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Zwei junge Farmer reiten durch irgendeine der zahllosen Siedlungen zwischen den Alleghanies und dem Missippi. Das alles ist jetzt um 1807 weißen Mannes Land, bis auf das Gebiet, das den Rothäuten noch zugesprochen ist. Und die beiden sehen da an einer Wegbiegung, nicht weit von der Kneipe, einen alten Indianer hocken. Seine Züge sind müde und schlaff; er singt leise vor sich hin. Offenbar ist er betrunken. Dicht neben ihm im Dreck und Staub liegen zwei seiner roten Brüder in billigen Hosen und Kattunhemden, wie man sie beim Indianerhändler bekommt, und schlafen ihren Rausch aus. Und der jüngere der beiden Reiter sagte zu seinem Kameraden mit einem verächtlichen Lachen:"Und vor so was haben unsere Großväter Angst gehabt! Ich glaube, die alten Kentucky-Grenzer verstehen sich ganz schön auf's Flunkern." "Ist doch klar, Junge", meint der andere. "Wenn wir jetzt mal 'rüberreiten zu dem Felsengebirge oder wie das Ding da heißt und kommen in eine Gegend, wo noch keiner war, da würden wir auch allerhand erleben. Was meinst du?" Beide lachen. Und beide wissen nicht, wie bald ihnen das Lachen vergehen soll!- "Zigeunergesindel"- das war die Meinung all der Neufarmer, die da in den Staaten und den Territorien bis zum Mississippi siedelten und pflanzten, wenn sie vom Indianer sprachen. Diese Burschen, die demütig ankamen, und in der Kneipe um eine Flasche Whisky bettelten, von denen man gutes land für ein paar alte Gewehre und ein paar Schuß Munition haben konnte, das sollten die gefürchteten Krieger der Überfälle auf die Kentucky-Forts und der großen Schlachtten sein? Du lieber Himmel - die Burschen hatten weder Kraft noch Stolz im Leibe! Sollten sie doch alle hinüber in die unbrauchbare Prärie gehen, wo es ja von ihnen noch eine Menge geben sollte. Auch ein Chronist jener Tage, der französische Marquis Volney, der um diese Zeit die in Besitz genommenen Gebiete des Wilden Westens durchreiste, urteilte nicht anders. Über Vincennes, die Hauptstadt des neuen Territoriums Indiana, schreibt er: "Vom frühen morgen an lungern Männer und Weiber in den Straßen herum, in der einzigen Absicht, sich Brandy zu verschaffen. Ihre Felle, ihre Kostbarkeiten, ihre Kleider vom Leibe, geben sie hin, um Schnaps zu erbetteln, den sie so lange durch die Kurgel jagen, bis sie die Besinnung vollkommen verlieren. Lärmend geht das Glas von Hand zu Hand. Ein Dutzend solcher Opfer des Brandys kann man zu jeder Zeit in den Gassen und an den wegen grunzend herumliegen sehen. Selten ist der Tag, da es nicht zu Messerstecherei und Tätlichkeiten kommt..." Begreiflich, daß es die Händler und Farmer einfach nicht glauben wollten, als das auf einen Schlag anders wurde! Plötzlich sah man wieder Indianer in ihrer alten Tracht. Sie wollten keinen Branntwein mehr. Sie verlangten gutes Geld für die schönen Felle und Pelze, die sie brachten, und wiesen die angebotenen billigen Kattunhemden schweigend zurück. Ging der Händler auf ihre Forderung nicht ein, so packten sie ihre Ware wieder auf und ritten davon. Noch mehr - sie kamen und brachten schlechtes Pulver wieder, verlangten Ersatz für zersprungene Gewehre und drohten damit, ihre Pelze anderswo anzubieten. Selbst die Burschen, die man als Säufer und haltlose Subjekte kennengelernt hat, traten wieder stolz und selbstsicher auf. Häuptlinge in Büffelmantel und im Federschmuck ritten heran und