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Robin Hood

Kloster Kirkles

 

Der Bursche erwartete die beiden Reiter weit unterhalb des Klosters. Rasch kamen sie näher. Gute Kundschaft. Er kannte den schlanken Herrn auf dem weißen Hengst, den Riesen auf dem kräftigen Braunen. Beide trugen ihren Bogen geschultert. Seit Jahren kamen sie her, und nie ritten sie vorbei, ohne auch bei ihm etwas gekauft zu haben.

"Sir Robert!" Der Bursche lief dicht neben dem Schimmel her. "Ich mach Euch gesund, Herr." Geübt zog er nacheinander seine Leinenbeutel heraus. "Bitterklee gegen Fieber? Johanniskerze gegen Husten? Blutwurz für den kranken Bauch? Jede Medizin kostet nur drei Pennies."

"Drei?" Little John kratzte die Narbe im grauen Bartgeflecht, betont streng sagte er: "Beim letzten Mal hast du nur zwei Pennies für dein Kraut verlangt."

Robin spielte mit. "Verschwinde! Wir kaufen von keinem Wucherer." Leicht trabten die Freunde an. Doch der tüchtige Händler hielt Schritt. "Denkt das nicht, Sir Robert. Aber alles ist teurer geworden." Er streckte ihm die Beutel hin. "Überlegt nicht lange. Da oben im Kloster kosten die Kräuter jetzt viermal soviel."

Robin zügelte den Hengst und zählte neun Pennies ab. "Hier, Kleiner. Meinem Bein kannst du nicht helfen. Aber wenn du mehr von der Heilkunst verstehst, dann komme ich nur noch zu dir. Dann verderben wir der Priorin das Geschäft."

"Danke, Herr!" Fest hielt der Bursche die Silberstücke in der Faust, preßte sie gegen die Narbe auf seiner Stirn. "Und mögen Euch die Heiligen beschützen!" Er sah den Männern nach, bis sich das Klostertor hinter ihnen geschlossen hatte.

"Alles ist vorbereitet." Priorin Mathilda trat aus der Pforte des Krankenturms. Das helle, reine Gewand. Die gestärkte Haube. "Komm, Robert!" Nur der Mund lächelte in dem weiß umrahmten Gesicht, ihre Augen sahen kühl dem Neffen entgegen.

"Ach, Tante!" Schleppend zog Robin das Bein nach. "Welch ein Glück, daß es Euch gibt!" John wollte ihn stützen. Doch der Freund schüttelte den Kopf. "Laß nur!"

Ohne Zögern bat die Priorin um das Honorar. "Allerdings muß ich dich bitten, mir dieses Mal zwanzig Pfund zu geben. Denn..." "Nicht weiter", unterbrach Robin, er zog zwei pralle Beutel aus seinem Gürtel, seufzte:"Alles ist teurer geworden. Das haben John und ich schon gehört."

Für einen Augenblick verschwand das Lächeln, kehrte sofort zurück. Beinah sanft erklärte sie: "Nein, Robert, du zahlst mir nicht zuviel. In der letzten Zeit habe ich lange nachgedacht. Und ich weiß jetzt, wie ich dich von allen Beschwerden befreien kann." "Du meinst...?"

"Ja, Robert." Sie faltete die Hände vor der weißen Brust. Und diese Behandlung hat ihren Preis." Heftig drückte John den Arm des Freundes. "Wenn`s wahr ist", murmelte er. "Dann, dann zahl ich noch zehn Pfund drauf."

"Ehrwürdige Tante", sagte Robin offen. "In ganz England seid Ihr die beste Ärztin."

"Das weiß ich." Die hochgewachsene Gestalt straffte sich. "Nun komm, Robert! Es wird Zeit. Wir beginnen mit einem Trank und dem Aderlaß." Sie zeigte zur Turmspitze hinauf. "Das oberste Zimmer ist für dich hergerichtet. Gleich unter dem Himmel." Den Hünen bat sie um Geduld. " Die Medizin muß wirken. Auch wird die Versorgung der Wunde diesmal sicher mehr Zeit in Anspruch nehmen. Gönn dir Ruhe und genieße unsern schönen Garten! Das Obst ist reif." John wehrte ab. "Besser, ich bleibe bei Robin. All die Stufen. Ich bring ihn die Treppe hoch."

"Nein!" Sofort verlor ihr Ton wieder an Schärfe. Mit leisem Spott fuhr sie fort. "Auch wenn ich nicht den Anschein erwecke, dennoch hab ich Kraft genug, meinen Neffen selbst hinauf zu stützen."

"Schluß jetzt!" Entschlossen humpelte Robin zur Pforte: "Keiner von euch wird mir helfen."Er schwang das Bein auf die erste Stufe. "Nun kommt, Tante! Worauf wartet Ihr?" John blieb zurück und verschränkte die Arme. Auch gut.

