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Schwör bei dem Horn

Von

Häuptling Büffelkind Langspeer

 

Die größte Freude für uns Buben war es, wenn wir nach dem langen, kalten Zwang des Winters die ersten Anzeichen des Frühlings entdecken. Die Nordlichter schossen durch den Himmel, nachts riefen hoch über den Zeltspitzen die Wildgänse auf ihrem Flug in die Nordpolgewässer. Wir wußten, daß es nicht lange dauern würde, bis wir das Lager abbrechen und unsere endlose Wanderung über die sonnigen Prärien des Nordwesten wieder aufnehmen durften.
Bald würden wir wieder unsere Sommerspiele treiben und nackt bis auf Lendenschurz und Sandalen umherlaufen. Unsere Herzen quollen bei dem Gedanken an die Abenteuer, denen wir vielleicht entgegengingen. Es könnte einen Kampf mit den Krähen geben oder den Sioux oder den Krie. Wir Knaben würden mit Knaben von anderen umherstreifenden Indianerstämmen zusammentreffen und unsere Kraft und unser Geschick gegen ihre einsetzen. Es gab so viele Wettkämpfe und Spiele während der langen, faulen Sommertage, an denen wir wie die Antilope wild umherliefen.

Die letzte Nacht im Winterlager, die Nacht vor dem großen Auszug, hielten unsere Väter einen Kriegstanz, der die ganze Nacht dauerte. Niemand ging zu Bett außer uns Kindern. Bis gegen zehn Uhr durften wir aufbleiben und dem Tanze zusehen, aber unsere Eltern tanzten und feierten die ganze Nacht. Etwa um vier Uhr morgens weckten sie uns dann zum Ankleiden und Fertigmachen. Gleich nach dem Abendessen hörten wir, wie die Trommler ihre großen Kriegspauken stimmten und die Sänger ihre Stimmen versuchten. Unsere Väter bemalten sich den Körper mit schönen Farben, die Mütter flochten sich das Haar und legten die besten hirschledernen Kleider an, die mit vielen Kielen, Perlen und Hermelinschwänzen geschmückt waren
Wir Kinder wurden ebenfalls schön angezogen und durften uns an jenem Abend auch die Gesichter bemalen. Die Mütter schmierten Kriegsrot auf unsere Gesichter, dann mußten wir stillsitzen und den Vätern zusehen, damit wir so viel wie möglich vom Kriegstanz lernten. Dieser prunkvolle Tanz wurde aufgeführt, um dem Großen Geist zu danken, daß er uns den Winter überstehen ließ, und um unseren Mut gegen alle Nöte oder Kämpfe zu stählen, denen wir im Lauf der unruhigen Sommerzeit begegnen könnten.

War während des Winters jemand gestorben, so brachten seine Verwandten beim Kriegstanz mancherlei Opfer in Form von schönen Ledergewändern, Büffelmänteln, Decken und guten Schnitten von Fleisch; das warfen sie alles ins große Feuer, auf daß es "geistig" werde und den Geistern der Verstorbenen diene, von denen wir bestimmt glaubten, sie seien zugegen.
Buum,buum,buum,buum! Vier donnernde Schläge auf die große Kriegstrommel verkündeten den Beginn des Tanzes. Dann - bummbuum,buum,buum - nahmen die anderen Trommeln den regelmäßigen Gleichtakt des Kriegstanzes auf, und die Sänger begannen ihren unheimlichen, klagenden Gesang, der die ganze Nacht dauerte, "Hai-hai, hai-jeh, hai-jo-u, hai-joh." Unsere Väter kamen, nackt bis auf den Schamgurt, am ganzen Körper bemalt, in das vollgedrängte Zelt hereingetanzt. Sie stießen ein kurzes, rauhes Grunzen aus und stampften mit den Füßen - tump-tump, tump-tump. Langsam umkreisten sie so das hell flackernde Feuer in der Mitte des Zeltes.

