Jung Siegfried

Als Siegfried noch ein Kind war, ritt er schon mit seinem Vater auf die Jagd. Am liebsten jagte er den Wolf und den Bär. Sonst vertrieb er sich den Tag mit Reiten und Fechten, Speerwerfen und Springen, was halt ein junge damals tat, damit er stark und kräftig wurde.

Wie er so an die Zehn Jahre alt war, ging er zum Vater und sprach: "Vater, ich bin stark und kräftig genug. Ich möchte nun in die Welt hinaus und mit Riesen und Drachen kämpfen." Doch der Vater sagte: "Du bist ja noch nicht hinter den Ohren trocken, du Fröschlein! Warte noch ein paar Jahre, dann kannst du fortwandern!"

Das paßte nun Siegfried gar nicht. Denn es wurde ihm zu Hause richtig langweilig. Jeden Tag die gleichen Kameraden und die gleichen Spiele. Und in einer Nacht, als der Vater und die Ritter und knechte von einer Jagd müde waren und fest wie Pferde schliefen, da blieb Siegfried wach und schlich dann mitten in der Finsternis leise zum Burgtor hinaus.

Siegfried wanderte weit, immer weiter fort, viele Tage lang durch den finsteren Wald. Nun war das gar keine so einfache Sache. Denn im Walde hausten allerhand wilde Tiere. Einmal fuhr sogar ein Drache auf ihn los. Siegfried duckte sich und verkroch sich in einen Fuchsbau. Der Drache fand ihn nicht.

Was hätte Siegfried gegen den Drachen auch machen sollen? Er hatte sich im Walde einen Eichenast abgebrochen, der drei Arme dick war. Damit konnte er wohl Wölfe und gerade auch noch Bären erschlagen. Aber gegen einen Drachen half er ihm nichts. Das war genau so, als wenn einer mit einem Strohhalm ein Haustor einrennen wollte. Und so dachte sich Siegfried: Ich laufe immer wie ein Lausbub mit einem Stecken umher. Wenn ich doch nur ein Schwert hätte!

In der Waldschmiede

Wie Siegfried so dahinwanderte, sah er durch die Bäume ein Feuerlein glänzen. Gleich marschierte er auf das Feuer zu und kam zu einer Schmiede. Dem Schmied gefiel der schneidige Bursche sofort. Er sagte: "He, Bürschlein, was willst du so allein im weiten Wald?" Siegfried sprach: "Ich möchte gern lernen, wie man ein Schwert schmiedet. Kann ich nicht in die Lehre treten?" Darauf sagte Mime der Schmied: "Du bist gerade zur rechten Zeit gekommen. Wir haben viel Arbeit. Ich kann einen Lehrbuben wohl gebrauchen. Wer bist du eigentlich?" Siegfried antwortete: "Mein Vater ist König Siegmund und ich bin der Siegfried." - "Wohlan, " sprach da der Schmied weiter, "dann will ich es mit dir probieren."

So trat Siegfried in die Lehre. Meister Mime war ein geschickter Schmied. Und Siegfried lernte nun, wie man Schwerter und Schilde und Helme schmiedet.

Als Siegfried ausgelernt hatte, sagte er zu Mime: "Meister, ich möchte jetzt für mich ein Schwert schmieden." - "Ist mir recht ", sagte Mime und legte ein großes Stück Eisen ins Feuer. Bald glühte das Eisen rot. Da packte Mime es mit der Zange und legte es auf einen Amboß. Dann gab er Siegfried den allerschwersten Hammer. Den konnte keiner von den gesellen heben. Doch Siegfried schwang ihn wie ein Spielzeug und schlug mit solcher Kraft auf das Eisen, daß der Amboß einen halben Meter in den Boden fuhr. Und der Hammerstiel brach in der Mitte auseinander.

"Hoho, du machst mir ja mein Werkzeug hin", schimpfte Meister Mime. Und der Obergeselle schlug mit der Zange nach Siegfried. Das ließ sich Siegfried nicht gefallen. Er packte den Obergesellen bei den Haaren und schleifte ihn zur Tür hinaus. Mit den anderen gesellen machte er es auch so. Und als Mime mit einer Eisenstange nach Siegfried schlug, warf ihn Siegfried auf den Boden, daß es nur so krachte. Dem Meister wurde ganz dumm dabei und er glaubte, alle seine Knochen wären gebrochen.

So schlimm war es nun gerade nicht. Doch der Meister ärgerte sich sehr. Die ganze Nacht machte er kein Auge zu. Er dachte nach, wie er es dem Siegfried heimzahlen könnte. Und es viel ihm auch etwas ein.