Ein lichter Raum. In der Mitte das erhöhte Strohlager, bedeckt mit grauem Leinen. Der Strick, frische Tücher und Binden lagen sorgfältig geordnet über dem Schemel. In der Blutschüssel am Boden glänzte die Fliete, das silbrige Instrument für das Öffnen der Ader.

"Wartet noch, Tante!" Schwer atmend trat Robin ans Fenster. Er sog die Luft in sich ein. Sein Blick streifte die Klostermauer, wanderte durch die gemähten Wiesen, über den Fluß und weiter bis zum entfernten Waldrand.

"Wie still alles daliegt." "Gib mir deinen Waffen!" verlangte die Stimme in seinem Rücken. Ohne sich umzuwenden, löste Robin den Schwertgurt, streifte Köcher und Bogen von der Schulter.

"Auch den Rock, Neffe", mahnte sie. Robin gehorchte. "Wie gut, das Land riecht." Er dehnte die Brust. Mathilda trat neben ihn. "Trink das, Robert!" Mit der kleinen Flasche in der Hand zeigte er zum Fenster hinaus. "Selbst hier oben rieche ich noch das Heu."

Ihre Lippen bebten. Er nahm es nicht wahr. Wachsam zog sie seinen Arm zurück. "Trink, Neffe!"

Robin setzte an, leerte das Fläschchen in einem Zug. Kurz verzerrte er das Gesicht, schüttelte sich. Der Ekel war vorüber. "Ein Schluck Malvasier wäre mir lieber." "Stets kommt das Bittere vor dem Süßen." Ihre Stimme schwankte leicht. Robin blickte zum weit entfernten Waldrand: "Wie klug ihr seid. Stets habe ich gekämpft. Und endlich gesiegt. Doch das Glück währte nicht lange. Eins habt ihr vergessen, ehrwürdige Tante. Es geht weiter. Solang es Unrecht gibt, folgt nach der Süße wieder das Bittere. Es wechselt... So wie..." Robin bemühte sich, den Gedanken festzuhalten. "So wie dieser Sommer..." Er brach ab, fahrig wischte er die Stirn. "Meine Augen? Ich sehe..."

Mathilda faßte seinen Arm. "Was, Robert? Was siehst du?" "Die ...Wiesen. Sie verschwimmen im Fluß."

"Es ist alles gut, Neffe. Die Medizin wirkt." Sie führte ihm vom Fenster weg. Sein Schritt wurde schleppender, die Muskeln versagten fast. Mathilda hielt ihn, bis er sich auf dem Lager ausgestreckt hatte. Sein blasses Gesicht war mit einem Mal von scharfen Falten gezeichnet. "Ihr müßt..." Er hustete, versuchte lauter zu sprechen. "Wenn Ihr nachher..." Der Ton versickerte in ein Flüstern. "Meine Stimme?"

"Es ist alles gut, Robert." Rasch legte sie Strick, Tücher und Binden neben ihn, setzte sich auf den Hocker und zog seinen linken Arm über das Knie. Sie streifte ihm den losen Stoff seines Hemdes bis zur Achsel hinauf. Mathilda zögerte nicht. Die schmale Fliete. Sie setzte den silbrigen Rosendorn an. Ihr Finger schlug auf das federnde Schneckenende. Dunkles Blut quoll aus der Ader. Mathildas Augen flackerten. Ihr Finger schlug zum zweiten Mal, härter, ein drittes Mal. Helles Blut sprang! Der Strahl spritzte gegen die gekalkten Steine. In Stößen folgten neue, wieder und wieder.

Robin hob mühsam den Kopf, versuchte zu sehen. "Rot?" flüsterte er. "Ist das mein Blut? Da an der Mauer?"

"Es ist alles gut, Robert." Mit hartem Griff hielt sie den Arm. "Du hast ein starkes Herz. Deshalb springt es so." Erst als die Stöße schwächer wurden, legte sie ein Tuch über die geöffneten Adern. Rasch erhob sie sich, bettete seinen Arm auf den Schemel. Unter dem Leinen pulste die Quelle stetig weiter.

Robin sah zu der hochgewachsenen Gestalt auf. Für einen Moment wich der Schleier von seinen Augen. "Mein Blut hat Euch beschmutzt, Ehrwürdige Tante." Er lächelte schwach. "An Eurer Brust."

"Es ist gut, Robert." Aufrecht schritt sie zur Tür. "Ich werde es abwaschen." Mathilda verließ den Raum. Fest verriegelte sie die Tür, den Schlüssel verbarg sie hinter einem Stein.

