Ein ganzes
Jahr war vergangen, seitdem Robin Sir Richard de la Plaine so großzügig
gerettet hatte. Seit einigen Wochen waren die fröhlichen Männer
wieder im Wald von Barnsdale. Am festgesetzten Tag bereitete sich Robin
auf das Kommen des Ritters vor. Die festgelegte Stunde war schon gekommen,
aber immer noch kein Schuldner.
»Er
wird nicht kommen«, sagte Will der Rote, der mit Little John im
Schatten eines Baumes saß und ungeduldig die vor ihm liegende Straße
beobachtete.
»Die Undankbarkeit von Sir Richard wird uns eine Lehre sein«,
antwortete Robin, »sie wird uns zeigen, uns auf Versprechen nicht
zu verlassen. Von allen könnte ich es verstehen, nur möchte
ich nicht von Sir Richard betrogen werden. Nie hatte ich auf einem Gesicht
deutlichere Anzeichen von Anständigkeit und Ehrlichkeit gesehen.
Ich gebe zu, wenn mein Schuldner sein Wort bricht, dann weiß ich
nicht, an welchen äußeren Zeichen man einen ehrlichen Mann
erkennen kann.«
»Ich
warte, denn ich bin sicher, daß dieser gute Ritter kommen wird«,
sagte Little John, »die Sonne ist noch nicht hinter den Bäumen
versunken. Noch vor Ablauf einer Stunde wird Sir Richard hier sein.«
»Möge Gott dich erhören, lieber John«, antwortete
Robin. »Ich möchte wie du glauben, daß das Versprechen
eines Sachsen ein Ehrenwort ist. Ich werde hierbleiben, bis die ersten
Sterne funkeln, und wenn der Ritter nicht kommt, wird seine Abwesenheit
für mich wie der Verlust eines Freundes sein. Nehmt eure Waffen,
meine Freunde, ruft Much und geht zur Straße, die zur Abtei ,Heilige
Maria' führt. Vielleicht seht ihr Sir Richard, wenn nicht, dann vielleicht
anstelle dieses Undankbaren einen reichen Normannen oder gar einen armen
hungrigen Kerl. Ich möchte ein unbekanntes Gesicht sehen, sucht ein
Abenteuer und bringt mir irgendeinen Gast.«
»Na,
eine seltsame Art, sich zu trösten, mein lieber Robin«, sagte
Will lachend, »aber wie du wünschst. Wir werden uns auf die
Suche nach einer vorübergehenden Abwechslung machen.«
Das unerwartete Erscheinen eines größeren Reitertrupps besorgte
Robin ein wenig angesichts der geringeren Anzahl seiner Leute und ihrer
Verstreuung im Wald. So wollte er nicht angreifen, bevor er sicher war,
daß ein Sieg möglich war. Die Reiter näherten sich schnell
der Lichtung. Als sie in Rufweite waren, ritt der, der anscheinend der
Anführer war, Robin entgegen.
»Es ist Sir Richard!« schrie John fröhlich, nachdem er
den vordersten Reiter erkannt hatte.
»Heilige Mutter Gottes, ich danke dir!« sagte Robin, der aufsprang.
»Der Sachse hat sein Wort nicht gebrochen!« Sir Richard stieg
schnell von seinem Pferd, lief zu Robin und hielt ihn in seinen Armen.
»Gott beschütze Sie, Robin Hood«, sagte er, indem er
dem jungen Mann einen väterlichen Kuß gab. »Gott möge
Ihnen Gesundheit und Glück bis zu Ihrem letzten Tag schenken!«
»Willkommen
im grünen Wald, edler Ritter«, sagte Robin gerührt. »Ich
bin glücklich, daß Sie Ihrem Versprechen treu sind und Ihr
Herz Ihrem ergebenen Diener Wohlwollen entgegenbringt.«
»Auch mit leeren Händen wäre ich gekommen, Robin, so sehr
freue ich mich und ehrt es mich, Ihre Hand drücken zu können.
