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Ein zu früh Geborener

von Gerhard Winfrid

Leonardo da Vinci

Leonardo da Vinci

Als Leonardo da Vinci am 2. Mai 1519 im Alter von 67 Jahren gestorben war, schrieb sein Lieblingsschüler Francesco Melzi tief erschüttert an die Verwandten des großen Meisters nach Florenz: "Jeder betrauert mit mir das Hinscheiden eines Mannes, wie ihn zum zweitenmal zu erschaffen die Natur nicht die Kraft hat." Eine Ahnung der wahren Größe dieser außerordentlichen Erscheinung für seine Zeit geben die Worte König Franz I., der nach Benvenuto Cellinis Bericht sich äußerte: "Er glaube nicht, daß je ein Mensch in der Welt gelebt, der so viel verstanden haben wie Leonardo, sowohl auf dem Gebiet der Skulptur, wie auch auf dem der Malerei, Architektur und Philosophie." In unserer Zeit wurden die Worte ausgesprochen: "Kein größerer Maler hat je gelebt als Leonardo da Vinci; und dieser große Maler war, wie Albrecht Dürer und noch mehr als dieser, ein hervorragender Mathematiker und Mechaniker. Zugleich war er — wie wir täglich mehr einsehen lernen — ein fast allumfassender Geist, ein "Durchschauer" von allem, was sein Auge erblickte, ein Erfinder so unerschöpflich, wie die Welt vielleicht nie einen zweiten gesehen, ein tiefer, kühnen Denker."

Vor dreizehn Jahren schrieb M. Herzfeld: "Wenn man die Summe der Leistungen Leonardo da Vincis zieht, so erfaßt uns Staunen von dem Maße seines Geistes, Bewunderung von der übermenschlichen Fülle, die er jedem Augenblick entlockt. Wenn man von ihm spricht, ist man stets in Gefahr, ihm manches zuzuschreiben, was der eine oder andere seiner Zeitgenossen auch schon gewußt; man kann den Umfang seines Wesens aber sicher nie groß genug schildern. Er ist so groß, nicht darum, weil er ein ganz moderner Mensch war, sondern weil er noch so fest im Mittelalter fußt und dennoch mit seinem Denken, Forschen, Wollen förmlich bis ins Herz unserer Tage hineinwächst: das gibt ihm das Riesenmaß."

Man hat den geistig so bedeutend angelegten, rastlos nach höchster Erkenntnis strebenden Mann den "Faust der italienischen Renaissance" genannt, seit man die unerhörte Kraft seines Schauens und Wollens und Vollbringens zu überblicken vermag, seit seine Niederschriften, wenn auch noch nicht im vollen Umfang des bis heute davon noch Erhaltenen, zugänglich geworden sind. Seine Zeitgenossen konnten ihm nicht gerecht werden; nur ahnungsvoll zu bestaunen vermochten sie die überwältigende Größe dieses zu früh Geborenen. Dann wurde er vergessen! — Die Geistesschätze Leonardos lagen in Bibliotheken und Sammlungen unbeachtet; bis 1797 war in naturwissenschaftlichen Kreisen sein Name fast fremd.

Noch 1874 bekannte ein Leonardoforscher, daß leider seit dem Tode des Großen nur acht bis zehn Männer lebten, die seine Handschriften studierten, und auch von diesen hätten es mehrere nur zum unterhaltenden Zeitvertreib getan; ja einzelne darunter betrachteten seine naturwissenschaftlichen Leistungen nur als sonderbare Seltsamkeiten. Erst nach 1870 begann man die nachgelassenen, in der ganzen Welt zerstreuten Schriften Leonardos als Geschichtsquellen für Wissenschaft und Technik mehr und mehr zu erschließen, und es stellte sich bald heraus, welche hohe Bedeutung ihm als Mathematiker, Mechaniker, Physiker, praktischer Ingenieur, Erfinder und Konstrukteur zukam, und wie weit sein Genie nicht nur seinen eigenen Zeitgenossen vorausgeeilt war.

Unter den neueren Forschern, die sich mit der Geschichte der Technik befassen, kommt Franz Feldhaus nach einer Aufzählung der bedeutsamsten Techniker und Ingenieure des fünfzehnten Jahrhunderts und der Bewertung ihrer handschriftlich erhaltenen Hinterlassenschaften zu dem Urteil: "Nähmen wir aber den Nachlaßall dieser Leute zusammen, so würde dies die Leistungen eines einzigen Mannes auch nur annähernd an Masse und tiefe nicht aufwiegen können. Dieser eine ist Leonardo da Vinci."

