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Piratenkrieg und Liebe

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Auch die leidenschaftliche, unbändige Natur des Ambinanitelo-Tales ist den ehernen, uralten Gesetzen des Kampfes des Neuen gegen das Alte unterworfen. Die Pflanzentriebe, die sich mit unaufhaltsamer Kraft der Sonne entgegenrecken, drängen mit Leidenschaft, mehr noch: mit Verbissenheit, alles in den Schatten, was gestern sproßte, sie erwürgen, morden und zermalmen alles zu Staub. Nichts hat Bestand vor der vernichtenden Gewalt ihrer überquellenden Üppigkeit, gar nichts - sowohl in der pflanzlichen wie in der menschlichen Gemeinschaft. Die Menschenschicksale, die einst ganze Stämme erschütterten, versinken hier merkwürdig schnell im Strudel des Vergessens.

Manchmal nur, gelegentlich, lüftet sich im Bruchstück einer Unterhaltung für einen Augenblick der Schleier eines Geheimnisses, und die seit Generationen im Dickicht dunkler Sagen oder unverständlicher Fadi verschwundene Spur wird dann plötzlich für einen Augenblick wieder deutlich.

Auf dem Baum in der Nähe meiner Hütte ist die Stimme eines Vogels, der schwarzen madagassischen Drossel, eines Drongo, zu hören.

"Er ist fadi !" mahnt mich der alte Dschinarivelo und zeigt auf den Vogel. "Schieße niemals auf einen Drongo!"

Wie sich herausstellt, hat der Drongo einst die Bewohner des Dorfes vor dem Tode oder der Gefangenschaft bewahrt, denn durch seinen Ruf führte er die Verfolger auf ihrer Suche Irre.

"Welche Verfolger? Woher kamen sie?"

"Die Sage erzählt, daß sie an der Küste, an der Mündung unseres Antanambalana-Stromes, lebten. Böse Menschen waren es, unausgesetzt unternahmen sie Ausfälle, um unsere Ahnen zu fangen und sie in die Sklaverei zu verkaufen..."

"Waren es etwa weiße Piraten?"

"Die Sage berichtet so."

Noch ein paar Erläuterungen, und die Angelegenheit wird immer klarer, die Spur ist gefunden. Das mit dem braven Vogel zusammenhängende Fadi führt unfehlbar in die Zeit des Piratnregiments zu Beginn des 18. Jahrhunderts zurück, und zwar auf Ereignisse, die zu den seltsamsten gehören, die die Geschichte der Eroberungen kennt.

Ein zum verbrecherischen Abschaum der menschlichen Gesellschaft gehörender Pirat namens Plantain hat dank seiner sagenhaften, mit einer gespenstischen Romantik und unglaublicher Verbissenheit verbundenen Kühnheit das Ziel erreicht, dem Beniowski ein halbes Jahrhundert später gar nicht, die Franzosen jedoch erst nach Ablauf von eineinhalb Jahrhunderten auf Kosten ihrer unsagbaren Anstrengungen und riesigen Verluste an Menschen näher gekommen sind: Plantain eroberte ganz Madagaskar und wurde dessen Herrscher.

Es scheint ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht, die Karikatur eines auf Madagaskar wiederholten trojanischen Krieges zu sein, und obgleich die französischen Chroniken und natürlich auch die englischen dieses ganze Abenteuer mit beschämten Schweigen übergehen, so bestätigen dennoch voneinander unabhängige Beschreibungen glaubwürdiger Zeugen die ungewönlichen Vorfälle. Es lohnt sich schon, sie sich wieder ins Gedächtnis zu rufen, auch wenn es nur deshalb geschehen sollte, weil die Hauptstadt dieses blutdürstigen Herrschers hier ganz in der Nähe, im Ambinanitelo-Tales selbst, gelegen war.

John Plantain, der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf der Insel Jamaika geborene Engländer, hatte keine Bildung, konnte weder lesen noch schreiben, brachte aber aus dem Elternhaus die Fähigkeit mit, mit einer Flut der saftigsten Flüche um sich zu werfen. Kaum hatte er das zwanzigste Lebensjahr erreicht, ging er zur See. Er traf auf die damals im amerikanischen Gewässern ihr Unwesen treibenden zahllosen Piraten und schloß sich ihnen an. Der Indische Ozean war jener Zeit ein Dorado allen Räubergesindels. Also zog das Schiff, auf dem Plantain segelte nach Osten. In der Kumpanei brutaler Abenteurer überragte unser Held durch seine Rücksichtslosigkeit alle anderen, und da ihm zudem noch das Glück hold war, stieg er in der Hierarchie der Piraten rasch auf. Europäische und asiatische Schiffe plündernd, gelangte er zu einem riesigen Vermögen.