Am anderen Morgen sprach er freundlich zu Siegfried: "Heute nachmittag kannst du dir dein Schwert schmieden. Wir haben aber keine Kohlen mehr. Du mußt zum Köhler gehen und Kohlen holen. Inzwischen richte ich das beste Eisen her. Du sollst ein Schwert haben, wie auf der Welt keines mehr gibt." Siegfried war natürlich gleich dabei und der Schmied erklärte ihm den Weg zum Köhler. Siegfried dachte nicht daran, daß ihm der Schmied eine falle stellte.

Der Lindwurm

Der Weg führte durch den Wald. Lustig sangen die Vögel und Siegfried freute sich richtig, daß er wieder einmal im Wald herumspringen konnte. Aber als er so drei Stunden gegangen war, wurde es auf einmal still. Kein Vogel sang mehr. Und kein Häslein trippelte über den Weg. Da hörte Siegfried auf einmal ein gar seltsames Zischen und Schnauben. Furchtlos ging Siegfried drauf zu und kam an einen uralten Lindenbaum. Neben der Linde war ein Sumpf. Darin wälzten sich abscheuliche Schlangen.

Als Siegfried so guckte, schoß aus einer Höhle unter dem Lindenbaum ein gräßliches Ungeheuer hervor. Es sah aus wie eine riesengroße Eidechse. Auf dem Buckel hatte es einen zackigen Kamm und an den Beinen messerscharfe Krallen. Es sperrte seinen Rachen türweit auf und wollte Siegfried verschlingen.

Doch Siegfried riß einen Eichenbaum aus und stieß ihn, mit den Wurzeln voraus, dem Lindwurm ins Maul. Fröhlich schrie er dabei: "Mahlzeit! Soll dir gut schmecken!" Dann warf er Ast um Ast, Baum um Baum auf das schreckliche Vieh. Der Lindwurm verwickelte sich mit dem Schwanz und den Krallen in dem Geäst wie ein Fisch im Netz. Wild schlug er um sich. Aber es half ihm nichts. In großen Sprüngen sauste Siegfried zum Köhler und sagte: "Lieber Köhler, gib mir schnell einen Krug voll Kohlenfeuer!" Der Köhler tat das gern und Siegfried sauste wieder zurück. Dann zündete er mit den Kohlen dürres Holz an und warf es auf den Holzhaufen. Der Wind blies in das Feuerlein und bald brannte das Geäst an allen Ecken hellauf. Und der Lindwurm mußte drin braten wie die Gans in der Bratpfanne.

Dabei schmolz seine Hornhaut. Es war gerade so, als wenn man Wachs ins Feuer legt. Und siehe! Wie das Feuer langsam verlosch, floß aus einer Ecke eine dicke Brühe wie ein kleines Bächlein heraus. Es war heißes Fett und Horn. Neugierig tauchte Siegfried den rechten Zeigefinger hinein.

Und wie die Hornbrühe kalt wurde, glänzte die Fingerspitze. Um den Finger hatte Siegfried eine feste Hornhaut. Da rief er: "Fein, das kann ich gut gebrauchen!" Schnell zog er sich aus und badete sich in dem flüssigen Horn. Und dann jubelte er: "Hei,! Jetzt kann mich kein Schwert und kein Speer verwunden." Voll Freude zog er sich wieder an.

Aber Siegfried hatte sich getäuscht. Vom Lindenbaum war ein Blatt heruntergefallen und hatte sich gerade mitten auf den Rücken von Siegfried gesetzt. Wo das Lindenblatt war, konnte kein Horn hin. An der Stelle war weiße Haut. Und da war Siegfried verwundbar.

Bei den Nibelungen

Jung Siegfried wanderte weiter. Nach vielen Monden kam er an einen Berg. Aus dem Berg trippelten seltsame Zwergleute, wie er noch keine gesehen hatte. Es waren die Nibelungen. Ihr König war gestorben. Nun schleppten sie seinen Schatz heraus. Vor dem Eingang in die Berghöhle standen die beiden Söhne des toten Zwergkönigs. Sie stritten miteinander. Jeder wollte das meiste von dem Gold haben.

Als Siegfried bei ihnen war, rief der eine: "Das ist ja der starke Siegfried!" Sie grüßten den jungen Helden höflich und sagten: "Lieber Siegfried, willst du uns den Schatz gerecht teilen, daß jeder gleich viel bekommt? Wir schenken dir dafür den Balmung." Und gleich schleppten sechs Zwerge den Balmung herbei. Da freute sich Siegfried. Denn der Balmung war das beste Schwert, das es gab. Siegfried packte den Balmung und schlug einen Baum in der Mitte auseinander, wie man mit einem Rastermesser ein Blatt Papier auseinanderschneidet. Und der Balmung hatte nicht einmal eine Scharte.