führten eine Art Aufsicht über die Handelsgeschäfte ihrer Landsleute. Die Händler trösteten sich damit, daß dieser in ihren Augen widernatürliche Zustand nicht lange anhalten würde. Aber sie täuschten sich. in den Regalen ihrer Läden blieb der billige Kleiderschund in riesigen Stapeln liegen, und ihren verfälschten Branntwein mußten sie fluchend alleine trinken. Auch das große Spekulationsgeschäft mit den freien Jagdgründen der Indianer war auf einmal wie abgeschnitten. Diese Burschen wollten kein Land mehr verkaufen, selbst wenn man ihn gut bezahen wollte. Was in aller Welt war geschehen? Vergebens versuchten manche Händler die Indianer scheinheilig-freundlich auszufragen. Gab es da jemanden, dem sie gehorchten, der ihnen solche verrückten Anweisungen gab? Sie erhielten keine Antwort. Und doch sprach sich langsam ein Name herum, der immer mehr in das Bewußtsein der weißen Siedler drang: Tecumseh. Wer war das? Irgendein junger Schawano-Häuptling, der offenbar einen rätselhaften Einfluß auf seine roten Brüder gewonnen hatte. Auch der Gouverneur von Indiana, Harrison, erfuhr davon, daß Tecumseh, der "Springene Berglöwe", häufig bei den Stämmen gesehen wurde und offenbar mit den einzelnen Häuptlingen verhandelte. Ganz in der Stille war am Tippekanoe, einem Nebenfluß des Wabash, ein großes stadtartiges Indianerlager entstanden; immer mehr indianische Krieger sammelten sich dort. Als Harrison vorsichtig bei seinen "roten Brüdern" anfragte, bekam er zur Antwort, es handele sich um Vorbereitungen zu einem größeren Jagdunternehmen. Harrison ging weiter; er erkundigte sich, ob den Stämmen irgendwie Unrecht geschehen sei, ob sie sich zu beklagen hätten. Wieder war die Antwort diplomatisch ausweichend. Und diesmal hatten der Gouverneur und seine Offiziere das deutliche Gefühl, daß sich dunkle Wetterwolken zusammenzogen. was sich allerdings in Wirklichkeit anbahnte, das vermochten sie nicht zu übersehen. Tecumseh, der junge Schawano, hatte sich eine gewltige Aufgabe gestellt. Er wollte die Krieger aller indianischen Stämme und Nationen zu einem gewaltigen Bund aufbieten und zum Heiligen Krieg gegen die weißen Eindringlinge aufrufen. Er bereiste das Land von den Wäldern des Nordens und den Prärien des Westens bis zu den Sumpfwäldern des Südens, um mit den vielfältigen zersplitterten Stämmen zu verhandeln und ihnen den ganzen Ernst der Lage vor Augen zu stellen. * Schon einmal hatte ein großer Häupling, Pontiac, von den Ottawa, am Ende des englisch-französischen Krieges, etwas Ähnliches versucht und gewaltige Erfolge errungen. Mit seinen Kriegerscharen hatte er damals die wichtigstens englischen Forts an den großen Seen auf einen Schlag überrumpelt und Fort Detroit belagert. Nur dadurch, daß ihn die Franzosen nach dem Friedensschluß im Stich lassen mußten, war sein großer Plan gescheitert, die englischen Truppen bis an das Meer zurückzuwerfen. An Pontiacs große tat erinnerte jetzt Tecumseh, wenn er mit den Häuptlingen der Chippeway am Beratungsfeuer saß, wenn er mit seinem Kanu auf dem Michigan-See, am oberen Ottawa, und selbst bei den Schwarzfuß-Indianern des fernen Nordwestens auftauchte. Und wo er sprach und an das Recht der roten Völker erinnerte, wo er die zahllosen Übergriffe und Gewalttaten der weißen Männer ins Gedächtnis rief, ging eine Welle von Empörung und Begeisterung durch die Stämme und Völker.Wie schon zu den Zeiten Pontiacs verkündeten die