Leonardo zeichnete einmal auf: "Die Werke, die das Auge den Händen befiehlt, sind zahllose." Vergleicht man die Masse seiner Werke, die er als Maler und Bildhauer geschaffen hat, mit denen eines Künstlers seiner oder einer späteren Zeit, so kann er sich kaum mit irgendeinem dieser Männer an Fruchtbarkeit messen. Anders verhält es sich, wenn die Frage nach dem eigentlichen Wert und der höheren künstlerischen Bedeutung der seelischen Belebung seiner Schöpfungen gestellt wird. Durch seine geistige Größe überragt er alle Maler seiner Zeit. Er sah die Welt der Erscheinungen anders und begriff sie klarer; die Kraft seines Fühlens und Empfindens, die Schärfe und Eindringlichkeit seines Denkens besaß keiner in so hohem Maße wie er. Deshalb allein war er auch befähigt, einer ganzen Künstlergeneration neue Wege zu bereiten, die vor ihm nie begangen werden konnten. Bei seinen Gestalten gibt es keine zufällige Bewegung, alles, jede Geste dient der inneren Bewegtheit, dem seelischen Ausdruck seiner Schöpfungen.

Jesusknabe
Madonna
Engel

 

Seine Beleuchtung, seine Formbehandlung und seine Farben sind andere, als man sie vor ihm gesehen. Nichts Hartes, kein mehr oder weniger zufälliges buntes Neben- und Durcheinander fand sich in seinen Bildern. Seine Naturwissenschaftlichen Beobachtungen suchte er auch in seinen künstlerischen Schöpfungen zum zu bringen. Darin beruht auch seine Größe als Künstler, als Erfinder und Neuerer, und draus ergibt sich sein Beruf zum Führer. Als der erste große Lehrer der Luftperspektive versteht er, seine Landschaften zart zu tönen und alles in seinen Bildern harmonisch zu verschmelzen. Ein großer Maler des vergangenen Jahrhunderts hat Leonardo als den Schöpfer der modernen Landschaft bezeichnet. Heinrich Wölfflin nennt Leonardo in allen Stücken der großen Kunst den Erfinder: "Eigenschaften, die sich auszuschließen scheinen, sind bei ihm vereinigt. Er empfindet den malerischen Reiz der Oberfläche aller Dinge und denkt dabei als Physiker und Anatom; ihm war das unermüdliche Beobachten und Sammeln des Forschers eigen und die subtilste künstlerische Empfindsamkeit."

Die Meinung jener, nach deren höchst oberflächlicher Auffassung geistiger Dinge kein Künstler, kein Dichter für tiefere Naturbeobachtung und wissenschaftliches Denken begabt sei, wird allein durch die Erscheinung Dürers und Goethes genugsam widerlegt. Albrecht Dürer schrieb im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts das erste Lehrbuch der angewandten Geometrie in deutscher Sprache, und in seinem Werk über den Festungsbau legte er den Grund zur modernen Befestigungslehre, die erst im achtzehnten Jahrhundert und entschiedener erst in der neueren Zeit auf Grund seiner Ausführungen zur höchsten Entwicklung gelangen sollte. Und Goethes naturwissenschaftliche Arbeiten sind in entscheidenden Punkten zum Ausgang unseres heutigen Wissens geworden. So ist auch in Leonardo der Denker und Forscher, der Techniker und Künstler nicht zu trennen; diese nur scheinbar widerspruchsvollen Begabung bilden eine geschlossene Einheit von höchster Vollendung, ja sie sind in Wahrheit die Voraussetzung seiner überragenden Größe.

Die Madonna

Ein treffendes Bild der Persönlichkeit dieses seltenen Mannes enthalten folgende von ihm geschriebene Zeilen: "Wie viele Kaiser und Fürsten haben gelebt, von denen es keine Kunde mehr gibt, und doch suchten sie Länder und Schätze nur deshalb zu erwerben, um ihren Ruhm zu sichern. Wie viele lebten in größter Armut, um Tugenden zu erlangen! Siehst du nicht ein, daß Besitz an sich nicht so zum Nachruhm verhilft wie die Wissenschaft, die stets beredtes Zeugnis für den Charakter ablegt; denn das Wissen ist das rechtmäßige Kind desjenigen, der es erzeugt, und nicht das illegitime wie das Geld!"

