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Das Werden eines Indianerkriegers

Von

Häuptling Büffelkind Langspeer

 

Erste Erinnerungen

Das erste Ereignis in meinem Leben, an das ich mich erinnere, fällt in das aufregende Nachspiel eines Indianerkampfes im nördlichen Montana. Meine Mutter lief hin und her und weinte, ich hing in meinem moosgefütterten Tragsack auf ihren Rücken. Ich erinnere mich an das Bild, als hätte ich es gestern gesehen - und war doch damals kaum ein Jahr alt. Frauen und Pferde überall, zwei Frauen werden deutlich: meine Mutter und meine Tante. Meiner Mutter blutete die Hand. Sie weinte. Sie reichte mich der Tante hin; sprang auf ein Pferd und ritt davon. Mein Säuglingsverstand sagte mir, daß etwas Erschütterndes vor sich gehe, und obwohl Indianerkinder selten weinen, weinte ich der Mutter nach, als sie so davonlief und mich verließ. Mir war, als sollte ich sie nie wiedersehen. Dies Bild hinterließ solch einen aufregenden Eindruck, daß es während all der Jahre meines Heranwachsens immer von neuem in mir auftauchte. Ich grübelte oft, was es wohl sein möchte und wann ich solch ein seltsames Schauspiel gesehen haben könnte - oder ob ich es überhaupt je gesehen hätte, ob es nicht nur ein Traumbild wäre.

Eines Tages, nachdem ich schon ins Knabenalter gewachsen war, befragte ich meine Tante darüber. Ich beschrieb ihr den Vorgang und gab genau an, wo sie und wo das Pferd gestanden hatte. Ich gab ihr ein Wortbild des ganzen Vorganges, wie es sich so unauslöschlich meiner Erinnerung eingeprägt hatte. Während ich sprach, bemerkte ich, daß die Züge meiner Tante allmählich einen Ausdruck des Erstaunens annahmen. Als ich fertig erzählt hatte, schaute sie mich ganz verwundert an und rief:
"Kannst du dich daran erinnern? Du warst damals nur vierzehn Monate alt. Es geschah, als dein Onkel Eisenmantel in einem Kampf mit den Krähen umkam; deine Mutter hatte sich nach der alten Sitte zum Zeichen der Trauer einen Finger abgehackt."

Nach diesem ungewöhnlich frühen Erwachen meines Bewußtseins fiel ich wieder in den dunklen Schlaf des Säuglingsalters; bis zu meinem vierten Jahre erinnere ich mich an nichts mehr. Da erwachte ich eines Tages mitten in der Luft. Ich fiel nämlich gerade von einem Pferde herab. Daß ich auf dem Rücken des Pferdes gesessen hatte, davon weiß ich nichts; aber ich erinnere mich, wie ich durch die Luft stürzte, auf die Erde aufschlug und dort auf dem Rücken lag und in Verwunderung nach dem scheckigen Bauche des schwarz und weißen Pferdes hinaufschaute, das über mir stand. Dann griffen mich die starken Arme meines Bruders und hoben mich wieder auf das Pferd; dabei zischte er mir ins Ohr: "So! Nun bleibst du aber da! Du bist vier Jahre alt; wenn du jetzt noch nicht auf einem Pferd reiten kannst, ziehen wir dir Mädchenkleider an und lassen dich eine Frau werden."

Seit diesem Vorfalle erinnere ich mich deutlich an alles. Ich weiß noch, wie wir über die Prärie zogen, von einem Lager zum andern. Wenn ich heute die Augen schließe und die Erinnerung zurückfluten lassen in jenes frühe Wanderleben - ein Leben, das auf immer aus Nordamerika verschwunden ist - , so erscheint mir als allererstes eine Farbe, ein ruhiges, tiefbläuliches Grau. Das war die Farbe meiner frühen Welt. Alles, was ich sah, war überzogen von diesem ungreifbaren graublauen Ton. Er bedeutete: die Gefahr, das Geheimnisvolle, die Ferne. Wir hatten noch nicht vollen Frieden geschlossen mit unseren alten Feinden, den Krähen, den Assiniboine, den Sioux, den Krie; und an den Lagerfeuern wurde von einer neuen Bedrohung geflüstert, die vielleicht unser Schicksal werden sollte - dem Weißen Manne. Gefahr umlauerte uns auf allen Seiten, sogar in den Tieren, bei denen wir unsere Nahrung suchten.

