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Robin Hood

Jagd auf Robin Hood

Die Nachricht vom Friedensschluß im Heiligen Land eilte einem Lauffeuer gleich durch Europa, wurde überall begeistert aufgenommen. In England war der Jubel groß, war es doch der englische König Richard Löwenherz, der dem großen Saladin diesen Frieden abgerungen hatte. Zwar wurden kritische Stimmen darüber laut, daß Jerusalem den Muselmanen belassen worden war, doch die Freudeüber den Besitz der wichtigen Handelshäfen an der palästinensischen Küste überwog, denn in zunehmendem Maße begannen die Handelsinteressen die religiöse Idee der Kreuzzüge zu überwuchern.

König Richard Löwenherz aber war der strahlende Held dieses dritten Kreuzzuges. Sein frischer Kriegsruhm glänzte hell wie der Morgenstern, und in England wurden Balladen über seinen politischen Scharfsinn, seinen Mut und seine Tapferkeit gesungen. "Nun wird er bald heimkehren, unser gnädiger König, und im eigenen Lande aufräumen mit dem Regiment von Blut und Schrecken, das in seiner Abwesenheit aufgerichtet worden ist," sagte Allin, der Sänger, am abendlichen Lagerfeuer im Sherwood Wald, und er sang zur Laute das Lied auf König Richard, mit dem er auf der Burg des Prinzen Johann Blut in Wallung gebracht hatte. "Ich kenne einen, der sich nicht über die Rückkehr des Königs freut," sagte Bruder Tuck mit einem verschmitzten Lächeln und er reichte Allin einen frischen Becher.

"Hoffentlich kommt Richard bald, damit hier nicht mehr so viel Unheil angerichtet werden kann," warf Robin Hood ein und Sorgenfalten zerfurchten seine Stirn.
"Trinke, Robin," sagte Tuck. "Alles wird gut enden. Auf das Wohl des Königs!" "Auf das Wohl des Königs," sagte Robin. "Richard Löwenherz soll leben und er soll bald heimkommen zu seinem Volk." Während bei den Geächteten im Sherwood Wald die baldige Rückkehr des Königs gefeiert wurde, herrschte auf Burg York, der Residenz des Prinzen Johann, Gewitterstimmung. Wie ein Löwe im Käfig lief Johann in seinem Schlafraum auf und ab, tobte mit den Bediensteten und war unwirsch mit seinen engsten Vertrauten.

Zuerst hatte er sich maßlos über die kühne Flucht Robin Hoods aus seiner Burg geärgert und dann war, nur wenige Tage später, die Nachricht von dem Friedensschluß in Palästina und der bevorstehenden Rückkehr seines königlichen Bruders eingetroffen.

Der Page trat auf leisen Sohlen ein und brachte auf seinem Tablett den Becher mit Wein, nach dem Johann soeben brüllend verlangt hatte.
"Was willst du?", herrschte ihn der Prinz an.
"Ich bringe den Wein, mein Prinz."
"Zum Teufel mit dir zum Teufel mit dem Wein"; herrschte ihn Johann an, ergriff den vollen Becher und schleuderte ihn gegen die Tür, durch die ein Page gerade noch entwischen konnte.
Dann griff er zur Feder, tauchte sie ins Tintenfaß und schrieb mit flüchtiger Hand auf ein Pergament eine Order, daß die Tinte spritzte.

"Hier", brüllte er und drückte dem Pagen, der auf sein Läuten in den Raum gestürzt war, das Pergament in die Hand. "Mit Eilkurier zum Sheriff von Nottingham, sofort!"
Der Page war noch nicht mit der Botschaft verschwunden, da saß Johann erneut an seinem Schreibtisch und schrieb eine gleichlautende Order für die Sheriffs der übrigen umliegenden Städte. Mit wirrem Blick überlas er nochmals das Geschriebene:

"Im Namen des Königs wird der Räuber Robert von Locksley, genannt Robin Hood, im ganzen Land zur Fahndung ausgeschrieben. Wer die Leiche des Genannten bringt, bekommt aus der königlichen Schatulle fünfzig Goldstücke, wer ihn aber lebendig abliefert, soll mit hundert Goldstücken belohnt werden."