Medizinmänner, daß der große Geist selbst den "Springenden Berglöwen" zur Befreiung der roten Völker ausersehen habe - allen voran Tecumsehs Bruder Tenskwatawa. Wenn es noch eine Möglichkeit gab, die verhaßten Eindringlinge zurückzuwerfen und die großen Jagdgründe zurückzuerobern, dann war jetzt der Zeitpunkt gekommen. hatten die weißen erst den Mississippi überschritten, würden sie die roten Völker immer weiter zurückdrängen. Was Tecumseh da mit seiner eindringlichen, dunklen Stimme an den großen Beratungsfeuern vortrug, ließ in den Häuptlingen und den Kriegern den Entschluß reifen, sich zum entscheidenden Kampf zusammenzuschließen. Tausende von indianischen Kriegern drängten nach dem Lager von Tippekanoe. Eine rauschhafte Begeisterung ergriff die Stämme, die sonst wenig geneigt waren, sich auf eine lange Kriegführung einzulassen. Umsonst warnten alte Häuptlinge, die oft genug mit den Weißen gekämpft hatten, um deren Überlegenheit zu kennen. Doch Tecumseh wiederholte es immer wieder: gegen den ansturm aller roten Völker des Westens und des Ostens waren die weißen Eindringlinge machtlos. Die Farmer und Siedler würden fliehen wie die Hasen. Der lautlose indianische Pfeil war eine furchtbare Waffe. Die militärischen Abteilungen mußten einzeln umzingelt werden. Nur eins allerdings war entscheidend für das Gelingen des Plans: die roten Völker mußten sich zum Stoßkeil vereinigen, um dann gemeinsam nach den Anordnungen Tecumsehs zu handeln. Urplötzlich mußte der rote Sturm losbrechen - vorher mußte das tiefste Geheimnis über alle Pläne gewahrt werden. Einer der Häuptlinge, der bei der Unterzeichnung des großen Friedensvertrages mit dabei gewesen war, der fast neunzigjährige Wyandot-Häuptling "Lederlippe", erhob noch einmal seine warnende Stimme. Seine Brüder würden in ihr Verderben rennen, rief er. Angeblich hatte er sogar einige seiner Krieger zu Harrison geschickt, um den Gouverneur warnen zu lassen. Das bedeutete Verrat an der großen Sache.Tecumseh besaß bereits eine solche Macht, daß er daraufhin den berühmten, in Hunderten von Gefahren erprobten alten Sachem zum Tode verurteilen konnte. Junge Krieger von Tecumsehs Leibgarde erschienen eines Tages vor dem Zelt des Wyandot und überreichten ihm ein Stück Birkenrinde, auf dem ein Tomahawk gezeichnet war. "Lederlippe" las stumm sein Todesurteil. Mit stolzer Ruhe legte er seinen Festschmuck an und erwartetet, vor seinem Zelt sitzend, die Abgesandten Tecumsehs. Schweigend und ohne zu zucken empfing er den Todesstreich. Als Harrison von dem vollzogenen Urteil an dem Indianersachem hörte, mit dem er oft verhandelt hatte, wuchs seine Besorgnis. Man drängte ihn, zu handeln und eine Strafexpedition gegen die Schawanos zu unternehmen. Doch der Gouverneur war kein unbesonnener Draufgänger. Er hatte die vornehme Gesinnung so manchen Indianerhäuptlings kennengelernt und hoffte, auch mit Tecumseh auf der gleichen Basis verhandeln zu können. Er lud den jungen Schawano zu einer Unterredung ein. Harrison war der Indianer als ein Mann bekannt, der sein Wort noch nie gebrochen hatte; Tecumseh folgte daher seiner Aufforderung ohne Mißtrauen. Beide Männer empfingen einen guten Eindruck voneinander, und Harrison versuchte, dem Schawano entgegenzukommen, so weit es seine Befugnisse als Gouverneur zuließen. Allein die Verhandlungen zerschlugen sich an den unnachgiebigen Forderungen Tecumsehs. Harrison hörte und staunte. Sämtliche