Alles war von Geheimnissen durchflutet. Außer den natürlichen Rätseln, die zur frühen Jugend gehören, hatten wir noch in den dunklen Rätseln des indianischen Kults und Glaubens zu tasten. Unsere Väter selbst standen vor einem großen Rätsel, das sie nicht zu lösen vermochten, - wie das Kommen des Weißen Mannes unsere Zukunft gestalten sollte.
Dann war noch jenes großes Geheimnis der Ferne, das uns Knaben beständig lockte. Über die flache Wölbung unserer Ebenen sahen wir, soweit das menschliche Auge reichte, - und dachten dennoch immer, was wohl jenseits läge. Wir hörten, daß es "große Wasser" gäbe, größer sogar als unsere Prärien; daß Tausende von weißen Menschen in einer anderen Welt jenseits dieser großen Wasser lebten, wo gar keine Indianer wären; daß sie in "großen Häusern", die wie Fische das Wasser durchschwammen, umherreisten. Sie besäßen auch ein "langes Haus", das Feuer und Rauch ausspie und über die Erde dahinlief, schneller als ein Büffel zu laufen vermag. Solche Dinge erfuhren wir als Legenden von anderen Stämmen. Sie erzählten uns sogar von "schwarzen weißen Männern", die unter der Sonne lebten, dort wo sie sich ausruht, wenn sie unter den Sehkreis steigt, und wo die Menschen "verbrannt" würden, bis sie schwarz wären.

Unter all diesen Rätseln führten wir ein Leben voll von Ungewißheiten, immer auf dem Zuge, von einem Lager zum anderen umherwandernd. Es kam vor, daß wir im Tipi Feuer machten und uns dann mit den Decken ins Freie, auf die offene Prärie, legten, damit wir nicht etwa im Schlafe umgebracht würden. Und gehungert haben wir auch manchmal. Wir konnten wenig für den Winter beiseitelegen, weil der Büffel immer seltener wurde und wir beständig weiterzogen. Es ist schlimm zu hungern. Ich erinnere mich, einmal so hungrig gewesen zu sein, daß wir Knaben uns zusammentaten, in die Tipis unserer Mütter schlichen und die wildledernen Beutel, in denen sonst das Fleisch getragen wurde, nahmen, sie am Feuer rösteten und aßen. Das war im "Jahr des großen Schnees", als wir alle dem Hungertode nahekamen. Unsere Väter streiften über die Prärie und suchten Büffelköpfe, die bei den Herbstjagden liegengeblieben und nun hart gefroren waren; mit ihren Beilen hackten sie die Haut von dem oberen Teil dieser Köpfe und kochten sie zum Essen. Endlich stießen wir auf eine Herde Bergschafe, die der tiefe Schnee herab in die Vorberge getrieben hatte; wir töteten die ganze Herde und verzehrten sie an Ort und Stelle. Wir aßen so viel, daß wir wie betrunken im Lager umhertaumelten.

