|
Mehenkwetres Puppen
Ägyptisches Leben vor 4000 Jahren
Von Hanna Günther
Die Begeisterung, die die Welt ergriff, als die Entdeckung des fast unberührten
Grabes Tut-anch-Amons bekannt wurde, hat einen ändern Gräberfund,
den amerikanische Forscher kurz vorher in der gleichen Gegend machten,
ganz in den Hintergrund treten lassen, obwohl er in seiner Art nicht minder
bedeutungsvoll ist, als die Schätze des Pharaonengrabs. Man weiss,
dass die alte Pharaonenstadt Theben seit langen Jahren das Arbeitsfeld
vieler Forschungsexpeditionen ist, die das Gelände sozusagen unter
sich aufgeteilt haben, damit keine der anderen in die Quere kommt. Auch
das Neuyorker Metropolitan Museum of Arts" unterhält in
Theben eine solche Expedition, die schon vor dem Krieg eifrig tätig
war und gleich nach Kriegsende ihre Arbeit unter ihren Leitern Winlock
und Lansing mit reichen Mitteln wieder aufnahm. Im Jahre 1919 wurde von
ihr am Westufer von Theben, an den Felshängen hinter Kumeh, in der
Nähe der Stelle, wo Maspero 1881 die Mumien der grossen Pharaonen
entdeckte, die Mumie eines Prinzen A n i e n e m h e t aus der l 8. Dynastie
gefunden.
Seitdem waren diese Hänge, die eine ganze Gräberstadt umschliessen,
das Hauptarbeitsgebiet der Expedition. Ein Grab aus der l l. Dynastie
zog Lansing und Winlock vor allem an. Nach seiner Grösse und Anlage
(siehe Abb.) musste es die Kammer eines hohen Würdenträgers
sein. Später stellte sich heraus, dass es sich um das Grab eines
Prinzen und Kanzlers namens Mehenkwetre handelt, der zur Zeit des Königs
Mentuhotep III., um 2000 v. Chr., lebte. Man wusste, dass dieses Grab
schon 1895 von Daressy und 1902 von Mond durchsucht worden war. Man konnte
aber deutlich sehen, dass beide Forscher es mit ihrer Arbeit nicht sehr
genau genommen hatten, wenigstens war der Vorhof niemals gründlich
freigelegt worden und gerade hier hatte Daressy Bruchstücke eines
sehr schön bemalten Reliefs gefunden. Deshalb ordnete Winlock eine
gründliche Durchsuchung des Grabes an, in der Hoffnung, darin neues
Material aus der Zeit des Königs Mentuhotep III., dessen Haushofmeister
Mehenkwetre gewesen war, zu finden.
Eine grosse Schar von Arbeitern arbeitete mehrere Tage lang an der Freilegung
der Plattform, die den Vorhof des Grabes bildet. Man stellte fest, dass
der Vorhof ursprünglich eine Säulenhalle war, in deren geglättete
Kalksteinwand man Flachreliefs eingemeisselt hatte, die mit einer in der
ägyptischen Kunst seltenen Zartheit bemalt waren. Von diesen Reliefs
wurden aber nur wenige kleine Bruchstücke gefunden, dazu zwei Fausthämmer
äusserst roher Art, die man unter anderen Fundumständen für
Steinzeitgeräte gehalten hätte. Aus diesen Werkzeugen musste
man schliessen, dass spätere Zeiten die Halle zerstört und die
Kalksteinblöcke zu Bausteinen zerschlagen hatten. Damit wurde die
Hoffnung, in den Grabkammern noch etwas zu finden, fast zunichte. Die
Expedition hatte sich aber zum Grundsatz gemacht, eine einmal begonnene
Freilegung unbedingt zu Ende zu führen, auch wenn das Ergebnis nur
aus einem genauen Plan der durchforschten Stätte bestand. So wurden
auch hier die Arbeiten mit der Säuberung des Ganges und der beiden
Grabkammern fortgesetzt, und diese Zähigkeit fand einen unerwarteten
Lohn.