Dann sprach Siegfried: "Nun bringt mir den Schatz herbei! Ich will ihn teilen." Das Zwergenvolk schleppte was es konnte. Haushoch lagen die Ketten und Ringe, Becher und Schalen, Schilde und Schwerter da. Hundert Wagen hätten den Schatz nicht fortschaffen können.

Das war nun eine große Arbeit für Siegfried, den Schatz halb auf halb zu teilen. Siegfried machte es, so gut er es eben konnte. Aber die Brüder waren nicht zufrieden und schimpften ihn. Sie riefen ihre Zwölf Riesen herbei. Die sollten Siegfried fesseln und in den Berg sperren. Doch Siegfried hatte ja den Balmung. Der blitzte auf die Riesen nieder. Siegfried erschlug alle zwölf. Da stellten die Zwerge ihre Ritter in Reih und Glied auf. Die marschierten auf Siegfried los. Aber Siegfried erschlug auch sie alle. Als der Kampf aus war, lagen die zwölf Königssöhne und siebenhundert Ritter tot am Boden.

Siegfried schnaufte auf. Da erhielt er einen Schlag nach dem andern. Und doch sah er niemand. Der Unsichtbare aber war Alberich, ein Diener des Nibelungenkönigs. Er hatte sich die Tarnkappe aufgesetzt. Dadurch bekam er die Kraft von zwölf Männern und konnte von niemand gesehen werden. Siegfried wehrte sich tapfer und gab scharf acht, woher die Schläge kamen. Als er wieder einen Hieb von der linken Seite bekam, schnellte er wie eine Katze in die Höhe. Er hatte Glück. Denn er erwischte die Tarnkappe und riß sie dem Alberich herunter.

Da kniete das Zwerglein vor ihm und bat: "Hab Mitleid mit mir! Du hast mich besiegt. Drum bist du mein neuer Herr! ich will dir dienen." Siegfried gefiel die Tapferkeit des Zwerges und er sprach: "Schwöre mir Treue bis in den Tod!" Alberich tat es. Dann führte er Siegfried in den hohlen Berg in das Nibelungenland. Die Zwergleute hatten sich schon versammelt und Alberich sprach: "Das ist Siegfried, der Herr des Nibelungenlandes." Darauf sprach Siegfried mit lauter Stimme: "Und Alberich ist mein Statthalter. Er ist euer Herr, bis zurückkomme."

Dann ließ Siegfried den Nibelungenschatz wieder in die Schatzkammer tragen. Nur ein Ringlein, das zauberisch funkelte, steckte er an den Finger. Voll Angst rief Alberich: "Herr, nimm diesen Ring nicht! Der bringt dir Unglück!" Doch Siegfried lachte den Zwerg aus.

Dann suchte sich Siegfried die zwölf tapfersten Ritter aus, nahm Abschied von den Nibelungen und ritt froh und freudig mit seinen Rittern von dannen.

Der Kampf mit dem Drachen

Die dreizehn Ritten durch manches Land und durch manche Stadt. Überall wurden sie mit Jubel und Heilrufen begrüßt. So kamen sie eines Tages in die herrliche Stadt Worms am Rhein.

Aber dort war große Trauer. Es war gerade ein Fest in der Stadt gefeiert worden. Da war wie ein Gewittersturm ein greulicher Drache herangeflogen und hatte die wunderschöne Kriemhild mit seinen Tatzen ergriffen und durch die Luft fortgetragen. Die Ritter hatten gleich mit den Pfeilen nach ihm geschossen. Aber an der Panzerhaut des Ungeheuers waren die Pfeile wie Zündhölzer abgebrochen.

Als Siegfried das hörte, blitzten seine Augen und er rief: "Hollaho! Ihr Hasenschwänze! Warum seid ihr dem Drachen nicht nachgejagt?" - "Du bist verrückt, junger Geselle", rief ihm der schwarze Hagen zu, "haben wir vielleicht Flügel, daß wir dem scheußlichen Vieh durch Wind und Wolken nachjagen können?" Siegfried sprach darauf: "Flügel hab ich auch nicht. Aber ich werde den Drachen suchen und dann erschlagen." Hagen schüttelte den Kopf und sagte: "Es wäre besser, du würdest warten bis dir der Bart gewachsen ist. Ein Drache ist kein Schmetterling!"

