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Vom Ursprung der Dinge

Inhaltsverzeichnis:

Von Heim und Herd Die Früchte der Erde Von Straßen, Brücken, Wegen und Schiffen Schulen ohne Bücher Die Kräfte der Magie
Im Schönheitssalon
der Wildnis
Erfindung und Handwerk Vom Muschelgeld zum Scheckbuch Die erste Bühne Es war einmal ...
Die erste Maschine Die Freuden der Geselligkeit Von der Trommel zur Zeitung Vom Stamm zum Staat Das Reich der Toten

Vorwort

Das Buch VOM URSPRUNG DER DINGE wurde im Jahre 1946 in Amerika in englischer Sprache geschrieben und erschien in New York, London, Toronto, Bombay und Sydney und, in französischer Übersetzung, in Paris. Es stellt die so lange erwartete populäre Geschichte der Entwicklung des materiellen und geistigen Kulturbesitzes der Menschheit dar und breitet also den Reichtum der völkerkundlichen Wissenschaft vor den Lesern unserer Zeit aus.

Von einem deutschen Autor wurde das Buch geschrieben. Warum in englischer Sprache? Und warum haben wir bis heute warten müssen, um es in deutscher Ausgabe in unserem Lande lesen zu können? Die Beantwortung dieser Fragen gewährt Einblick in ein Menschen- und Forscherleben, gewidmet dem Kampfe um die Freiheit, der Wahrheit in der Wissenschaft und der friedlichen Verständigung der Völker unserer Erde.

Julius Lips, Dr. jur. utr., Dr. phil., war Professor für Völkerkunde und Soziologie an der Universität Köln und Direktor des Kölner Museums für Völkerkunde, als das Jahr 1933 jeden deutschen Gelehrten vor die Frage stellte, ob er gewillt sei, die von ihm erarbeiteten und erkannten wissenschaftlichen Resultate entsprechend dem Diktat des Naziregimes umzubiegen und umzulügen, oder ob er es vorziehen wollte, offen dagegen aufzutreten und die Konsequenzen auf sich zu nehmen. Er zögerte nicht. Bereits im ersten Jahre des Hitlerismus legte er als einziger deutscher Professor der Völkerkunde seine Lebensstellungen zum Zeichen des Protestes nieder. Damals fühlte er, was er sechzehn Jahre später anläßlich seiner Amtsübernahme als Rektor der Universität Leipzig in die Worte kleidete:

Wohl keine Wissenschaft außer vielleicht der des Rechts — der Wissenschaft des Rechts und dem Geist des Rechts — ist in den politischen Stürmen, die die Naziherrschaft über die Welt brachte, so mißhandelt und gedemütigt, verzerrt und mißbraucht worden wie meine Wissenschaft vom Menschen und seinem Schaffen... Man hat eine Wissenschaft, deren Ziel und Inhalt dazu prädestiniert sind, zu einem Verstehen der Kulturen und Völker maßgebend beizutragen, zu einer der schärfsten Waffen des Angriffskrieges umgegossen und verfälscht. Man hat aus ihr das vergiftete Werkzeug geschmiedet, um politische und menschliche Verbrechen zu rechtfertigen durch eine Indoktrinierung mit der Lehre, daß gewisse Völker nicht Menschenbrüder seien, sondern vielmehr Wesen niederer Art."

Er wollte keinen Anteil haben an diesem Verbrechen. Nicht, daß man ihn und seine Frau und Mitarbeiterin wegen seiner Stellungnahme in seinem Heimatlande verfolgte, enteignete, ausbürgerte und in die Emigration trieb, schmerzte ihn damals, sondern die Tatsache, daß er der einzige nicht jüdische Universitätsprofessor seines Faches war, der sich weigerte, die Hitlersche Rassendoktrin zu lehren. Er sah darin eine Gefahr für die Zukunft, an der wir noch heute durch den Mangel an reifen, freiheitlichen Gelehrten zu tragen haben und die durch das Heranwachsen unseres qualifizierten Nachwuchses erst jetzt, sechs Jahre nach dem Zusammenbruch des „Tausendjährigen Reiches", durch die großartige Förderung der schaffenden Intelligenz in der Deutschen Demokratischen Republik langsam behoben wird.