Im Winter zogen wir wenig von Ort zu Ort, der Schnee lag zu tief. Wir suchten uns einen guten Windschutz in der Talsohle einer tiefen Präriewelle, bauten unser Lager und überdeckten die Büffelhaut-Tipis mit Baumrinde, um sie vor dem Blick von Umherstreichern und Feinden zu verbergen. Dort blieben wir, solange der Schnee wehte. Während der langen finsteren Winterabende sangen wir am Lagerfeuer im großen Versammlungszelt; das half uns die schwere Zeit ertragen. Immer, ob Winter oder Sommer, beobachteten wir genau das Verhalten von Tieren und Vögeln. Wenn die Antilope und der Büffel ruhig grasten, wußten wir, daß alles gut war. Aber wenn die Vögel oder die Tiere in ihren Bewegungen oder ihren Rufen Erregung zeigten, so wußten wir, daß irgend etwas Fremdes umherstrich; wir schickten dann Kundschafter aus, um das Lager zu decken. Die Indianer griffen immer kurz vor Tag an, wenn der Geist weitab ist und sich nur langsam zu sammeln vermag. Darum brachen jeden Morgen vor der Dämmerung zwei unserer Späher unten den Schutz der Dunkelheit vom Lager auf, bestiegen die höchste Erhebung der Umgegend und lagen dort bis Tagesanbruch. Sie überblickten sorgfältig das ganze Gebiet, um zu sehen, ob irgendein Feind auf unserem Pfad läge oder einen Überfall vorbereitet.

Während der langen Winter in den hohen nördlichen Breiten, wo die Tage nur wenig kurze Stunden dauerten, verwendeten unsere Mütter einen großen Teil jedes Tages dazu, uns Kinder in Sitte und Brauch des Indianers zu unterrichten. Wie der weiße Knabe erhielten auch wir unsere Schulung hauptsächlich im Winter. Die Mütter belehrten uns täglich etwa zwei Stunden lang im richtigen Gebrauch der Stammessprache. Dies - ein fehlerloses und gewandtes Beherrschen der Sprache - ist ungemein wichtig für den Indianer, denn seine gesellschaftliche Stellung in späteren Jahren hängt davon ab. Ein Indianer, der ins Mannesalter wächst, ohne seine Sprache mit peinlicher Genauigkeit gelernt zu haben, erniedrigt sich selbst zu einem Rechtlosen im Stamme; nie darf er öffentlich reden, denn seine Sprachfehler könnten an andere - besonders an Kinder - weitergegeben werden und so die Stammessprache verderben. Darum, weil wir weder Bücher noch eine geschriebene Sprache besaßen, mußten unsere Mütter uns stundenlang die alten Formen und Regeln unserer Stammessprache einlernen; und das war gar nicht leicht - es gab neun Abwandlungen der Zeitwörter, vier Geschlechter und achtzig verschiedene Formen.

Die Väter überwachten unsere körperliche Ausbildung, die sehr streng war. Den Hauptzweck suchten sie darin, uns abzuhärten, uns stark und mutig zu machen und uns die Fähigkeit zu geben, jeden Schmerz zu ertragen. Der einzige Beruf des Indianers war der des Kriegers und Jägers. Darum galt, abgesehen von dem Unterricht in Sprache und Sitte, unsere ganze Ausbildung nur dem einen Ziel, uns tapfer und unempfindlich, zu guten und furchtlosen Kriegern zu machen. Um unsere Körper zu stählen, peitschten in jeder Familie die Väter ihre Knaben, sobald sie morgens aufwachten. Nachdem sie uns gehörig geschlagen hatten, gaben sie uns die Fichtenzweige und hießen uns an den Fluß gehen und im kalten Wasser schwimmen. Im Winter badeten wir im Schnee. Bei jedem Regen mußten wir uns ausziehen und zu einem Regenbad hinauslaufen. All dies galt der Abhärtung unseres Körpers.

Fern lag es uns, an solcher Behandlung Mißfallen zu finden - im Gegenteil, wir Buben zeigten die Striemen auf unserer Haut mit dem größten Stolz. Manchmal baten wir sogar um mehr Schläge. Wenn wir im Winterlager lebten, ersuchten wir unsere Väter, einen Prügelbarren für uns im großen Versammlungszelt zu errichten. Zwei Pfosten wurden in die Erde gelassen; über ihnen wurde ein Barren befestigt, ungefähr in der Höhe, die ein mittelgroßer Knabe zu erreichen vermochte. Dann, an besonders kalten Tagen, wenn wir unsere Spiele und Wettkämpfe im Freien nicht abhielten, kamen wir alle zusammen und baten unsere Väter um "die Peitschung der Tapferen."

