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Gutenberg Gedenkfeier

Von Professor Dr. H. Michels
Presse
Johann Gutenberg

Vieles Gewaltige lebt, doch nichts ist gewaltiger als der Mensch! So sang vor Jahrhunderten der alte griechische Dichter Sophokles, und heute findet sein Lobpreis auf die menschliche Intelligenz und Kraft ein begeisterte Echo denn je. Es geht durch unsere Zeit ein stolzer und selbstbewußter Zug, ein Zug siegreicher Kraft und frohen Mutes, der nicht resigniert rückwärts schaut, sondern hoffnungsfreudig in die Zukunft blickt. Kaum ein Tag vergeht, der nicht eine neue Errungenschaft der Technik, eine neue Erkenntnis der Wissenschaft aufzuweisen hätte. Und auch die Frau nimmt heute bewußteren Anteil an dem frischem Vorwärtsstreben der Zeit, als es früher der Fall war. So dürfen wir es denn nicht unterlassen, in diesen Tagen, da die gute, alte Stadt Mainz sich angeschickt hat, das Fünfjahrhunderte Andenken ihres großen Bürgers Johannes Gutenberg festlich zu begehen, an dieser Stelle unsere Leserinnen an das zu erinnern, was die gesamte Welt diesem Mann verdankt.

Es mag wohl Entdeckungen geben, die unmittelbarer und für alle Augen ersichtlicher auf die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse eines Volkes umgestaltend gewirkt haben; wie Dampf und Elektrizität unsere Begriffe von Raum und Zeit praktisch gewandelt haben, wie sie unserem gesamten sozialen Leben eine völlig neue Grundlage gegeben haben, darüber heute noch zu reden, ist nicht nötig. Und doch können sich diese Entdeckungen der letzten beiden Jahrhunderte mit dem nicht annähernd messen, was die Erfindung der Buchdruckerkunst für das gesamte Kulturleben der ganzen Welt bedeutet keine Entdeckung - das darf wohl ohne Einschränkung gesagt werden - trägt einen derartigen universellen Charakter, wie die Entdeckung Gutenbergs, seine ist für den gesamten Kulturfortschritt in jeder Hinsicht von so weittragender Bedeutung gewesen; gebt es doch innerhalb unserer Kulturwelt keine Schicht und seinen Stand, der nicht ganz unmittelbar an dem, was Gutenberg der Welt gegeben, teilnimmt.

Wir Kinder einer neuen Zeit, in der die Presse zu einer Großmacht geworden ist, können uns kaum mehr hineindenken in jene ferne Vergangenheit, da ein Buch noch einen Schatz bedeutete, da uns die Kunde von Mund zu Mund kümmerlich und dürftig den Bericht von Ereignissen und Geschehnissen weiter trug. Kein Wunder, daß damals die neue Entdeckung als ein Wunder angestaunt wurde, das man überirdischen Kräften zuschrieb, daß man es betrachtete als den Umbruch einer neuen Zeit, einer Zeit, die die Welt von damals aus ihren Fugen reißen würde. Wir können nur nachempfindend ahnen, was damals die Zeitgenossen der großen Erfindung bewegt haben mag. Aber gerade, weil uns die Resultate der Gutenbergschen Entdeckung zu etwas so Selbstverständlichen geworden sind, mag es hier gestattet sein, wenigstens auf einige Thatsachen hinzuweisen, die Tragweite und Bedeutung dessen, was Gutenberg geschaffen, beleuchten.

Blicken wir nur auf das uns modernen Menschen Nächstliegende: auf die Presse. Zeitungen und Zeitschriften sind uns heute zu etwas so Selbstverständlichen geworden, daß niemand sie entbehren möchte und ohne Einbuße auch nicht könnte. Die Presse ist es, die es erst der Gesamtheit eines Volkes in all seinen Schichten möglich macht, persönlich Anteil an den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Interessen zu nehmen; die Breite ist es, die die bewegenden Zeitideen der Masse vermittelt, die den einzelnen befähigt, der Gesamtentwicklung eines Volkes in staatlicher, wirtschaftlicher und geistiger Beziehung zu folgen, die es ihm ermöglicht, persönlich zu den brennenden Fragen der Zeit Stellung zu nehmen. Die Presse ist es, die die neu angenommenen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Gemeingut aller macht, die im bestem Sinne des Wortes aufklären, bilden und erziehen soll. Die Presse ist nicht nur ein Band, das die Glieder des eines Volkes unter sich verbindet und näher rückt, sie schlägt auch die Brücke von Nation zu Nation. Die Aufgaben de Presse sind so groß, daß sie nicht ideal genug aufgefaßt werden können, und wenn dies nicht geschieht, so ist dies nicht Gutenbergs Schuld, der uns mit seiner Erfindung auch indirekt die Presse gab. Der Rahmen des zum großen Teil auch thatsächlichen thut, auch nur annähernd zu erschöpfen, wir wollten nur auf ein paar Punkte hinweisen, um zum Weiterspinnen eines Gedankens anzuregen, der geeignet ist, ein Licht auf die Tragweite der Entdeckung zu werfen, die wir in diesen Tagen gleichzeitig mit ihrem Vater feiern.