Zuerst tanzen sie ruhig, mit Würde und Anmut in den Bewegungen. Dan, wenn das Singen und Trommeln lauter und wilder wird, steigern sie sich in eine leidenschaftliche Kriegswut. Sie schreien "ii-jh-huup, hi-hijah" und springen nach und nach immer höher, während sie die donnernden Tamtams umkreisen. Ein wilder, unheimlicher Glanz kommt in ihre Züge. Ihre Körper weben auf und nieder wie bei kämpfenden Hähnen; die Zähne glänzen im Schein des Feuers; aus den Augen leuchtet ein böses Lächeln von Vernichtung - sie schauen vorbei an den Köpfen der Zuschauer, weit in die ewigen Tiefen der Sagen und Mythen, die hinter dem furchtbaren Geist des Kriegstanz liegen.
Jener Geist ist dem Indianerblute eingeboren. Sogar wir Buben spürten ihn in unserem Blute peitsche, wenn die Väter mit den Schultern schnellten und sangen: "möge uns der Sieg leicht zufallen. Möge der Feind lang und tief schlafen."

Dann warfen sie große Holzklötze in die Luft und fingen sie mit den Speeren auf. Dabei riefen sie: "Mögen wir so mit unseren Feinden tun. Mögen wir wie Strauchwerk sie aufspießen!"
So tanzten unsere Väter die ganze Nacht hindurch den Tanz des Todes. Wir Kinder wurden zu Bett gebracht, doch der wilde, unheimliche Klang des Kriegsliedes durchwogte uns und peitschte uns auf zu solchen Abenteuern, wie sie die Väter erfahren hatten.
Lange vor Tagesanbruch hörten wir am nächsten Morgen den "Ausrufer des Lagers", wie er durch die Zeltgassen schritt und rief: "Euer Häuptling hat es befohlen. Auf! Auf! Auf!" Das war das Zeichen für den Abbruch des Lagers. Wir Buben sprangen sogleich auf und hinaus unter den kalten Sternenhimmel. Wir halfen der Mutter die Häute von dem Zelt abnehmen und in große runde Bündel zusammenrollen, die dann auf den Pferden verpackt wurden.
Wenn die ersten Streifen der Dämmerung am östlichen Himmel schimmerten, waren wir schon auf dem weg. Wir ließen die Vorberge und die Schneegipfel des Felsengebirges hinter uns im Westen und wendeten uns der großen offenen Weite zu, die wir so liebten - den hohen Wellenebenen der nordwestlichen Prärie.

Mein kleiner Bruder und ich saßen auf den Tragestangen hinter dem Pferde, auf dem unsere Mutter ritt. Diese Tragestangen - Travois - bestanden aus je zwei Zeltstangen unseres Lagers; sie kreuzten sich über den schultern des Pferdes und schleiften hinten auf der Erde nach. Eine kleine Hängematte aus Häuten verband die Stangen unterhalb des Pferdeschwanzes; darin ritten ich und mein Bruder zugleich mit mancherlei "Haushaltungsgegenständen", die unter und um uns verstaut waren. Es machte viel Spaß, einander auszulachen, wenn das Pferd plötzlich mit dem Schwanze schlug und wir dabei einen scharfen Hieb über das Gesicht erhielten. Manchmal hat uns das beinahe geblendet, dicke rote Striemen entstanden auf unsere Backen - aber geweint haben wir nie, noch uns bei der Mutter beklagt; wir hätten uns sonst in den Augen der anderen lächerlich gemacht.
Wir maßen in jenen Tagen Entfernungen nach "Nachtlagern". "Ein Nachtlager" bedeutet etwa fünfzig Kilometer, "zwei Nachtlager" hundert Kilometer. Am ersten Tage nach dem Abbruch des Winterlagers legten wir immer eine Entfernung von "zwei Nachtlagern" zurück, um nicht im tiefen Schnee der Vorberge lagern zu müssen.