Der tiefe Antrieb zur Wissenschaft, die selbstlose Liebe zu ihr war die bedeutsamste Eigenschaft dieses wahrhaft groß gearteten Mannes. Als man ihm Ungläubigkeit vorwarf, zeichnete er auf: "Wir aber wollen diesen Anklägern bedeuten, daß wir nur beim Studium den Schöpfer aller Herrlichkeiten wahrhaft kennen und lieben lernen können. Denn große Liebe entsteht einzig und allein aus der Erkenntnis der Dinge, ohne diese ist wahre Liebe unmöglich! Wer aber nur liebt um der Vorteile willen, der ist nicht mehr wert als ein Hund, der demjenigen freudig wedelnd entgegenspringt, der ihm einen Knochen gibt."

Ein Bohrer
Bratenwender
Bohrmaschine

 

Ein bedeutsames Wort ist auch dieses: "Die guten Menschen streben naturnotwendig nach Erkenntnis."Und ein anderes lautet: "Die gütige Natur sorgt dafür, daß du in der ganzen Welt immer etwas zu lernen findest." Leonardo gehörte nicht zu jenen Menschen, von denen er selbst sagt: "Ich weiß, daß viele Gott und die Welt vernichten würden, um ihre eigene Begierde zu befriedigen." Er bekennt sich zu seinem Werke, auch " wenn er weniger habe als die anderen ruhigeren Menschen und als jene, so sich in einem Tage bereichern wollen; möge ich lange Zeit in großer Armut leben!" Er zerlegte zu seinen anatomischen Studien dreißig Leichen, ohne nach "Gewinn" zu fragen. Stolz auf seine Arbeit und ihre Ergebnisse bekennt er: "Und wenn du die Liebe zu solchem Tun hättest, du wärest vielleicht durch den Magen verhindert.... Und vielleicht wird dir die Geduld fehlen, daß du nicht fleißig sein wirst! Wovon, ob in mir alle diese Sachen vorhanden gewesen sind oder nicht, die Hundertzwanzig von mir verfaßten Bücher Urteil des Ja oder Nein abgeben werden, wobei ich weder durch Geldgier noch Nachlässigkeit gehindert wurde, sondern nur von der Zeit."

Leonardo ist einer jener zu allen Zeiten selten in der Welt lebende Geister gewesen, die so sehr die Wahrheit lieben, daß sie allein um ihretwillen auch die Wege zu ihr lieben. Mühe und Beschwerlichkeit, Leiden und Opfer finden solche wahrhaft edle Menschen für selbstverständlich. Wie er selbst es sinnbildlich ausdrückt, " fliegt der Ruhm in den Armen der Mühe, die dabei fast verschwindet." Er schrieb: "Kein Werk vermag mich zu ermüden. — Die Natur hat mich so geartet."

Was man zu seiner Zeit Wissen nannte, war streng systematisch geordnet und nicht allzu schwer zu erwerben; die gesamte Gelehrsamkeit jener Tage konnte ein einzelner Mensch ohne außergewöhnliche Anstrengungen bewältigen. Leonardo war nicht den Weg der schule, des geregelten Studiums, gegangen; doch war dies nicht zu seinem Nachteil. Als er im Alter von fünfzehn Jahren in die Werkstatt des Verrochio eintrat, um Maler zu werden, fand er dort ein Meister, erfahren in vielen technischen Dingen; Verrochio war in jeder künstlerischen Technik seiner Zeit bewandert, als Goldschmied, Mosaikarbeiter, Maler, Erz- und Marmorbilder. Von der Praxis zur Theorie Wege zu suchen und zu finden, war Leonardo in einer Weise möglich, die den an Schulen Herangebildeten fremd bleiben mußte, da man zu jener Zeit dort nur überliefertes Wissensgut an die Schüler zu vermitteln pflegte. In diesen Kreisen besaß vor allem die schriftliche Überlieferung Geltung. Man hielt sich an den Wortlaut alter Weisheit und Erkenntnis und kümmert sich wenig oder gar nicht um die auf dem Wege der Erfahrung zu erfassende Einsicht.