mit den Indianern abgeschlossenen Kaufverträge sollten sofort von der Regierung rückgängig gemacht werden! Die im Friedensvertrag zugestandenen Jagdgründe sollten wieder den roten Völkern allein gehören! Keine Vermessungen in diesen Gebieten mehr! Als Harrison darauf hinwies, daß ein rechtsgültiger Kaufvertrag vor dem Gesetz nicht mehr rückgängig gemacht werden könne, wies der "Springende Berglöwe" kurz darauf hin, daß von Rechtsgültigkeit wohl nicht die Rede sein könne. Mit Branntwein habe man den Geist der Indianer umnebelt; man habe sie betrunken gemacht, um ihnen das Land wegnehmen zu können und ihnen dafür als Tauschware elenden Schund geboten. Schweigend hörte Harrison diese Anklagen. Tecumseh ließ durchblicken, daß man im Verweigerungsfalle mit den Engländern in Kanada Verbindung aufnehmen und sie zu Bundesgenossen gewinnen könne. Diese unverkennbare Drohung wurde mit sehr viel Diplomatie mehr angedeutet als ausgesprochen - aber Harrison wußte genug. hier hatte er einen Gegner vor sich, den man keinesfalls unterschätzen durfte. Sogleich, nachdem Tecumseh mit seinen Leuten davongeritten war, schickte der Gouverneur Boten nach Washington. Noch während man dort beriet, trafen flüchtende Farmer aus dem Westen an der Küste ein. Das waren nicht mehr die gleichen Leute, die so verächtlich auf das "Zigeunergesindel" herabgeblickt hatten. Es waren angstschlotternde Gestalten, die mit Mühe Kopf und Kragen gerettet hatten und von blutigen Greueltaten zu berichten wußten. Aus dem Lager von Tippekanoe waren ganze Trupps rachgieriger Indianer ausgebrochen und mordend und sengend in die Siedlungen eingefallen. Sie hatten besonders verhaßte Händler hinter dem Schanktisch hervorgeholt und zu Tode gemartert. Sie hatten Branntweinfässer ausgegossen, Häuser angezündet, Frauen und Kinder in die Gefangenschaft weggeführt, und wie die Hetzhunde die flüchtenden farmer verfolgt. In zitternder Angst erschienen immer wieder neue Trupps und forderten flehentlich von der Regierung Schutz und Hilfe. Harrison zog Militär herbei. Jetzt mußte etwas geschehen; das Lager am Tippekanoe mußte aufgelößt werden. Da, kurz vor Ausbruch der Feindseligkeit, wurde ihm am späten Nachmittag eine indianische Gesandschaft gemeldet. Tecumseh selbst erschien, hoch zu Roß, mit einer stolzen Leibgarde von 400 federgeschmückten Sioux-Kriegern vor dem Gouverneur. Vor Harrison geführt, entschuldigte sich der Schawano wegen der Vorfälle der letzten Wochen in aller Form. Er versicherte dem Gouverneur, daß sich Ähnliches nicht wiederholen werde. Sehr zum Unwillen seiner Offiziere nahm Harrison die Entschuldigung an. Allerdings blieb er schlagbereit. Doch tatsächlich herrschte in der nächsten Zeit Ruhe; nur das Lager von Tippekanoe erhielt weiterhin tagtäglich neuen Zuzug von Stämmen aus allen Gebieten des Nordens und Westens. Hatte man doch auch anläßlich Tecumsehs Besuch beim Gouverneur zum erstenmal Dakota-Krieger aus den fernen Prärien im Schmuck ihrer Schleppe aus Adlerfedern gesehen! Nur um seinen großen Plan durchführen zu können, hatte der Schawano diesen diplomatischen Schritt unternommen. Es galt, noch die letzten Stämme aufzubieten, die sich bisher nicht dem Bund angeschlossen hatten: die Seminolen und die Creeks des Südens. Bei seiner Abreise aus dem Lager von Tippekanoe hinterließ der "Springende Berglöwe" den strengen Befehl, keine voreilige Aktion mehr zu unternehmen. Er