Manchmal, wenn wir über die Prärie zogen,sahen wir einen anderen Stamm uns entgegenkommen. Sie rückten behutsam näher, dann hielten sie und machten uns ein Zeichen in der Zeichensprache. Mit den Fingerspitzen der rechten Hand rieben sie die obere Fläche des linken Handgelenkes, auf und ab, unter dem Daumen weg; dabei stand die Handfläche nach oben, und die Hand schlenkerte von rechts nach links und wieder zurück. Das Berühren des Handgelenkes bedeutete: "Indianer" (braune Haut); das Schütteln der Finger und der Hand bedeutete: "Welche Art?" Das Zeichen fragte uns , welcher Stamm wir wären. Unser Häuptling machte das Zeichen für "Schwarzfuß" und deutete dann nach dem Lande., wo wir lebten. Daran anschließend hielt er regelmäßig den rechten Arm empor mit der Hand offen und der Handfläche nach den Fremden gerichtet. Dies bedeutet:"Frieden" - ein uraltes Sinnbild -, er zeigte, daß er keine Waffe in der Kampfhand trug.

Darauf stiegen die beiden Häuptlinge ab und schritten einander auf halbe Entfernung zwischen beiden Stämmen entgegen. Sie schenkten sich gegenseitig Tabak, reichten einander die brennenden Pfeifen und kehrten zu den ihren zurück, worauf wir alle die Wanderung fortsetzten.
Während unserer Sommerwanderungen machten wir oft an bestimmten Stellen auf der Prärie halt, um eine Woche lang Sport zu treiben und uns so körperlich tüchtig zu erhalten. Unser Stamm tat das alle zwei oder drei Wochen, und wir Kinder genossen diese Erholungszeit noch mehr als unsere Eltern. Denn wir durften dann unsere Spiele treiben und unsere Scheinkriege durchführen.

Während die Erwachsenen Pferderennen abhielten, lange Dauerläufe machten, ihre Kräfte im Ringen, Gewichtheben und Gewichtwerfen maßen, trieben wir Buben uns frei auf der ganzen Prärie umher und trugen unsere kleinen Wettspiele und Kämpfe aus. Die Mütter kümmerten sich von morgens bis abends nicht um uns; wir durften gehen und kommen, wie es uns beliebte.
Wir verstanden die Kunst der Indianerkriegsführung fast so gut wie unsere Väter; den es war Sitte, das die berühmten Krieger beim Sonnentanz all ihre ruhmvollsten Kämpfe erzählten und auch vorführten. Wir Knaben hatten die meisten Kämpfe unseres Stammes in allen Einzelheiten auswendig gelernt.
Manchmal, wenn wir in der Nähe eines dankwürdigen Schlachtfeldes aus den Kämpfen mit den Krähen oder den Großbäuchen lagerten, zogen wir Burschen frühmorgens schon vom Lager los; wir nahmen einen großen Sack Pemmikan und unsere Pfeile und Bogen mit und suchten die Stelle auf, um zu "kämpfen". Wir teilten uns in zwei Stämme, stellten die alten Landzeichen fest, die wir aus den Erzählungen der Väter kannten, und bezogen dieselben Stellungen, aus denen die ursprüngliche Schlacht geschlagen worden war. Glücklich waren diejenigen Buben, die zu Häuptlinge oder Zaubermännern gewählt wurden.

Hatten die "Häuptlinge" ihre Krieger in die Stellung verteilt, so hielten sie abseits einen Kriegsrat, um den Gang des Kampfes noch einmal festzulegen. Dann zogen wir uns alle aus, wie die Väter taten, wenn sie in den Kampf gingen, und bemalten unsere Körper nach der Farbe der betreffenden Landschaft, damit uns der "Feind" nicht so leicht entdeckte. Auf ein gegebenes Zeichen begann der Kampf.
Wir besaßen kleine, von den Müttern gemachte Pfeile mit stumpfen, runden Kugeln auf den Spitzen. Sobald einen Knaben ein solcher Pfeil traf, war er "tot" und mußte auf der Stelle liegenbleiben. Unsere Mütter hatten uns auch schwarzes Pferdehaar in den Schopf gebunden, so daß man uns "skalpieren" konnte, wenn wir "getötet" wurden.