Den Unterschied, der zwischen ihm und den Buchgelehrten seiner Zeit bestand, drückte er in den Worten aus: "ich weiß wohl, daß einigen Anmaßenden, weil ich nicht gelehrt bin, es scheinen wird, mich vernünftigerweise tadeln zu können, darauf hinweisend, ich sei ein Mann ohne literarische Bildung. Törichte Leute! Sie werden sagen, weil ich ohne Literaturkenntnis bin, würde ich nicht gut das sagen können, wovon ich handeln will. Nun wissen jene nicht, daß meine Sachen mehr als mit den Worten anderer durch Erfahrung zu behandeln sind, welche Lehrmeisterin jener war, so gut schrieben, und ebenso nehme ich sie mir zur Meisterin, und auf sie werde ich mich in allen Fällen berufen." Er findet die ewig wahren Worte gegen alle Buchgelehrten und sonstige unfreien Geister: "Wer disputiert und sie auf Autorität beruft, verwendet nicht seinen Geist, sondern eher sein Gedächtnis!"

Noch entschiedener drückt er diesen Anstand zwischen dem "Erfinder" — wie er sich selbst nannte — und den Buchstabengläubigen aus, wenn er behauptet: "Die guten Wissenschaften sind einem guten Naturell entsprungen; und weil man mehr die Ursache als die Wirkung loben muß, wirst du mehr ein gutes Naturell ohne Gelehrsamkeit loben, als einen guten Gelehrten ohne Naturell."

Damit ist das Entscheidende gesagt: Leonardo trat durch Anlage und Richtung seines Wesens aus dem Kreis der mittelalterlichen wortgläubigen und anschauungslosen bloßen Gelehrsamkeit hervor und betrachtete die Welt mit den groß und frei auf die Natur gerichteten Augen eines Genies. Daß er vereinsamen mußte, von keinem seiner Mitlebenden verstanden, beruht darin, daß dieser Schritt der eines Riesen gewesen ist, und darin liegt die große Tragik des zu früh Geborenen. Es ist ein erschütternder Beweis für die überragende Größe dieses Mannes, daß er Schüler nur unter Künstlern, unter Malern finden konnte. Was er als Forscher auf den verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten geleistet hat, mußten teilweise erst nach Jahrhunderten einzelne bedeutende Männer wieder entdecken, methodisch erringen und befestigen.

Leonardo ging fernab von seinen Zeitgenossen seine einsamen Wege, indem er den Wert und die Wichtigkeit des Experimentes, des Versuches, über alles stellte. Er mißachtete bloße Theorien, leere Spekulation und daraus abgeleitete Gedankenergebnisse, zu denen man ohne Untersuchungen und Erfahrung zu gelangen hofft: "Fliehe die Lehren jener Spekulatoren," ruft er warnend aus, " denn ihre Gedanken werden durch keine Erfahrung bestätigt." Er bekennt: "Das Experiment irrt nie, sondern es irren nur eure Urteile, die sich von jener Wirkung versprechen, die in unseren Erfahrungen nicht begründet ist." Er weiß aber auch, daß die Natur tiefer als unsere Erfahrung ist und sagt: "Die Natur ist voll zahlloser Ursachen, die niemals in Erfahrung traten."

Seilbremse
Bohrmaschine
Feilenhaumaschine

 

Es sei ein Irrtum, Praxis ohne Wissenschaft anwenden zu wollen: "Jene, die sich in die Praxis ohne Wissenschaft verlieben, sind wie der Pilot, so ein Schiff ohne Steuer noch Kompaß betritt: welcher dann nie Sicherheit besitzt, wohin er geht. Immer muß die Praxis auf die gute Theorie gebaut sein." .... "Die Wissenschaft ist der Kapitän, die Praxis, das sind die Soldaten." Nach seinen Worten ist "keine Gewißheit dort, wo man nicht eine der mathematischen Wissenschaften anzuwenden vermag, oder bei dem, was nicht mit dieser Mathematik verbunden werden kann." Eine andere wichtige Erkenntnis lautet: "Die Mechanik ist das Paradies der mathematischen Wissenschaften; denn durch sie kommt man zur mathematischen Frucht."

Den Untersuchungen von Feldhaus folgend, sei hier eine Reihe der technischen Erfindungen Leonardos angeführt, die zum zweiten Male teilweise sogar erst im vergangenen Jahrhundert gemacht worden sind. Unter seinen Skizzen befindet sich eine sogenannte "holländische" Windmühle mit drehbarem Dach, eine technische Einrichtung, die zum ersten Male in Flandern 1550 getroffen worden sein soll. Eine heute noch nach dem gleichen Prinzip funktionierende Bremsvorrichtung, um das Mühlwerk zum Stillstand zu bringen, ist bereits auf der Zeichnung Leonardos angegeben.