beschwor vor allem seinen Bruder Tenskwatawa, dessen Ehrgeiz er kannte, sich ruhig zu verhalten und mit seinen heiligen Tänzen, seinen Zauberkunststücken und reden, die ungeduldigen Krieger nicht noch weiter aufzuhetzen. Große Scharen von Schwarzfuß- und Sioux-Indianern mußten noch abgewartet werden. Man sollte keinen weißen Mann an die Indianerstadt heranlassen und die kriegerischen Manöver fortsetzen, bei denen man Umgehung amerikanischer Truppen, den Überfall und alle Kriegslisten indianischer Taktik noch einmal für die bevorstehende große Auseinandersetzung in regelrechten Manövern durchübte. Wenige Wochen später tauchte das Kanu Tecumsehs in den Sumpfurwäldern Floridas auf. Hier herrschte der "Rote Adler". ein Halbblut, dessen Vater Engländer war; bei den Weißen war unter dem Namen Weatherford bekannt. Mit Straußenfedern geschmückt, silberne Ringe am Arm, so hielt Weatherford Hof wie ein orientalischer Fürst. Er gebot über Zehntausende von Indianern und über ein ganzes Volk von Negersklaven, die hierher in die Urwälder geflüchtet waren. Nächtelang brannten Beratungsfeuer unter den Riesenzypressen. Auch Weatherford sagte Tecumseh Unterstützung zu. Die Tschickasa, die im Gebiet der Rohrdickichte, der Moraste und Palmetto-Palmen wohnten versprachen, ihre besten Leute zuschicken. Die Seminolen in Florida jubelten ihm zu. Sie waren bereit, mit den Creeks sich zusammenzuschließen und nicht zu ruhen, bis die weißen Männer vertrieben worden waren. In der Creek-Hauptstadt am Tallapoosa-Fluß wurde der große Vertrag feierlich besiegelt. Tecumseh brach auf zu seiner letzten Reise vor dem Ausbruch des Heiligen Krieges: hinauf zum Norden nach Detroit. Hier sollte sich der Ring des großen Indianderbundes schließen. Auf seinem Wege dorthin überholte er zahllose Kriegerscharen, die nach Tippekanoe zogen. in wenigen Wochen waren die Vorbereitungen vollendet; der Sturm würde beginnen, der das Land wieder reinfegte. Die eingesessenen Herren des Landes, geeint wie nie zuvor, würden sich erheben, um der Eroberung des Wilden Westens ein Ende zu machen. * Im Lager von Tippekanoe hatte Tenskwatawa, der große Schawano-Medizinmann und Bruder Tecumsehs, während der Abwesenheit des "Springenden Berglöwen" die Führung übernommen. Die Häuptlinge wußten, daß er in alle Pläne seines Bruders eingeweiht war und vertrauten ihm blindlinks. Sie drängten ihn immer wieder, endlich das Zeichen zum Losschlagen zu geben. Waren denn nicht Tausende von roten Männern hier beisammen, genug, um die Weißen zum Teufel zu jagen? All die Sioux, die Chippeway, Schawano, Potowatomi, Winnebago, Wyandot, Pawnee, Creek und Tschiroki, warteten in ihren Zelten und Hütten voll lauernder Ungeduld nur auf diesen Augenblick. und Tenskwatawa selbst, von Ruhmsucht und von Neid auf den großen Bruder verzehrt, beschloß schließlich, die chance zu nutzen, die ihm eine solche Gefolgschaft in die Hände spielte. Vier Jahre lang hatte er mit seinen Prophezeihungen den Bruder groß gemacht und Tausende von Kriegern geworben. Jetzt wollte er den Ruhm des Anführers im Heiligen Krieg und den Namen eines Befreiers der indianischen Völker an sich reißen. Um den versammelten Scharen noch einen letzten gewaltigen Eindruck von seinen überirdischen Kräften zu geben, veranstaltete Tenskwatawa in einer Herbstnacht des Jahres 1811 ein für die Indianer einmaliges und überzeugendes Schauspiel. Auf einen Hügel stehend rief er die