Bei diesen Kriegsspielen stürzten wir nicht wild aufeinander los, wie ich es unter weißen Knaben gesehen habe. Wir nahmen die Schlacht sehr ernst, verbargen uns, wo irgend möglich, und krochen heimlich aufeinander zu - wie eben der Indianer kämpft. Unsere Väter verlangten das von uns, damit wir gute Krieger würden, wenn wir erwachsen wären. Manchmal dauerte die Schlacht über eine Stunde. War dann der große Kampf vorüber, so wurde der mit den meisten erbeuteten Skalpen der "größte Krieger" des ganzen Knabenlagers; er behielt auch mehrere Tage lang diesen Rang.

Anschließend an unsere Schlachten hielten wir große Siegestänze, wie es die Väter taten; und die fünf Buben, die die meisten Skalpe erbeutet hatten, waren die Helden dieser Feste. Wir errichteten fünf besondere Sitzplätze für diese auserlesenen "Krieger", und die gewöhnlichen Mitkämpfer hatten sie zu bedienen und ihnen Speise zu bringen, während sie stumm ihrem Ehrentanze zusahen. Nachmittags, bei der Rückkehr ins Lager, ließen wir unsere fünf " größten Krieger" vorangehen, und die Männer legten ihnen die Hand auf die Schulter und sagten, sie würden eines Tages große Krieger wie ihre Väter werden; das nahmen wir Knaben immer sehr ernst. Beide Eltern, sowohl Vater wie Mutter, ermunterten uns, an den Kriegsspielen teilzunehmen, auf daß wir "ehrenhafte Männer" würden.
Zogen wir nicht auf einen solchen Kriegszug, dann hielten wir im Lager allerlei Kampf- und Wettspiele ab. Nie saßen wir nichtstuend umher; wir trieben immer irgendein Spiel.

Eines unserer beliebtesten Kampfspiele war das "Steinwerfen", mit dem wir erprobten, wer den stärksten Rücken und die kräftigsten Arme besäße. Wir nahmen einen ansehnlich großen Stein, ergriffen ihn mit beiden Händen, beugten uns vornüber und warfen ihn zwischen den Beinen nach rückwärts. Das trieben wir den ganzen Nachmittag lang und suchten, unsere Wurfzeichen weiter und weiter vorzurücken. Der mit dem weitesten Wurf gewann die "Arm - und - Rücken" - Meisterschaft. Aber das hieß noch nicht, daß er der Erste unter uns wurde; denn es galt noch die Beine zu erproben. Der Indianer mißt körperliche Tüchtigkeit nach Arm - und Beinkraft, nicht nach Ausdauer und guter Atmung - denn die besitzt jeder Indianer von Geburt an. Den Gegner mit dem Spieß oder Streitaxt niederzuschlagen, erforderte kraftvolle Arme; ihm nachzulaufen und auf ihn zu springen, verlangte ebenso starke Beine.

Darum unternahmen wir häufig Wettläufe, um unsere Schnelligkeit zu erproben. Wir Knaben liefen in unseren Wettläufen selten mehr als drei oder vier Kilometer; aber die Erwachsenen legten manchmal zweihundertfünfzig bis dreihundert Kilometer in einem einzigen Wettlauf zurück. Eine beliebte Laufstrecke der Nördlichen Schwarzfüße ging von Schwarzfuß-Kreuzweg, jetzt Gleichen in Alberta, nach Zauberhut und zurück. Das war eine Strecke von etwa dreihundertsechzig Kilometern. Sie liefen morgens ab und kamen am nächsten Tag zurück - ohne Halt, und alles zu Fuß.
Wir liefen unsere Wettläufe immer barfuß, um nicht die Mokassins abzunutzen, und auch um unsere Füße zu kräftigen und abzuhärten. Um den Kopf banden wir einen Lederstreifen, damit uns das lange Haar nicht ins Gesicht flog; und legten alle Kleidung bis auf den Lendenschurz ab. Die Hände hielten wir unten an den Hüften; es galt als unwürdig und als Zeichen von Schwäche, mit angezogenen Ellbogen die Hände vor der Brust hin und her pendeln zu lassen. Nach jedem Wettlauf sprangen wir in den kalten Fluß und badeten.