Das Pendel, welches durch Galilei (1564-1642) und Huygens (1629-1695) als Zeitregler zu den Uhren verwendet wurde, ordnete Leonardo als Gangregler an Maschinen an; er deutete an, solche Pendel bis zu dreißig Ellen Länge und bis zu zwanzigtausend Pfund Gewicht zu machen. Nach Feldhaus' Vermutungen scheint Leonardo das Pendel mit einer Lappenspindel in Verbindung mit einem Kronrad auch schon als Gangregler eines Zeitmessers benutzt zu haben.

Eine seiner Skizzen zeigt eine Feilenhaumaschine. Eine Maschine zur mechanischen Herstellung von Feilen wurde erst 1699 von du Berger vorgeschlagen; die Konstruktion dieses rund zweihundert Jahre später erdachten Apparates ist, verglichen mit den Angaben Leonardos, ungeschickter.

Die Kraft der aufsteigenden erwärmten Luft benutzte er zum Treiben eines mechanischen Bratenwenders, der sich je nach der Stärke des Feuers schnell oder langsam drehte.

Zur Herstellung von Schraubenmuttern und Schrauben erfand Leonardo einen Gewindebohrer und ein Schneidewerkzeug, die man der form nach heute noch verwendet und ihrer Handlichkeit halber "amerikanisch" nennt. Die Verwendung beider Apparate vor Beginn des achtzehnten Jahrhunderts ist bisher nicht bekannt geworden.

Einen "überaus wohldurchdachten" Schraubenschneidmaschine Leonardos steht — nach Feldhaus — noch für die nächsten Jahrhunderte ganz einzig da: "Man findet wohl Anfänge von Schraubenschneidemaschinen, doch sind sie umständlich und ungeschickt konstruiert. Leonardo löste das Problem zur Herstellung langer Schraubenspindeln endgültig: auch wir arbeiten heut nach dem gleichen Prinzip."

Unter den vielen merkwürdigen Erfindungen des großen Technikers befindet sich eine eigenartig erdachte Lampe, zu der unter anderem auch ein Glaszylinder, in dem die Flamme brennt, nötig war. Erst 1756 wurden in Paris Glaszylinder für Lampen zum Gebrauch hergestellt. Einunddreißig Jahre später machte der Münchener Gelehrte Joseph v. Baader ein nach ihm benanntes Gebläse bekannt, das in überaus einfacher Weise wirkt. Auch dieser Apparat findet sich schon unter Leonardos Zeichnungen samt einer Anzahl anderer Konstruktionen. So eilte er seiner Zeit auch durch die Angabe verschiedener Bohrmaschinen voraus. Eine dieser Bohrvorrichtungen, um Brunneröhren herzustellen, steht nach Theodor Becks Urteil in Beziehung auf mechanische Vollständigkeit erstaunlich viel höher als jene Apparate, welche man noch Jahrhunderte später zu gleichen und ähnlichen Zwecken anwendete. Nach Feldhaus wurden Bohrmaschinen, die nach obenhinein bohren, erst durch Peschel in Dresden im Jahre 1798, also drei Jahrhunderte nach Leonardo, bekannt gemacht.

Ein sehr einfacher und sinnreicher Rettungsapparat Leonardos wurde 1550 von Girolamo Cardano erwähnt; 1802 erschien die gleiche Vorrichtung als schlesische Erfindung, und heute ist diese Rettungsvorrichtung käuflich, um in Fällen von Feuersgefahr gebraucht zu werden. — Gleichfalls bis zum ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts blieb eine andere höchst wichtige Erfindung Leonardos unbekannt. Zweimal zeichnete er die von Galle 1832 eingeführte Gelenkkette, die besonders vom Fahrrad her bekannt ist. Leonardo wendete sie auch auf der Zeichnung eines Radschlosses an. Im Anfang unseres Jahrhunderts wurde ein Tretmechanismus zum Antrieb von Vergnügungsbooten von Berlin aus angeboten. Für diese Fortbewegungsart von kleineren und größeren Wasserfahrzeugen finden sich von Leonardo mehr als zwanzig verschiedene Lösungen für Tretmechanismen. Das heute für die Elektrotechnik so wichtige Werkzeug zum Spannen der Drähte, die sogenannte Froschklemme, kannte Leonardo ebenfalls.

