Die Grenzer



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Tief in den Bergurwäldern der Alleghanies, der südlichen Appalachenkette, lagen einsame Blockhütten und Farmen. Hier hausten all die Einzelgänger, die freiwillig von der Küste fortgezogen waren, um der kleinstädtischen Enge der neuenglischen Siedlungen zu entfliehen. Mancher von Ihnen hatte auch wohl schon mit der Rechtsprechung der Küstenstaaten zu tun gehabt, und viele waren ungezügelte Naturen, die für ihren Kräfteüberschuß die Wildnis brauchten. Schotten, Iren und Deutsche bildeten den Kern dieser rauhen und wilden Gesellschaft.

Aber es war eine Elite an Kraft, Kühnheit und Tapferkeit. In ihnen allen lebte der Elan der ersten Pioniere ungebrochen fort. Mit ihren Äxten rodeten sie den Wald, legten Stamm auf Stamm, um die primitive Blockhütte fertigzustellen - ein klobger Holzwürfel, in den erst zum Schluß eine schmale Türöffnung und ein Fenster hineingehauen wurde. Jeder mußte sich hier selbst seinen Herd mauern, seinen Tisch und sein Bett zimmern, seine Teller und Schüsseln schnitzen, seine Handmühle für den Mais zurecht drechseln. Am selbstgezimmerten Webstuhl webten die Frauen aus selbstgebauten Flachs das Leinen, und was sonst für die halbindianische Kleidung des Grenzers notwendig war, das wurde aus Fellen und Pelzen selbstgeschossener Hirsche und Bären geschneidert. In weiten Einzäunungen bewegte sich das Vieh, und täglich mußte der Mann, gleich dem Indianer, auf die Jagd hinaus. Hier gab es keine Schulen und keine Kirchen; die Kinder wuchsen halb wild auf, eine wahre Wolfsbrut, aber stark und erfahren in allen Listen der Jagd. In schönen Waldtälern siedelten die Grenzer, oft Tagemärsche weit voneinander entfernt, und jedes Blockhaus wurde so eine kleine Festung für sich. Denn durch das Unterholz der Wälder spähten die Indianer und warteten nur auf eine Gelegenheit, die verhaßten weißen Eindringlinge zu überfallen. Jede Grenzerfrau wußte mit dem Gewehr umzugehen, und zehnjährige Kinder mußten in der Lage sein, sich verteidigen zu können, wenn Vater und Mutter einmal zufällig beide abwesend waren und in der Nacht draußen die Indianer um das Blockhaus herumschlichen. Denn dreimal im Jahre mußte der Grenzer zur Küste hinuterziehen, um eiserne Geräte, Waffen, Munition und vor allem das teuere Salz zu beschaffen - die Dinge eben die es im Hinterwald nicht gab.

Es war ein Leben, das sich nicht jeder wünschte und das nicht jeder ausgehalten hätte. Aber dafür war es ein Leben in herrlicher Freiheit. Die Grenzer konnten sich als Könige der großen Urwaldwildnis fühlen, als Herrscher über die Hirschrudel und die Bären, über die Fische in den Flüssen und über die riesenhaften Vogelschwärme. Ihnen gehörten die wilden Bienenstöcke und der süße Saft des Zuckerahorns, der im Frühling gezapft wurde. Sie konnten so viele Morgen fruchtbarsten Urwaldlandes bewirtschaften, wie weit ihre Kraft nur reichte, wenn sie stark genug waren, der Natur und dem Indianer zu widerstehen. Denn nicht nur von den immer wiederkehrenden Rothäuten drohte Gefahr. Reißende Bergbäche brachen in ihre Äcker ein und schwemmten die fruchtbare Saatkrume hinweg; Waldbrände wüteten glühend bis an die Schwelle ihrer Blockhäuser. Aber in diesem Kampf gegen die Natur und gegen die Indianer wurden die Grenzer gestählt. Hier wuchs ein ganz junges, neues Volk mit vielen Familien heran, dem der Urwald die einzige Heimat war, und das keine Vergangenheit mehr kannte, noch kennen wollte. Der Grenzer hatte seine eigene Geschichte.