Der Traum jedes Korsaren war, wenn er sein Schäfchen ins trockene gebracht hatte, in die heimatlichen Gefilde zurückzukeheren und dort den Rest seines Lebens im Überfluß zu verbringen. Leider stieß solch ein Happy-End in der letzten Zeit auf Schwierigkeiten. Die Ostindische Kompanie, über die großen Verluste wütend, bekämpfte nicht nur die Piraten auf dem Meer, sondern verfolgte selbst in England diejenigen, denen es gelungen war, sich bis in die Heimat durchzuschmuggeln. Um das Unglück voll zu machen, versprach die englische Regierung heuchlerisch und großmütig den verirrten Schäflein eine Amnestie, wenn sie sich meldeten, hielt aber ihre Versprechungen nicht und hängte ihre mißratenen Söhne zumeist an den Galgen.

Diese gefahrvolle Situation veranlaßte zahlreiche Piraten, nach Madagaskar zu gehen, an dessen Küste sie vorher schon manches Mal gelandet waren, und dank der großen Ausdehnung der Insel fanden sie hier Zuflucht.

In jener Zeit bildeten die Madagassen wohl ein halbes Hundert Liliputstaaten, deren Oberhäupter, die sich prahlerisch Könige nannten, das Leben in vollen Zügen genossen, während sie untereinander unaufhörlich Krieg führten. Sie nahmen die Piraten, gründliche Fachleute in der Blutbranche, gern auf, verfluchten aber bald darauf diese Verbündeten; denn die Piraten rissen, wo sie konnten, die Macht brutal an sich und gründeten, indem sie die Bevölkerung durch Terror in Schach hielten, ihre eigenen kleinen Staaten.

Solch einen kleinen Staat hatte John Plantain in der Niederung an der Antanambalana-Mündung gegründet und hatte sich zum "König der Antongilbucht" ausrufen lassen. Da er vom Meer gewaltige Schätze mitgebracht und an seiner Seite eine Bande verwegener Piraten hatte, tyrannisierte er die in derUmgebung wohnenden Eingeborenen. Er richtete ein wahres Festungswerk und schuf, die Streitigeiten unter den einzelnen Stämmen nützend, eine Leibtruppe von tausend madagassischen Kriegern. An seinem "Hofe" legte er sich einen Harem mit zahlreichen Madagassinen an, kleidete seine Damen in die kostbaren Seidenstoffe und behängte sie mit einer Unmenge Schmuck. Um seiner Pracht den rechten Rahmen zu geben, nahm er sich zwei Vasallen, die ihn als ihren Gebieter anerkannten. Es wahren wie er ehemalige Piraten, der Schotte James Adair und der Däne Hans Burgen, die in der Nachbarschaft ebenfalls ihre kleinen Staaten gegründet hatten. Alle drei halfen einander.

Sie schritten wie über Rosen durchs Leben, das sie sich durch Feldzüge ins Innere der Insel zur Erbeutung von Sklaven unterhaltsam gestalteten; gewiß ist gerade damals das Fadi des Drongovogels in der Ambinanitelo-Niederung endstanden.

Da erreichte Plantain die Kunde, daß auf Madagaskar ein ungewöhnlich schönes Mädchen von königlicher Geburt lebe. Damit nahm das tragische, in seinem Ausmaß wohl den trojanischen Krieg überragende madagassische Melodram seinen Anfang.

Die wundersame Jungfrau war die Enkelin des madagassischen Königs von Masselege, den die Engländer "King Dick" nannten (die Engländer gaben in dieser Zeit allen auf Madagskar lebenden Menschen gern englische Beinamen), und sie hieß Eleonora Brown, nach ihrem englischen Vater, der sich eine gewisse Zeit in Masselege aufgehalten hatte, aber schon seit langem abgereist war.

Die Kunde von der wunderschönen Halbeuropäerin Eleonora ließ das Herz Plantains in einem Maße enflammen, daß er dem König Dick eine Gesandschaft mit der Bitte schickte, ihm seine Enkelin zur Gemahlin zu geben. König Dick hätte nichts dagegen gehabt, doch hatten sich an seinem Hofe in Masselege eine ganze Bande Engländer, ehemalige Piraten eingenistet, die dem Don Juan von Antongil nicht wohlgesinnt waren, und sie überzeugten ihren Hausherrn davon, daß er die Forderung Plantains ablehen müsse. Auf diese Ablehnung hin erbebte der König der Bucht vor Zorn und drohte dem König Dick durch eine neue Gesandschaft an, wenn ihm Dick nicht gutwillig die Enkelin schicke, werde er, Plantain, an der Spitze seiner Truppen ausrücken und sie sich persönlich holen, ihren Großvater aber über einem gelinden Feuer langsam rösten. Der König Dick, von dem beleidigendem Ton der Forderung verärgert, lehnte erneut ab und hieß die Gesandten Plantain erklären, daß er mit seinen Kriegern in der Mitte des Weges auf eine Begegnung mit dem Unverschämten warten werde. Man muß hinzufügen, daß die Regierungssitze der beiden etwa tausend Kilometer voneinander entfernt waren.