Außerordentlich bedeutsam sind Leonardos vollendete Zeichnungen von Spinnapparaten, Seilmaschinen und mechanischen Vorrichtungen zum Tuchscheren. Der eigenartig konstruierte Garnverteiler bei Leonardos sinnreicher Spinnmaschine wurde gleichfalls erst drei Jahrhunderte später in England wieder erdacht. Die von ihm erfundenen Seilerräder zum Herstellen und zum Spinnen und Zusammendrehen von Seilen sind mit nur geringen Änderungen heute noch in Gebrauch. Tuch mit Hilfe einer mechanischen Vorrichtung zu scheren, versuchte man erst wieder im Jahre 1684. Feldhaus sagt: "Als man 1758 in England Tuchschermaschinen ähnlich den Leonardoschen in Betrieb nahm, entstand ein Arbeiteraufruhr, weil nun ein einziger Arbeiter vier bis sechs Schertische gleichzeitig bedienen konnte. Dreihundert Arbeiter fürchteten brotlos zu werden und zündeten die Gebäude, in denen die neuen Maschinen standen, an. Zweihundertfünfzig Jahre nach Leonardo war die Zeit noch nicht reif, seine technischen Ideen aufzunehmen."

Wie sollten die Zeitgenossen dieses großen Mannes seine Erfindungen zu bewerten verstehen, wenn in einzelnen Fällen mehrere Jahrhunderte nötig waren, um die Menschen dafür reif zu finden? Er mußte als ein zu früh Geborener einsam und unverstanden leben. Wären die technischen Erfindungen dieses Großen zu seinen Lebzeiten begriffen, geschätzt und aufgenommen worden, dann besäße die Welt heute ein anderes Gesicht.

Froschklemme
Gelenkketten
Skizze

 

Seine Arbeiten erstreckten sich über weit mehr Gebiete, als sie bisher genannt wurden. Seine bedeutenden naturwissenschaftlichen, mathematischen und mechanischen Kenntnisse machten es ihm möglich, auf allen technischmechanischen Gebieten Neues zu erdenken und zu konstruieren. Angesichts seiner vielgestaltigen hinterlassenen Aufzeichnungen erhebt sich eher die Frage, was ihn nicht interessierte, als was er für der Mühe wert hielt, zu beachten und zu durchdenken. Er konstruierte mannigfach anzuwendende Hebewerkzeuge, Pumpen, Bohrmaschinen, Drehbänke, Ziehbänke, Hobel- und Sägemaschinen, Walzvorrichtungen, eine Nadelschleifmaschine, Orgelgeschütze mit Hinterladevorrichtung, Baggermaschinen, bewegliche Drehbrücken und Schleusen.

Er gab an, wie man Kunststeine zubereitet; zu einer ganzen Reihe von großangelegten Kanalbauten machte er Projekte, und nicht wenige davon führte er auch aus. Eine der beim Kanalbau von ihm verwendeten Hebevorrichtungen konstruierte der Ingenieur Coignet nach einer Anregung des Mathematiker Coulomb im Jahre 1835 von neuem. Als Kriegsingenieur, zu Kanalbauten und Hafenanlagen wußten die Mitlebenden die Talente Leonardos zu schätzen, wie folgendes erhaltene Schriftstück bezeugt: "Allen unseren Offizieren, Kastellanen, Hauptleuten, Befehlshabern und beamten, allen, die von diesem Aufruf in Kenntnis gesetzt werden, verordnen und befehlen wir, daß unserem vortrefflichen, mit uns sehr befreundeten Architekten und Generalingenieur Leonardo da Vinci, der von uns beauftragt wurde, die Ortschaften und Befestigungen unseres Staates in Augenschein zu nehmen, damit wir nach seinem Verlangen und Urteil alles für ihn anschaffen können, daß diesem Leonardo der Eintritt überall frei sei, und daß ihm und seinen Begleitern ein freundlicher Empfang bereitet werden solle; daß man ihn alles sehen, messen und begutachten lasse, so oft er es will, und daß ihm zu diesem Zwecke so viel Leute zur Verfügung gestellt werden, und man ihm so viel Hilfe, Beistand und Vorrechte angedeihen lasse, wie er es verlangt. Denn wir wünschen, daß bei allen Bauten, die in unserem reiche errichtet werden, die Ingenieure gezwungen werden, sich mit ihm zu besprechen und sich seinem Urteil unterordnen."

