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Von
Häuptling Büffelkind Langspeer
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Die größte Freude
für uns Buben war es, wenn wir nach dem langen, kalten Zwang des
Winters die ersten Anzeichen des Frühlings entdecken. Die Nordlichter
schossen durch den Himmel, nachts riefen hoch über den Zeltspitzen
die Wildgänse auf ihrem Flug in die Nordpolgewässer. Wir wußten,
daß es nicht lange dauern würde, bis wir das Lager abbrechen
und unsere endlose Wanderung über die sonnigen Prärien des
Nordwesten wieder aufnehmen durften. Die letzte Nacht im Winterlager,
die Nacht vor dem großen Auszug, hielten unsere Väter einen
Kriegstanz, der die ganze Nacht dauerte. Niemand ging zu Bett außer
uns Kindern. Bis gegen zehn Uhr durften wir aufbleiben und dem Tanze
zusehen, aber unsere Eltern tanzten und feierten die ganze Nacht. Etwa
um vier Uhr morgens weckten sie uns dann zum Ankleiden und Fertigmachen.
Gleich nach dem Abendessen hörten wir, wie die Trommler ihre großen
Kriegspauken stimmten und die Sänger ihre Stimmen versuchten. Unsere
Väter bemalten sich den Körper mit schönen Farben, die
Mütter flochten sich das Haar und legten die besten hirschledernen
Kleider an, die mit vielen Kielen, Perlen und Hermelinschwänzen
geschmückt waren War während des Winters
jemand gestorben, so brachten seine Verwandten beim Kriegstanz mancherlei
Opfer in Form von schönen Ledergewändern, Büffelmänteln,
Decken und guten Schnitten von Fleisch; das warfen sie alles ins große
Feuer, auf daß es "geistig" werde und den Geistern der
Verstorbenen diene, von denen wir bestimmt glaubten, sie seien zugegen. Zuerst tanzen sie ruhig, mit
Würde und Anmut in den Bewegungen. Dan, wenn das Singen und Trommeln
lauter und wilder wird, steigern sie sich in eine leidenschaftliche
Kriegswut. Sie schreien "ii-jh-huup, hi-hijah" und springen
nach und nach immer höher, während sie die donnernden Tamtams
umkreisen. Ein wilder, unheimlicher Glanz kommt in ihre Züge. Ihre
Körper weben auf und nieder wie bei kämpfenden Hähnen;
die Zähne glänzen im Schein des Feuers; aus den Augen leuchtet
ein böses Lächeln von Vernichtung - sie schauen vorbei an
den Köpfen der Zuschauer, weit in die ewigen Tiefen der Sagen und
Mythen, die hinter dem furchtbaren Geist des Kriegstanz liegen. Dann warfen sie große
Holzklötze in die Luft und fingen sie mit den Speeren auf. Dabei
riefen sie: "Mögen wir so mit unseren Feinden tun. Mögen
wir wie Strauchwerk sie aufspießen!" Mein kleiner Bruder und ich
saßen auf den Tragestangen hinter dem Pferde, auf dem unsere Mutter
ritt. Diese Tragestangen - Travois - bestanden aus je zwei Zeltstangen
unseres Lagers; sie kreuzten sich über den schultern des Pferdes
und schleiften hinten auf der Erde nach. Eine kleine Hängematte
aus Häuten verband die Stangen unterhalb des Pferdeschwanzes; darin
ritten ich und mein Bruder zugleich mit mancherlei "Haushaltungsgegenständen",
die unter und um uns verstaut waren. Es machte viel Spaß, einander
auszulachen, wenn das Pferd plötzlich mit dem Schwanze schlug und
wir dabei einen scharfen Hieb über das Gesicht erhielten. Manchmal
hat uns das beinahe geblendet, dicke rote Striemen entstanden auf unsere
Backen - aber geweint haben wir nie, noch uns bei der Mutter beklagt;
