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Long John wird schanghait

Novemberböen fegen über die irische See. Von Newport treiben die Brecher bis an die Kaimauern von Bristol. Der Sturm heult im Tauwerk der ankernden Schiffe.
In den engen Hafengassen ist es noch feuchter und nebliger als sonst zu dieser Jahreszeit. Aus der halboffenen Tür des "Captain Branley" steigt den Passanten eine Duftmixtur aus Grog, holländischen Knaster und Bratfisch in die Nase.
In dieser Hafenkneipe herrscht trotz des frühen Abends bereits reger Betrieb. Betrunkene Seeleute tanzen breitbeinig mit leichten Hafenmädchen zu den Takten einer verstimmten Gitarre. Andere grölen einen Shanty. Wortfetzen in mehreren Sprachen schwirren durch den Raum. An den Petroleumlampen hängen blaue Tabakschwaden.
Der Wirt, ein einäugiger Hüne mit einer narbenüberzogenen Glatze, steckt gerade ein neues Faß Rum an, als sich drei Männer mit brutalen verwetterten Gesichtszügen zur Tür hereinschieben. Der älteste mag fünfundzwanzig Jahre zählen. Die drei steuern auf einen roh zugehauenen Tisch zu, an dem eine Gruppe noch junger Matrosen zecht. Hier sind noch Plätze frei.

Die Neuankömmlinge - der Kapitän, der Steuermann und der Bootsmann eines amerikanischen Klippers, der am nächsten Morgen mit Auswanderern in See gehen will, aber noch nicht die Mannschaft vollzählig hat - sind nicht hierhergekommen, um sich zu vergnügen, obwohl sie sich den Anschein geben. Sie haben die unauffällige Kleidung von Deckhands angelegt, um keinen Verdacht zu erregen.
Nach ein paar Lagen Arrak wird der Kontakt enger. Es stellt sich heraus, daß die lustigen Zecher am Tisch Norweger und Schweden sind, die auf einem englischen Walfänger angeheuert haben.
In zwei Tagen soll es auf zwei Jahre in die Jagdgebiete der Antarktis gehen - aller Grund, um noch einmal in vollen Zügen die Freuden des Hafenlebens zu genießen.
"Walfänger ist immer noch hundertmal besser als Klipper", lallt der Rothaarige, den sie Long John nennen. Dabei deutet er auf die zehn Zentimeter lange Narbe, die sich über seinen Nacken bis in die Höhe des Ohres zieht. Und in schlechtem Englisch fügte er hinzu: "Ein Andenken vom Bootsmann der 'Flying Cloud'. Hat alle der Teufel geholt. Der Pott hat sich auf seiner letzten Fahrt selbst in den Grund gesegelt. Darauf eine Lage rum, Wirt!" Die drei Klipper sehen sich einen kurzen Augenblick an, lenken aber rasch das Gespräch auf ein anderes Thema.

Am nächsten Morgen lichtet der amerikanische Schnellsegler bereits um acht Uhr die Anker, obwohl einige Passagiere nicht an Bord sind. Es heißt, die günstige Brise müsse ausgenutzt werden. Im Kabelgatt liegen auf Taurollen und Persenningtuch vier gefesselte junge Seeleute, darunter ein fürchterlich fluchender Rothaariger. Die anderen schlafen noch ihren Rausch aus. Sie sind in der Nacht "schanghait " worden, und zwar unter dem Vorwand, noch ein anderes Lokal aufzusuchen, wo angeblich eine Mulattin Nackttänze aufführe. (Der Ausdruck "schanghaien" leitet sich von der Hafenstadt Shanghai ab, in deren Hafenspelunken früher dieser Menschenraub besonders blühte.)
Es hatte sich auf den Klippern im Vergleich zu der Menschenschinderei auf ihren Vorgängern, insbesondere auf den Linienschiffen, nicht viel geändert. Der von den Schiffseignern auf die Kapitäne ausgeübte Druck, die kürzeste Zeit zu segeln, führte zur verstärkten Ausbeutung der Mannschaften. Das Wort "eiserne Disziplin" wurde großgeschrieben. Da sich das in den Häfen herumsprach, war es gar nicht so einfach, die Leute für eine Fahrt zusammenzukriegen, zumal die überzüchtet Takelung sehr große Mannschaftsstärken erforderte.
Man griff daher zu Methoden, die sich in nichts vom früheren Preßgang unterschieden, nur daß man etwas listiger vorging.

Nicht selten ergänzte man auf den wegen ihrer Rücksichtslosen Menschenbehandlung berüchtigten Klippern die Mannschaft mit Schülern und sonstigen Laien, denen man die Ohren mit Seemannsgarn füllte und die sich leichtsinnig, das Abenteuer suchen, anheuern ließen, ohne ihre Angehörigen zu verständigen.
Wie aus einem bösen Traum erwachten sie unter den Schlägen, die ihnen bei dem geringsten Anlaß mit tauenden verabreicht wurden. Nur wer eine leichte Auffassungsgabe hatte und flink war, konnte damit rechnen, sich einmal ohne Schwielen auf dem Rücken in die Koje zu schwingen.
Abgesehen von dem eisernen Regime an Bord waren die Mannschaften der Klipper auf Grund der Rekordjagd gefährdeter als auf anderen Schiffen. Der Orkus der Ozeane ist mit diesen rassigen Seglern übersät. Infolge des schlanken Rumpfes und der überzüchteten hohen Takelung schlugen Klipper nicht nur um, sondern kippten vereinzelt auch vornüber und segelten sich selbst in die Tiefe, was man auch von der "Ariel" annimmt, die 1872 verschwand, ohne daß jemals die geringste Spur von ihr gefunden wurde. In der Zeit von 1881 bis 1891 gingen allein 130 deutsche Hochseeschiffe - überwiegend Segler - in den Abgründen des Meeres verloren.

Quelle: Helmut Hanke; Männer,Planken, Ozeane, © 1964 by Urania-Verlag; Jadu 2000

 

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