Als man eines Abends dabei war, die von den Wänden und der Decke
des Hauptganges herabgefallenen Steine zu beseitigen, merkte ein Arbeiter,
dass ein Stein in der Seitenwand nahe am Boden des Ganges lose war und
zog ihn heraus. Zu seinem Erstaunen sah er in ein gähnendes schwarzes
Loch, das auch der Schein einiger Zündhölzer nicht zu erhellen
vermochte, so dass sich nicht feststellen liess, was in der Finsternis
etwa verborgen war. Der mit der Überwachung der Arbeit beauftragte
Vorarbeiter rief durch einen eilig hingekritzelten Zettel Winlock und
Lansing herbei. Glücklicherweise hatten sie eine elektrische Taschenlampe
mitgebracht, und einer nach dem anderen legte das Auge an das Loch in
der Wand, während er gleichzeitig mit der Lampe die Finsternis möglichst
zu erhellen suchte.
Das
Bild, das sich den Forschern bot, hatte keiner von ihnen zu sehen erwartet.
Die Abb. gibt einen Begriff davon. ,,Der Lichtstrahl fiel in eine
kleine Welt, die 4000 Jahre hinter uns lag," schreibt Lansing in
seinem Bericht an das Metropolitan Museum. Ich blickte auf ein Gewimmel
winziger, bunt bemalter menschlicher Figuren, die sich scheinbar in den
verschiedensten Richtungen durcheinander bewegten. Ein hohes schlankes
Mädchen blickte mit steinerner Ruhe zu mir herüber. Eine Schar
kleiner Männer mit Stücken in den erhobenen Händen trieb
gefleckte Ochsen vor sich her. Auf einer Flotte kleiner Boote zogen Ruderer
an ihren Riemen, während ein Schiff mir gerade gegenüber zu
kentern schien, in so gefährlicher Stellung streckte es seinen Bug
in die Luft. Und dieses ganze geschäftige Kommen und Gehen lag versteinert
in unheimlichem Schweigen."
Die nächsten drei Tage waren die arbeitsamsten, die die Expedition
bis dahin in Ägypten zugebracht hatte. Die kleine Kammer ihres Inhalts
zu entleeren, ehe der plötzliche Luftwechsel die bröckligen
Steine von den Wänden fallen liess, und doch keines der verschiedensten
Objekte zu entfernen, ehe man es photographisch in seiner Originalstellung
festgehalten hatte, war eine Aufgabe, die nicht nur harte Arbeit, sondern
auch grossen Scharfsinn erforderte. Sie wurde aber glücklich gelöst,
und gerade noch zur rechten Zeit, denn kurz nachdem man alles in Sicherheit
hatte, begannen die Steine zu fallen.
Erst die ruhige Betrachtung der geborgenen Schätze brachte den Forschern
zum Bewusstsein, was sie so unerwartet gefunden hatten. Das Grab,"
schreibt Winlock, war dasjenige eines Mannes von hohem Rang, der
vor 4000 Jahren lebte. Er selbst war in einem vergoldeten Sarge, der in
einem steinernen Sarkophag stand, in der Grabkammer tief unter dem hinteren
Teil des Ganges bestattet gewesen. Dort hatten Diebe Jahrhunderte vor
unserer Zeit alles zerstört. Nur diese kleine Kammer war der Plünderung
entronnen. Sie entpuppte sich als eine Art Geheimkabinett, in dem die
Vorräte für das jenseitige Leben des grossen Mannes aufgespeichert
waren.
,,Er konnte sich ein Dasein nicht denken, in dem man weder Speise noch
Trank, weder Kleider noch Häuser braucht, wie er sie in diesem Leben
zu seiner Verfügung hatte. Da er ein reicher Mann war, wünschte
er sich auch in der Ewigkeit ein Dasein ähnlich demjenigen, an das
er auf Erden gewöhnt war. Seine Klugheit hob ihn über die Stufe
des wilden Herrschers, der erwartete, dass an seinem Grabe ein Heer von
Dienern hingeschlachtet würde, hinaus. Er nahm, statt dessen ein
Heer kleiner, hölzerner, geschnitzter und bemalter Diener bei ihren
täglichen Beschäftigungen mit in sein Grab. Sie alle arbeiten
angesichts kleiner Bilder seiner Person. So arbeiten in der Ewigkeit die
Geister dieser kleinen Diener für ihn; sie liefern ihm Geisterspeise
und Geistertrank, sie rudern Geisterschiffe auf einem Nil in der Geisterwelt,
und seine Seele kann nach Belieben in die kleinen Bilder ihres ehemaligen
Leibes eingehen, um so die Frucht der Arbeit der kleinen Diener zu geniessen.