Während ringsum die Leute des Stammes zusahen, entblößten wir einer nach dem anderen den Rücken, traten heran an den Barren und ergriffen ihn. Dann begann der "Peitscher", den unsere Väter dazu ausgesucht hatten, uns mit einem Bündel fester Fichtenzweige schwer zu schlagen. Man hielt das aus, solange es irgend ging, dann ließ man den Barren los; das war das Zeichen, daß man genug hatte, und der Peitscher hörte auf. Die besonders Tapferen unter uns hielten manchmal stand, bis der Peitscher seine Gerten gänzlich abgenutzt hatte. Er hörte dann von selbst auf und überreichte uns den Stummel, den wir aufbewahrten und mit großem Stolz zur Schau trugen, solange wir zu den Knaben gehörten.

Ich erinnere mich sehr deutlich an meine erste Bekanntschaft mit dem eisigen Morgenbad. Ich mag etwa fünf Jahre alt gewesen sein, da kam an einem kalten Morgen mein großer Bruder herüber an mein Schlafnest, zog mich aus dem Bettzeug und lief mit mir unter dem Arm hinunter an den Fluß. Ich strampelte, schrie und wand mich, um loszukommen. Es war sehr kalt, ich hatte keine Ahnung, was er mit mir vorhatte. Darüber sollte ich nicht lange im ungewissen bleiben. Wir erreichten das Flußufer, er schlug mit dem Fuße ein Loch in das dünne Eis und warf mich hinein - der Schreck nahm mir fast den Atem. Als er dann hinabgriff und mich herauszog, kämpfte ich heftig gegen ihn; aber er packte mich einfach unter den Arm und trug mich zurück ins Lager, als sei gar nichts geschehen.
Im warmen Tipi kam ich bald wieder zu Atem, und ich fragte ihn, warum er das getan hatte; er antwortete, der Vater habe es ihm befohlen. Ich ging zu meinem Vater und fragte, warum er dem Bruder befohlen hatte, mir das anzutun. Der antwortete:
"Du wirst das von jetzt an jeden Morgen selbst tun müssen, außer du willst ein Mädchen sein - dann ziehen wir dir Mädchenkleider an." Ich beteuerte, daß ich kein Mädchen sein wollte und er sprach:"Nun gut, dann werden wir einen Krieger aus dir machen."

Das beglückte mich, ich widerstrebte also nicht mehr. Bald lernte ich, mich an dem Morgenbad zu freuen, und auch heute noch bade ich gern kalt. Als ich damals meinen Vater verließ, sagte er :"Höre:Wenn du mit deinem Bruder quitt werden willst für das, was er dir heute früh angetan hat, so gehe morgen vor Sonnenaufgang in sein Tipi - ich wecke dich schon. Du wirst ihn finden, wie er auf dem Rücken liegt und schläft. Ziehe die Decke fort, und du wirst seine große nackte Brust darunter sehen. Geh hinaus, hole ein tüchtiges Stück Eis und lege es ihm auf die Brust. Dann bist du quitt mit ihm." Ich tat, wie mein Vater mir gesagt hatte; mein Bruder erwachte mit einem Schrei, der das ganze Lager aufschreckte. Er ergriff mich, ehe ich aus dem Tipi entwischen konnte, und gab mir eine Tracht Prügel, die ich nie vergessen habe. Als ich meinem Vater erzählte, was geschehen war, lachte er laut, klopfte mir auf den Kopf und sagte: "Das ist gut, mein Sohn, nun weißt du, wie es tut, frühmorgens geprügelt zu werden; von jetzt an wirst du jeden Morgen geprügelt. Du wirst kein kleines Mädchen sein, das weint; du willst doch ein Krieger werden." Und so schien es auch.