Prinz Johann, Regent

Wieder klingelte er nach dem Pagen, gab ihm barsch den Auftrag, dafür zu sorgen, daß die Order unverzüglich zugestellt werde. Dann ließ er sich erneut einen Becher Wein bringen, setzte sich ans Fenster und trank zufrieden. Er wußte, daß jetzt im ganzen Land eine Treibjagd auf Robin Hood einsetzen würde. Hundert Goldstücke waren eine Summe, die nicht nur jeden Bauern und Handwerker, sondern auch jeden Hauptmann und jeden Baron anspornen mußte, alles zu tun, um Robin Hood habhaft zu werden.

Prinz Johann ließ den Blick über den Burghof schweifen. Wie war es dem Kerl bloß gelungen, spurlos aus der Burg zu entweichen? Diese Frage hatte er sich immer wieder gestellt, denn Burg York galt als einer der festesten Plätze im ganzen Land.

Die Augen blieben am Kemenatenbau der Frauen hängen. Ihm bot sich ein anmutiges Bild. Drüben in den Arkaden, promenierte Komteß Marian. Sie trug einen roten Schleier und das Rot stand in wirkungsvollem Kontrast zu dem Weiß der Yorkschen Rosen, die den Frauenbau umrankten. Johann ließ die Augen nach unten wandern. Auf dem Burggraben schwamm ein Entenpaar, und das Wasser plätscherte kaum. Die Enten verschwanden auf der anderen Seite des Grabens unter den tief herabhängenden Zweigen einer mächtigen Weide.

Plötzlich kam Prinz Johann ein Gedanke, den er aber gleich wieder verdrängte, weil er ihm allzu absurd erschien. Dennoch tastete er noch einmal mit den Augen das Gemäuer ab. Von den Arkaden des Kemenatenbaues mit dem Rosengerank zum Burggraben und hinüber zum Weidenbaum. Das könnte Robin Hoods Fluchtweg gewesen sein. Prinz Johann erregte sich erneut bei dem Gedanken, daß eine der Damen dem Freibeuter ihre hilfreiche Hand gereicht haben mußte, falls sein Verdacht zutreffen sollte. Und er nahm sich vor, die Frauengemächer und ihre Bewohnerinnen in Zukunft besser im Auge zu behalten. Wieder nahm er die Feder zur Hand und kritzelte die entsprechenden Anweisungen auf das Papier.

Im weiten Land zwischen Birmingham im Westen, Lincoln im Osten, Sheffield im Norden und Northampton im Süden begann drei Tage später die von Prinz Johann angeordnete große Jagd auf Robin Hood. Söldnertrupps durchstreiften das Land, durchkämmten die Wälder, durchstöberten Dörfer und Gehöfte. Wer von den Bauern im Verdacht stand, den Geächteten heimlich zu helfen, lief Gefahr, daß ihm Haus und Scheune über dem Kopf angezündet wurden. Ja, es genügt schon der bloße Verdacht, Robin Hood oder einen seiner Gefährten gesehen und nicht den Behörden angezeigt zu haben, um Festnahmen, Folterungen und Mordbrennereien auszulösen.

Wer in jenen Tagen durch England reiste, sah immer wieder jenen roten Schein am Himmel, der davon kündete, daß wieder eine Hütte oder ein Gehöft brannte. Die Menschen beugten unter der Knute der Willkür den Nacken und sie knirschten vor Wut über die eigene Ohnmacht mit den Zähnen. Manches Stoßgebet galt der baldigen, glücklichen Rückkehr des König Richard aus dem Morgenland, und mancher verzweifelte Schrei einer gepeinigter Kreatur hieß "Robin Hood".

