse trug, läutete dabei leise
und lieblich. Der Falke setzte sich zahm wie eine Taube auf ihre Schulter.
Woher kam der Falke? Hatte ihn der Ritter geschickt, den sie im Traum
gesehen? Das glaubte sie gern. Und sie streichelte zart den Falken und
sagte: "Hab Dank, du lieber Vogel! Fliege wieder heim zu deinem Herrn
und grüße ihn von mir!"
Da breitete der Falke seine Flügel
aus und stieg wie ein Pfeil in die Luft. Wieder läutete das Glöcklein,
bis er in den Wolken verschwunden war. Und Elsa ritt froh heim.
Als sie heimkam, wartete schon
ein Bote auf sie. Der verneigte sich höflich und sprach: "König
Heinrich läßt dir sagen, du sollst in drei Tagen in Köln
zum Gericht sein!"
Elsa trat zur bestimmten Zeit vor
den König. Der führte sie in sein Zelt. Dort erzählte ihm
Elsa ihr Leid. König Heinrich glaubte ihr. Dann ließ er Graf
Telramund rufen und befahl ihm, seine Klage noch einmal vorzubringen.
Der Graf tat es. Zuletzt sprach er: "Ich habe die Wahrheit gesprochen
. Ich in bereit dafür zu kämpfen. Die Herzogin soll einen Ritter
nennen, der mit mir kämpft. Ich werde siegen. Denn Gott wird mir
helfen!"
Da sprach der König zu Elsa:
"Du hast gehört, was Graf Telramund sagte. Willst auch du, daß
Gott den Streit richten soll?" - "Ja", Sprach Elsa laut
und fest, "Gott wird gerecht richten."
Der König fragte weiter: "Wer
ist nun dein Kämpfer?" - "Ich weiß es nicht; aber
mein Ritter wird noch kommen", antwortete Elsa mutig.
Daraufhin mußte der Trompeter
nach Osten und Westen, Süden und Norden blasen. Und ein Ritter rief
mit starker Stimme: "Der Kämpfer der Herzogin Elsa soll hervortreten."
Aber kein Ritter trat hervor.
Zum zweitenmal blies der Trompeter.
Zum zweitenmal rief der Ritter mit starker Stimme: "Der Kämpfer
der Herzogin Elsa soll hervortreten." Aber kein Schwert fuhr aus
der Scheide. Kein Ritter erschien. Spöttisch schaute Graf Telramund
zu Elsa und zum König hin.
Zum drittenmal blies die Trompete.
Zum letztenmal rief der Ritter mit starker Stimme: " Der Kämpfer
der Herzogin Elsa soll hervortreten!" Da auf einmal hörte man
das Volk murmeln. Ganz deutlich konnte man aber eine Stimme hören:
"Schaut zum Rhein! Was ist das?" Und siehe, quer über den
Rhein, schnurgerade auf König Heinrich zu, kam ein wunderschöner
Schifflein. Ein schneeweißer Schwan zog es an einer goldenen Kette.
In dem Schifflein stand groß und breit, mit einer silbernen Rüstung
angetan, ein Ritter. Elsa jubelte laut. Das war der Ritter, den sie im
Traum gesehen hatte.
Flink sprang der fremde Ritter
ans Land und sagte zum Schwan: "Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!
kehre wieder in unsere Heimat zurück!" Der Schwan gehorchte
augenblicklich. Als er mitten im Rhein war, verschwand er auf einmal.
Niemand wußte, wie das zugegangen war.
Der fremde Ritter, grüßte
den König voll Anstand und sprach: "König Heinrich, ich
will für Elsa von Brabant kämpfen." König Heinrich
sagte: "Sei gegrüßt, edler Ritter! Wer bist du und woher
kommst du?" Der Ritter gab zur Antwort: Ich heiße Lohengrin.
Woher ich komme, darf ich nicht sagen."
Darauf sprach der König Heinrich:
"Ich glaube dir. Wohlan, so soll der Kampf beginnen!"
Telramund und Lohengrin stellten
sich gegenüber. Die Trompete gab das Zeichen zum Anfang. Die Schwerter
blitzten und fuhren auf die Helme nieder, daß es krachte. Kein Zuschauer
hätte mit Telramund kämpfen möge. Denn der Graf war ein
gewaltiger Streiter. Aber Lohengrin war noch stärker und flinker.
Er gab ihm einen furchtbaren Schlag auf dem Helm. Dem Grafen wurde es
dunkel vor Augen. Seine Knie zitterten. Er taumelte und fiel dann wie
ein Baum so schwer auf den Boden.
Da schlugen die Ritter mit ihren Schwertern auf die Schilde und riefen:
"Der Kampf ist zu Ende. Gott hat gerichtet. Lohengrin, töte
den Lügner!"
Aber Lohengrin sprach : "Ich will sein Leben nicht." Da stand
der Graf auf. Weil er als Lügner ertappt worden war, traten sechs
Ritter hervor, zerschlugen ihm Schwert und Schild und zerrissen seine
Fahne. Dann jagten sie ihn wie einen Hund davon.
Elsa aber trat auf Lohengrin zu und jubelte: "Tausendfachen Dank,
edler Ritter!" Dann stellten sich alle zu einem feierlichen Zuge
auf. Zuerst kamen Trommler und Spielleute, dann auf stolzem Roß
König Heinrich. Ihm zur Seite ritten Lohengrin und Elsa. Ihnen folgten
viele tausende in prächtiger Rüstung.
So zogen sie in die Stadt Köln. In den Straßen wimmelte es
von Menschen wie in einem Ameisenhaufen. Auch die Fenster waren schwarz
von Menschen. Und überall, wohin der Festzug kam, erscholl mächtig
und stark wie Orgelgebraus der Ruf:
"Heil, Ritter Lohengrin!"
(Quelle: Deutsche Helden aus alten Zeiten. Den Kindern
der Grundschule erzählt von Hans Stanglmaier Verlag R. Oldenbourg
, München und Berlin, Jadu 2000)
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