Wie William seine sechs Brüder
von den Vorteilen einer Heirat überzeugte
Sieben Tage
waren schon vergangen, seitdem William, Much und Little John im Schloß
von Barnsdale wohnten. Im glücklichen Haus herrschte Feststimmung
aufgrund der Hochzeit von Winifred und Barbara. Unter den Anordnungen
von Will dem Roten waren der Park und die Gärten des Schlosses in
eine Arena und in einen Ballsaal umgewandelt worden. Der liebenswerte
junge Mann sorgte mit ständiger Aufmerksamkeit für das Wohl
aller und das Glück des einzelnen. Mit unermüdlichen Anstrengungen
legte er überall Hand an, sorgte für alles und erfüllte
das Haus mit seiner ansteckenden Fröhlichkeit. Bei der Arbeit plauderte
und lachte er, hänselte Robin und neckte Much. Plötzlich fiel
ihm eine verrückte Idee ein und er lachte schallend auf. »Was
ist mit dir, William?« fragte Robin.
»Mein lieber Freund, errätst du den Grund meiner Heiterkeit«,
antwortete Will, »ich wette, du kannst es nicht.«
»Es
muß schon sehr heiter sein, da du dich allein recht gut unterhältst.«
»Sehr heiter, in der Tat. Du kennst meine sechs Brüder, nicht
wahr? Sie ähneln einander sehr: alle blond wie Weizen, sanft, tapfer
und rechtschaffen.«
»Worauf willst du hinaus, William?« »Diese guten Jungen
kennen die Liebe nicht.« »Und?« fragte Robin lächelnd.
»Und«, sagte will der Rote, »ich hatte einen Einfall,
der uns viel Freude bereiten kann.« »Welchen Einfall?«
»Ich habe, wie du weißt, großen Einfluß auf meine
Brüder, so werde ich sie heute von den Vorzügen einer Ehe überzeugen.«
Robin fing zu lachen an.
»Ja,
ich werde sie in einer Ecke des Hofes versammeln und ihnen ans Herz legen,
daß sie am gleichen Tag wie Much und Little John den Bund der Ehe
schließen.«
»Die Sache ist unmöglich, mein lieber will«, antwortete
Robin, »deine Brüder sind zu träge, zu gelassen, um von
deinen Worten begeistert zu sein, außerdem sind sie, soweit ich
weiß, nicht verliebt!« »Umso besser, sie werden den
jungen Freundinnen meiner Schwester den Hof machen müssen, und dies
wird ein erfreulicher Anblick sein. Stell dir die Miene von Gregor vor,
dem soliden, plumpen, guten Jungen, von Gregor, der versucht, einer Frau
zu gefallen. Komm mit, Robin, wir sollten keine Zeit verschwenden, da
wir ihnen nur drei Tage geben können, um ihre Wahl zu treffen. Ich
werde jetzt also meine Brüder versammeln und mit ernster Stimme eine
väterliche Rede halten.«
»Eine
Heirat ist eine ernste Sache, will, man soll sie nicht auf die leichte
Schulter nehmen. Wenn deine Brüder, von deiner Redegewandtheit überzeugt,
einer Heirat zustimmen, und sie später unglücklich über
eine unüberlegte Wahl sind, wirst du zutiefst bereuen, das Unglück
ihres ganzen Lebens verschuldet zu haben!«
»Sei in dieser Hinsicht beruhigt, Robin. Ich traue es mir zu, für
meine Brüder Mädchen zu finden, die jetzt und auch in Zukunft
ihrer Liebe würdig sind. Ich kenne eine hübsche kleine Person,
die meinen Bruder Herbert aus tiefstem Herzen liebt.«
»Es reicht aber nicht, will Ist diese junge Person auch würdig,
die Schwester meiner Schwestern zu werden.«
»Ohne
Zweifel, darüber hinaus bin ich mir sicher, daß sie eine hervorragende
Ehefrau abgeben wird.« »Hat Herbert dieses Fräulein schon
gesehen?«
»Sicher, aber der arme, naive Junge kann sich überhaupt nicht
vorstellen, daß sie ihm den Vorzug geben könnte.«
»Leider reicht es nicht, will, da du sechs Brüder verheiraten
willst.« »Keine Sorge, ich werde mich auf die Suche nach weiteren
fünf Mädchen machen.«
»Sehr gut. Aber wenn du diese Mädchen gefunden hast, glaubst
du, daß deine Brüder ihnen gefallen werden?«
»Ich
bin mir sicher. Meine Brüder sind jung, stark, ihr Äußeres
ist angenehm, sie ähneln mir«, fügte will mit einem Hauch
von Überheblichkeit in der Stimme hinzu.»Wenn sie auch nicht
so verführerisch sind wie du, Robin, wenn sie nicht direkt einen
liebenswerten und lustigen Charakter haben, haben sie dafür nichts
in ihrem Aussehen, was den Blicken eines braven und vernünftigen
Mädchens, das einen guten Ehemann sucht, mißfallen könnte.
Da ist ja Herbert!« sagte Will, den Kopf zum jungen Mann drehend,
der den Garten durchquerte. »Ich werde ihn rufen. Herbert, komm
her, mein Junge!«
»Was möchtest du, Will?« fragte der Junge, als er näher
kam. »Ich möchte mit dir sprechen, mein Bruder.« »Ich
höre, Will.«
»Was
ich dir zu sagen habe, betrifft auch deine Brüder, hol sie!«
»Ich bin schon unterwegs.«
Während Herberts kurzer Abwesenheit dachte Will nach. Die jungen
Leute kamen schnell zurück, ein Lächeln zierte ihre Gesichter.