Als ich etwa sechs Jahre alt war, begann ich, an den rauheren Spielen meines älteren Bruders und der anderen Buben Freude zu finden. Ich erinnere mich an ein wunderliches Spiel, das wir an kalten, stürmischen Nachmittagen trieben, wenn wir das Tipi nicht verlassen konnten. Wir brannten einer dem anderem um die Wette, wer am längsten aushielte. Wir holten trockene Kiefernadeln und setzten uns im Kreis um das Tipi-Feuer. Dann entzündeten wir die Kiefernadeln und legten sie uns auf den Handrücken, um zu sehen, wer es aushielt, sie bis zu Asche verbrennen zu lassen. Waren uns die Hände schon zu sehr verbrannt, so zogen wir manchmal das hirschlederne Hemd herauf, ließen uns von den anderen die Kiefernadeln auf den nackten Rücken legen und ertrugen auf diese Weise die Feuerprobe weiter. Falls einer dabei war, der den Schmerz nicht aushielt, so wurde er von den anderen verhöhnt.
Zuzeiten nahmen wir die scharfen Knochennadeln, mit denen unsere Mütter die Häute zusammennähten, und ritzten einander die Beine, bis es blutete. Danach wuschen wir uns mit frischem Wasser. Die Väter sagten, das würde das schlechte Blut herauslassen und uns vor Krankheit schützen; es würde uns auch bei den anstrengenden Spielen in den Sommermonaten Ausdauer geben.

Unsere sittliche Erziehung lag ganz in den Händen der Mütter. Sie erzählten uns von dem Großen Geist, und sie sagten, wenn wir älter wären, würde der Große Geist einen guten Geist aus der Geisterwelt zu uns schicken, der unser Führer und Beschützer werden solle. Diese würde uns unsere "Medizin" - unsere Zauberkraft - geben, unser Zauberlied und unser Sterbelied; das erstere sollten wir in jeder Gefahr oder Bedrängnis singen, das andere, wenn wir zum Sterben kämen. Wir besaßen keine Bibel, wie sie die weißen Knaben haben; also gaben uns die Mütter durch Sagen Unterweisung im rechten Lebenswandel. Die Sagen erzählten, wie alle guten Dinge von Anfang an gut waren. Für alles besaßen wir eine Sage - von der Pflege unserer Füße bis zu der "großen Schande", der sich ein Lügner aussetzte. Manchen langen Winternachmittag saßen wir bei der Mutter, während sie aus Häuten Kleider anfertigte, und lauschten den zaubervollen Geschichten vom gutem Lebenswandel, die sie aus den dunklen Tiefen unsrer Stammesgeschichte mitteilte.

Manchmal wendeten sich die Sagen ins Heitere, wie zum Beispiel die, die uns lehrte, unsere Füße zu pflegen. Diese Sage erzählte: ein Indianerkrieger wurde einmal von vielen Feinden verfolgt; als er plötzlich bemerkte, das seine Geschwindigkeit nachließ. Während des Weiterlaufens bat er seine Füße, sich doch schneller zu bewegen. Die Füße sagten, er möge den Kopf bitten; da setzte sich der Krieger hin, um seinen Füßen zuzureden. Er sprach: "Ich werde getötet, wenn ihr mir nicht helft:" Die Füße jedoch antworteten: "Sprich mit dem Kopfe. Du ölst den Kopf nach jedem Mahl und pflegst ihn liebevoll. Uns aber ölst du nie, du kümmerst dich gar nicht um uns." ( Es war gebräuchlich, daß sich der Indianer nach jedem Mahl die fettigen Finger auf dem Kopfe abrieb.)
"Aber", entgegnete der Krieger seinen Füßen, "wenn ich umgebracht werde, wird mein Skalp den Feinden beim Kriegstanz viel Freude bereiten; sie werden um ihn einen Tanz aufführen und ihm Ehre erweisen. Euch Füße wird niemand beachten; man wird euch abhacken und im Lager umherwerfen; die Hunde werden sich um euch balgen". Bei diesen Worten begannen die Füße von selbst auszuschlagen. Sie schlugen so tüchtig, daß sie den Krieger mit großer Geschwindigkeit vorwärtstrugen und so seine Rettung bewirkten. Darum, so sagten unsere Mütter, ermahnen seitdem die alten Leute die jungen, ihre Füße gut zu pflegen - sie jeden Abend zu reiben und zu ölen, sie ans Feuer zu halten und geschmeidig zu machen, wenn sie müde sind.