Da war James Harrod, dem die Roten sämtliche Pferde und Milchkühe aus der Umzzäunung gestohlen hatten, und der mit ein paar Freunden Tag und Nacht hinter den Indianern herjagte. Aber in seinem Eifer ging er in eine Falle, im Morgengrauen, als schwerer Tau auf den Gräsern lag, ertönte auf einmal von allen Seiten das Whoo-Whoop der Rothäute. Der erhobene Tomahawk wurde Harrod aus der Faust geschossen, er schien verloren. In einem verzweifelten Ansturm durchbrach er eine Schar der anstürmenden Indianer und jagte, von Dutzenden von Rothäuten gehetzt, davon. Der Abstand zwischen ihm und seinen Verfolgern wurde immer kleiner. Endlich öffnete sich der Wald; aber jetzt sah Harrod, wohin er gekommen war. Vor ihm klaffte ein Abgrund, auf dessen Grund ein kleiner Bach dahinfloß, ein Abgrund von mehr als fünfzehn Fuß Breite und siebzig Fuß Tiefe! Zögerte er auch nur einen Augenblick, so war sein Skalp verloren; er mußte es wagen. In voller Jagdausrüstung, die schwere Büchse in der Faust, so stürmte Harrod auf den Abgrund zu und setzte mit einem übermenschlichen Sprung über die Tiefe hinweg. Glücklich landete er drüben auf dem gefährlich bröckelden Gestein. Sekunden später waren auch die Indianer am Rand des Talstollens angelangt; sie prallten zurück. Harrod hatte sich niedergeworfen, um nicht von einer Kugel getroffen zu werden. Aber da siegte der sportliche Sinn der Indianer; voll Hochachtung grüßten sie zu Harrod hinüber - und zogen wieder ab. Noch heute heißt die Stelle "Harros-Sprung".

Da war Henry Slover, der den Schawanos in die Hände gefallen war und den sie trimphierend in eines ihrer Dörfer brachten, um ihn hier an den Marterpfahl zu fesseln. Der gesamte Stamm hatte sich versammelt, um die Folterung des verhaßten Grenzers mitanzusehen. Schon waren die Feuerbrände rings um den Marterpfahl angezündet, und der gänzlich nackte und schwarz bemalte Slover gab bereits jede Hoffnung auf eine Rettung auf, als schwere Regenschauer herabrauschten und Flammen löschten. Noch einmal wurde er vom Marterpfahl losgebunden. da der Stamm für diese Feier sich an Feuerwasser berauscht hatte, lagen auch seine Wächter bald in tiefem Schlaf. Es gelang ihm endlich, sich leise im Dunkel davonzuschschleichen. er fing ein Pferd ein und jagte, nackt wie er war, auf ungesatteltem Gaul 70 Meilen durch die Nacht, in einem solchem Tempo, daß sein Pferd gegen Morgen tot zusammenbrach. Noch während der erschöpfte Mann ausruhte, hörte er, als er das Ohr auf den Boden legte, daß die Verfolger schon hinter ihm her waren.
So lief er den ganzen folgenden Tag zu Fuß weiter. schließlich gelang es ihm, seine Verfolger irrezuführen, aber seine Fußsohlen waren wundgelaufen. Dazu quälte ihn der Hunger; nur mit rohen Bachkrebsen und ein paar Beeren hielt er sich aufrecht. Er wußte auch nicht mehr, wo er sich befand, und überall schweiften indianische Banden durch die Savanne. Nach Wolken, Winden und Sternen, nach dem Vogelpflug und der Wetterseite der Bäume orientierte er sich trotzdem so weit, daß er tatsächlich zu seiner Siedlung zurückfand und am siebten Tag nach seiner Flucht, wie ein Gerippe anzusehen, in der offenen Tür seiner Blockhütte zusammenbrach.