Wir hatten also ein Bild des Lebens gefunden, das der grosse Mann
in der Ewigkeit zu leben hoffte, und das war genau das Leben, das er vor
4000 Jahren auf dieser Erde lebte."
 Das
grösste und eindrucksvollste der vielen Modelle, die man fand, ist
in der Abb. wiedergegeben. Es zeigt Mehenkwetre selbst, wie er
sein Vieh zählt, das an ihm vorüber getrieben wird. Die Szene
spielt im Hof vor seinem Landsitz. Der Hof wird von einer Vorhalle mit
vier bunt bemalten Säulen in der Vorderfront überragt. In der
Säulenhalle sitzt Mehenkwetre; an der einen Seite hockt sein Sohn
und Erbe auf dem Boden (siehe Abb.); auf der anderen hocken vier
Schreiber, die geschäftig das Ergebnis der Zählung auf grossen
Papyrusrollen verzeichnen. In der Halle und auf den Stufen stehen mehrere
Diener. Auf dem Hofe steht der oberste Hirt; im Begriff, seinen Bericht
zu erstatten, verneigt er sich grüssend vor seinem Herrn. Vorn schwingen
die anderen Hirten beim Vorübertreiben der Ochsen Arme und Stöcke
in die Luft; die Ochsen sind teils rot, teils schwarz, einige auch scheckig
und gesprenkelt.
Ein
zweites Modell zeigt den Stall, in dem die Ochsen gemästet werden
(vergl. Abb.). In dem einen Räume sind die Tiere reihenweise
an die Krippen gebunden, in denen ihr Futter liegt. In einem zweiten Raum
werden die bereits fetten Tiere mit der Hand gefüttert. Ein Ochse
scheint schlachtreif zu sein; er ist so fett, dass er sich nicht mehr
vom Boden erheben kann; ein Knecht stopft ihm das Futter ins Maul.
Die
letzte Szene des Ochsenlebens, das Schlachthaus, fehlt ebenfalls nicht.
Die Ochsen werden in eine zwei Stock hohe Säulenhalle geführt,
in die man von oben hineinblickt (Abb.). Hier werden die Tiere
zu Boden geworfen und gefesselt. Ein Schreiber sitzt mit Federdose und
Papyrusrolle an der Seite, um die Zahl der geschlachteten Ochsen zu notieren.
Ein Oberschlächter überwacht die Schlachtung. Über einem
Kohlenbecken in der Ecke bereiten zwei Männer Blutpudding. Hinten
am I lause ist eine Art Terrasse, zu der Stufen hinaufführen; dort
wird das Fleisch zum Reifen aufgehängt.
Für das Fleisch ist damit gesorgt, aber man braucht ja auch Brot.
Das Modell eines Kornspeichers enthält das dafür nötige
Getreide. Im Hofe vor dem Speicher sitzen die nirgends fehlenden Schreiber
auf dem Boden und stellen auf Papvrusrollen und Schreibtafeln eine Abrechnung
auf, während zwei Bauern Korn in Massgefässe schaufeln und dann
in Säcke füllen. Andere Bauern tragen die Säcke die Stufen
hinauf, um den Inhalt in einen der drei geräumigen Behälter
des Speichers rieseln zu lassen. An der Vordertür sitzt ein Vogt
und überwacht die Arbeit; zugleich achtet er darauf, dass keiner
die Arbeitsstätte verlässt, ehe seine Zeit um ist.
Die
Bäckerei ist mit der Brauerei in einem Gebäude vereinigt, das
wir in der Abb. sehen. Im ersten Räume, der Brauerei, mahlen zwei
Frauen das Korn zu Mehl, das ein Mann in grosse Teigklumpen verwandelt.
Ein anderer scheint diese Klumpen in einem Fass zu Brei zu zertreten.
In vier grossen Häfen wird die Meische vergoren. Ist die Gärung
beendet, so wird die Flüssigkeit in mit Stopfen versehene Krüge
gefüllt, die in Reihen die Wand entlang stehen. Eine Türe
führt zur Bäckerei nebenan, dort zerstossen Männer das
Korn mit Mörserkeulen; Frauen mahlen es zu Mehl. Andere Männer
bereiten den Teig und formen daraus seltsame Brote und Kuchen, die man
in grossen Öfen backt.
Zwei Modelle sind wichtigen Handwerken gewidmet. Arbeitende Zimmerleute
zeigt das eine, Frauen beim Spinnen und Weben das andere.
In
der Webstube (Abb.) bereiten drei Frauen den Flachs zum Spinnen
vor, während andere Frauen mit Flachsspinnen beschäftigt sind.