Jeder Indianer hat sechs bis zehn Wolfhunde im Lager. Um uns anzuleiten, gut zu den Hunden zu sein, erzählten unsere Mütter die folgende Sage: Einmal verließ ein Krieger mit seiner Familie das Hauptlager des Stammes, um für längere Zeit auf die Jagd zu ziehen. In einem seiner Zelte befand sich eine Hündin mit einem Wurf junger Hunde. Es war eine häßliche, wollhaarige kleine Hündin. Eines Abends um die Dämmerung ging sie zum Trinken hinaus an einen nahen Flußarm. Sie kehrte zurück und ging zu ihren Jungen; aber anstatt sich hinzulegen und sie zu säugen, schob sie sie mit der Nase hin und her, schaute hinüber zu den Leuten und schob sie dann wieder. Plötzlich begann die Hündin zu reden. Sie sagte :"Ich liebe meine Kleinen, weil sie häßlich sind, und ich möchte nicht; daß ihnen etwas geschähe."
Das erschreckte den Indianer. Er sprach: "Da du nun zu reden vermagst, sag uns auch, was du meinst".

Die Hündin sprach: "Während ich am Flußarm trank, hat mich jemand in die Rippen gestoßen, und ich sah eine Anzahl feindlicher Indianer: Wenn du uns sagst; was du weißt, werden deine Jungen am Leben bleiben; wir selbst werden sie vor den Feinden retten"; sprach der Krieger. Die Hündin sagte ihm, wo die Feinde lagerten und daß sie sich in einem nahen Busch versteckt hielten. Der Krieger nahm die Hündin mit ihren Jungen und verbarg sie zusammen mit seiner ganze Familie in einem Dickicht; dann sprengte er auf seinem Pferd nach dem Hauptlager, um dort die Gefahr bekanntzugeben und Hilfe herbeizuholen. Sie kamen gerade wieder, als die Feinde die Zurückgebliebenen überfallen wollten. Gänzlich unerwartet fielen sie über den Gegner her und vernichteten den ganzen Trupp. Seit jener Zeit, sagten unsere Mütter, sind die Indianer gut zu den Hunden.

Wir besaßen eine Sage für alles, was gut war; je mehr wir Knaben uns bestrebten, den Sagen, die uns unsere Mütter erzählten, nachzuleben, um so höher wurden wir im ganzen Stamme geachtet. Wir gaben uns Mühe, jede Sage zu behalten und nach ihren Lehren zu leben. Unsere Mütter verbrachten einen großen Teil des Winters damit, die Kleidung für die ganze Familie herzustellen; die Väter zogen hinaus auf die Jagd und brachten Pelze heim. Jeden Abend liefen wir Buben unserem Vater entgegen, wenn er ins Lager kam, um zu sehen, was er an diesem Tage erlegt hatte. Und wir hofften dabei, er möge einen jungen Luchs oder Koyot gefangen haben, mit dem wir dann eine Weile spielen wollten, ehe wir ihn wieder laufen ließen. Vielerlei Felle brachte er: von Mochusratte, Otter, Hirsch, Koyot, Luchs, schwarzem und grauem Wolf. Unsere Mütter nahmen diese und vergruben sie über Nacht in der Asche, um das Haar zu entfernen. Dann rieben sie die Haut mit Büffelhirn oder faulem Holz als Vorbereitung für das Gerben. Nachdem alles Haar von der Haut entfernt und sie weich und trocken war, wurde sie mit einem glatten runden Knochen blank gerieben und mit einem weißen Kreidestein gebleicht.

