Gullivers Reisen
von Jonathan Swift
| Erstes Kapitel | Wie Gulliver Schiffsarzt wurde - Wie er Schiffbruch litt und in die Gewalt der Zwerge geriet. |
| Zweites Kapitel | Der Kaiser von Liliput - Gulliver erlernt die Landessprache. - Er muß sich die Taschen ausräumen lassen. |
| Drittes Kapitel | Von Seiltänzern und Stockspringern. - Kavalleriemanöver auf dem Schnupftuch. - Der wiedergefundene Hut.- Gulliver steht breitbeinig und erlangt seine Freiheit. |
| Viertes Kapitel | Gulliver besichtigt die Hauptstadt und küßt der Kaiserin die Hand. - Von Hochhackigen und Flachhackingen. - Von Dickendern und Spitzendern. - Kriegsgefahr. |
| Fünftes Kapitel | Warum Gulliver Hafen und Leinen verfertigt. - Wie ihm seine Brille zu statten kommt. - Etwas von der Undankbarkeit der Fürsten. - Warum Abgesandte von Blefusku ihn aufsuchen. |
| Sechstes Kapitel | Etwas über Menschen, Tiere und Pflanzen in Liliput. - Gesetze, Gebräuche und Ansichten. - Die Menschen sind überall dieselben. - Näherinnen und Schneider. - Der große Fresser wird gefährlich. |
| Siebentes Kapitel | Warum Gulliver sein Lederwams auf den kaiserlichen Palast deckte. - Warum man ihn des Augenlichts berauben und ihn verhungern lassen wollte. - Er reist nach Blefusku. |
| Achtes Kapitel | Gulliver findet ein Boot. - Warum er nicht gefesselt nach Liliput geschickt wird. - Ausrüstung des Bootes. - Abschied von Blefusku. - Heimkehr. |
![]() |
Die Reise nach Liliput
|
![]() |
Achtes Kapitel
Gulliver findet ein Boot. - Warum er nicht gefesselt nach Liliput geschickt
wird.
- Ausrüstung des Bootes. - Abschied von Blefusku. - Heimkehr.
|
Drei Tage waren vergangen. Hof und Bevölkerung hatten mich freundlich aufgenommen und reichlich bewirtet, und ich hätte mich ganz wohlgefühlt, wenn nur ein Haus für mich dagewesen wäre; hieran aber mangelte es, und so mußte ich die Nächte unter freien Himmel zubringen. Das hatte ich allerdings vorausgesehen und deshalb meine Bettdecke von Liliput mit herübergebracht. Als ich am vierten Tage an der Nordostküste der Insel entlang spazierte, sah ich etwa eine halbe Meile entfernt einen Gegenstand auf dem Wasser treiben, in dem ich ein gekentertes Boot zu erkennen meinte. Ich zog Schuhe und Strümpfe ab und watete dreihundert Ellen in die See hinaus; das Ding trieb mit der Strömung näher und näher - es war wirklich ein Boot! Eilig rannte ich zur Stadt und bat den Kaiser, mir zwanzig von den ihm gebliebenen Schiffen zu leihen, dazu dreitausend Seeleute. Dies Geschwader segelte unter dem Befehl des Vizeadmirals nach der von mir bezeichneten Gegend, während ich wieder den kürzesten Weg nach der Küste einschlug. Das Boot war inzwischen noch näher gekommen. Ich watete bis auf hundert Ellen an das kieloben treibende Fahrzeug heran, dann mußte ich schwimmen. Von den Schiffen wurde wir eine Leine zugeworfen, die ich vorher in aller Eile aus einer Anzahl winziger Taue gedreht hatte; ich befestigte sie am Boot und ließ nun beides von dem größten Schiffe in Schlepp nehmen. Damit wäre nun freilich nicht viel erreicht worden, wenn ich nicht hinter das Boot geschwommen wäre und es nach Kräften vorwärts gestoßen hätte. Als ich nach langer und mühseliger Arbeit endlich Grund unter den Füßen spürte, spannte ich noch neun andere Schiffe an das Boot; der Wind war günstig, die Segel standen voll, ich schob von hinten und so gelangen wir endliche bis auf vierzig Ellen an den Strand. Hier ließen wir das Boot liegen und warteten, bis die Ebbe am niedrigsten war und das Fahrzeug auf dem Trockenen lag. Mit hilfe von zweitausend Mann, mit Leinen und Windeln stellte ich es auf den Kiel und sah nun zu meiner größten Freude, daß es nur geringe