Tausende zum Befreiungskampf auf und prophezeite, daß noch in dieser Stunde der Große Geist selbst mit allen seinen Dämonen niedersteigen würde, um seinen Kriegern zu helfen. Seine letzten Worte waren noch nicht verhallt. Da auf einmal sprühte es plötzlich leuchtend am Nachthimmel auf! Unter Krachen, Donnern und Zischen schossen und rauschten goldene und rote Flammen hernieder. Mit Leuchtkugeln, Raketen, bengalischen Lichtern und gewaltig kreisenden Sonnen, die sich farbenprächtig im Dunkeln entfalteten, kam der Große Geist selbst vom Himmel herab! Und das Feuerwerk, das sich der schlaue gauklerische Prophet eigens für diesen Zweck durch englische Händler hatte besorgen lassen, tat eine ungeheure Wirkung. Die todesverachtende Kampfbegeisterung der roten Krieger kannte keine Grenzen mehr. Schon am folgenden Morgen brachen sie in Scharen auf, fielen in den Siedlungen ein, schleppten Hunderte von weißen Frauen und Männer mit und ließen sie unter furchtbaren martern sterben. Wie zu den Zeiten der ersten Indianerkriege raste der blutige Schrecken über das Land. Die Tomahawks blitzten über den Köpfen kniender Frauen, das Skalpmesser vollführte den furchtbaren kreisrunden Schnitt; mit den Zähnen rissen die erbitterten Indiander ihren Opfern die Kopfhaut herunter. Schwarzschwelende Rauchwolken bezeichneten die Plätze, an denen noch vor wenigen Tagen die Hütten der Farmer gestanden hatten. In höchster Eile rückte Harrison heran. Er hatte in dieser Lage nur eine Truppe von 900 Mann zur Verfügung. Doch diese 900 Mann zählten dreifach -es waren die alten Grenzer aus Kentucky und die Veteranen der Indianerkämpfe. Tenskwatawa war jetzt zum Handeln gezwungen. Mit echt indianischer List schickte er Unterhändler in das Lager des Gouverneurs, um Verhandlungen für den nächsten Tag anzubieten. Aber ohne eine Antwort abzuwarten, gab er den Kriegerscharen von Tippekanoe für den kommenden Morgen, den 05. November 1811, den Angriffsbefehl. Im amerikanischen Lager hatte man, trotz der scheinbaren Entspannung der Lage, sämtliche Posten verdoppelt. in dieser Nacht schien man vor einem Angriff noch sicher zu sein: drüben im Lager von Tippeikanoe brannten zahllose Feuer, und ein wilder Lärm von Trommeln und Gesängen schallte herüber. Aber währenddessen schlich es bereits von allen Seiten lautlos durch das hohe Gras heran. Das Messer im Mund, Bogen oder Gewehr in der Faust, so arbeiteten sich die Rothäute vorwärts. Der Himmel war bedeckt, die tiefe Dunkelheit der Herbstnächte herrschte. Noch vor der Dämmerung war das amerikanische Lager ringsum von lauernden Kriegern eingeschlossen, die, geduckt wie Wildkatzen, auf den Augenblick des Angriffs warteten. Die Morgendämmerung kam. Es war noch eine halbe Stunde bis zum Wecken, die müden Posten träumten vor sich hin. Es war so still, daß man jede Bewegung und jedes Rascheln im Gras hören mußte. und bewegte sich das Gras nicht dort, und dort - und jetzt dadrüben? War das noch der Morgenwind oder... In diesem Augenblick brach es mit ohrenzerreißendem Kriegsgeheul über das amerikanische Lager herein. Wolken von Pfeilen zischten heran, Gewehrsalven prasselten wild durcheinander, während es überall aus dem Gras aufwuchs und mit Tomahawk und Messer wutschreiend herandrang. Ein wildes Getümmel war zwischen den Zelten; ein Teil der völlig überraschten , noch schlaftrunkenen Soldaten wandte sich zur Flucht! Doch da war Harrison schon zur