Das erste, was wir Buben taten, wenn zur Erholung halt gemacht wurde, war, unsere Pferde zu besteigen und auf der Prärie nach einem großen Okotoks - Stein - zu suchen. Wir warfen das Lasso über den großen Stein, den wir fanden, und ließen ihn von den Pferden ins Lager schleifen. Dann bezeichneten wir die Stelle, wo er lag, mit einem roten Holzstift und versuchten nun, wer ihn am weitesten tragen konnte. Jeder besaß seinen eignen Stift, der durch besondere Bemalung kenntlich gemacht war, den steckte er in die Erde an der Stelle, wo er den Stein fallen ließ. Darauf rollten vier oder fünf von uns den Stein wieder zurück an den roten Stift, und der nächste kam daran. Manchmal verbrachten wir ganze Tage damit, unser eignes Zeichen oder die der anderen zu übertreffen.
Unsre Eltern sahen streng darauf, daß wir übermäßiges Essen und körperliche Bequemlichkeiten mieden; ihre einzige Absicht mit uns schien, uns zäh und ausdauernd zu halten. Wir durften niemals nahe beim Feuer stehen, damit wir nicht zu warm und dadurch faul würden. Fettes Fleisch ließen uns die Eltern nie essen. Sie sagten, es würde unsere Magen weich machen.

Wir Knaben erhielten täglich von zwölf der ältesten Männer des Stammes Ermahnungen über die richtige Lebensführung. Weil sie selbst ein so hohes Alter erreicht hatten, nahm man an, daß sie besser zu leben verstanden als die anderen. Jeden Morgen vor Sonnenaufgang, während noch alles im Tipi schlief, stand der Reihe nach einer dieser alten Männer auf und ging durch das Lager; er verkündete mit lauter Stimme, wie man leben sollte, um alt zu werden, und was er sonst an guten Ratschlägen über Sitten, Tapferkeit und Angriffslust wußte. Seine Stimme weckte uns , und wir lagen und lauschten jedem Worte, das er sagte. Zu jener Zeit des Morgens, da wir eben aus dem Nachtschlaf erwacht waren, schienen seine Worte besonders tief einzudringen. Wir merkten uns jedes Wort das er sagte; den ganzen Tag hindurch fielen uns seine Ratschläge ein, und wir suchten sie zu befolgen.

Alle diese Männer waren große Krieger, die viele Skalpe genommen hatten; wir schenkten unseren alten Leuten im ganzen Stamme die größte Hochachtung. Um so alt zu werden, mußten sie mutige, starke und tüchtige Kämpfer gewesen sein, darum eiferten wir ihnen nach. Nie ließen wir ihnen etwas abgehen. Wenn so ein Alter seinen schweigsamen, ehrwürdigen Gang durch das Lager unterbrach, einen von uns Buben den Arm um die Schulter legte und ein kurzes Gebet an den Großen Geist zu unserem Wohlergehen sprach, so fühlten wir uns hoch geehrt. Wir blieben auch nach Schluß des Gebetes ehrfurchtsvoll und schweigend stehen, bis der Alte verschwunden war. Wir betrachteten unsere Alten fast als Halbgötter und liebten sie innig; sie waren alle unsere Väter.
Diese Achtung vor dem Alter wurde uns so tief eingeprägt, daß ich bis zum heutigen Tage nicht den Mut habe, einem älteren Menschen zu widersprechen. Mir sind alte Leute noch immer Halbgötter, die man stets ehren und denen man folgen muß.

Jeden Morgen bei Sonnenaufgang gab es einen Wettlauf aller Knaben und Jünglinge, wer zuerst auf wäre und zu dem Morgenbad in den Fluß spränge; die Lager befanden sich wegen der Wasserversorgung stets nahe bei einem Fluß. Derjenige, der am häufigsten als Erster auf war, wenn die Sonne eben über den östlichen Sehkreis lugte, galt als Vorbild für das ganze Lager.
Ein Bursch, der lieber den eignen Launen folgte oder der sein Bett zu sehr liebte, erniedrigte sich zum "Mittläufer". Nie durfte sein Name öffentlich ausgerufen werden. Er galt für gar nichts in der gesellschaftlichen Einteilung des Lagers.

