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Eine Geschichte

Zwei Jäger, die schon seit Lebzeiten Freunde waren, gingen eines Tages zusammen in den Wald mit dem schon vor langer Zeit geplanten Entschluß, endlich einmal die Fährte des großen Bären, der im Wald lebte, zu verfolgen.

Sie packten Brote und Obst in ihre Rucksäcke, weil sie ja nicht voraussehen konnten, wie lange sie auf der Suche nach dem Bären sein würden. Außerdem war der Wald sehr groß, und einen Wandertag brauchten sie schon allein, um in das Bärenrevier zu kommen.

So machten sie sich eines Morgens in aller Frühe auf und pirschten nun durch das Dickicht und Gestrüpp des Waldes. Sie waren gerade einen halben Tag gewandert, als sie dem großen Bären ganz unerwartet direkt gegenüber standen.
Beide waren sehr erschrocken, denn so plötzlich hatten sie sich die Begegnung nicht vorgestellt. Der eine kletterte, ohne sich nur im geringsten um seinen Freund zu kümmern auf den nächsten Baum, um sich in den Ästen zu verstecken.
Der andere sah, daß er auf sich allein gestellt war und ohne jede Hilfe gegen den Bären keine Chance hatte. Da fiel ihm ein, daß Bären sich nie mit einem Leichnam abgeben.

So ließ er sich zu Boden fallen und tat so, als ob er tot sei. Der große Bär kam näher, steckte seinen Kopf vor und beschnüffelte mit seiner Schnauze das Gesicht des Jägers. Dieser hielt den Atem an und lag stocksteif da. Bald wandte sich der Bär wieder ab und tappte langsam davon.
Nachdem das gewaltige Tier verschwunden war, kam der andere Jäger vom Baum heruntergeklettert und sprach zu seinem Freund: "Ich sah, daß der Bär seine Schnauze ganz dicht an Dein Ohr hielt. Hat
er Dir etwas zugeflüstert?" "Oh ja", sagte der andere, der auf den Boden gelegen und sich tot gestellt hatte. Er sprach zu mir: "Sag, sind das Deine Freunde, die davonrennen, wenn Gefahr droht?"

Reinhild Schlautmann (Berlin)


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