Beschädigung erlitten hatte. Bald war das Fahrzeug ausgebessert und wieder völlig seetüchtig; um es fortbewegen zu können, fertigte ich mir ein paar Paddelruder an, ein schweres Stück Arbeit, das zehn Tage in Anspruch nahm. Hierauf fuhr ich mit dem Boot die Küste entlang bis in den Hafen von Blefusku, wo ungezähltes Volk zusammenlief, weil ein Fahrzeug von so ungeheurer Größe noch niemals dort gesehen worden war. Ich machte dem Kaiser Meldung von dem Glücksumstand, der mir das Boot zugeführt hatte, mit dem ich nun einen Ort zu erreichen hoffte, wo europäische Schiffe verkehrten, von denen eins mich wohl nach meiner geliebten Heimat bringen würde. Ich bat Se. Majestät, befehlen zu wollen, daß das Boot für eine solche Fahrt ausgerüstet würde, und mir zugleich die Erlaubnis zur Abreise zu erteilen. Beide Gesuche wurden von dem hohen Herrn in den gnädigsten Ausdrücken bewilligt. Ich hatte mich im stillen längst darüber gewundert, daß von Liliput aus wegen meiner Wenigkeit noch keine Botschaft am Hofe von Blefusku eingetroffen war. Eines Tages aber erfuhr ich von privater Seite, daß der liliputanische Kaiser, nachdem er lange vergeblich meiner Rückkehr geharrt, wirklich eine Person von Rang mit einer Abschrift der Anklageartikel nach Befusku entsendet habe, mit dem Auftrage, dem Herrscher dieses Landes die große Milde seines Monarchen zu schildern, der sich mit dem Verlust meiner Augen bestrafen zu wollen. Ich aber hätte mich dieser so überaus gnädigen Strafe durch die Flucht entzogen. Fände ich mich nicht unverzüglich wieder in Liliput ein so sollte ich meines Nardaktitels verlustig sein und öffentlich als Verräter ausgerufen werden. Außerdem erwarte der Kaiser von Liliput, daß sein vielgeliebter Bruder von Blefusku im Interesse des Friedens und der Freundschaft zwischen beiden Reichen Befehl geben würde, mich an Händen und Füßen gebunden nach Liliput zurückzuschicken, damit dort die Strafe an mir vollzogen werden könne. Der Kaiser von Blefusku bat sich drei Tage Bedenkzeit aus, dann erteilte er folgende Antwort: Den Menschenberg gebunden zurückzuschicken sei, wie sein Bruder doch wissen müsse, einfach ein Ding der Unmöglichkeit. Obgleich ich ihn seiner Flotte beraubt hätte, so sei er mir andererseits zu großem Dank verpflichtet wegen der guten Dienste, die ich ihm beim Abschluß des Friedens geleistet habe; im übrigen aber hätte ich kürzlich ein riesengroßes Fahrzeug an der Küste gefunden, geräumig genug, mich über die See zu tragen; dieses Fahrzeug würde auf seinem Befehl und unter meiner Beihilfe gegenwärtig ausgerüstet, und er hoffe, daß nach wenigen Wochen beide Reiche die auf Dauer unerträgliche Last losgeworden sein würden Mit diesem Bescheide kehrte der Abgesandte nach Liliput zurück. Der Kaiser von Blefusku aber teilte mir alles haarklein mit und versicherte mich unter dem Siegel der Verschwiegenheit seiner gnädigsten Gesinnung, wenn ich mich entschließen wolle, in seinem Dienste zu verbleiben. Obwohl ich überzeugt war, daß er`s ehrlich meinte, so stand dennoch mein Entschluß fest, niemals wieder mein Vertrauen auf Fürsten und Fürstendiener zu setzen, und deshalb bat ich ihn demütig, mir nicht zu zürnen, wenn ich auf diese Gnade verzichtete. Seit der Zufall, sei`s nun ein guter oder ein böser gewesen, mir das Boot beschert habe, sei ich fest enrschlossen, mich lieber den Gefahren der See preiszugeben, als die Ursache des Zerwürfnisses zwischen zwei so mächtigen Monarchen zu werden. Der Kaiser
war durch meine Weigerung keineswegs verletzt, im Gegenteil, mein Entschluß
gefiel ihm sehr wohl und auch die meißten seiner Minister begrüßten