Unser Stamm zerfiel in verschiedene "Lager", jedes mit seinem Unterhäuptling. Wenn ein Lager das andere einlud, den Abend beisammenzusitzen und zu rauchen, so stellte sich der Einladende in die Mitte des Hauptlagers und rief die Namen aller jener auf, die sich durch Befolgung des Stammesbräuche hervorgetan hatten; zum Schlusse sprach er dann eine allgemeine Einladung für "die Übrigen". Diese "Übrigen" setzten sich aus den Trägen zusammen. Für die geachteten Jünglinge wurde vorne Sitze gerichtet, die Trägen erhielten die Plätze bei der Tür. "Dort gehören sie hin", sagten unsere Alten. "Die Natur gibt jedem seinem Platz. Die trägen würden ja doch zu spät kommen; also geben wir ihnen die Plätze bei der Tür; wo sie die Achtbaren nicht stören, wenn sie hereinkommen." Diese Einteilung der Plätze hatte auch eine heitere Folgeerscheinung. Wenn nämlich der Häuptling die Pfeife ansteckte und sie im großen Kreise weiterreichte, erhielten die geachteten jungen Männer, die nahe beim Häuptling saßen, den süßen Rauch, während die, die überall gern zuletzt kamen, nur den stark beizenden Saft hatten.

An Regentagen, wenn wir nicht draußen spielen konnten, ermutigten uns die Eltern, Kriegstänze zu halten. Sie stellten für uns das allgemeine Versammlungszelt auf und lehrten uns all die gefeierten, alten Tänze unseres Stammes: Kriegstanz, Adler-Kriegstanz, Gespenstertanz, Zaubertanz, Häuptlingstanz, Pferde-Kriegstanz, "Ich-sah"- Tanz und Skalptanz.
Wir mochten den Adler-Kriegstanz lieber als die anderen, weil er mit einem Wettkampf endete. Wenn wir diesen Tanz abhalten wollten, mußten wir auf den steilen Hügeln längs des Flußufers ein Adlernest suchen, dann einen kleinen Baum abhacken und beide auf unseren Pferden in das Lager bringen. Wir schälten dem Baume die Rinde ab, bemalten ihn rot und entfernten alle Äste bis auf einige am Wipfel. In diesen oberen Äste banden wir das Adlernest und ließen es an einer Schnur herunterhängen. Dann pflanzten wir den Baum in der Mitte des Zeltes auf und zogen um ihn herum mit Zweigen ein Viereck.

Nun gruben wir innerhalb dieses Vierecks ein Loch, dahinein stieg der Knabe, der den Tanz gab, mit seinem Tam-Tam. Wenn der Tanz beginnen sollte, schlug er auf sein Tam-Tam und sang dazu. Eine Weile sang er langsam; wenn das Lied schneller wurde, kamen wir alle in das Zelt getanzt, unsere Bogen und Pfeile über dem Kopfe haltend.

Wir tanzten rund um den Baum, bis der Knabe in der Grube plötzlich das Singen abbrach; dann hoben wir alle die Bogen und begannen nach der Schur zu schießen, an der das Adlernest vom Wipfel des Baumes herabhing. Wenn das Adlernest zur Erde fiel, sprangen wir alle mit Kriegsgeschrei darauf zu; die ersten drei Knaben, die es berührten, durften dafür eine Feder im Haare tragen. Dies galt für uns wie die "erste", "zweite" und "dritte" Ehrenauszeichnung, die sich unsere Väter errangen, wenn sie im Kampfe einen Feind getötet hatten. - sobald nämlich einer gefallen war, stürzten alle Krieger auf ihn zu, um die ersten zu sein, die ihn berührten. Wir liebten diesen Tanz, weil er sonst keinen Tanz oder kein Spiel gab, bei dem man eine Adlerfeder-Auszeichnung, wie sie unsere Väter trugen, gewinnen konnten.