Und dann das ganze weite Feld der allgemeinen Geistesbildung und Wissenschaft. Welch ein gewaltiger Unterschied für den durchschnittlichen Kulturzustand eines Volkes, ob eine neue, leitende politische oder soziale Idee, eine wissenschaftliche Entdeckung, ein Kunstwert in poetische Form nur einem kleinen und engem Kreise von " künftigen " langsam, oder weiten Schichten auf verhältnismäßig schnellen Wege zugänglich gemacht werden kann! Was ist der genialste Gedanke, die zündendste Idee, wenn es kein Mittel gibt, sie so schnell wie möglich und so weit wie möglich zu vermitteln . Schon der alttestamentliche Dulder Hiob klagt: " Ach, daß meine Reden geschrieben würden! Ach, daß sie in ein Buch gestellet würden!" Dem Bedürfnis, die eigene Gedanken- und Gefühlswelt, daß, was Geist oder Herz bewegt, das was als etwas Ewiges und Fruchtzeugendes in einem lebt, der Gesamtheit zu übermitteln und sie daran teilnehmen zu lassen, diesem Bedürfnis als letztem Hebel aller Kultur hat Gutenberg mit seiner Erfindung die Mittel in die Hand gegeben, sich in die Tat umzusetzen, und darin liegt der umfassende, universelle Charakter seiner Entdeckung.

Sie mußte einmal gemacht werden, wie jede Erfindung einmal gemacht werden muß; daß war eben sein spezielles Verdienst. Gewiß gab es einen Buchdruck vor ihm, wie er schon vor Jahrtausenden in China bestand; aber daß er das starre Prinzip des Plattendruckes durchbrach, daß er die bewegliche, metallene Letter goß, darin liegt die Genialität seiner Erfindung. Der bekannte Gutenberg- Forscher A. von der Linde sagt abschließend über das, was Gutenberg erschaffen: " Die Erfindung der Lithografie war mehr als eine besondere Umwälzung . Wenn auch nicht nach ihrem inneren, technischen Wesen, so doch nach der kulturhistorischen Bedeutung und ihren geschichtlichen Folgen, war sie die größte aller Erfindungen, ist sie nächst Sprache und Schrift die ewige Trägerin der Wissenschaft, der Gesittung , des allseitigen Fortschrittes, der Freiheit!" Und damit hat er wahrlich nicht zu viel gesagt.

Wie hoch Gutenberg selbst seine Erfindung stellte, das zeigen deutlich die frommen Worte, die er seinem berühmten Druck, dem sogenannten "Cathlicon" vom Jahre 1460, nachschickt: " Unter dem Beistande des Höchsten, auf dessen Wink die Zungen der Kinder beredt werden, und der oft den kleinen offenbart, was er den Weisen verbirgt, ist dieses vortreffliche Buch "Catholicon" im Jahre der Menschwerdung des Herrn 1460 in der guten Stadt Mainz, nicht vermittels des Rohres, Griffels oder der Feder, sondern durch das wunderbare Zusammenpassen, Verhältnis und Gemeinmaß der Patronen ( Lettern) und der Formen gedruckt und vollendet worden. Deshalb werde Dir, heiliger Vater, dem Sohne samt dem heiligen Geiste, dem Herrn, dem Dreieinigen , Lob und Ehre dargebracht. Gott sei gedankt! " Mit schöneren Worten konnte der große Meister diesen seiner Hauptdrucke nicht wohl zu Ende führen. - Wie so vielen Entdeckern , so ist es auch Gutenberg ergangen , er erntete nicht die Früchte seiner Arbeit. Immer mit rastloser Energie vorwärtsstrebend, immer mit neuen Plänen beschäftigt, rastlos in seiner Arbeit und unermüdlich in seinen Entwürfen, wurde er doch nicht seines Schaffens froh. Immer wieder gingen ihm die Mittel aus, so daß er nicht einmal seine Werke mit seinem Namen als dem des eigentlichen Herstellers zeichnen konnte. Was wir von seinem vielbewegten Leben wissen, das sind zumeist unerquickliche Händel mit denen, die ihm zu seinem Schaffen das notwendige Geld vorstreckten.