Dieser erlaß stammte vom Herzog Cesare Borgia. Wie nötig es war, den Ingenieuren Zwang aufzuerlegen, beweist die Ausführung eines 1508 von Leonardo gemachten Projektes, um die Adda bis zum Comerssee schiffbar zu machen. Die kurze Streck von Trezzo nach Brivio sollte ausgebaut werden und zwei Schleusen erhalten. Im Todesjahr Leonardos wurden diese Anlagen — jedoch abweichend von seinen Vorschlägen — ausgeführt, und sie mißlangen deshalb. Hermann Grothe nannte das Addanationalprojekt Leonardos und vor allem den von ihm gebauten Kanal von Martesana im Veltlin mit seiner wunderbaren Bewässerungsmethode Meisterwerke für alle Zeiten.

Während seines Aufenthaltes in der Romagna im Jahre 1502, wo Leonardo Befestigungsanlagen, Erdwälle und Gräben anlegen ließ, zeichnete er auf: "In der Romagna benutzt man, ein Zeichen höchster Dummheit, vierräderige Karren, bei denen die zwei Vorderräder größer als die Hinterräder sind, wodurch die Vorwärtsbewegung sehr erschwert ist." Und wie lange nach seinem Tode sollten solche Karren noch immer in Gebrauch sein!

Von größter Bedeutung waren die Beobachtungen, Untersuchungen und Versuchsanordnungen Leonardos über das Flugproblem: "Fast unzählbar und überaus reich an verschiedenen Gedanken sind die Skizzen und Aufzeichnungen, die er über Flugmaschinen hinterlassen hat. In einem besonderen Heft "Über den Flug der Vögel" beschäftigte er sich mit dem Flug der Vögel, der Fledermäuse, der Fische, der Insekten und mit dem instrumentalen Fliegen für den Menschen. Er beschrieb und zeichnete auch einen Fallschirm, der erst 1783 nach Einführung der Luftballone wieder aufkam. — Die Hydraulik, die Lehre von der Anwendung der Bewegung des Wassers, verdankt ihm bedeutungsvolle Förderung. In einer Reihe von Zeichnungen beschäftigte er sich mit dem Problem des Tauchens unter Wasser mittels sinnreicher Apparate.

Die Pest, der im Jahre 1484 bis 1485 unzählige Menschen zum Opfer fielen, ist Anlaß zu einem Plan einer Stadtanlage geworden, die uns heute noch in Verwunderung zu versetzen vermag. Mehr als von der Kunst der Ärzte erhoffte Leonardo von großzügiger Hygiene. Er schrieb: "Du wirst in zehn Städten fünftausend Häuser mit dreißigtausend Einwohnern erzielen und so viel Ansammlung von Menschen zerstreuen, die im Gleichnis der Ziegen eines auf dem Rücken des andern stehen und, jedes Tor mit Gestank anfüllend, sich zum Samen pestilenzialischen Todes machen."

Nach den Zeichnungen für den Bau dieser idealen Stadt soll sie am Meer oder an einem schönen Fluß gelegen sein, der Kanäle gäbe, der weder überschwemmte noch austrocknete, zu welchem Zweck man bei der Stadt Bassins anlegen müßte. Der Fluß und die Kanäle sollten dazu sein, um allen Schmutz des Ortes wegzubringen. "Die Straßen seien so breit, wie die Höhe der Häuser ist." Eine ganz neuzeitliche Forderung tritt hier zum ersten Male auf: "Die Straßen seien doppelte, obere und untere. Die oberen seien gegen die Mitte zu geneigt, wo dann ein Spalt das Regenwasser wegführt; die unteren werden mit Flußwasser gereinigt und mit Harken aller Schlamm, der sich dort sammelt, weggebracht." — "Und wisse, daß wer durch den ganzen Ort auf die hohen Straßen gehen wollte, sie nach seinem Dünken benützen könnte, und wer durch die niedrigen gehen wollte, ebenfalls auf gleiche Weise. Durch die hohen Straßen sollen nicht die Karren noch andere derartige Sachen gehen.... Treppen verbinden die oberen und die unteren Straßen, welch letztere ihr Licht von oben erhalten.