wir hätten uns sonst in den Augen der anderen lächerlich gemacht. Manchmal, wenn wir über die Prärie zogen,sahen wir einen anderen Stamm uns entgegenkommen. Sie rückten behutsam näher, dann hielten sie und machten uns ein Zeichen in der Zeichensprache. Mit den Fingerspitzen der rechten Hand rieben sie die obere Fläche des linken Handgelenkes, auf und ab, unter dem Daumen weg; dabei stand die Handfläche nach oben, und die Hand schlenkerte von rechts nach links und wieder zurück. Das Berühren des Handgelenkes bedeutete: "Indianer" (braune Haut); das Schütteln der Finger und der Hand bedeutete: "Welche Art?" Das Zeichen fragte uns , welcher Stamm wir wären. Unser Häuptling machte das Zeichen für "Schwarzfuß" und deutete dann nach dem Lande., wo wir lebten. Daran anschließend hielt er regelmäßig den rechten Arm empor mit der Hand offen und der Handfläche nach den Fremden gerichtet. Dies bedeutet:"Frieden" - ein uraltes Sinnbild -, er zeigte, daß er keine Waffe in der Kampfhand trug. Darauf stiegen die beiden Häuptlinge
ab und schritten einander auf halbe Entfernung zwischen beiden Stämmen
entgegen. Sie schenkten sich gegenseitig Tabak, reichten einander die
brennenden Pfeifen und kehrten zu den ihren zurück, worauf wir
alle die Wanderung fortsetzten. Während die Erwachsenen
Pferderennen abhielten, lange Dauerläufe machten, ihre Kräfte
im Ringen, Gewichtheben und Gewichtwerfen maßen, trieben wir Buben
uns frei auf der ganzen Prärie umher und trugen unsere kleinen
Wettspiele und Kämpfe aus. Die Mütter kümmerten sich
von morgens bis abends nicht um uns; wir durften gehen und kommen, wie
es uns beliebte. Hatten die "Häuptlinge"
ihre Krieger in die Stellung verteilt, so hielten sie abseits einen
Kriegsrat, um den Gang des Kampfes noch einmal festzulegen. Dann zogen
wir uns alle aus, wie die Väter taten, wenn sie in den Kampf gingen,
und bemalten unsere Körper nach der Farbe der betreffenden Landschaft,
damit uns der "Feind" nicht so leicht entdeckte. Auf ein gegebenes
Zeichen begann der Kampf. Bei diesen Kriegsspielen stürzten wir nicht wild aufeinander los, wie ich es unter weißen Knaben gesehen habe. Wir nahmen die Schlacht sehr ernst, verbargen uns, wo irgend möglich, und krochen heimlich aufeinander zu - wie eben der Indianer kämpft. Unsere Väter verlangten das von uns, damit wir gute Krieger würden, wenn wir erwachsen wären. Manchmal dauerte die Schlacht über eine Stunde. War dann der große Kampf vorüber, so wurde der mit den meisten erbeuteten Skalpen der "größte Krieger" des ganzen Knabenlagers; er behielt auch mehrere Tage lang diesen Rang. Anschließend an unsere
Schlachten hielten wir große Siegestänze, wie es die Väter
taten; und die fünf Buben, die die meisten Skalpe erbeutet hatten,
waren die Helden dieser Feste. Wir errichteten fünf besondere Sitzplätze
für diese auserlesenen "Krieger", und die gewöhnlichen
Mitkämpfer hatten sie zu bedienen und ihnen Speise zu bringen,
während sie stumm ihrem Ehrentanze zusahen. Nachmittags, bei der
Rückkehr ins Lager, ließen wir unsere fünf " größten
Krieger" vorangehen, und die Männer legten ihnen die Hand
auf die Schulter und sagten, sie würden eines Tages große
Krieger wie ihre Väter werden; das nahmen wir Knaben immer sehr
ernst. Beide Eltern, sowohl Vater wie Mutter, ermunterten uns, an den
Kriegsspielen teilzunehmen, auf daß wir "ehrenhafte Männer"
würden. Eines unserer beliebtesten Kampfspiele war das "Steinwerfen", mit dem wir erprobten, wer den stärksten Rücken und die kräftigsten Arme besäße. Wir nahmen einen ansehnlich großen Stein, ergriffen ihn mit beiden Händen, beugten uns vornüber und warfen ihn zwischen den Beinen nach rückwärts. Das trieben wir den ganzen Nachmittag lang und suchten, unsere Wurfzeichen weiter und weiter vorzurücken. Der mit dem weitesten Wurf gewann die "Arm - und - Rücken" - Meisterschaft. Aber das hieß noch nicht, daß er der Erste unter uns wurde; denn es galt noch die Beine zu erproben. Der Indianer mißt körperliche Tüchtigkeit nach Arm - und Beinkraft, nicht nach Ausdauer und guter Atmung - denn die besitzt jeder Indianer von Geburt an. Den Gegner mit dem Spieß oder Streitaxt niederzuschlagen, erforderte kraftvolle Arme; ihm nachzulaufen und auf ihn zu springen, verlangte ebenso starke Beine. Darum unternahmen wir häufig