Dabei stehen sie und halten den Spinnrocken in der linken Hand. während
sie mit der rechten die Spindel gegen das Knie drehen. Sind die Spindeln
voll. so gehen sie auf die andere Seite der Spinnstube und wickeln den
frisch gesponnenen Faden um drei in der Wand befestigte Pflöcke.
Auf zwei grossen Webstühlen wird aus dem gesponnenen Faden Linnen
gewoben. Die Zimmermannswerkstatt ist ein halb überdachter
Hof, mit einem Schmiedeofen zum Schärfen der Werkzeuge und einem
grossen Kasten mit Sägen, Handbeilen, Meisseln, Bohrern und anderen
Werkzeugen, der unter dem Schutzdach steht. An den Seiten des offenen
Hofes hocken Gruppen von Zimmerleuten, die mit Handbeilen grosse Holzblöcke
behauen oder sie mit Sandsteinstücken glätten. In der Hofmitte
hat ein Säger einen grossen Balken aufrecht an einen Pfahl gebunden,
um ihn von oben nach unten in Bretter zu sägen. Ein anderer Zimmermann
sitzt rittlings auf einer Planke und schlägt mit Schlegel und Stemmeisen
Zapfenlöcher in die Kante.
Seine Pflichten als Kanzler und Haushofmeister des Königs, wie die
Verwaltung seiner eigenen Güter haben Mehenkwetre wohl oft zu Reisen
gezwungen. Im alten Ägypten wurden grosse Reisen nach Möglichkeit
zu Schiff gemacht, und ein Mann vom Range Mehenkwetres
besass natürlich eigene Reiseschiffe. Für kleine Vergnügungsfahrten
musste aber auch gesorgt werden, denn der Nil und die von ihm zurückgelassenen
Lagunen bildeten ja die wichtigsten Erholungsstätten jener Zeit.
Kein Wunder also, dass fast die Hälfte der in der Kammer gefundenen
Modelle aus Schiffen und Booten der verschiedensten Art besteht, die uns
gründliche Aufschlüsse über die Form, die Takelage und
die Fortbewegung der vor 4000 Jahren auf dem Nil benutzten Schiffe geben.
Denn alle diese Modelle sind sehr genau und vollständig ausgeführt
und ausserdem so gut erhalten, dass bei den meisten sogar die Taue und
Knoten noch intakt sind. Unter anderem hat man an diesen Modellen die
Form der damals gebräuchlichen Steuerräder zum erstenmal genau
festgestellt.
Im
ganzen fanden sich vier Reiseboote, die im Modell etwa 1,2 m lang sind,
während sie in Wirklichkeit wohl l 2 bis l 5 m lang waren. Die Besatzung
besteht aus je zwölf bis achtzehn Matrosen, mehreren Steuerleuten
und dem Kapitän. Stromaufwärts gingen die Schiffe mit den vorherrschenden
nördlichen Winden; dabei setzten sie ein grosses viereckiges Segel
(vergl. Abb.). Bei
der Fahrt stromabwärts wurde der Mast auf einen Bock umgelegt und
das Segel an Bord verstaut; die Besatzung griff dann zu den Schaufelrudern.
Die Ruderer holten alle auf einmal aus; den einen FUSS auf die Querleiste
vor sich gestützt, zogen sie das Ruder alle zugleich durch, wobei
sie schliesslich auf die Querleiste hinter sich zu sitzen kamen. Mehenkwetre
ist auf jedem Schiff zu finden. Er sitzt vor der Kabine auf einem Stuhl
und erfreut sich am Duft einer aufgehenden Lotosblume. In seiner Nähe
sitzt in der Regel ein Sänger, der in einem Falle von einem offenbar
blinden Harfenspieler begleitet wird. Die nächste Abbildung
gibt diese kleine Szene wieder.
Die
Flußschiffe jener Tage waren nicht allzu gross, und das Essen kochen
an Bord würde den grossen Mann zu sehr belästigt haben. Die
Küche war deshalb auf einem zweiten Schiff untergebracht, das dem
Reiseboot folgte und zu den Mahlzeiten längsseits vertäut wurde.
Ein Modell eines solchen Küchenbootes barg die Kammer ebenfalls (vergl.