Zum Glück und zu meiner Zufriedenheit kann ich Ihnen das Geld, welches
Sie mir mit solcher Güte und Höflichkeit geliehen haben, zurückgeben.«
»Sie sind also wieder im Besitz all Ihrer Güter?« fragte
Robin. »Ja, und möge Gott das Glück, das ich Ihnen verdanke,;
in Hülle und Fülle vergelten.« Die Männer, prachtvoll
gekleidet, bildeten eine imposante Reihe hinter Sir Richard. Sie weckten
bald Robins Neugier. »Gehört diese Truppe Ihnen?« fragte
der junge Mann. »Zur Zeit gehört sie noch mir«, antwortete
der Ritter lächelnd. »Ich bewundere die Pracht der Männer
und ihre kriegerische Erscheinung«, sagte Robin, mit echtem - Staunen
in der Stimme, »sie scheinen sehr diszipliniert zu sein.«
»Ja,
sie sind tapfer, rechtschaffen und alle sächsischer Abstammung. Sie
sind auch treu, ich habe alle diese Eigenschaften schon auf die Probe
gestellt. Sie würden mir einen Gefallen tun, lieber Robin, wenn Sie
Ihren Leuten befehlen würden, meine Begleiter zu bewirten. Sie haben
einen langen Weg hinter sich und brauchen wahrscheinlich ein paar Stunden
Ruhe.« »Sie werden die Gastfreundschaft des Waldes kennenlernen«,
antwortete Robin eifrig. »Meine Freunde«, sagte er zu seinen
Männern, die aus allen Richtungen zum Vorschein kamen, »diese
Fremden sind Brüder, Sachsen. Sie haben Hunger und Durst. Zeigt ihnen,
wie wir Freunde behandeln, die uns im Wald besuchen.«
Die Waldhüter gehorchten Robins Befehlen mit einer Eile, die Sir
Richard bewunderte.
Bevor er sich mit seinem Gastgeber zurückzog, bedeckten Lebensmittel,
Bierkrüge und Weinflaschen schon die Wiese. Robin Hood, Sir Richard,
Little John und Will setzten sich vor ein vorzügliches Mahl, und
bei der Nachspeise begann der Ritter die Ereignisse seit seinem ersten
Treffen mit unserem Helden zu schildern ...
Ich kann nicht
beschreiben, meine lieben Freunde, mit welcher Dankbarkeit und Freude
ich heute vor einem Jahr den Wald verließ. Mein Herz zersprang fast
und ich hatte es so eilig, meine Frau und meine Kinder zu sehen, daß
ich das Schloß in weniger Zeit erreichte, als ich für diese
Schilderung brauche.
»Wir sind gerettet!« schrie ich und drückte meine arme
Familie an meine Brust. Meine Frau brach in Tränen aus und fiel fast
in Ohnmacht, so groß war ihre Überraschung und Rührung.
»Wie heißt der großzügige Freund, der uns geholfen
hat?« »Meine Kinder«, antwortete ich, »ich habe
umsonst an allen Türen geklopft, ich habe umsonst all die, die sich
unsere Freunde nannten, um Hilfe angefleht, einzig und allein ein Unbekannter
zeigte Mitleid. Dieser gütige Mann ist ein adeliger Verbannter, der
Beschützer der Armen, die Stütze der Unglücklichen, der
Rächer der Unterdrückten. Dieser Mann ist Robin Hood.«
Meine Kinder
knieten um ihre Mutter, und andächtig beteten sie zu Gott, bedankten
sich zutiefst gerührt. Diese Pflicht erfüllt, bat mich Herbert,
Sie besuchen zu dürfen, aber ich gab meinem Sohn zu verstehen, daß
die Offenherzigkeit dieser Handlung Ihnen eher eine Last als eine echte
Freude sein würde, da Sie es nicht mögen, wenn über Ihre
guten Taten gesprochen wird ...