»Hier sind wir, William«, sagte der Älteste mit fröhlicher
Stimme, »aus welchem Grund wünscht du uns zu sehen?«
»Aus einem ernsten Grund, mein lieber Bruder. Erlaubt mir zuerst,
euch eine Frage zu stellen.« Die jungen Leute nickten zustimmend.
»Ihr liebt unseren Vater aus tiefstem Herzen, nicht wahr?«
»Wer stellt unsere Liebe zu ihm in Frage?« fragte Gregor.
»Niemand, diese Frage ist nur der Ausgangspunkt. Ihr liebt also
unseren Vater zutiefst, ihr findet, daß dieser würdevolle Greis
sich immer als Ehrenmann, als echter Sachse verhalten hat?«
»Sicher«, schrie Herbert auf. »Aber um Himmels willen,
Will, was haben deine Worte zu bedeuten? Hat jemand den Namen unseres
Vaters verleumdet? Sag mir den Namen dieses Schuftes und ich werde die
Ehre der Gamwells rächen.«
»Die
Ehre der Gamwells ist unversehrt, lieber Bruder, wäre sie durch Lügen
befleckt worden, hätte ich den Schandfleck im verleumderischen Blut
schon längst reingewaschen. Ich möchte mit euch über eine
weniger ernsthafte Sache sprechen. Sie ist jedoch wichtig. Ihr dürft
mich aber nicht unterbrechen, wenn ihr bis Ende des Tages meine Rede fertighören
wollt. Billigt oder mißbilligt meine Worte durch Kopfzeichen. Achtung,
ich beginne. Die Haltung unseres Vaters ist die eines Ehrenmannes. Sie
sollte uns Vorbild sein, oder?«
»Ja«, antworteten sechs blonde Köpfe einstimmig nickend.
»Unsere Mutter genauso«, sprach Will weiter. »Ihr Leben
war die Erfüllung all ihrer Pflichten, das Beispiel aller Tugenden,
nicht wahr?« »Ja, ja.«
»Unser lieber Vater und unsere sanfte Mutter haben einander geliebt,
haben miteinander gelebt, haben einander glücklich gemacht. Wenn
unser Vater nicht geheiratet hätte, wären wir nicht am Leben,
demnach wäre uns das Glück zu leben fremd. Ist das klar?«
»Ja, ja.«
»Wir
müssen also unserem Vater und unserer Mutter dankbar sein, daß
sie geheiratet haben, uns das Leben geschenkt haben und der Grund unseres
Daseins waren?« »Ja, ja.«
»Wie könnt ihr dem Anblick solch eines großen Glücks
so blind gegenüberstehen? Wie könnt ihr dem Schicksal so undankbar
sein? Wie könnt ihr unseren Eltern einen Beweis von Respekt, Zärtlichkeit
und Dankbarkeit verwehren?«
Wills junge Zuhörer bekamen große, erstaunte Augen. Sie verstanden
nichts von Wills Worten.
»Was meinst du damit, William?« fragte Gregor.
»Ich will nur sagen, meine Herren, daß ihr dem Beispiel unseres
Vaters nach heiraten sollt und durch diese Tat eure Achtung für unseren
Vater, der geheiratet hat, zeigen.«
»O Gott!«
schrien die jungen Leute mit wenig Begeisterung. »Heirat bedeutet
Glück«, fuhr Will fort. »Denkt daran, wie glücklich
ihr sein werdet, ein reizendes Geschöpf an eurem Arm, gleich einer
Blume, die sich an einen jungen Baum stützt. Ein junges Wesen, das
euch liebt, an euch denkt und dessen ganzes Glück ihr seid. Schaut
euch um, Brüder, und ihr werdet die sanften Früchte der Ehe
sehen. Zuerst Maude und ich, die ihr sicher beneidet, wenn wir beide mit
unserem geliebten Kind spielen. Dann Robin und Marianne.Denkt an Little
John und nehmt euch ein Beispiel an diesem würdigen Jungen. Verlangt
ihr noch mehr Beweise für das Glück, welches der Himmel frisch
Vermählten vergönnt? Besucht dann Halbert Lindsay und seine
schöne Frau, geht zum Tal von Mansfeld und ihr werdet Allan Clare
und Lady Christabel sehen. Ihr seid scheußliche Egoisten, ihr habt
nie daran gedacht, daß ihr eine Frau glücklich machen könnt.
Verneint
es nicht, ihr werdet niemanden davon überzeugen, daß ihr gute
und großzügige Jungen seid. Eure Gefühllosigkeit macht
mich verlegen und ich bin betrübt überall zu hören: ,Die
Söhne des alten Sir Guy sind keine guten Menschen.' Ich habe mich
entschlossen, dem ein Ende zu setzen und ich will, haltet das für
gesagt, euch verheiraten.«
Will setzte, trotz des Zögerns einiger seiner Brüder, seinen
Willen durch. Jeder fand die seine. Sir Guy, den Robin geschickt darauf
vorbereitet hatte, der Wahl seiner Söhne zuzustimmen, empfing gütig
die sechs schönen Bräute. Die acht Eheschließungen fanden
am besagten Tag feierlich statt. Jeder schätzte das Glück, das
ihm beschert war.
Quelle: Alexadre Dumas; Robin Hood; © 1990 Gruppo
Editoriale Fabbri, Milano; © dt' Ausgabe 1993 by Neuer Kaiser Verlag;
Klagenfurt; bjfe jadu 2002
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