Aber Siegfried war schon auf sein Roß gesprungen. Seine Nibelungen wollten ihn begleiten. Doch Siegfried ließ sie nicht mitreiten. Er wollte allein den Drachen töten.

Siegfried ritt an den Rhein. Ein Fährmann fuhr ihn an das andere Ufer und erzählte ihm: "Der Drache haust auf dem Drachenstein. Du mußt immer nach Norden reiten. Aber es ist schade um dein junges Blut."

So ritt Siegfried immer nach Norden, durch wilde Wälder, viele tage lang. Endlich sah er aus dem Wald einen hohen Felsenberg herausschauen. Das muß der Drachenstein sein, dachte sich Siegfried. Er ließ sein Roß auf einer Waldwiese grasen und kletterte den steilen Felsen hinauf.

Als er oben war, stand er vor einer riesigen Höhle. Am Eingang lagen in großen Haufen Knochen von Wölfen, Bären und Pferden. Da rief Siegfried laut: "Aha, jetzt hab ich dich gefunden, alter Räuber! Jetzt geht es dir an den Kragen!" Und er packte den Balmung fester und stieg in die Höhle hinein.

Zuerst tappte Siegfried im Finstern umher. Aber auf einmal sah er weit hinten zwei schreckliche Lichter erscheinen. Das waren die Augen des Drachen. "Hollaho und hollahe", brüllte Siegfried, daß es in der Höhle nur so schallte.

Da kam der Drache auf ihn zugekrochen. Er war gewiß hundert Meter lang und hatte garstige Flügel wie die Fledermaus. Er sperrte seinen Rachen so weit auf, daß er mit einem Schnapper einen Heuwagen hätte verschlingen können. Mit dem Schwanz schlug er wild um sich. Seine Doppelzunge züngelte. Aus dem Rachen und den Nasenlöchern stieß er heißen, giftigen Atem hervor. Siegfried wurde schwindlig und sprang zur Seite.

Aber gleich griff erden Drachen an. Er wollte ihm den Balmung in den Rachen stoßen. Doch er hielt den Atem des Scheusals nicht aus. Wieder sprang er zur Seite und schlug mit aller Wucht auf den Drachen los. Aber der Balmung bis einfach nicht in die Panzerhaut. Eine ganze Stunde war schon vergangen und der Drache hatte noch nicht einmal eine kleine Wunde. Aus dem Rachen spie er nun vor Zorn Rauch und Feuer. Auf einmal stand er auf den Hinterbeinen auf und wollte Siegfried erdrücken. Blitzschnell sprang Siegfried unter ihn und stieß ihm den Balmung in den weichen Bauch, dort, wo keine Panzerhaut war. Der Balmung fuhr bis an den Griff, mitten in das Herz des Ungeheuers, hinein.

Fürchterlich, wie Donnerrollen, heulte der Drache. Baumdick schoß das schwarze Blut heraus. Noch einmal richtete sich der Drache auf. Dann schlug er mit solcher Wucht zu Boden, daß der Berg erzitterte. Er zuckte ein paarmal, stieß noch sein letztes Feuer heraus, legte sich auf die Seite und aus war's mit ihm.

Siegfried tat einen Juhschrei und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß aus dem Gesicht.. Dann sprang er auf den toten Drachen und schrie, was er herausbrachte: "Kriemhild! Kriemhild! Kriemhild!" Und siehe! da kam aus einer Seitenhöhle ein Fackelschein immer näher. Und bald trat die wunderschöne Kriemhild heraus, scheu und schüchtern, so wie ein Reh aus dem Dickicht sucht.

Sie war ganz bleich und blaß. Denn sie hatte den schrecklichen Kampf aus der Ferne mitangehört. Als sie den Drachen tot daliegen sah, eilte sie auf Siegfried zu, umarmte ihn und weinte vor Freude. Und sie rief: "Dank dir, Drachentöter!"

Siegfried aber sprach: "Nicht eine Minute wollen wir noch in dem Teufelsloch bleiben!" Und führte sie an der Hand aus der Höhle und die beiden sprangen lustig und lachend den Berg hinab wie frohe Kinder. Unten hob er Kriemhild aufs Pferd und lief nebenher. Nicht einmal in der Nacht rasteten sie. Denn sie wollten heim.

Und was das für eine Freude war und für ein Fest, als sie nach Worms kamen, das mag sich jeder selber ausdenken!

(Quelle: Deutsche Helden aus alten Zeiten. Den Kindern der Grundschule erzählt von Hans Stanglmaier Verlag R. Oldenbourg , München und Berlin, Jadu 2000)

Besuchen Sie auch unsere Mittelalterseiten.


© Copyright 2000 by JADU

 

Webmaster