»Mein lieber Ritter«, unterbrach ihn Robin, »lassen
wir diesen Teil Ihrer Geschichte beiseite und erzählen uns, wie Sie
Ihr Geschäft mit dem Abt geregelt haben.«
»Geduld, Geduld«, sagte Sir Richard lächelnd. »Ich
will Sie nicht mit Lob überhäufen, seien Sie unbesorgt, in dieser
Hinsicht kenne ich Ihre bewundernswerte Bescheidenheit. Trotzdem muß
ich Ihnen sagen, daß die sanfte Lilas ihre Gebete denen Herberts
anschloß und daß ich meine ganze väterliche Autorität
einsetzen mußte, bis sie endlich aufgaben. Ich versprach meinen
Kindern in Ihrem Namen, daß sie die Freude haben werden, Sie im
Schloß zu sehen.«
»Sie
taten gut, Sir Richard, ich verspreche, in den nächsten Tagen Ihre
Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen«, sagte Robin herzlich. »Danke,
mein lieber Gastgeber. Ich werde Lilas und Herbert Ihr Versprechen mitteilen,
und der Gedanke, Ihnen persönlich zu danken, wird sie erfreuen.«
Am Tag meiner Rückkehr ging ich zur Abtei »Heilige Maria«.
Ich erfuhr später, daß zur gleichen Zeit, als ich dorthin ging,
der Abt und der Prior im Speiseraum über mich sprachen: »Heute
vor einem Jahr«, sagte der Abt zum Prior, »hat ein Ritter,
dessen Besitz an die Abtei grenzt, v vierhundert Goldstücke von mir
ausgeliehen. Er soll mir dieses Geld plus Zinsen zurückgeben oder
mich über all seine Güter frei verfügen lassen. Für
mich endet der angebrochene Tag zur Mittagsstunde. Ich betrachte also
die Stunde der Auszahlung als gekommen und kann mich als rechtmäßiger
Besitzer seiner ganzen Güter betrachten.«
»Mein Bruder«, antwortete der Prior entsetzt, »Sie sind
grausam. Ein armer Mann, der eine Schuld begleichen muß, sollte
in aller Gerechtigkeit eine letzte Frist von vierundzwanzig Stunden bekommen.
Es wäre eine Schande, einen Besitz zu verlangen, auf den Sie noch
kein Recht haben. Wenn Sie so handeln, werden Sie einen Unglücklichen
ruinieren, ihn seinem Elend überlassen, obwohl Ihre Pflicht als Mitglied
der heiligen Kirche darin besteht, das Leid unserer unglücklichen
Brüder zu lindern.« »Behalten Sie Ihre Ratschläge
für die, die sie hören wollen«, antwortete der Abt wütend,
»ich werde machen, was mir gefällt, ohne auf Ihre scheinheiligen
Äußerungen Rücksicht zu nehmen.« In diesem Augenblick
betrat der Kellermeister den Speiseraum. »Haben Sie schon etwas
von Sir Richard de la Plaine gehört?« fragte ihn der Abt.
»Nein,
aber es macht nichts. Alles, was ich weiß, ist, daß seine
Güter jetzt Ihnen gehören.«
»Der Richter ist hier«, sprach der Abt weiter, »ich
werde in Erfahrung bringen, ob ich das Schloß von Sir Richard für
mich beanspruchen kann.« Der Abt ging zum Richter, der nach einer
reichlichen Bestechung dem Mönch sagte:-»Sir Richard wird heute
nicht kommen, also kannst du dich als den rechtmäßigen Besitzer
seiner Güter betrachten.« Dieses widerrechtliche Urteil war
gerade gefällt, als ich am Tor der Abtei ankam. Um die Großzügigkeit
meines Gläubigers auf die Probe zu stellen, hatte ich so wie die
Männer, die mich begleiteten, ärmliche Kleider angezogen. Der
Pförtner der Abtei kam mir entgegen. Ich hatte mich, als ich noch
reich war, ihm gegenüber sehr großzügig gezeigt, und der
ehrliche Mann hatte es dankbar in Erinnerung behalten. Er erzählte
mir vom Gespräch zwischen dem Abt und dem Prior. Es überraschte
mich nicht, ich wußte ja, daß ich von diesem »frommen«
Mann keine Gnade erwarten durfte. »Willkommen«, sagte der
Mönch weiter, »Ihre Ankunft wird den Prior sehr freudig stimmen.