Stelle. Mitten in diesem rasenden Überfall ordnete er seine Truppe und brachte sie zum Stehen. Rasch fanden sich die alten Grenzer in der Lage. Ein mörderisches und sicher gezieltes Feuer brachte den Angriff zum Stocken. Stundenlang dauerte der Verteidigungskampf gegen immer neu heranwogende Wellen, bis endlich die Grenzer auch ihrerseits mit Kriegsgeheul einen Vorstoß unternahmen und wie die Wölfe in die indianischen Kriegerscharen einbrachen. Bis zur sinkenden Sonne dauerte der Kampf. Tenskwatawa war längst feige vom Schlachtfeld geflohen und hatte sich in Sicherheit gebracht. Das Gefecht war in zahllose Einzelkämpfe aufgelöst, endlich mußten die Indianer auf der ganzen Linie zurückweichen. Aber Harrison stieß sofort nach. das Lager von Tippekanoe ging in Flammen auf. Und jetzt erst flohen die Indianer in Scharen und gaben den ungleichen Kampf auf. Als Tecumseh von Detroit heranjagte, da gab es kein indianisches Heer mehr. Alles was er in jahrelanger Vorbereitung zusammengebracht hatte, um es in einem wohlüberlegten Überrumpelungsplan einzusetzen, war in weniger als 12 Stunden durch Tenskwatawas Ruhmsucht und Eitelkeit zerstört worden. * Dem "Springenden Berglöwen" gelang es, nach Kanada und zu den Engländern zu flüchten. Vergebens versuchte er von hier aus noch einmal einen großen Bund zusammenzurufen; man vertraute ihm nicht mehr. Er fiel 1812 bei einem Gefecht mit den Unionstruppen in den herbstlichen kanadischen Wäldern. Die große Erhebung der indianischen Völker war vorüber. Aber sie wehrten sich einzeln verzweifelt gegen den neuen Befehl der Regierung, der nun nach der Schlacht von Tippekanoe unerbittlich und folgerichtig durchgeführt wurde. Die Indianergrenze nämlich wurde nun über den Mississippi verlegt, in die - wie man damals noch glaubte - wenig fruchtbare Prärie hinein. Dort - und nur dort - sollte von nun an das Reich des roten Mannes sein. Sämtliche indianischen Völker des Ostens hatten ihre Heimat zu verlassen und sollten über den Mississippi hinter diese Grenze gehen. Eine ganze Reihe von neuen Indianerkriegen war notwendig, bis der Befehl endlich durchgeführt war. Nur ein Teil der indianischen Stämme ließ sich auf friedliche Weise bewegen, das Land, in dem sie bisher gelebt hatten, zu verlassen. Der Kampf der Seminolen unter ihrem Häuptling Osceola ist berühmt geworden; er dauerte neun Jahre lang! Doch der Grenzergeneral Jackson - er sollte später der erste Präsident der Union werden, der aus den Grenzern hervorging - brach blutigen Kämpfen die Kraft der Creeks wie der Seminolen und anderer Stämme. Eine schwermutvolle indianische Völkerwanderung nach Westen setzte ein. Was einst der uralte Tschiroki-Häuptling Oconostota in prophetischer Voraussicht bei der Verhandlung mit Daniel Boone am Lagerfeuer ausgesprochen hatte, wurde jetzt Wirklichkeit: "Die Weißen werden den roten Mann beständig vor sich hertreiben, noch über den Mississippi hinüber, immer weiter nach Westen, bis er nicht weiter die Wälder durchstreift und das Wild jagt!" Um 1835 war die Umsiedlung der indianischen Stämme abgeschlossen. Auch die Indianer des Ostens wohnten nun in der Prärie, und ihre Grenze erreichte man in knapp zwei Tagesritten vom Westufer des Mississippi aus - des großen Stroms, auf dem jetzt schon die Sirenen der ersten Dampfer heulten! Quelle: Franz Born, die Eroberung des Wilden Westens |
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