Bei unseren Spielen, in allem was wir Knaben auch trieben, ging es vor allem "ehrenhaft" zu. Keiner bezweifelte je des anderen Wurfzeichen, des anderen Bestzeit, des anderen Wort. Unsere Eltern lehrten uns, daß Lügen die "größte Schande" sei; sie nannten es "das Kampfschild, hinter dem der Feigling seine Schande verbirgt". Wir glaubten ihnen, und es gab sehr selten Gelegenheit, vor den Spielgefährten die Wahrhaftigkeit eines Ausspruches zu betonen.
Geschah es jedoch, daß einer einen Zweifel äußerte, so "schwuren wir beim Horn", und damit war jeder Widerspruch erledigt. Keiner hätte je bei dem Horn falsch geschworen. Es war derselbe Eid, den unsere Väter ablegten: er besagte, daß wir bereit wären, vor der berühmten Horn- Gesellschaft der Schwarzfuß-Indianer die Wahrheit des Gesagten zu beschwören.

Während meiner ganzen Knabenzeit erinnere ich mich nur eines einzigen Falles, in dem man einen Ausspruch genügend anzweifelte, um den betreffenden Knaben zu ersuchen, "vor dem Horn zu schwören". Irgend jemand hatte einen von zwei zahmen Koyoten, die sich mit unseren Hunden angefreundet hatten und die Lieblinge des ganzen Lagers geworden waren, totgeschlagen. Ein Spielkamerad, ein Knabe namens Sternwolf, wurde beschuldigt, den Koyoten getötet zu haben. Er sagte, er sei unschuldig, und der Vater hieß ihn "vor dem Horne schwören".

Die Horn - Gesellschaft besteht aus fünfundzwanzig der bedeutendsten und geachtetsten Krieger im Stamme. Die Männer gehören bis zu ihrem Tode dazu; kein neues Mitglied kann aufgenommen werden, bis eines gestorben ist. Es heißt, daß diese Gesellschaft starke Ähnlichkeit mit den Freimaurern der Weißen aufweise. Da sich die lebenslängliche Zugehörigkeit auf fünfundzwanzig ehrenhafte Männer beschränkt, so bleiben ihre Geheimnisse besser behütet als die irgendeiner anderen Gesellschaft der Indianer.

Bei jener Gelegenheit, als der junge Sternwolf vor dem Horn schwören sollte, wurden wir Knaben alle dazugelassen, um das Ereignis zu sehen. Die fünfundzwanzig "Hörner" saßen im Kreis, mit ihren feierlichen Schmucke bekleidet und von bewaffneten Kriegern beschützt.
Sternwolf wurde in die Mitte des Zelts geführt und stand dort, während das "große Haupt der Hörner" langsam die heiligen Zauberpfeife mit Tabak füllte und dann ein wenig Heu obendrauf legte. Beim Stopfen der Pfeife redete er geheimnisvoll, indem er von Zeit zu Zeit Sternwolf warnte, "daß er nun vor dem Horn schwören werde und dabei tief in seinem Herzen die Wahrheit erforschen müsse; denn wenn er mit krummer Zunge spräche, würde sein Tod erfolgen".

Nachdem er die Pfeife gestopft hatte, steckte er sie viermal in Brand; jedesmal schaute er durch die Flammen des brennenden Spanes auf Sternwolf und murmelte dabei ein Wort, das wir nicht verstanden. Dann schwenkte er die Zauberpfeife nach den vier Richtungen der erde, stand auf und trat hinüber zu Sternwolf. Er hielt ihm die Pfeife hin und sprach gesetzt und streng:
"Bruder, rauche, wenn du die Wahrheit sagst. Wenn du lügst, dann rauche nicht!"
Sternwolf "nahm" die Pfeife; danach bezweifelte niemand mehr sein Ausspruch.
Es heißt, wenn jemand vor dem Horne lügt, so stirb er innerhalb eines halben Jahres. Und es wird behauptet - und zwar auf Grund von wirklichen Geschehen -, daß Todesfälle aus diesem Anlaß vorgekommen seien.

Quelle: Das Werden eines Indianerkriegers von Häuptling Büffelkind Langspeer, deutsche Jugendbücherei Nr. 372, Jadu 2000.


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