Die Priorin trat aus der Pforte. Im Schatten des Krankenturms lehnte Little John an der Mauer. Erst unentschlossen, dann ging sie rasch zu ihm hinüber. "Hast du Gamwell gekannt?" Ihre Stimme war spröde, brüchig: "Meinen Neffen?" John erschrak. Sein Blick blieb auf den Blutflecken, in ihr Gesicht zu sehen, wagte er nicht. "Den Will Scarlet? Ja, der war mal bei uns."

"Ich habe ihn geliebt." Sie wandte sich ab und eilte davon. John sah der Priorin nach. Die weißgekleidete Gestalt schritt zwischen den Blumengärten auf das Wohnhaus der Ordensfrauen zu. Beim Dunstan. Wieso fragst du mich das? Über Gamwell reden wir nicht, hat Robin gesagt. Robin? Der Hüne starrte zur Turmspitze. Sah das Blut auf dem Gewand der Nonne. Robin? "Es wird dauern." Ihre Stimme gelte jäh in seinem Kopf. Und sie geht einfach weg? Jetzt? Das darf sie doch nicht. Beim Aderlaß darf sie ihn doch nicht allein lassen! "Robin" schrie John.

Die Angst riß ihn vorwärts. Er stürzte durch die Pforte, hetzte die Stufen hinauf. Windung um Windung. "Robin!" Wild schlug das Herz. Sein Brüllen hallte, stürmte vor ihm her. Die Tür. Er prüfte nicht. Mit aller Kraft warf er den riesenhaften Körper dagegen. Holz splitterte. John erstarrte. Das Blut an der Wand. Still lag Robin auf dem Lager. So still.

Er fiel neben ihm auf die Knie. Faßte behutsam nach seiner Stirn. "Robin?" Die Lider öffneten sich. "Ja, John. Ich höre dich." Er sprach leise, jedes Wort setzte er. "Meine Glieder. Schwer sind sie mir wie Eisen." Mühsam sog er den Atem ein. "Und das ist gut, hat Mathilda gesagt."

Jetzt entdeckte John das blutgetränkte Tuch, sah die große, dunkle Lache auf dem Boden. Seine Faust packte den linken Arm des Freundes, preßte das Fleisch über den offenen Adern. "Umbringen will sie dich. Umbringen."

"Sie hat...sie hat es schon getan."

"Das darf sie nicht", stammelte John. Seine Stimme bäumte sich auf. "Verbrennen! Ich verbrenn das Kloster.Und die Nonne. Und alle! Nichts bleibt hier mehr!"

"Schluß!" Leise, und doch war es ein Befehl. Robin tastete mit der rechten Hand nach seiner großen Faust. "Wir töten keine Wehrlosen. Vergiß das nicht, John!"

"Wegen Gamwell. Und für diesen Baron. Deshalb hat sie es getan."

"Keiner bleibt unschuldig. Sag das auch Roderick." Er strich die Fingerkuppen über die Faust. "Laß das Blut strömen! Es ist vorbei, mein Freund. Sie gab mir Gift. Mathilda hat den Kampf längst gewonnen." Mit einem Mal kehrte Licht in die grauen Augen zurück. "Schnell. Den Bogen. Wähl einen guten Pfeil!"

John begriff. Er beugte sich zu den Waffen, hielt sie dem Freund hin. "Allein schaff ich es nicht mehr. Hilf mir!"

Und der Hüne setzte sich hinter ihn, zog Robin hoch an seine Brust. Die schwache Hand legte sich um das Bogenholz. John umschloß sie fest. Er setzte den gefiederten Schaft, führte Robins Finger zur Sehne. John lieh dem Freund seine Kraft. Der Pfeil schnellte durch die Fensteröffnung hinaus.

"Ein guter Schuß." Robin stöhnte, preßte den Rücken an die breite Brust. "Dort, wo du den Pfeil findest. Da will ich liegen." Er ließ das Bogenholz nicht los. "Schade, John." Er schwieg zu lange.

"Was? Robin?" Leicht drückte der Freund die Hand in seiner Faust. "Sag es. Was?"

"Unsere kleine Bedingung. Hörst du? Jetzt...jetzt mußt du mit ihr tanzen." Sein Kopf sank zurück. John weinte. Zittern schüttelte die mächtigen Schultern. Als habe er Angst, Robin zu wecken, so behutsam neigte sich John über ihn, verbarg das Gesicht im Haar des Freundes.

Die Klosterglocke schwang herauf. Das Mittagsläuten riß den Hünen in die Wirklichkeit. Auf seinen Armen trug er Robin die Stufen hinunter, trat aus der dunklen Enge. Das Licht schmerzte.

In großer Hast wurde das Tor geöffnet. John tritt hindurch und weiter hinaus über die abgemähten Wiesen. Er folgte dem Flug. Ohne Halt. Und er fand den Pfeil.

Quelle: Robin Hood, Solange es Unrecht gibt; © by Cecilie Dressler Verlag, 1994; von sykr jadu 2001

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