Der ehrwürdige Abt wird wahrscheinlich weniger zufrieden sein, da
er schon annimmt, Besitzer Ihres schönen Schlosses zu sein.
Sie werden
viele Leute im großen Saal vorfinden, Edelmänner und mehrere
Lords. Ich hoffe, Sir Richard, daß Sie den scheinheiligen Worten
unseres Vorstehers nicht vertraut haben und daß Sie Geld bringen«,
fügte der ehrliche Mann mit sanfter, besorgter Stimme hinzu. Ich
beruhigte den guten Mönch und trat allein in den Saal, in welchem
die ganze Bruderschaft Maßnahmen traf, um mich zu enteignen. Die
edle Gesellschaft war so unangenehm überrascht über mein Kommen,
daß man hätte glauben können, ich wäre ein Gespenst,
gekommen, um ihnen die heißersehnte Beute streitig zu machen. Ich
grüßte demütig diese edle Gesellschaft, und mit vorgetäuschter
Untertänigkeit sagte ich zum Abt: »Wie Sie sehen, ehrwürdiger
Abt, hielt ich mein Versprechen, hier bin ich.« »Bringen Sie
mir das Geld?« fragte der fromme Mann schnell.
»Leider
keinen Penny ...« Ein Lächeln verbreitete sich auf dem Gesicht
meines großzügigen Gläubigers. »Was machen Sie dann
hier, wenn Sie Ihre Schuld nicht begleichen können?« »Ich
flehe Sie an, mir noch einige Tage zu gewähren.«
»Es ist unmöglich. Nach unserer Abmachung sollen Sie heute
noch bezahlen. Wenn Sie es nicht können, dann gehören Ihre Güter
mir. Außerdem hat der ehrwürdige Richter selbst so entschieden.
Ist es nicht so, Mylord?«
»Ja«,
antwortete der Richter. »Sir Richard«, fügte er hinzu,
während er mir einen verächtlichen Blick zuwarf, »die
Ländereien Ihrer Ahnen sind jetzt Besitz unseres hochwürdigen
Abts.«
Ich täuschte eine große Verzweiflung vor und flehte den Abt
an, Mitleid zu haben, mir drei Tage zu gewähren. Ich schilderte ihm
das Schicksal, welches meine Frau und meine Kinder erwartete, wenn er
sie von ihrem Heim jagte. Der Abt blieb meiner Bitte gegenüber taub,
er wurde meiner Anwesenheit müde und befahl mir herrisch, den Saal
zu verlassen. Über diese unwürdige Behandlung wütend, hob
ich stolz den Kopf, ging zur Saalmitte hin und stellte einen Beutel voller
Geld auf den Tisch.
»Hier
sind die vierhundert Goldstücke, die Sie mir geliehen hatten. Es
hat noch nicht zwölf Uhr geschlagen, also habe ich alle Forderungen
unserer Vereinbarung eingehalten. Trotz Ihrer List wechseln meine Güter
nicht den Besitzer.« Ihr könnt euch das Staunen, die Wut und
die Raserei des Abts nicht vorstellen. Er drehte den Kopf nach rechts,
nach links, riß die Augen auf, murmelte unverständliche Worte,
er schien wie verrückt. Nachdem ich einen Moment den Anblick dieser
stummen Wut genossen hatte, ging ich aus dem Saal zur Loge des Pförtners.