Dann holte die Mutter ihre Farben herbei. Sie färbte Stachelschweinkiele und stickte sie zu schönen Verzierungen auf die Häute. Wir besaßen nur Naturfarben: Rot, Gelb, Schwarz, Weiß und Blau. Grün, Braun, Rosa oder Purpur sahen wir nie. Wir bereiteten unsere Farben aus dem Ocker der Gelberde, die wir hauptsächlich in den Vorbergen des Felsengebirges fanden; dort lagen die Eisenerze auf der Oberfläche, sie gaben uns Rot, Blau und Gelb. Weiß gewannen wir, indem wir "Präriestaub" kochten; Schwarz ergab sich, wenn wir ein Stück Holz auskochten, das mehrere Jahre in fließendem Wasser gelegen hatte. Brauchte der Vater Fettfarbe, um die Zauberverzierungen der Familie - heraldische Wappen - auf unser Tipi zu malen, so kochte er die Pulverfarben mit Knochenmark oder Büffelhirn. Als Faden benutzte die Mutter getrocknete Sehnen.

Unsere ganze rohlederne Kleidung war bunt geschmückt mit Hermelinschwänzen und gefärbten Stachelschweinkielen oder Anhängseln. Wenn wir uns gut benahmen und uns bestrebten, den Sitten und Legenden des Stammes nachzueifern, so durften wir auf dem Kopf ein Haarbüschel aus rot und gelb gefärbten Dachshaar tragen. Das galt als Auszeichnung für die Knaben, die noch nicht alt genug waren, um die Adlerfeder als Siegeszeichen zu tragen; die Adlerfeder erhielten nur die, die sich auf dem Kriegspfade hervorgetan hatten. Als Hosen trugen wir lange Schäfte aus weichem Rohleder, die das ganze Bein bedeckten, oben am Gürtel befestigt, aber sonst nicht miteinander verbunden waren. Statt eines "Hosenbodens" besaßen wir ein Schamtuch, das auf solche Weise durch den Gurt lief, daß es vorn und hinten herabhing. Dazu trugen wir noch ein rohledernes Hemd, mit farbigen Stachelschweinkielen und Anhängseln verziert.

Zündhölzer hatten wir in jenen Tagen nicht; wir machten Feuer, indem wir einen weißen Flintstein schlugen; oder wir füllten ein Stück Leder mit trockenem, faulem Holz oder Baumschwamm - Zunder - und rieben es dann an einer Bogensehne auf und ab, bis es heiß wurde und der Zunder sich entflammte. Wir hatten einen berufsmäßigen "Feuermann" im Stamme, einen, dessen Pflicht es war, das Feuer von einem Lagerplatz zum anderen mitzutragen und es an die Mitglieder des Stammes abzugeben, wenn diese Feuer machen wollten. Er trug das Feuer in einem hohlem Birkenstamm von etwa einem halben Meter Länge. Er nahm glühende Asche und stopfte sie zusammen mit viel Zunder in den hohlen Stamm. Das ganze schnallte er auf sein Pferd und trug es den Tag über mit, ohne sich weiter darum zu kümmern. Wir Buben sahen gern zu, wenn er seinen Stamm öffnete; es sah aus wie ein stilles, kleines glühendes Kaminfeuer. Er setzte sich inmitten des Lagerplatzes und verteilte die Glut an alle, die Feuer machen wollten.

Quelle: Das Werden eines Indianerkriegers von Häuptling Büffelkind Langspeer. Deutsche Jugendbücherei Nr. 372, Hermann Hillger Verl. Berlin und Leipzig. - Jadu 4/2000.

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Das Werden eines Kriegers
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