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Der schwarze Rolf

Vor etlichen hundert Jahren machte ein Seeräuber die Nordsee unsicher, der wurde der schwarze Rolf genannt. Von dem erzählte man sich die unglaublichen Sachen. Einige wollen wissen, er sei nie geboren und darum könne er auch nie sterben. So brauchte er sich vor keinem Kampf zu fürchten und nahm es tollkühn mit jedem Gegner auf. Alle Küsten, alle Inseln hatte er schon heimgesucht, nur auf Borkum hatte er sich noch nie sehen lassen.

In einem Frühjahr bekam der schwarze Rolf gewisse Kunde, daß die Borkumer Mannsleut ihr Eiland verlassen hätte, um auf holländischen Schiffen ihr Brot zu verdienen. Darum beschloß der Seeräuber, die Insel zu überfallen, und glaubte, mit den Frauen ein leichtes Spiel zu haben. Bald lag sein Piratenschiff, die blaue Seeräuberfahne im Topp, im Schutze der hohen Düne vor Anker. Eine junge Schifferfrau, die auf jener Inselseite Vogeleier suchte, bemerkte das fremde Schiff und lief, so schnell sie konnte, ins Dorf. Sie schlug Alarm und rief alle Frauen zusammen. Kurz entschlossen legten sie sich Männerkleidung an, bewaffneten sich und schleppten ihre alte Schiffskanone in Stellung. Schon sauste eine fünfpfündige Kugel auf das gegenüberliegende Schiff und zersplitterte den Hauptmast, der über Bord fiel. Auch die nächsten Schüsse waren gut gezielt, und es dauerte nicht lange, da erschien die weiße Flagge im Topp, und der Klabautermann flog zum Entsetzen aller Seeräuber vom Schiff.

Der schwarze Rolf schickte ein Boot zum Strand und versuchte zu verhandeln, denn sein Seeräuberschiff war leck geschossen und legte sich schon bedenklich auf die Seite.

Die Borkumer Frauen sahen, daß sie gewonnen hatten, und blieben unnachgiebig. Sie verlangten, daß jeder Seeräuber einzeln und ohne Waffen an Land kommen sollte, dann wolle man ihm das Leben schenken. Den Seeräubern blieb keine andere Wahl. So wurde der schwarze Rolf mit seinen Kumpanen nacheinander von den verkleideten Frauen gebunden und in den Turm gebracht. Nur die Tochter des Seeräubers schonte man und ließ ihr die Freiheit, weil man von ihr nichts Arges fürchtete. Das Raubschiff wurde angezündet und brannte bis zum Meeresspiegel ab.

Doch die Tochter war ein echtes Seeräuberkind. In dunkler Nacht schlich sie sich zum Turm, kletterte gewandt und lautlos wie eine Katze am Gemäuer hoch, warf den Gefesselten Werkzeuge hinein, mit denen sie sich befreien konnten.

Ohne lange Überlegung stürzten alle an den Strand, um in den zwei Fischerbooten zu entfliehen. Niemand hörte auf die Warnung des Anführers, der sie aufforderte, noch einmal den Kampf mit den Borkumer Frauen aufzunehmen. Die Boote hätten nicht genug Platz für sie alle.

Doch davon wollte keiner etwas hören. Sie hofften, auf eine der Nachbarinseln zu entkommen. Doch in der Nacht kam Sturm auf, und so geschah, was der schwarze Rolf vorausgesehen hatte: die vollbeladenen Boote wurden von dem hohen Wellengang gepackt und umgeworfen. Alle Seeräuber ertranken. Auf den ganzen Halligen und am Festland sprach man noch lange von den mutigen und furchtlosen Borkumer Frauen.

Quelle: Ilse Korn, Fröhlich sein und singen, 1957, con rado jadu 2000

 

Der Klabautermann


 

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