Wettläufe, um unsere Schnelligkeit zu erproben. Wir Knaben liefen
in unseren Wettläufen selten mehr als drei oder vier Kilometer;
aber die Erwachsenen legten manchmal zweihundertfünfzig bis dreihundert
Kilometer in einem einzigen Wettlauf zurück. Eine beliebte Laufstrecke
der Nördlichen Schwarzfüße ging von Schwarzfuß-Kreuzweg,
jetzt Gleichen in Alberta, nach Zauberhut und zurück. Das war eine
Strecke von etwa dreihundertsechzig Kilometern. Sie liefen morgens ab
und kamen am nächsten Tag zurück - ohne Halt, und alles zu
Fuß. Das erste, was wir Buben taten,
wenn zur Erholung halt gemacht wurde, war, unsere Pferde zu besteigen
und auf der Prärie nach einem großen Okotoks - Stein - zu
suchen. Wir warfen das Lasso über den großen Stein, den wir
fanden, und ließen ihn von den Pferden ins Lager schleifen. Dann
bezeichneten wir die Stelle, wo er lag, mit einem roten Holzstift und
versuchten nun, wer ihn am weitesten tragen konnte. Jeder besaß
seinen eignen Stift, der durch besondere Bemalung kenntlich gemacht
war, den steckte er in die Erde an der Stelle, wo er den Stein fallen
ließ. Darauf rollten vier oder fünf von uns den Stein wieder
zurück an den roten Stift, und der nächste kam daran. Manchmal
verbrachten wir ganze Tage damit, unser eignes Zeichen oder die der
anderen zu übertreffen. Wir Knaben erhielten täglich
von zwölf der ältesten Männer des Stammes Ermahnungen
über die richtige Lebensführung. Weil sie selbst ein so hohes
Alter erreicht hatten, nahm man an, daß sie besser zu leben verstanden
als die anderen. Jeden Morgen vor Sonnenaufgang, während noch alles
im Tipi schlief, stand der Reihe nach einer dieser alten Männer
auf und ging durch das Lager; er verkündete mit lauter Stimme,
wie man leben sollte, um alt zu werden, und was er sonst an guten Ratschlägen
über Sitten, Tapferkeit und Angriffslust wußte. Seine Stimme
weckte uns , und wir lagen und lauschten jedem Worte, das er sagte.
Zu jener Zeit des Morgens, da wir eben aus dem Nachtschlaf erwacht waren,
schienen seine Worte besonders tief einzudringen. Wir merkten uns jedes
Wort das er sagte; den ganzen Tag hindurch fielen uns seine Ratschläge
ein, und wir suchten sie zu befolgen. Jeden Morgen bei Sonnenaufgang
gab es einen Wettlauf aller Knaben und Jünglinge, wer zuerst auf
wäre und zu dem Morgenbad in den Fluß spränge; die Lager
befanden sich wegen der Wasserversorgung stets nahe bei einem Fluß.
Derjenige, der am häufigsten als Erster auf war, wenn die Sonne
eben über den östlichen Sehkreis lugte, galt als Vorbild für
das ganze Lager. Unser Stamm zerfiel in verschiedene "Lager", jedes mit seinem Unterhäuptling. Wenn ein Lager das andere einlud, den Abend beisammenzusitzen und zu rauchen, so stellte sich der Einladende in die Mitte des Hauptlagers und rief die Namen aller jener auf, die sich durch Befolgung des Stammesbräuche hervorgetan hatten; zum Schlusse sprach er dann eine allgemeine Einladung für "die Übrigen". Diese "Übrigen" setzten sich aus den Trägen zusammen. Für die geachteten Jünglinge wurde vorne Sitze gerichtet, die Trägen erhielten die Plätze bei der Tür. "Dort gehören sie hin", sagten unsere Alten. "Die Natur gibt jedem seinem Platz. Die trägen würden ja doch zu spät kommen; also geben wir ihnen die Plätze bei der Tür; wo sie die Achtbaren nicht stören, wenn sie hereinkommen." Diese Einteilung der Plätze hatte auch eine heitere Folgeerscheinung. Wenn nämlich der Häuptling die Pfeife ansteckte und sie im großen Kreise weiterreichte, erhielten die geachteten jungen Männer, die nahe beim Häuptling saßen, den süßen Rauch, während die, die überall gern zuletzt kamen, nur den stark beizenden Saft hatten. An Regentagen, wenn wir nicht
draußen spielen konnten, ermutigten uns die Eltern, Kriegstänze
zu halten. Sie stellten für uns das allgemeine Versammlungszelt