ihn mit Freude. Ich beschleunigte meine Vorbereitungen nach Kräften, und der Hof, ungeduldig mich loszuwerden, leistete mir dabei jeglichen Vorschub. Fünfhundert Arbeiter waren mit der Herstellung zweier Segel beschäftigt, zu welchem Zweck dreizehn Lagen des stärksten Leinens übereinander genäht werden mußten. Das Tauwerk und die Leinen stellte ich selber her, indem ich, je nach der erforderlichen Stärke, zehn, zwanzig oder dreißig der stärksten einheimischen Kabeltaue zusammendrehte. Ein großer Stein, den ich nach langem Suchen am Strande fand, wurde zum Anker bestimmt. Um den zum Einfetten der äußeren Bootsplanken und zu anderen Zwecken nötigen Talg zu erlangen, mußten dreihundert Kühe geschlachtet werden. Eine sehr große Mühe verursachte mir die Herstellung der Masten und der Ruder, obgleich ich von den Schiffszimmerleuten Sr. Majestät dabei redlich unterstützt wurde. Nach vier Wochen war ich zur Abfahrt bereit. Der Kaiser erschien mit seiner Familie auf dem Platz vor dem Palaste, wohin ich mich begeben hatte. Ich legte mich schon vor ihm auf die erde, um ihm die Hand zu küssen, was er mir gnädigst gestattete; eine gleiche Ehre erwies mir die Kaiserin. Seine Majestät beschenkte mich mit fünfzig Geldbeuteln, deren jeder zweihundert Sprugs enthielt, außerdem verehrte er mir sein lebensgroßes Bildnis, das ich in den linken Handschuh schob, um es vor Beschädigungen zu bewahren. Ich muß mir versagen, die übrigen Abschiedszeremonien hier zu beschreiben, da sie zu zahlreich und mannigfaltig waren. Meine Bootsvorräte bestanden aus hundert geschlachteten Ochsen und dreihundert Schafen, dazu Brot und Getränke in angemessenen Quantitäten. Von bereits hergerichteten Speisen nahm ich soviel an Bord, als vierhundert Köche zu liefern vermochten. Außerdem ließ ich sechs Kühe und zwei Stiere lebendig an Bord schaffen, desgleichen sechs Schafe und zwei Böcke, um daheim zu versuchen, die Rasse einzubürgern und zu vermehren. Als Futter für die Tiere nahm ich Heu und Korn mit. Gern hätte ich auch ein Dutzend der Eingeborenen mitgenommen, allein das wollte der Kaiser nicht gestatten; er ließ nicht nur meine Taschen durchsuchen, sondern nahm mir auch das Ehrenwort ab, keinen seiner Untertanen heimlich zu entführen, selbst wenn diese mich darum bitten sollten. Am 24. September des Jahres 1701, um 6 Uhr morgens, ging ich in See. Der Wind kam aus Südost; ich ließ das Boot in nordöstlicher Richtung laufen , bis ich gegen 6 Uhr abends eine Insel in nordöstlicher Richtung erspähte. Ich steuerte darauf zu und ging auf der Leerseite des anscheinend unbewohnten Eilandes zu Anker. Als ich am nächsten Morgen aus dem Schlafe erwachte, war der Tag noch nicht angebrochen. Nach eingenommenem Frühstück nahm ich den Ankerstein auf, ging unter Segel und steuerte denselben Kurs wie am Tage zuvor, wobei ich mich nach meinem Taschenkompaß richtete. Ich hatte die Absicht, eine der Inseln zu erreichen, die, meiner Meinung nach, nordöstlich von Bandiemensland liegen mußten. Der Tag verging, ohne etwas in Sicht zu bringen, am Nachmittag des folgenden Tages aber, als ich nach meiner Rechnung zweiundsiebzig Seemeilen zurückgelegt haben mußte, gewahrte ich ein Schiff, das südöstlich Kurs steuerte. Ich rief es an, erhielt aber keine Antwort. Ich setzte alle Segel und hatte endlich die Freude, von dem fremden Segel und hatte endlich die Freude, von dem fremden Segler bemerkt zu werden. Er setzte seine Flagge und feuerte einen Schuß ab; dann braßt er die Raaen back und ließ mich herankommen. Mit unbeschreiblichem Entzücken erkannte ich in der Flagge die meines treuen Vaterlandes. Gegen 5 Uhr nachmittags lag ich mit meinem Boot langseit. Ich streckte meinen Viehbestand in die Taschen