Als er Deutschland verlassen mußte, kannte er schon Nordafrika, vor allem die Oasen und Schluchten des Ahaggar und auch die westliche Sahara, wo wir in den schwarzen Zelten mit den Tuareg (die sich Kel Tagilmus, „Volk des Schleiers", nennen) gelebt hatten. Er hatte bereits sein Buch über das Recht der Eingeborenen Kameruns und seine Technologie der ersten Maschine der Menschheit, „Fallensysteme der Naturvölker", geschrieben und war wegen seiner Wirtschaftstheorie der „Erntevölker", von denen dieses Buch noch manches erzählen wird, und wegen seiner aufsehenerregenden Museumsausstellungen „Masken der Menschen" und „Die Plastik der Naturvölker" bereits in der Welt bekannt. Aller Existenzmittel beraubt, ging er nach Paris, wo er jedoch sofort mit der Hilfe seiner großen freiheitlichen Freunde, der Professoren Paul Langevin und Paul Rivet. Arbeitsmöglichkeit an der Sorbonne und am Musee de l'Homme (Trocadero) fand, bis ein Kabel von Franz Boas, des deutschgeborenen größten Ethnologen Amerikas, ihn an die Columbia University berief.

Ich hatte inzwischen in Köln noch mit der Gestapo zu kämpfen, die seine in langjähriger Arbeit gesammelten umfangreichen Aufzeichnungen und Bilder zu einem Buche beschlagnahmt hatte, das die Darstellung des Europäers in der Kunst der Naturvölker zum Gegenstand hatte und das durch seine Themenstellung „gegen die rassischen Prinzipien der deutschen Ethnologie" verstieß. Auf gefährliche und abenteuerliche Weise gelang mir die Rettung dieses kostbaren Besitzes, und ich habe das damals Erlebte 1937 in einem Buche geschildert, das als erstes Antinazibuch einer Frau im Ausland in vielen Auflagen verbreitet wurde und mit dazu beitrug, die Aufmerksamkeit der Welt auf die Kulturverbrechen der Nazis hinzulenken.

Im Frühling 1934 — ich war inzwischen auch in New York eingetroffen — nahm Julius Lips seine akademische Lehrtätigkeit an der Columbia University auf und begann gleichzeitig mit der Niederschrift des Buches, dessen gerettetes Material nun wieder in seinen Händen war. Er nannte es „The Savage Hits Back" (wörtlich: ,.Der Wilde haut zurück") und gab ihm ein gegen die Verbrechen der Naziwissenschaft gerichtetes, kämpferisches Vorwort („Die Geschichte dieses Buches") bei, das den Titel in der Tat in doppelter Hinsicht rechtfertigte. Dieses in der englischsprechenden Welt sehr bekannte Buch harrt noch der deutschen Übersetzung und Herausgabe, die erfolgen wird, sobald meine anderen Aufgaben es gestatten.

Während seiner amerikanischen Zeit kannte Julius Lips nur zwei Ziele: die Ausweitung seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse und den Kampf gegen die Naziherrschaft. Er hat der deutschen Emigration in New York, Washington und Paris mit allen seinen Kräften zur Verfügung gestanden.

Schon 1935 begannen nun seine amerikanischen Forschungsreisen, die uns wiederholt zu dem subarktischen Jägerstamm der Naskapi-Indianer von Labrador führten, deren Wirtschaft, Gesellschaft und Recht Julius Lips in grundlegenden, ebenfalls noch der Übersetzung und Herausgabe harrenden Werken beschrieben hat. Getreu seinem Grundsatz, daß es die Pflicht des Wissenschaftlers ist, das Gesehene und Erkannte sowohl der Fachwissenschaft als auch in klar verständlicher, einfacher Form der breitesten Öffentlichkeit darzubieten, schrieb er neben seinen für die gelehrte Welt bestimmten Werken auch regelmäßig populäre Bücher, so vor allem seine „Tents in the Wilderness" über das Leben der Naskapi, das später als „Zelte in der Wildnis" in Österreich und in der Schweiz erschien, als eines der wertvollsten Jugendbücher prämiiert wurde und leider auf Grund vertraglicher Schwierigkeiten dem deutschen Leser immer noch vorenthalten werden muß.

