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Die Legende von Robin Hood

Bogenschießen

Als sich Robin Hood auf alle Weise mit einer guten Menge Geld versehen hatte, schickte er davon ein beträchtliches Geschenk an die Königin Catharina, mit einem Bittschreiben, doch bei seiner Majestät für ihn und seine Gesellen Gnade auszuwirken. Die Königin nahm beides an, und sandte einen ihrer Pagen, mit Namen Richard Patrington, ihm zu raten, nach Hofe zu kommen; auch wollte sie nicht ermangeln, das beste, was sie könnte, zu tun, um seine Bitte zu erfüllen. Mit großer Eile ging Patrington, auf gutem Pferde, ab und beendete die weite Reise in weniger als zwei Tagen. Als er nach Nottingham gekommen war, erwies man ihm die Freundschaft, ihn am nächsten Morgen zu Robin Hood zu bringen, dem er den Auftrag der Königin ausrichtete, und der ihm erwiderte, er werde nicht verfehlen, Ihrer Majestät seine Aufwartung zu machen, auch abermals ein kleines Geschenk zum Beweis seiner Ehrerbietung und seines Gehorsams hinzufügte. Unmittelbar darauf kleidete er die vorzüglichsten seiner Leute in Lincolngreen mit schwarzen Hüten und weißen Federn und sich selbst in Scharlach und kam mit diesem Gefolge zur Königin nach London. Diese sagte zu ihm: „Willkommen, Locksly; der König ist eben nach Finsburyfield gegangen, um einem großen Bogenschießen beizuwohnen, und ihr kommt gerade zur rechten Zeit dazu; geht nur voraus dorthin, ich werde selbst dort zugegen sein." Als Robin Hood nach Finsburyfield gekommen war, sprach der König zu Tephus, seinem Bogenträger, und befahl ihm, die Entfernung auszumessen, um zu erfahren, wie weit das Ziel sein sollte.

Und da die Königin nicht lange nachher neben ihm Platz genommen, fragte sie der König, um welchen Preis sie schießen sollten? Die Königin antwortete: „Der Preis soll sein, dreihundert Faß Rheinwein, dreihundert Tonnen Bier, und dreihundert von den fettesten Rehböcken, die in den Dallum-Ebenen weiden." - „Wahrlich", sagte der König, „das ist in der Tat eine fürstliche Wette. Wohl! Stecket das Ziel aus!" - Dies geschah augenblicklich, und es war volle fünfzehn Schritt weit. Clifton, ein berühmter Bogenschütz aus der Stadt, rühmte sich, den Nagel jedes Mal treffen zu wollen. Und schon hatten des Königs Bogenschützen dreimal das Rot geschossen und standen also drei gegen keinen; doch verlor die Königin den Mut nicht und fragte, ob irgend jemand auf ihrer Seite wetten wolle? Und da Herr Richard Lee, der aus dem edlen Geschlechte der Gowers abstammte, dicht neben ihr stand, ermunterte sie diesen, eine Wette einzulegen. Aber er mochte nicht in ein so verzweifeltes Wagnis eingehen. Darauf sagte sie dasselbe zum Bischof von Hereford; der sagte ihr aber plump heraus, daß er nicht einen Pfennig auf ihrer Seite einsetzen möchte; „denn", sagte er, „die auf des Königs Seite schießen, sind vortreffliche und geübte Bogenschützen, von denen aber, die ihr gewählt habt, wissen wir nicht, wer sie sind, noch woher sie kommen; alles, was ich bei mir habe, möchte ich gegen sie einsetzen." — „Wieviel ist das?" fragte Robin Hood. „Fünfzehn Stiege Nobeln", sagte der Bischof, „das macht beinah hundert Pfund." - „Gut", sagte Robin Hood, „ich will gegen euch einsetzen", und so nahm er seinen Geldbeutel von seiner Seite und legte ihn auf den Rasen nieder; William Scarlock aber, der zugegen war, sagte: „Ich will mein Leben wetten, daß ich vorher weiß, wer die Wette gewinnen wird."

Nun fingen die Bogenschützen wieder an zu schießen, und da waren die, welche die Königin gewählt hatte, zuerst gleich mit denen auf des Königs Seite, sie standen drei gegen drei. Darauf sprach der König laut zur Königin und sagte: „Die nächsten drei sollen für alle bezahlen." In der ersten Nummer schoß Robin Hood, und mit solcher Kunstfertigkeit, daß sein Bolzen in den Nagel drang und beinahe das Schwarze berührte. Der auf des Königs Seite folgte, schoß gut, traf aber nur dicht an den Nagel. Dann schoß Klein John und traf das Schwarze, worüber die Damen laut lachten, weil es nun fast gewiß war, daß die Wette sich zu ihrer Seite neigen würde, und dies bestätigte Midge, der Müllerssohn; denn, ich weiß nicht, was diesmal mehr zu rühmen war, seine Kunst oder sein Glück; aber es war so, daß er den wirklichen Nagel in der Mitte des Schwarzen traf, und der Bogen gab dabei solchen Klang, daß er den Sieg, noch ehe der Pfeil ans Ziel kam, zu verkünden schien.

Da die Königin so die Wette gewonnen hatte, fiel sie vor dem König auf die Knie nieder, und bat Seine Majestät, er möge mit keinem derer, die hier auf ihrer Seite wären, zürnen. Da dieser Tag der Freude bestimmt war, bewilligte das der König, wiewohl er nicht recht verstand, was sie mit ihrer Bitte meinte. Als es gewährt war, sagte die Königin laut: „Dann sei willkommen, Robin Hood, und willkommen Klein John, und willkommen Midge, des Müllers Sohn, und willkommen jeder von Robin Hoods Gesellen, der nur hier auf dem Felde ist." - „Ist das Robin Hood?" sagte der König; „ich dachte, er wäre vor dem Palasttore im Norden getötet worden." Da wandte sich der Bischof von Hereford zum König und sagte zu ihm: „Mag es eurer Majestät gefallen, dieser verwegene Vogelfreie, Robin Hood, am Donnerstage warens drei Wochen, nahm mir fünfhundert Pfund in Gold ab und band mich an einen Baum und ließ mich nachher eine Messe singen ihm und denen von seinen gottlosen Gesellen, die bei ihm waren." - „Tat ich das", sagte Robin Hood, „so war ich darüber sehr froh; denn ich hatte seit vielen Jahren keine Messe mehr gehört, und seht hier, Herr Bischof, zur Belohnung dafür, die Hälfte eures Geldes." -„Nein, nein", sagte Klein John, „das darf nicht geschehen; denn wir müssen, Herr, ehe wir fortgehen, des Königs und der Königin Hofbedienten Geschenke geben, und dazu wird des Bischofs Geld gut sein."

Quelle: Volkssagen des Abendlandes, Prisma Verlag, Wiener Verlag 1978, von rado jadu 2003

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