Abb.). An Bord dieses Bootes mahlen Frauen Korn zu Mehl. Männer
bereiten Brot, wobei sie manchmal mit den Füssen im Teig stehen und
kneten, während sie mit den Händen die Teigklumpen formen. In
der Kabine nebenan sind Rinderkeulen aufgehängt und viele Bier- und
Weinkrüge verstaut.
Für kürzere Reisen und Vergnügungsfahrten gab es Yachten
lange schmale grüne Schiffe mit hohem Vor- und Achtersteven,
die bei günstigem Wind durch ein viereckiges Segel, sonst durch Ruder
fortbewegt wurden. Auf diesen Yachten war für eine Schlafkabine kein
Platz; der Schiffsherr sass daher an Deck unter einem kleinen Baldachin,
der die sengenden Sonnenstrahlen abhielt.
Zum
Fischfang und zur Jagd auf Vögel bedienten die alten Ägypter
sich ziemlich schmaler und leichter Ruderschiffe, deren Aussehen die Abb.
zeigt. Am Bug stehen Harpuniere, die gerade einen riesigen Fisch gestochen
haben ; er wird von einigen Männern längsseits an Bord geholt.
An die Seitenwände der Kabine hat man Stangen und Stäbe gebunden,
die Vogelnetze tragen. Ein Knabe und ein Mädchen bringen dem Herrn
und seinem Sohne, die vor der Kabine sitzen, lebende Tauben, die sie gefangen
haben.
Ein anderes Modell zeigt zwei rote Ruderboote. die ein Netz voller Fische
Katzenfische und Barsche sind es schleppen. Jedes
Boot wird von zwei Ruderern fortbewegt. Mitten in den Booten stehen die
Fischer, die das Netz einholen, und ein Helfer, der die Fische herausnimmt.
Nach
des Tages Last und Arbeit pflegte sich Mehenkwetre wohl im Garten seines
Hauses zu ergehen. Damit die Seele diese Erquickung nicht missen muss,
hat man auch zwei Gärten in kleinen Modellen wiedergegeben, die bisher
unter den ägyptischen Altertümern einzig dastehen. Die Gärten
sind von einer hohen Mauer umgeben, die die Aussenwelt völlig abschliesst
(vergl. Abb.). In der Mitte liegt ein kleiner rechteckiger Teich
aus Kupfer, so dass man ihn wirklich mit Wasser füllen kann. Ringsum
ist er von Fruchtbäumen umgeben. Vom Garten aus sieht man auf eine
kühle breite Säulenhalle mit buntbemalten Säulen. Hinter
dieser Halle liegt die Front des Hauses, angedeutet durch eine grosse
doppelte Einfahrt mit einem halbrunden Lichtloch darüber, durch eine
kleinere Tür für den täglichen Gebrauch und ein grosses
Gitterfenster. Die Bäume sind aus Holz geschnitzt, und zwar jedes
einzelne Blatt für sich. Die Blätter sind in die Äste eingepflöckt.
Diese Bäume bilden ein typisches Beispiel für den naiven Realismus
der ganzen Modelle. Die Früchte hängen nicht an den Zweigen,
sondern an den Ästen, so dass kein Zweifel darüber herrschen
kann, dass die Sykomorefeige dargestellt worden ist. Was die Schnitzerei
selbst anlangt, so kann sie kaum als künstlerisch bezeichnet werden.
Aber alle Figuren, Geräte usw. sind lebenswahr und gut beobachtet.
Die Bewegungen sind genau festgehalten, und der Glanz der bunten Farben
gibt den Modellen eine Heiterkeit, die den formgerechteren Arbeiten jener
Zeit durchweg fehlt.
Mit dem Grabe oder der Bestattung Mehenkwetres haben nur drei der vierundzwanzig
Modelle, die man fand, etwas zu tun. Eine kleine
Gruppe von vier Figuren auf einem gemeinsamen Postament stellt einen Priester
dar, der das Weihrauchfass schwingt und ein Trankopfer darbringt; daneben
sieht man einen Mann mit einem Stoss von Bettüchern auf dem Kopf
und zwei Mädchen, die Gänse und Körbe mit Speisen tragen.
Zwei weitere Mädchen, die ebenfalls Speisen zum Grabe bringen, standen
zu beiden Seiten der Kammer. Die eine Figur trägt einen Korb voller
Weinkrüge auf dem Kopf, die andere einen Korb voll Fleisch und Brot;
in der einen Hand halten beide eine lebende Taube. Beide Figuren sind
in phantastisch bemalte Gewänder gekleidet und in halber Lebensgrösse
aus Holz geschnitzt, so dass sie das Gewimmel der übrigen Gestalten,
von denen die grössten nur etwa 25 cm messen, weit überragen.