Im Jahre 1937 bot sich Julius Lips als Ethnologen und Vorkämpfer für die Gleichberechtigung aller Rassen eine besonders faszinierende Aufgabe: er wurde an die größte Negeruniversität der Welt berufen, an die Howard University in Washington, um dort das Fach der Völkerkunde einzuführen und es den farbigen Studenten nahezubringen. Kaum je ist wohl ein Mann mit größerem Enthusiasmus an eine Aufgabe herangetreten. Um so schmerzlicher wurde ihm die Einsicht, daß jene Bildungsstätte, die wahre Pionierarbeit leisten könnte, ein Instrument weißer Politiker war. Man bemühte sich, hier eine Negerbourgeoisie im Sinne des amerikanischen Imperialismus heranzubilden, wo dem Neger gelehrt wurde, die „weißen" Institutionen der Umwelt kritiklos nachzuäffen, statt daß man danach gestrebt hätte, qualifizierte Negerpersönlichkeiten zur Hebung der Negererziehung heranzubilden. Die wenigen fortschrittlichen Gelehrten jener Universität vermochten sich kaum durchzusetzen — so stark war der Druck der Außenwelt. Dennoch hat Julius Lips auch dort Bleibendes geleistet. Nach zwei Jahren war die Aufgabe der Einrichtung eines „Department of Anthropology" erfüllt, und Julius Lips konnte das Geschaffene beruhigt in den Händen begeisterter Schüler lassen, deren Kampf jedoch außerordentlich schwer war und ist. Seine dort gewonnenen Eindrücke veröffentlichte er im Jahre 1949 in deutscher Sprache als „Forschungsreise in die Dämmerung" (Kiepenheuer-Verlag, Weimar), ein Buch, das bezeichnenderweise „der Befreiung der Negerrasse von ihren schwarzen und weißen Unterdrückern" gewidmet ist.

Er kehrte nach New York zurück, um dort wieder an der Columbia University und an der New School for Social Research Ethnologie und Primitives Recht zu lehren. Den Höhepunkt seiner Forschertätigkeit erreichte er im Jahre 1947, als eine seit langem vorbereitete Reise uns zu den Dakota-Indianern (den sogenannten Sioux) von Südminnesota und zu den Ojibwa nahe der kanadischen Grenze führte. Hier nun fand er zum erstenmal die von ihm ausgearbeitete Wirtschaftsform der sogenannten „Erntevölker", die er seit 1928 theoretisch untersucht hatte, lebendig vor. Das Schicksal hat es ihm verwehrt, die Ergebnisse dieser Forschungsreise selbst zu publizieren. Dies wird nun durch mich geschehen.

Nach dem Zusammenbruch des Naziregimes wurden ihm verschiedene europäische Lehrstühle angeboten. Wiesein Freund Heinrich Mann war er bereit, so schnell wie möglich nach Deutschland zurückzukehren, um dort — nun endlich wieder auf Heimatboden — den Reichtum seines für die Freiheit gelebten Lebens zum Aufbau des zerstörten Vaterlandes zur Verfügung zu stellen. Als Köln ihn zurückberief, zeigte es sich, daß die einstigen Apostel des Nazitums dort noch immer an führender Stelle wirkten. In solcher Umgebung war ihm die Arbeit unmöglich. Dann aber bat ihn Leipzig, seine alte Alma Mater, wo er einst bei Weule, Wundt, Sohm, Mitteis und Jacobi die Grundlagen seines Wissens erhalten hatte, den Lehrstuhl für Völkerkunde und Vergleichende Rechtssoziologie anzunehmen. Das war ihm ein Ruf aus der Welt, in der er sich zuhause fühlte. Er gab seine New Yorker Lehrstühle und sein amerikanisches Bürgerrecht auf und kehrte in die Alte Welt zurück, die sich inzwischen mit neuem Geiste erfüllt hatte. Im Oktober 1948 trafen wir in Leipzig ein. Ein Jahr später erwählte das Vertrauen seiner Kollegen ihn zum Rektor der Universität.

Am 21. Januar 1950 wurde dieser strahlendfröhliche, reine und selbstlose Mensch, dieser in der ganzen Welt bekannte Gelehrte, der Freund der Neger und Indianer, der Kamerad seiner Schüler, nach zwölftägiger schwerer Krankheit im Alter von vierundfünfzig Jahren seinem kämpferischen, bunten und pflichtenreichen Leben entrissen.