Plantain scherzte nicht und breitete den Feldzug mit aller Sorgfalt vor. Sein oberster Heerführer, der Mestitze Tom, warb von der Insel Saite Marie ein paar Hundert der seit Generationen den Piraten ergebenen Madagassen an. Über dies schlossen sich ihm einige der keinen madagassischen Könige an, darunter der König Kelly von Mannagoe, der eintausend Krieger mitbrachte. Mit dieser recht ernst zu nehmenden Streitmacht brach Plantain nach dem Inneren der Insel auf, wo ihm König Dick mit seinen Kriegern und englischen Beratern in der Tat auf halbem Wege nach Masselege die Stirn bot.

Ehe es zum Gefecht kam, verduftete König Kelly mit seiner Truppe; er ließ Plantain im Stich und schlug sich zum Gegner. Plantain, trotz dieses Verrats unerschüttert, stellte sein Heer in Kampfordnung auf, wobei er die Truppen seiner beiden Vasallen, des Schotten und des Dänen, auf die Flügel verteilte. Seinen Offizieren, ehemaligen Piraten übertrug er den Befehl über die madagssischen Rotten. Über den Kolonnen flatterten als ungewöhnliche Beschützer des Piratenunternehmens demonstrativ die Flaggen Englands, Schottlands und Dänemarks im Winde.

In der Schlacht, die nun erbrannte, siegte Plantain und schlug den Gegner in die Flucht. Viele Gefangene traf das Los der Sklaverei. Wenige Tage später kam es zu einer zweiten blutigen Schlacht, als die frischen Truppen des Königs Kelly die fliehenden Abteilungen unterstützten, doch von neuem unterlag König Dick und musste sich bis Masselege zurückziehen, während Kelly entwischte. Die Verbissenheit war auf beiden Seiten groß, bei allen Zusammenstößen floß viel madagassisches Blut. Als Plantain die Macht seines Gegners entgültig gebrochen, ihn selbst gefangengenommen, die Hauptstadt in Schutt und Asche gelegt hatte und sich schließlich über die schöne Eleonora stürzte, stellte es sich heraus, daß das Frauenzimmer bereits ein Kind besaß. Enttäuscht und wütend, befahl er, den König Dick und alle seine englischen Vertrauten, so wie er es angekündigt hatte, überm Feuer zu rösten, doch gleichzeitig verliebte er sich trotz ihres Kindes bis über beide Ohren in die schöne Gefangene. Im Taumel der Flitterwochen vergaß der Mordskerl dennoch nicht seine Rache an dem madagassischem Verräter Kelly. Er überfiel dessen Reich und verwüstete es schrecklich. Kelly selbst war an die Südgrenze der Insel zu seinem Bruder, dem König im Fort Dauphin, entflohen.

Der rasende Plantain wollte ihm nachsetzen, doch hielten ihn Hiobsbotschaften aus dem Norden auf. Während seiner Abwesenheit hatten sich dort die Madagassen gegen die Tyrannei des Königs der Bucht empört und seine Hauptstadt an der Mündung des Antanambalana-Stromes belagert. In Eilmärschen kam Plantain zum Entsatz herbei, traf zur rechten Zeit ein und ließ die Aufständischen nicht übel zur Ader, und es ist nicht ausgeschlossen, dass seine Straftruppe bei dieser Gelegenheit wiederum die Niederung und das Dorf Ambinanitelo heimsuchte.

Die blutigen Operationen hinderten ihn nicht, sich einer wonnigen ehelichen Idylle hinzugeben. Immer mehr betört, schaute er zwischen einem Gemetzel und dem anderen in die Augen der schönen Eleonora und lauschte auf die süßen Worte der zehn Gebote aus ihrem Munde. Ihr Vater, der fromme Engländer Brown, hatte ihr Brosamen der Religion zuteil werden lassen, als sie noch ein Kind war. Nun lauschte der verstockte Pirat zum erstenmal in seinem Leben für eine Weile sanft wie ein Lamm diesen Weisheiten.