Dort zog ich anständige Kleider an, ebenso meine Männer. Und
so von einer meines Standes würdigen Eskorte begleitet, kehrte ich
in den Saal zurück. Die Wandlung meines Äußeren schien
jeden zu verwundern. Ruhig schritt ich zum Sessel, in dem der ehrwürdige
Richter saß. »Ich wende mich an Sie, Mylord«, sagte
ich mit deutlicher, sicherer Stimme, »und frage Sie vor der hier
versammelten ehrenvollen Gesellschaft, ob, da ich alle Vereinbarungspunkte
erfüllt habe, der Grund und das Schloß de la Plaine nicht mir
gehören?«
»Sie
gehören Ihnen«, antwortete der Richter widerwillig. Ich fügte
mich der Gerechtigkeit dieser Entscheidung und verließ die Abtei
glücklichen Herzens. Auf der Straße, die zu meinem Heim führte,
traf ich meine Frau und meine Kinder.
»Freut euch, meine Lieben«, sagte ich ihnen, während
ich sie umarmte, »und betet für Robin Hood, weil ohne ihn wären
wir Bettler. Und jetzt versuchen wir dem großzügigen Robin
Hood zu zeigen, daß wir seine Hilfe nicht vergessen.«
Am nächsten Tag machten wir uns an die Arbeit. Mein Grund, gut bestellt,
brachte mir bald die Summe, die Sie mir geliehen hatten, ein. Ich bringe
Ihnen sechshundert Goldstücke, mein lieber Robin, etwa hundert Bögen
vom besten Eichenholz, gleich viele Pfeile und Köcher, und hinzu
schenke ich Ihnen die Truppe, deren prachtvolle Haltung Sie vorhin bewundert
haben. Diese Männer sind gut bewaffnet und jeder besitzt ein ausgezeichnetes
Pferd. Nehmen Sie sie als Untertanen, sie werden Ihnen in Dankbarkeit
und Treue dienen.«
»Ich
würde meine Selbstachtung verlieren, wenn ich solch ein reiches Geschenk
annehmen würde, mein lieber Ritter«, antwortete Robin gerührt.
»Ich will nicht einmal das Geld, das Sie mir bringen. Der Geldeintreiber
der Abtei , Heilige Maria' hat heute mit mir gespeist und die Ausgaben,
die er hier machte, haben uns achthundert Goldstücke eingebracht.
Ich nehme niemals zweimal am Tag Geld an, ich habe das Geld des Mönches
anstatt Ihres genommen, Sie sind mir nichts mehr schuldig. Ich weiß,
mein lieber Ritter, daß die Einkünfte Ihrer Güter von
den Forderungen des Königs geschmälert worden sind und daß
man sparsam damit umgehen sollte. Denken Sie an Ihre Kinder. Ich, ich
bin reich, es gibt so viele Normannen in unserer Gegend, die Geld wie
Heu haben. Sprechen wir nicht mehr von Gefallen und Dankbarkeit, außer
ich kann dem Glück derer, die Sie lieben, ein wenig nachhelfen.«
»Ihre
Handlungsweise ist so großzügig und edel«, antwortete
Sir Richard gerührt, »daß ich, wenn ich darauf bestehe,
Ihnen die Geschenke zu geben, die Sie ablehnen, befürchte, eine Taktlosigkeit
zu begehen.« »Ja, werter Ritter, sprechen wir nicht mehr davon«,
sagte Robin fröhlich, »erzählen Sie mir lieber, warum
Sie so spät zu unserem Treffen gekommen sind.«
»Auf dem Weg ritt ich durch ein Dorf, in dem sich die besten Freisassen
des Westens trafen. Sie waren damit beschäftigt, ihre Kräfte
aneinander zu messen. Der Preis, der dem Sieger versprochen war, bestand
aus einem weißen Stier, einem Pferd, einem Sattel und mit goldenen
Nägeln geschmückte Zügel, einem Paar Handschuhe, einem
silbernen Ring und einem Faß alten Weins. Ich hielt einen Augenblick
an, um dem Kampf zuzusehen. Ein Freisasse von außergewöhnlicher
Größe bewies eine so bewundernswerte Kraft, daß es ersichtlich
war, daß er alle Preise gewinnen würde. Tatsächlich blieb
er, nachdem er all seine Gegner besiegt hatte, allein als Sieger auf dem
Kampfplatz stehen. Man wollte ihm gerade die wohlverdienten Preise übergeben,
als jemand ihn als einen Ihrer Truppe erkannte.«
»War
es wirklich einer meiner Männer?« erkundigte sich Robin schnell.