Mir nun, seiner Schülerin und Gefährtin durch Kampf, Wüste und Subarktis, bleibt es überlassen, sein Werk weiterzuführen, seinen Geist der Menschenliebe weiterzuerhalten, seine englisch erschienenen Bücher ins Deutsche zu übersetzen und das von ihm Geplante zu schreiben. Daß dies möglich ist, verdanke ich denjenigen Freunden von Julius Lips, die sein Schaffen lebendig erhalten, indem sie mir seine Fortsetzung anvertrauten. Ich schulde diesen großen und weitblickenden Männern meinen allertiefsten Dank. Die erste Publikation im Rahmen des mir erteilten Forschungsauftrages ist das vorliegende Buch VOM URSPRUNG DER DINGE. Julius Lips gab der Originalausgabe ein Vorwort bei, dem ich die folgenden Sätze entnehme:

Ich bin davon überzeugt, daß es in dieser unserer problematischen Gegenwart die Aufgabe eines Völkerkundlers ist, sein Fachwissen dem Ziel einer besseren Verständigung zwischen Völkern und Kulturen zur Verfügung zu stellen. Das Erbe, das wir von den Naturvölkern übernommen haben, ist ein gemeinsames Erbe für alle Völker und Nationen. Diese gemeinsame kulturelle Basis, die wir aus den Tatsachen der ethnologischen Wissenschaft feststellen können, sollte dazu beitragen, uns dem Endziel einer einzigen, ungeteilten Welt näherzubringen. Die frühesten Erfinder und Entdecker, die die ältesten Kulturgüter der Menschheit schufen und entwickelten, können nicht nach Hautfarbe, Nationalität oder Konfession unterschieden werden — sie bleiben namenlos. Und dennoch haben sie mehr zum Glück der Menschheit beigetragen als mancher moderne Staatsmann.

Dieses Buch wurde als ein Beitrag zum Verständnis der Entwicklung der menschlichen Kultur geschrieben, in dem Bestreben, daß es die Annäherung zwischen den Völkern fördern möge. Es verdankt seine Entstehung der Hoffnung, daß es zur Verwirklichung der Einen Welt beitragen möge, nach der wir streben."

An anderer Stelle sagte er: „Die Völkerkunde, die Wissenschaft vom Menschen und seinem Schaffen, wird wieder — des bin ich gewiß — in der Deutschen Demokratischen Republik den Platz einnehmen, der ihrem Inhalt und ihrem Ziel entspricht: die Völker und Kulturen zu studieren, das Gemeinsame zu erkennen, dem internationalen Verstehen zu dienen und eine Wissenschaft zu sein, die ein Bollwerk darstellt im Kampfe um den Frieden der Welt."

Ein großer Mensch hat diese Worte geschrieben, ein Mensch, dessen Leben und Werk untrennbar miteinander verbunden sind. Martin Andersen Nexö sagte von ihm: „Ein großer Geist umarmte mich und mein Schaffen, überströmte mich mit alles umfassender Menschenwärme." Und Heinrich Mann schrieb mir über ihn am 20. Februar 1950: „Sein letztes Schreiben an mich ist ein seltenes Zeugnis: was einer ist, wie er für das, was er ist, den Preis empfängt und stark bleibt. Er war ein starker Mann, daher gütig und imstande, viel mitzufühlen, auch für mich, der nichts vergißt."

Um den Menschen unserer Zeit und vor allem unserer Jugend die beispielhafte Botschaft dieses Lebens zu erhalten, wird demnächst im gleichen Verlage die Geschichte des Wirkens, Kämpfens und Arbeitens des Humanisten Julius Lips in Buchform herausgegeben werden. Heute stehen an der Wand des Hörsaals des Julius Lips-Instituts für Völkerkunde und Vergleichende Rechts - Soziologie die in seinem Geiste formulierten Worte:

Völkerkunde will Völkerfrieden

Das vorliegende Werk ist also nicht nur das Resultat der Forschungen eines großen deutschen Gelehrten, es ist vor allem auch eine Botschaft tiefsten Friedenswillens, ein Bekenntnis zur Gleichberechtigung aller Menschenbrüder und der Ausdruck eines geistigen Erbes, das weiterleben wird.

Am Sarge von Julius Lips sprach der Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig, Professor Dr. Anton Arland, die Worte:

Sterblich ist wohl der Mensch, aber unsterblich ist die Treue, die er in seinen Werken bewies." In diesem Sinne soll das Buch von Julius Lips, VOM URSPRUNG DER DINGE, seiner Heimat und seinem Volke dargeboten werden.

JULIUS LIPS-INSTITUT
DER UNIVERSITÄT LEIPZIG

Dr. phil. EVA LIPS

Quelle: VVV Volk und Buch Verlag Leipzig 1951, Vom Ursprung der Dinge; © by sykr jadu 2003


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