Schraubenschneidmaschine
 
Seilerrad


D
ie Häuser kehren einander den Rücken zu und lassen die niedrige Straße in der Mitte zwischen sich." An den vorderen Toren werden die Lebensmittel, Holz und Wein und so weiter herbeigeschafft — auf einzelnen Plänen sieht man Kanäle, die zu den Kellern führen —, alle menschlichen und tierischen Abfälle, aller Unrat werden auf unterirdischem Wege oder zu Wasser aus den Häusern und den Ställen geschafft. Auf anderen Zeichnungen befinden sich Hebewerke, die teils mit Luftdruck arbeiten, teils andere Methoden verwenden, um das Wasser bis in die höchsten Stockwerke der Häuser zu leiten! Leonardo denkt an alles: an Licht und Luft, an die Vorrichtung zum Heizen, an gute Kamine, an Bratspieße, die von der erwärmten Luft mittels besonderer Anlagen gedreht werden, an selbstschließende Türen, an Bequemlichkeiten und an hygienische Einrichtungen, die im neunzehnten Jahrhundert zum Teil geschaffen wurden, zum Teil auch heute noch nicht bestehen. Wie M. Herzfeld sagt, "ist die schöne, gesunde, mittelgroße Stadt, die Leonardo ausgedacht und aufgezeichnet hat, auch für uns noch ein Traum der Zukunft."

Wenn in der unreinlichen, unhygienischen Städten jener Zeit eine "Pest" ausbrach, zündete man auf den Rat der Ärzte Feuer auf den Straßen an, um die Luft zu "Reinigen". Und wenn das Unheil seinen Höhepunkt erreichte, rieten sie zur Flucht ins offene Land. Auch für diese großen Pläne Leonardos besaßen seine Zeitgenossen kein Verständnis.

Noch weniger begriffen sie seine anderen großen Gedanken. Seine naturwissenschaftliche Erkenntnis fand bei den Besten kein Verständnis. Lange vor Galilei und Kepler versetzte er die Erde an den Himmel. Er schrieb: "Du hast in deiner Abhandlung zu zeigen, daß die Erde ein Stern ist wie der Mond oder ungefähr, und so den Adel unserer Welt zu erweisen." Mitten unter mathematische Formeln schrieb er mit ungewöhnlich großen Buchstaben das große Wort: "Die Sonne bewegt sich nicht." Und auch die Erde betrachtete er mit anderen Augen. Die mit ihm lebenden Gelehrten waren der Meinung, daß die auf Bergen gefundenen versteinerten Muscheln durch den Einfluß der Gestirne dort entstanden seien; oder man erblickte in ihnen Überreste aus den Tagen der Sintflut. Leonardo aber erfaßte den wahren Sachverhalt, so wie ihn die heutige Wissenschaft erkannt hat. Er zeichnete die tiefen Worte auf: "Es ist eine Tatsache, daß stets da, wo die Vernuft fehlt, sich Mutmaßungen einstellen, was bei den sicher erkannten Dingen nicht der Fall ist. Wir sagen also, daß es immer da, wo sich Mutmaßungen ergeben, nicht um die wahre Wissenschaft handelt, denn die Wahrheit hat nur ein Ziel, und sobald dieses erreicht ist, ist jeder Streit gehoben; erwacht dieser Streit jedoch von neuem, so war es eben eine falsche, wirre Wissenschaft und nicht die lebendig gewordene Wahrheit."

Die Mona

Den besten Beweis für Leonardos überragende Größe erkennen wir darin, daß er vierhundert Jahre nach seinem Tode der Menschheit noch von hoher Bedeutung ist: "Es läßt sich behaupten, daß Leonardo die von ihm erkannten Grundgesetzte der Naturerscheinungen und Naturkräfte anzuwenden verstand und auf Grund dessen eine Reihe nützlicher Erfindungen gemacht hat, und daß seine Konstruktion in die Praxis übergegangen sind, ja zum Teil sich bis auf den heutigen Tag erhalten haben."

Was dieser Einsame an Erkenntnis so frühe als einzelner besessen hat, mußte in langen Geschlechterreihen von verschiedenen Männern besonders erworben werden. Er vermochte bereits zutreffende Erklärung über mannigfache Erscheinungen zu geben, deren spätere erneute Auffindung durch eine stattliche Reihe von Gelehrten wiederholt diesen den höchsten Ruhm als Entdecker einbrachte. Sein Lieblingsschüler Francesco Melzi hatte nicht zu viel gesagt, als er bekannte, daß die Natur nicht die Kraft besitzen würde, zum zweiten Male einen Mann zu schaffen wie Leonardo da Vinci.

Quelle: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Union Deutsche Verlagsgesellschaft, 1919 von rado jadu 2001

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