auf und lehrten uns all die gefeierten, alten Tänze unseres Stammes:
Kriegstanz, Adler-Kriegstanz, Gespenstertanz, Zaubertanz, Häuptlingstanz,
Pferde-Kriegstanz, "Ich-sah"- Tanz und Skalptanz. Nun gruben wir innerhalb dieses Vierecks ein Loch, dahinein stieg der Knabe, der den Tanz gab, mit seinem Tam-Tam. Wenn der Tanz beginnen sollte, schlug er auf sein Tam-Tam und sang dazu. Eine Weile sang er langsam; wenn das Lied schneller wurde, kamen wir alle in das Zelt getanzt, unsere Bogen und Pfeile über dem Kopfe haltend. Wir tanzten rund um den Baum, bis der Knabe in der Grube plötzlich das Singen abbrach; dann hoben wir alle die Bogen und begannen nach der Schur zu schießen, an der das Adlernest vom Wipfel des Baumes herabhing. Wenn das Adlernest zur Erde fiel, sprangen wir alle mit Kriegsgeschrei darauf zu; die ersten drei Knaben, die es berührten, durften dafür eine Feder im Haare tragen. Dies galt für uns wie die "erste", "zweite" und "dritte" Ehrenauszeichnung, die sich unsere Väter errangen, wenn sie im Kampfe einen Feind getötet hatten. - sobald nämlich einer gefallen war, stürzten alle Krieger auf ihn zu, um die ersten zu sein, die ihn berührten. Wir liebten diesen Tanz, weil er sonst keinen Tanz oder kein Spiel gab, bei dem man eine Adlerfeder-Auszeichnung, wie sie unsere Väter trugen, gewinnen konnten. Bei unseren Spielen, in allem
was wir Knaben auch trieben, ging es vor allem "ehrenhaft"
zu. Keiner bezweifelte je des anderen Wurfzeichen, des anderen Bestzeit,
des anderen Wort. Unsere Eltern lehrten uns, daß Lügen die
"größte Schande" sei; sie nannten es "das
Kampfschild, hinter dem der Feigling seine Schande verbirgt". Wir
glaubten ihnen, und es gab sehr selten Gelegenheit, vor den Spielgefährten
die Wahrhaftigkeit eines Ausspruches zu betonen. Während meiner ganzen Knabenzeit erinnere ich mich nur eines einzigen Falles, in dem man einen Ausspruch genügend anzweifelte, um den betreffenden Knaben zu ersuchen, "vor dem Horn zu schwören". Irgend jemand hatte einen von zwei zahmen Koyoten, die sich mit unseren Hunden angefreundet hatten und die Lieblinge des ganzen Lagers geworden waren, totgeschlagen. Ein Spielkamerad, ein Knabe namens Sternwolf, wurde beschuldigt, den Koyoten getötet zu haben. Er sagte, er sei unschuldig, und der Vater hieß ihn "vor dem Horne schwören". Die Horn - Gesellschaft besteht aus fünfundzwanzig der bedeutendsten und geachtetsten Krieger im Stamme. Die Männer gehören bis zu ihrem Tode dazu; kein neues Mitglied kann aufgenommen werden, bis eines gestorben ist. Es heißt, daß diese Gesellschaft starke Ähnlichkeit mit den Freimaurern der Weißen aufweise. Da sich die lebenslängliche Zugehörigkeit auf fünfundzwanzig ehrenhafte Männer beschränkt, so bleiben ihre Geheimnisse besser behütet als die irgendeiner anderen Gesellschaft der Indianer. Bei jener Gelegenheit, als der
junge Sternwolf vor dem Horn schwören sollte, wurden wir Knaben
alle dazugelassen, um das Ereignis zu sehen. Die fünfundzwanzig
"Hörner" saßen im Kreis, mit ihren feierlichen
Schmucke bekleidet und von bewaffneten Kriegern beschützt. Nachdem er die Pfeife gestopft
hatte, steckte er sie viermal in Brand; jedesmal schaute er durch die
Flammen des brennenden Spanes auf Sternwolf und murmelte dabei ein Wort,
das wir nicht verstanden. Dann schwenkte er die Zauberpfeife nach den
vier Richtungen der erde, stand auf und trat hinüber zu Sternwolf.
Er hielt ihm die Pfeife hin und sprach gesetzt und streng: Quelle: Das Werden eines Indianerkriegers von Häuptling Büffelkind Langspeer, deutsche Jugendbücherei Nr. 372, Jadu 2000. |
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Schwör bei dem Horn
Das Werden eines Kriegers
Kein Umherstreifen mehr
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