Winlock beschreibt, wie er die Mädchen durch das Loch in der Wand
der Kammer zum erstenmal erblickte: Mit ernsten, weit offenen Augen
sahen sie mich an. Viertausend Jahre hatten sie so schweigend gestanden."
Viertausend Jahre sind eine Ewigkeit! Aber es nützt nichts, sich
das vorzusagen; wir bekommen deshalb doch keinen Begriff von der seitdem
verflossenen Zeit. Denkt einmal zurück, wie weit schon das Zeitalter
Luthers oder Kopernikus' hinter uns liegt. Und doch sind seitdem erst
500 Jahre verflossen. An das Jahr 1000 haben wir schon fast keine Erinnerung
mehr. Damals machten die Normannen ihre berühmten Eroberungsfahrten,
auf denen Erik der Rote Grönland entdeckte, Wilhelm der Eroberer
England unterwarf und Bjarne Herjulfsson als erster Europäer die
Küste Amerikas sah. Weitere 1000 Jahre zurück, und wir
stehen im Zeitalter C ä s a r s , haben aber erst den halben Weg
hinter uns. Bei S a u l und David ist er zu drei Vierteln zurückgelegt;
die Phantasie hat aber immer noch l 000 Jahre zu überbrücken.
Lassen wir sie einen Augenblick ihr blühendes Reich vor unseren Augen
entfalten. Viele Jahre lang hatte Mehenkwetre in Theben gelebt, als Diener
seines Herrn und Herr seiner Knechte, in der Welt, die unsere Bilder uns
vor Augen zaubern. Schliesslich kam sein Todestag. Seine Leiche wurde
einbalsamiert und von seinem Palast aus über den heiligen Strom gebracht,
um in der längst bereiten Grabstätte beigesetzt zu werden. Durch
die grünen Felder ging der Zug, auf denen die Bauern mit ihrer Arbeit
innehielten, um, auf ihre Hacken gelehnt, dem toten Herrn ein letztesmal
nachzusehen. Dann stieg man aufwärts durch die glühenden Felsen
bis zum Grabe. Eine lange Prozession folgte dem goldenen Sarge: Mehenkwetres
Weib, sein Sohn, die Schar der Verwandten und Freunde, dann die Dienerschaft.
Jedes Modell wurde von einem Leibeigenen auf dem Kopfe getragen, und viele
Bauernmädchen und Frauen von seinen Gütern schleppten Körbe
von Bier und Wein. Brot und gebratenem Fleisch für das Begräbnismahl.
Auch von diesen Dingen erwartete der Tote eine ewige Fortsetzung. Deshalb
folgten zwei der Mädchen ihm als Statuen mit ihren Gaben in das Grab.
Dort kam der Sarg in den
Sarkophag. Ringsherum wurden die 7 Totengaben aufgestellt, die auch noch
die Vorkammer füllten. Die Modelle kamen in die kleine Seitenkammer.
Dann wurden alle Pforten zugemauert und versiegelt. Beim Zumauern der
Seitenkammer muss sich ein kleiner Zwischenfall abgespielt haben, den
wir uns heute noch rekonstruieren können. Als die Maurer Stein auf
Stein schichteten, stand ihnen eines der Boote im Wege. Einer von ihnen
hob es auf und legte es auf das Dach des Kornspeichers. Dabei liess er
unter Bug und Heck je einen grossen Fleck des Lehmes zurück, den
er gerade unter den Mörtel gemischt hatte. Das Boot zeigt die Flecke
noch heute.
So machen uns die Modelle in hundert kleinen Zügen eine Zeit lebendig,
von der wir vorher nur unbestimmte Kenntnis hatten. Was sie an neuen Dingen
bringen, kann erst die gründliche Bearbeitung des Fundes lehren,
die in Neuyork im Gange ist. Dort hat man die eine Hälfte der Modelle
im ..Metropolitan Museum" aufgestellt, während das National-Museum"
in Kairo die andere Hälfte erhielt. Die
Schätze Tut-anch-Amons werden sich ihnen bald zugesellen.
Quelle: Die weite Welt, ein Buch der
Reisen und Abenteuer, Erfindungen und Entdeckungen; © 1924 by Rascher
Cie. A.-G., Verlag, Zürich; Jadu 2001
|