Der Bauer, den Robin Hood durch sein unerschrockenes Eingreifen vor dem Strang bewahrt hatte, war schon wenige Tage später verbittert zu den Geächteten gestoßen. Zuerst war aus dem schweigsamen Mann nichts herauszubekommen gewesen, doch dann hatte er endlich stockend berichtet, wie er nach Robins Flucht aus Burg York heimgekommen sei und Frau und Kinder tot unter den verbrannten Trümmern seiner Hütte vorgefunden hatte. Die Schergen des Prinzen waren kurz vor ihm dagewesen und hatten sein Eigentum der Erde gleichgemacht. Der Bauer ballte die Fäuste. "Ich werde mich rächen an ihnen, wo ich kann."

Klein John kam einige Tage später vor einem Ritt zurück. Er habe sich verspätet, weil er sich immer wieder von neuem vor den Soldknechten habe verstecken und verkriechen müssen. "Sie schwärmen über das Land wie Hornissen, und sie stechen, wen sie treffen."

Robin Hood sah nachdenklich in die Glut des Lagerfeuers. "Wir müssen unseren Lagerplatz häufig wechseln", sagte er. "Unsere Schar ist groß geworden, beinahe hundert Köpfe. Da lassen sich die Spuren nicht leicht verwischen. Sie werden mit einem Heer von Söldnern in den Sherwood Wald kommen und uns aufstöbern." "Dann werden wir ihnen eine Schlacht liefern und sie mit blutigen Köpfen nach Hause schicken", sagte Klein John.

"Dann kommt ein neues und noch größeres Söldnerheer" gab Robin Hood mit krauser Stirn zu bedenken. "Was schlägst du vor?", erkundigte sich Tuck der Mönch.

"Wir müssen uns während der nächsten Tage in mehrere Trupps aufteilen und über das Land verteilen. Ein Teil geht mit Will Sutheby, ein Teil mit Klein John, eine Gruppe mit Tuck, der Rest mit mir. Hier im Sherwood-Wald bleiben diejenigen, die nicht beritten sind. Füße hinterlassen weniger Spuren als Hufe. Wenn wir uns in nächster Zeit ruhig verhalten, wird das Jagdfieber bei den Soldknechten und allen, die sich hundert Goldstücke Belohnung verdienen möchten, schnell nachlassen. Sobald der Mond wechselt, können wir uns alle wieder im Sherwood-Wald treffen."

"Wenn wir auseinanderlaufen wie die Hasen vor den Jägern, wird das das Ende von Robin Hoods Schar sein", sagte mißmutig einer der Gefährten. "Nur gemeinsam sind wir stark."

"Ein schlauer Fuchs lockt den Jäger auf falsche Fährten", entgegnete Robin. "Wenn sie jetzt unser Lager finden, wissen sie gleich, wo sie uns zu suchen haben. Wenn es aber in jeder Nacht vier oder fünf Lagerplätze gibt, dann werden die Häscher unsicher werden, ihre eigenen Kräfte aufsplittern und auf diese Weise uns wieder unterlegen sein."

"Robin hat recht, Robin hat recht", murmelten die Gesellen. "Bevor wir auseinandergehen, wollen feierlich versprechen, daß wir uns wieder im Sherwood-Wald versammeln, wenn alles vorbei ist", sagte Tuck, und sein Wort fand Anklang bei allen. Robin Hood und seine Getreuen bildeten einen großen Kreis um das Lagerfeuer.
"Ich schwöre bei Gott und unserem gnädigen König, auch künftighin die Mächtigen zu schlagen und die schwachen zu beschützen," rief Robin Hood über das Feuer und riß sein Schwert aus der scheide."Wir wollen auch künftig Übermut strafen, Schlechtigkeit würgen und Unrecht ahnden, bis unser König zurück ist und wieder des Zepter selber in die Hand nimmt. Mein Schwert für England."

Die Männer taten es Robin gleich. Sie rissen wie er die blanken Klingen empor und sprachen ihm seine Worte nach. Und es, als grollte Donner über dem nächtlichen Sherwood-Wald.

Quelle: Robin Hood, Verlag Dausien 1979, von rado jadu 2001

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