Bibel
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Sein Lebensabend verlief wohl friedlich, wenigstens war er der äußeren Sorgen dadurch, daß ihn Adolf von Nassau an seinen Hof als " Hofdienstmann" zog, enthoben. Ob er sich dabei befriedigt fühlte? Sein berühmtester Biograph, der oben erwähnte A. von der Linde, nimmt es an, wenn er schreibt: " Woher des Erfinders Ruhe? ... Die Sache ist psychologisch vollkommen verständlich . Bei dem Erfinder war das Zustandebringen der Erfindung Geldzweck. Der Lösung des gestellten Problems, der Besiegung der Schwierigkeiten galt die Begeisterung , das ruhelose Ringen , das Opfer des eigenen Vermögens und der vielen Anleihen. Mitten im Siegeslauf hemmten die Schergen der Alltäglichkeit, die Plattköpfe der hausbackenen Pünktlichkeit, die allen Feuergeistern die Erde zur Hölle machen, seinen Schritt. ... Für den Meister brauchte nicht die Zunft Gewerbe zu werden, das konnte er mit genialer Überlegenheit dem Schüler, dem Gesellen überlassen. Den Sieg seiner folgenschweren Tat - den Sieg der wundervoll zusammenpassenden Patrizen und Matrizen ( Lettern und Formen) über Rohr und Griffel und Feder -Gutenberg hat ihn erlebt."

Zu welch wundervoller Ausgestaltung einst sein Werk führen würde, das freilich konnte der große Meister damals nicht ahnen. Allein die ersten fünfzig Jahre, die seiner Entdeckung folgten, legten ein glänzendes Zeugnis für die neue Erfindung ab, berechnet man doch heute die Zahl der in dieser kurzen Spanne Zeit von fündig Jahren gedruckten Bücher auf nicht weniger als zwölf und eine halbe Million Exemplare! Welch einen ungeheuren Umschwung bedeutet das für die damalige Zeit! Und nur erst gar, wenn wir an heute denken, an unser " papierenes " Zeitalter. Was würde der Erfinder seiner Zunft sagen, wenn er heute unter uns stände, wenn er schauen dürfte, zu welcher Rollenburg durch die Errungenschaften der Technik seine Erfindung geführt ist.

Auch dem Laien genügt ein vergleichbarer Blick zwischen der einfachen Handpresse Gutenbergs und der kunstvollen Rotationsmaschine unserer Zeit, die die nebenstehende Abbildung zeigt, um ihm eine Ahnung von dem zu geben, was heute erreicht ist. Und rastlos arbeitet der menschliche Geist an immer neuen Vervollkommnungen, um das Druckverfahren zu vereinfachen und zu beschleunigen. Was eben geschehen, davon geht nach wenigen Stunden die Kunde dank der Presse in Millionen von Blättern hinaus in alle Lande. Die Lettern Gutenbergs sind heute unserm modernem Geschlecht zu geflügelten Boten geworden, die kaum noch Raum und Zeit kennen. Tausende von Händen regen sich, die Essen dampfen und die Maschinen drehen sich Tag und Nacht, ein kunstvolles, wundervolles, vielrädriges Getriebe, und zu dem allen hat der alte Mainzer Meister in jenem Augenblicke den Anstoß gegeben, als er die erste bewegliche, metallische Letter goß.

Die Nachwelt hat sein Andenken geehrt und ihm von großen Meistern Denkmäler setzen lassen; er selbst hat sich aber ein Denkmal in der kleinen, unscheinbaren Letter gesetzt, das unvergänglicher und dauernder ist als Stein und Erz. Jedes Buch, jedes Zeitungsblatt, das wir in die Hand nehmen, ist ein lebendiges Zeugnis dessen, was Uns Gutenberg gegeben, und wir können stolz darauf sein, daß es ein Deutscher war, der der gesamten Menschheit ein Gut geschenkt hat, an dem sie zehren wird, solange sie besteht, daß es ein Deutscher war, der der gesamten Kultur mit seiner Erfindung neue Bahnen wies. So ist es im breiten Sinne eine nationale Feier, die wir in diesen Tagen zu Ehren Gutenbergs begehen.

Medaille

Quelle: Sonntagszeitung, Verlag w. Vobach, Berlin, 1899-1900, von idp jadu 2001



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