»Ja, er hieß Gaspard.«
»Er hat also alle Preise gewonnen, dieser Tapfere?« ' »Er
hat sie alle gewonnen, aber unter dem Vorwand, er gehöre zu Ihrer
Bande, machte man ihm sein gutes Recht streitig. Gaspard verteidigte mutig
seine Sache. Daraufhin fügten zwei oder drei Kämpfer Ihrem Namen
beleidigende Beinamen hinzu. Wie laut und stark Gaspard Sie verteidigte,
war sehenswert. Er sprach so laut und gestikulierte so sehr, daß
bald Messer gezogen wurden. Ihr armer Gaspard wäre der Anzahl der
Gegner oder ihrer Heimtücke erlegen, als ich mit Hilfe meiner Leute
alle in die Flucht trieb.
Nach diesem
kleinen Gefallen gab ich dem tapferen Jungen fünf Goldstücke
für seinen Wein und bot den Flüchtlingen an, vom Inhalt des
Fasses zu kosten. Wie Sie es sich sicher denken können, lehnten sie
es nicht ab und ich nahm Gaspard mit, um ihn einer späteren Rache
zu entziehen.«
»Ich danke Ihnen, daß Sie einen meiner tapferen Leute beschützt
haben, mein lieber Ritter. Der, der meinen Freunden behilflich ist, kann
meiner ewigen Freundschaft sicher sein. Wenn Sie mich je brauchen, kommen
und fragen Sie, mein Arm wie meine Börse stehen Ihnen zur Verfügung.«
»Ich werde Sie immer als echten Freund betrachten, Robin«,
antwortete der Ritter, »und ich hoffe, daß Sie es auch tun.«
Die letzten Stunden des Nachmittags vergingen fröhlich, und gegen
Abend begleitete Sir Richard Robin, Will und Little John zum Schloß
von Barnsdale, in welchem alle Mitglieder der Familie Gamwell versammelt
waren.
Sir Richard
konnte sein Lächeln nicht unterdrücken, als er die zehn reizenden
Frauen, die ihm vorgestellt wurden, bewunderte. Nachdem Will die Aufmerksamkeit
auf seine geliebte Maude gelenkt hatte, zog er seinen Gast beiseite und
fragte ihn leise, ob er je ein reizvolleres Gesicht als das von Maude
gesehen hätte. Der Ritter lachte und flüsterte, daß es
von einem Mangel an Höflichkeit den anderen Damen gegenüber
zeugen würde, wenn er sich erlaubte, das zu sagen, was er von der
anmutigen Maude halte. William, über diese höfliche Antwort
entzückt, ging zu seiner Frau und küßte sie, überzeugt,
der bevorzugteste Ehemann und der glücklichste Mensch zu sein.
Bei Anbruch
der Nacht verließ Sir Richard Barnsdale und, von einem Teil von
Robins Leuten begleitet, die ihn durch den Wald führen sollten, kehrte
mit seinem zahlreichen Gefolge zum Schloß de la Plaine zurück.
Quelle: Alexadre Dumas; Robin Hood; © 1990 Gruppo
Editoriale Fabbri, Milano; © dt' Ausgabe 1993 by Neuer Kaiser Verlag;
Klagenfurt; bjfe jadu 2002
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