meines Rockes und kletterte an Bord. Das Schiff war ein englischer Kauffahrer, auf der Heimfahrt von Japan. In Mr. John Bibbel, dem Kapitän, lernte ich einen liebenswürdigen Herrn und trefflichen Seemann kennen. Unsere Begegnung fand unter dem 30. Grad südlicher Breite statt. Unter der etwa fünfzig Mann starken Besatzung fand ich einen alten Bekannten, einen gewissen Peter William, der vor dem Kapitän ein gutes Zeugnis für mich ablegte. Der letztere wollte natürlich wissen, woher ich käme, als ich ihm dies kurz berichtete, da meinte er, ich wäre übergeschnappt und befürchtete, daß die Gefahren und Nöte, die ich zu überstehen gehabt, mir den Verstand verwirrt hätten. Ich aber holte ruhig meine Rinder und Schafe aus der Tasche; der Anblick dieser Geschöpfe erfüllte ihn mit höchstem Erstaunen, und nun zweifelte er nicht länger an meinen gesunden Sinnen und an meiner Wahrhaftigkeit. Ich zeigte ihm auch das Gold, das der Kaiser von Blefusku mir geschenkt hatte, ebenso das lebensgroße Bildnis dieses Herrschers. Ich verehrte ihm zwei der Geldbeutel mit zweihundert Sprugs in jedem, und versprach außerdem, ihm bei unserer Ankunft in England noch eine trächtige Kuh und ein trächtiges Schaf zu geben. Die Reise verlief glücklich und ohne besondere Abenteuer. Am 13. April 1702 langten wir vor Mündung der Themse an. Ein Mißgeschick hatte ich alledings zu verzeichnen. Die Ratten an Bord hatten eins meiner Schafe geraubt; ich fand seine abgenagten Knochen in einem Winkel. Die übrigen Tiere brachte ich sicher ans Land, und als ich sie in Greenwich auf einen Grasplatz setzte, da begannen sie sogleich eifrig zu weiden, was mich sehr wunderte, da das Gras hier doch ungleich größer war, als daheim in Blefusku. Ich hätte die Tiere nimmermehr lebendig nach England gebracht, wenn Kapitän Biddel mir nicht sein feinstes Hartbrot zur Verfügung gestellt hätte; dies zu Pulver zerstampftes Brot bildete, mit Wasser vermischt, zuletzt die einzige Nahrung der Tiere. Während der kurzen Zeit meines Aufenthaltes in England erwiesen sich meine Kühe und Schafe als eine gute Einnahmequelle für mich; ich stellte sie öffentlich aus, und Hoch und Niedrig kam, sie anzustaunen. Vor Antritt meiner zweiten Reise verkaufte ich sie für sechshundert Pfund Sterling. Die Tiere, besonders die Schafe, vermehrten sich schnell, und ich will hoffen, daß England Nutzen davon haben möge, da die Wolle dieser Schafe außerordentlich weich und dicht ist. Nur zwei Monate verweilte ich daheim bei Weib und Kindern, denn länger ließ mir der unstillbare Wunsch, fremde Länder zu sehen, keine Ruhe. Ich bereitete meiner Familie eine gute Wohnung in Redriff und händigte meiner Frau eine Summe von fünfzehnhundert Pfund. Was an Geld und Geldeswert übrig war, nahm ich mit, um es in der Fremde zu vermehren. Mein Onkel John hatte ein kleines Gütchen in der Nähe von Epping hinterlassen, das mir jährlich dreißig Pfund Sterling einbrachte; ein anderes Grundstück gab einen ähnlichen Ertrag, ich brauchte daher nicht zu fürchten, daß die Meinen in Not geraten würden. Mein Sohn Johnnie besuchte die hohe Schule und berechtigte zu den besten Hoffnungen. Meine Tochter Beet, jetzt verheiratet und Mutter mehrerer Kinder, ging in die Nähschule. Beim Abschied flossen die Tränen auf beiden Seiten reichlich, aber das half nichts. Ich begab mich an Bord der "Adventure", eines Kauffahrers von dreihundert Tonnen; der Kapitän hieß John Nikolas und war aus Liverpool. Die Reise sollte nach Surat gehen. Den Bericht darüber denke ich im zweiten Teil meiner Reisebeschreibung niederzulegen. |
![]() |
| Quelle: Gullivers Reisen, Turmverlag Albert Platzek 1904, von Maco by Jadu 2003 |