Da war Sarah Shanks, die in finsterer Nacht in ihrer Blockhütte von einer ganzen Indianerhorde überfallen wurde und die ihre Töchter und kleinen Jungen mit dem Tomahawk in solcher Besessenheit verteidigt, daß sie mehr als zwölf Indianer tötete und den Rest zur Tür hinausdrängte. Da waren Hunderte von Farmerfrauen und von anderen Grenzern, aus deren Taten eine Chronik des Grenzerlebens zusammenwuchs, die einzigartig selbst in der abenteuerlichen Geschichte Amerikas ist!

Alle Gefahren vermochten die Grenzer nicht zu bewegen, ihre von Indianern umlauerten Blockhütten und Täler zu verlassen. Im Gegenteil, immer mehr Siedlungen wurden gegründet, und immer tiefer drang der weiße Mann in den Urwald hinein. Eine neue Kolonie von seßhaften Farmern war an der Grenze des Gebirges entstanden, die mit den anderen Kolonien fast nichts mehr gemeinsam hatte.

So sehr die Grenzer an ihrem Besitz hingen - die alte Lust am entdecken, am Vorstoß ins Unbekannte, war in den meisten von ihnen doch immer lebendig geblieben. Auf weitere Jagdstreifen zogen sie in das Innere des Gebirges hinein und gelangten in Gegenden, die noch keines Weißen Mannes Auge je gesehen hatte. Manchem von ihnen war es auch gelungen, sich mit den Indianern anzufreunden. So war Christopher Gist, der berühmte Pfadfinder und Jäger, als Gast und Freund seiner Roten Brüder bis zum Ohio vorgedrungen, und John Finley als Fahrender Händler bis zu den Jagdgründen der Schawanos im fernen Kentucky gekommen. Und was all diese Einzelgänger von den Gegenden jenseits der Appalachen zu erzählen wußten, das rief kopfschüttelndes und unglaubliches Staunen unter den Grenzern hervor. Hinter den kaum zugänglichen Höhen des Alleghaniegebirges sollten Länder liegen, reich wie ein Paradies: die großen Jagdgründe der Indianer, von denen man immer und immer wieder gehört hatte.

Die meisten wagten sich nicht zu jenem Land hinüber: sie hatten genug damit zu tun, ihr eigenes Land zu bebauen und zu verteidigen. Aber einer von ihnen packte bei den Erzählungen John Finleys die Entdeckerlust mit aller Gewalt! Es war einer der berühmtesten Grenzer, bis zu den großen Seen hinauf wegen seiner Schießkunst bekannt, an dessen Herd John Finley eines Abends saß und beim zuckenden Schein des Herdfeuers von den märchenhaft großen Jagdgründen berichtete. Er, Finley, wußte den Weg durch das Gebirge, und wenn nur einer den Mut hätte, sich ihm anzuschließen, dann wollte er ihm ein Paradies von solcher Fruchtbarkeit und von solchem Wildreichtum zeigen, wie es noch nie zuvor erblickt worden war. Die Hausfrau und die Kinder drängten sich atemlos um den roh gezimmerten Tisch des Blockhauses, während dieser Erzählung; der Hausherr saß schweigend auf seinem Bärenfellen bedeckten Lager und reinigte seine berühmte lange Büchse. Freunde kamen hinzu und hörten Finleys Berichte mit an. Und an diesem Abend faßte der Mann mit der langen Büchse einen Entschluß: zusammen mit drei Begleitern wollte er in den letzten Apriltagen zusammen mit Finley über das Gebirge aufbrechen. Es war ein Entschluß von einer gar nicht zu ermessenden Bedeutung - für das Leben dieses Mannes wie für das Leben aller Grenzer, ja für die Geschichte der gesamten amerikanischen Nation. Denn der Mann, der ihn faßte, war Daniel Boone, der zukünftige Entdecker und Eroberer des Fernen Westens.

Quelle:So wurde Nord-Amerika 1948 Felguth -Verlag von Franz Born by Jadu-Berlin 2000

 

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