Damit könnte die Donquichotterie der Leibes- und Kriegsleidenschaften auf Madagaskar ein Ende gehabt haben, wenn nicht die hartnäckige Rachsucht Plantains gewesen wäre. Die Liebe - schön und gut, aber dort, fern im Süden, war die Abrechnung noch nicht erledigt, da gab es noch einen Kelly, der es einmal gewagt hatte, ihn zu verraten. Dieser Madagagasse durfte nicht länger leben. Also ordnete Plantain die allgemeine Mobilmachung an, rief aus allen Himmelsrichtungen seine europäischen und eingeborenen Verbündeten und brach nach dem anderen Ende Madagaskars auf, das um tausendeinhundert Kilometer in der Luftlinie entfernt war. Einen solchen unbezwinglichen Grimm vermochte sich nichts zu widersetzen. Der Wüterich beförderte jeden schwankenden Krieger in die andere Welt und bestrafte auch diejenigen, die während des Marsches Müdigkeit zeigten, mit dem Tode. In den Geplänkeln unterwegs verlor er seine beiden Waffengefährten, den Schotten Adair und den Dänen Burgen, doch er selbst kam zum Fort Dauphin. Er erschrak nicht vor den Geschützen und eroberte die Festung; den König Kelly, dessen Bruder und die englischen Berater aber marterte er lagsam zu Tode.

Dann kehrte er geschwind in seine Antongilbucht zurück, getrieben ebensosehr von Sehnsucht nach der schönen Eleonora wie von neuer Sorge: Eine große Schar meuternder Madagassen hatte sich wieder auf sein Reich gestürzt. Er kam, gerbte den Aufrührern das Fell, trieb sie durch ganz Madagaskar, fing Tausende von Sklaven, die er in der St.-Augustin-Bucht (an der Westküste Madagaskars) den Schiffen aus Bristol verkaufte, dann aber kehrte er, als wahrer Beherrscher der ganzen Insel den kleinen Staaten ihm ergebene Könige aufzwingend, in die Arme seiner Auserwählten zurück.

Und nun folgte für viele Jahre ungetrübter Frieden. Endlich waren die entfesselten Leidenschaften verraucht. Eleonora beschenkte Plantain mit zahlreichen Kindern. Nichts störte ihr Glück, wie ein Hund erschoß er den Engländer Lisle, als es ihm schien, daß dieser Galan mit zu verlangenden Augen auf seine Frau schaue. Als später das Klima Madagaskars der Familie zu schaffen machte, trieb Plantain seine untergebenen zum Bau eines Schiffes an, und eines Tages pfiff er auf sein Königreich und segelte mit Kind und Kegel und etwa fünfzig Piratenkameraden nach Osten. Er trat in die Dienste der Angrias, des malabarischen Korsarenfürsten, und dann ward nichts mehr von ihm gehört.

Die Karriere des Piratenkönigs von Madagaskar und auch die hundertjährige Epoche der Piratenherrschaft auf dem Indischen Ozean könnten wie eine tolle Laune der Geschichte aussehen. In der Tat war es die natürliche, wenn auch giftige Frucht der in diesen Gegenden entstehenden kolonialen Ära. Anfang war es ein klares erkennbares, brutales Geschwür: Die Tyrannei der Piraten entsprach der offenen Raubgier der europäischen Handelskompanien. In der nächsten Etappe versteckten sich die raubgierigen kolonialen Krallen unter der heuchlerischen Maske zivilisatorischer und evangelischer Mission und traten in der Endetappe wiederum schamlos in Form offener wirtschaftlicher Ausbeutung durch die Kolonialherrschaft in Erscheinung. Und die Zukunft? Das letzte Wort werden hier unfehlbar die verschiedenen Ramasos und das erwachende Bewußtsein der unterdrückten Völker sprechen.

Die Abreise Plantains und seiner Bande von Madagaskar hat die Madagassen in der Antongilbucht von einem Schreckgespenst befreit. Rasch und gründlich vergaßen sie den grausamen Herrscher, wie man einen bösen, quälenden Traum vergißt. Die üppige Natur und das kurze menschliche Gedächtnis verlöschten jede Spur von dem unglaublichen Mann, der so viel Tränen den Augen unschuldiger entströmen ließ; nichts ist von ihm geblieben außer der stillen, bescheidenen Liebe für den kleinen Vogel, der für die Bewohner von Ambinanitelo zu einem Fadi wurde.

Quelle: Heißes Dorf auf Madagaskar, Arkady Fiedler, Sachsenverlag Dresden 1955, Jadu 2000

 

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